Am26. Januar 2026 hielt Prof. Dr. Nosheen Fatima Warraich (Lahore/Pakistan) ihre Fellow-Lecture zum Thema „Ethical and Responsible Use of AI in Research and Information Science“ („Ethischer und verantwortungsvoller Einsatz von KI in Forschung und Informationswissenschaft”). Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Art und Weise, wie wir forschen, Daten verwalten und Wissen teilen. Ihr Potenzial zur Steigerung von Effizienz und Innovation ist offensichtlich, doch wirft sie auch wichtige ethische Fragen auf, mit denen sich Forscher und Informationsfachleute sorgfältig auseinandersetzen müssen. Der Vortrag diskutierte, wie KI-Tools die Datenerfassung, -organisation, -ermittlung und -entscheidung beeinflussen und welche Risiken sie mit sich bringen – wie Voreingenommenheit, Fehlinformationen, Datenschutzbedenken und den Verlust des menschlichen Urteilsvermögens. Anhand von Beispielen aus der Praxis lernten die Teilnehmenden, wie sie diese ethischen Herausforderungen erkennen und angehen können, während sie gleichzeitig die Möglichkeiten der KI optimal nutzen.
Am 12. Januar 2026 hielt Prof. Dr. Annette Gilbert ihre Fellow-Lecture zum Thema „‚We believe this work is culturally important‘ – Reprints im Spannungsfeld von Merkantilisierung und Gemeinnutz“. Im Zentrum des Vortrags stand die Reprint-Industrie der Gegenwart, die sich vorgeblich dem kulturellen Erbe verpflichtet sieht und sich dessen (Wieder-)Zugänglichmachung auf die Fahnen geschrieben hat. Hinter dem hehren Anliegen verbirgt sich aber allzu oft ein Geschäftsmodell, das sich die von Google & Co. vorangetriebene massenhafte Retrodigitalisierung zunutze macht, welche unzählige gemeinfreie Werke wieder verfügbar machte, die sich nun ohne großen Aufwand (re)merkantilisieren lassen. Dabei profitiert man nicht nur von den Früchten der Arbeit anderer. Angesichts der mangelnden Qualitätskontrolle in den vollautomatisierten Produktionsprozessen schadet man auch den Werken, die man zu retten vorgibt.
Am 15. Dezember 2025 hielt Dr. Hauke Behrendt (Stuttgart) seine Fellow-Lecture zum Thema „Zugänge und Ausschlüsse – Kulturelle Teilhabe gestalten“. In seinem Vortrag diskutierte er, wie digitale Technologien kulturelle Teilhabe ermöglichen, begrenzen und neu strukturieren. Digitalisierung gilt häufig als Motor der Inklusion: Sie schafft neue Zugänge zu Kunst, Wissen und Öffentlichkeit. Zugleich entstehen neue Formen des Ausschlusses. Die Frage nach gerechter Mitwirkung an kultureller Praxis wird dabei im Licht des Trilemmas der Inklusion (Mai-Anh Boger) analysiert. Der Vortrag plädierte dafür, kulturelle Teilhabe im digitalen Wandel als reflexive Gestaltungsaufgabe zu begreifen. Am Beispiel der Kunst wurde gezeigt, dass ästhetische Praxis einen kulturellen Raum eröffnen kann, in dem Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion in ein produktives Wechselspiel treten. Im Anschluss an den Vortrag stellte Hauke Behrendt sein neues Buch „Ethik der Digitalisierung“ vor.
Am 8. Dezember 2025hielt Prof. Dr. Arto K. Haapala seine Fellow-Lecture zum Thema „Expanding the Scope of Everyday Aesthetics: Possibilities and Threats of Digitalization in Experiencing the Everyday“. Erst in den letzten zwanzig Jahren hat sich die Alltagsästhetik als eines der relevanten Gebiete der philosophischen Ästhetik etabliert. Städtische Umgebungen sind reich an ästhetischen Merkmalen; sie sind fast wie Kunstwerke, deren Verständnis Überlegung und Wissen erfordert. Städtische Umgebungen sind auch alltägliche Lebensräume. Es ist unbestreitbar, dass die Digitalisierung unsere Alltagserfahrungen und unser Alltagsumfeld – einschließlich des städtischen Umfelds – erheblich verändert hat. Die Digitalisierung ist in vielen Fällen eine Erweiterung unserer Sinne, aber auch ein einfacher Weg, um an Informationen zu gelangen, die wir in einem bestimmten Moment benötigen. Die Gefahr besteht darin, dass die konkretere physische Umgebung weniger Beachtung findet.
Am 1. Dezember 2025hielt doc. Mgr. Pavel Zahrádka, PhD (Olomouc/Tschechien) seine Fellow-Lecture zum Thema „Philosophie des Urheberrechts und das Problem der Sperrung des grenzüberschreitenden Zugangs zu Filmwerken“. Der Vortrag behandelte die philosophischen und rechtlichen Grundlagen des Urheberrechts und deren Implikationen für die Frage der geografischen Sperrung des Online-Zugangs zu Filmwerken. Zahrádka vertritt die These, dass Sperrungen dort, wo sie weder die tatsächliche Ausübung von Urheberrechten schützen noch nach einer gewissen Zeitspanne effektiv sind, ihre Legitimität verlieren. Der Vortrag schlug daher vor, das Urheberrecht nicht nur als Schutz des Autors, sondern auch als Verpflichtung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit kulturellen Inhalten im Interesse der Gesellschaft zu verstehen.
Am 3. November 2025 hielt Prof. Dr. Siegfried Saerberg seine Fellow-Lecture zum Thema „Der behinderte Zugang zu Kultur – Über Barrierefreiheit und mehr“. Saerberg fokussierte vor dem Hintergrund der in der Praxis immer noch unzureichenden Umsetzung von Inklusion und Partizipation im Museumskontext einige von ihm kuratierte Ausstellungen und Projekte, die quasi-technische Momente der barrierefreien Gestaltung an werthaltige Momente der Partizipation potentieller und realer Akteursgruppen anzubinden suchten. Abschließend versuchte er, eine digitale Heterotopie im Sinne Foucaults zu imaginieren, in der Zugang als gemeinsames Kulturgut in einem vielseitigen Übersetzungsvorgang geschieht. Kann Digitalisierung auch zum Wandel alteingesessener Körper- und Denkpraktiken führen oder dupliziert sich der Ableismus hier lediglich auf digitale Weise?
Am 20. Oktober 2025 hielt Prof. Dr. Keisuke Takayasu(Osaka/Japan) seine Fellow-Lecture zum Thema „How Nonprofits Are Using NFTs to Foster Cultural Democracy“. In seinem Vortrag diskutierte er, wie Non-fungible Tokens (NFTs) neue Räume für den Selbstausdruck von Minderheiten schaffen und als Plattformen der Anerkennung dienen können, die Gemeinschaften der direkt Beteiligten und darüber hinaus verbinden. Anhand von Beispielen aus Nonprofit-Initiativen in Japan untersuchte der Vortrag, wie kulturelle Demokratie durch die Ausweitung kultureller Teilhabe mittels digitaler Technologien gefördert werden kann, und erörterte, inwiefern NFTs zu einer Form digitaler Wohlfahrt beitragen können.
Am 14. Juli 2025 hielt Dr. Christopher Nixon (Hamburg) seine Fellow-Lecture zum Thema „The Revolution Will Not Be Televised. Bild und Soziale Gerechtigkeit in digitalisierten Konsumgesellschaften“. In seinem Vortrag diskutierte er das Verhältnis von Sozialen Bewegungen und audiovisuellem Bild, das etwa die Schwarze Bürger:innenrechtsbewegung mit ihren Protestbildern und Bildprotesten in den USA prägte. Ihrem Ringen um Soziale Gerechtigkeit kam allerdings die zeitgenössische Theoriebildung nicht bei, wie die Kritik an John Rawls’ Gerechtigkeitstheorie durch den jamaikanischen Philosophen Charles W. Mills zeigt, die im Vortrag nachgezeichnet wurde. Nixon ging zudem der Frage nach, ob der digitale Kapitalismus heute defizitäre Vergesellschaftungsformen fördert, die den Erfolg von sozialen Transformationsbewegungen verunmöglichen.
Am 7. Juli 2025 hielt Dr. Susanne Thurow (Sydney) ihre Fellow-Lecture zum Thema „Reimagining Access: Immersive Media for Transforming Cultural Engagement“. Der Vortrag untersuchte den Einfluss der Digitalisierung auf die Rahmenbedingungen für Engagement, Repräsentation und Erkenntnistheorie innerhalb kultureller Institutionen am Beispiel der experimentellen Installation Victorian Reality. Die Installation kombinierte interaktive 3D-Visualisierung und raumbezogene Klänge mit der physischen Darstellung historischer Objekte und war Kernstück eines Forschungsprojekts des Powerhouse Museum in Sydney und des iCinema Centre der University of New South Wales zu neuen, multisensorische Formen des Geschichtenerzählens in Kultureinrichtungen.
Am 30. Juni 2025 hielt Prof. Dr. Ludger Jansen (Brixen) seine Fellow-Lecture zum Thema „Zugang FAIR gestalten: Was sind und was können Referenzontologien?“. Ausgehend von der Feststellung, dass die Arbeit mit digitalen Daten aufgrund unterschiedlicher Dateiformate und unterschiedlich kodierter Beschreibungen oft in eine babylonische Sprachverwirrung führt, beleuchtete der Vortrag Referenzontologien als Möglichkeit, Daten eine Semantik zu geben und den Zugriff auf Daten verlässlich FAIR – also Findable, Accessible, Interoperable, Re-Usable – zu gestalten.
Am 16. Juni 2025 hielt Prof. Dr. Henry Keazor (Heidelberg) seine Fellow-Lecture zum Thema „Gästebücher digital – Ein bislang vernachlässigtes Kulturgut?“: Gästebücher sind eine bislang so gut wie unbearbeitete Gattung. Was anhand ihrer Erschließung gewonnen werden kann, vermag am Beispiel eines geplanten Projekts deutlich zu werden, das sich mit den Gästebüchern der Brüder Nicola (1886–1967) und Franz Moufang (1893–1984) befassen möchte. In die Gästebücher trug sich über die Jahrzehnte hinweg eine große Zahl an äußerst prominenten Vertreter:innen von Kunst, Kultur und Politik ein, wobei sie häufig auch bislang unbekannte Kunstwerke hinterließen. Das Projekt versteht insbesondere die digitale Erschließung als integralen Bestandteil des Editionsprozesses, über die eine umfassende Analyse und Exploration der Gästebücher erst ermöglicht wird.
Am 2. Juni 2025 hielt Dr. Isabel Hufschmidt (Wien) ihre Fellow-Lecture zum Thema „Ur & Alexandria: Counter-narrating museum history to access diverse heritage“: „Ur & Alexandria“ ist ein Projekt über das Verlernen der Museumsgeschichte, die seit dem 19. Jahrhundert vom Globalen Norden als Meta-Erzählung etabliert wurde. Museumsgeschichte ist eine wesentliche Handlungsmacht in Verdrängung und Verlust von Diversität sowohl von Kulturerbe als auch Kulturerbepraktiken. Das Projekt bietet eine Gegenerzählung für den Prozess des Verlernens an, insbesondere zur Dekonstruktion des Gender Bias und des abendländischen Monopols in der Museumsgeschichte.
Am 27. Januar 2025 hielt Prof. Dr. Johannes Grave (Jena) seine Fellow-Lecture zum Thema „Zugangsdynamiken romantischer Kunst: Zwei Schlaglichter auf französische Malerei“. Ausgehend von der Einsicht, dass der Zugang zu kulturellen Gütern insbesondere im Bereich der bildenden Kunst einen erheblichen Einfluss auf deren Produktion und Rezeption hat, untersuchte der Vortrag die konkreten Dynamiken des Zugangs anhand zweier Beispiele aus der französischen Malerei der Romantik.
Am 20. Januar 2025 hielt Dr. Regine Ehleiter (Berlin) ihre Fellow-Lecture zum Thema „‚Page Not Found‘: Zur (Un-)Zugänglichkeit künstlerischer Publikations- und Ausstellungsprojekte im digitalen Zeitalter – eine Bestandsaufnahme“. In ihrem Vortrag rekonstruierte sie prägnante Beispiele des digitalen künstlerischen Publizierens aus den 2000er-Jahren und warf die Frage auf, inwieweit sich das im Konzeptualismus aufkommende Ideal einer „Dematerialisierung“ der Kunst im digitalen Zeitalter bis hin zu deren Unauffindbarkeit verwirklicht hat. Der Vortrag regte an, im Rekurs auf Erkenntnisse benachbarter Disziplinen bei der Dokumentation und Konservierung digitaler Praktiken des Öffentlichwerdens von Kunst neue Wege zu beschreiten.
Am 25. November 2024 hielt Prof. Dr. Hubert Locher (Marburg) seine Fellow-Lecture zum Thema „Kunst für alle? Kunstgeschichte, Kunstbegriff, Kanon – Zugänglichkeit und Wertungsfragen im digitalen Wandel“. Der Vortrag zeigte auf, wie die „Digitalisierung“ die Praxis des Fachs Kunstgeschichte bereits verändert hat, um dann eine Annäherung an die Auswirkungen der Ubiquität des Digitalen auf den heute wirksamen Kunstbegriff zu versuchen. Insbesondere soll die Frage der „Zugänglichkeit“ in Bezug auf „Kunstwerke“ und generell im Blick auf kulturelle Güter im Zusammenhang mit Fragen der Selektion und Wertung fokussiert und aus wissenschafts- und medienhistorischer Perspektive problematisiert werden.
Am 15. Juli 2024 gaben die Senior Fellows Dr. Prathiba Mahanamahewa (Univ. of Colombo), Prof. Dr. Nishantha Sampath Punchihewa (Univ. of Colombo) und Prof. Dr. W. K. M. Mervin Kumara Weerasinghe (Univ. of Kelaniya) in ihrem Vortrag einen Einblick in das Thema „Digital Access to Library Content – Legal Frameworks in Germany and Sri Lanka“.
Am 8. Juli 2024 hielt Prof. Dr. Thomas Gutmann seine Fellow-Lecture unter dem Titel „‚Cultural Appropriation‘. Questions about a concept“. In seinem Vortrag erörterte er, inwiefern der Begriff der kulturellen Aneignung überhaupt als Instrument der Kritik geeignet ist, inwieweit andere Begriffe davon differenziert werden sollten und was eine Gruppe überhaupt zu einer möglichen juristischen Person in Bezug auf kulturelles Eigentum und kulturelles Erbe macht. An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion mit positiven Kommentaren und kritischen Fragen an.
Am 17. Juni 2024 präsentierte Dr. Fatmeh Masdari in ihrem Vortrag „Embodied Aesthetics – Exploring the Creation and Perception of Artistic Works in the Realms of Human Cognition and Artificial Intelligence“ einige Thesen aus dem Projekt ihrer zweiten Dissertation, das sich der Untersuchung KI-basierter Kunst widmet. Neben der Frage, welche gesellschaftlichen Auswirkungen KI-generierte Werke auf die Zugänglichkeit von Kunst überhaupt haben, erörterte Masdari auch die Frage, wie KI-Kunst unseren Blick auf die Erforschung menschlicher ästhetischer Erfahrung verändern könnte.
Am 4. Dezember 2023 fand die Fellow-Lecture „Die Öffnung des Museums und das Geheimnis der Sammlungen“ von Prof. Dr. Erhard Schüttpelz statt. In seinem Vortrag stellte Erhard Schüttpelz den bekanntesten Gründungsmythos des modernen Museums auf den Prüfstand, der besagt, dass der bilderstürmerische Vandalismus der Französischen Revolution in die öffentliche Zurschaustellung nationalen Kulturguts umgeschlagen sei. Diese Verkürzung auf eine einzige europäische Geschichte und deren Verallgemeinerung trat der Vortrag durch die Perspektive einer Langen Dauer entgegen, u. a. durch Christopher Baylys Charakterisierung einer archaischen Globalisierung und durch Mary W. Helms’ Theorie eines grundlegenden Exotismus aller Kulturen und der Verankerung seiner Sammelleidenschaft in ihrem jeweiligen religiösen und politischen Machtzentrum.