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Münster (upm)

Löwenzahn-Kautschuk auf dem Weg zur Marktreife: Reifenhersteller Continental eröffnet "Taraxagum Lab Anklam"

Forschung von Prof. Dr. Dirk Prüfer und Team macht Transfer möglich / "Taraxagum-Projekt ist herausragendes Beispiel dafür, dass die WWU für Spitzenforschung steht"
Gaben symbolisch den Startschuss für das „Taraxagum Lab Anklam“ (v. l.): Continental-Vorstandsmitglied Nikolai Setzer, Prof. Dr. Dirk Prüfer (WWU Münster/Fraunhofer IME), WWU-Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels und Dr. Christian Schulze Gronover (Fraunhofer IME Münster)<address>© Thomas Wiencke</address>
Gaben symbolisch den Startschuss für das „Taraxagum Lab Anklam“ (v. l.): Continental-Vorstandsmitglied Nikolai Setzer, Prof. Dr. Dirk Prüfer (WWU Münster/Fraunhofer IME), WWU-Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels und Dr. Christian Schulze Gronover (Fraunhofer IME Münster)
© Thomas Wiencke

Vor vielen Jahren klang es in den Ohren vieler Beobachter noch wie eine kuriose bis verwegene Idee – die Herstellung von Autoreifen aus Pusteblumen. Aber Prof. Dr. Dirk Prüfer und sein etwa 15-köpfiges Team waren von Beginn an im Jahr 2006 fest davon überzeugt, dass es langfristig gelingen könnte, aus Gewöhnlichem Löwenzahn (Taraxacum) den für viele Gummiprodukte benötigten Naturkautschuk in großen Mengen zu gewinnen, anstatt ihn aus weit entfernten Tropenregionen importieren zu müssen.

Seit dem heutigen Nikolaustag kann der Professor für Biotechnologie der Pflanzen an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) und Leiter der standortübergreifenden Abteilung "Funktionelle und Angewandte Genomik" des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME in Münster und Aachen auf einem rund 30.000 Quadratmeter großen Gelände besichtigen, dass er mit seiner langjährigen wissenschaftlichen Grundlagenforschung einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur erhofften Serienreife vorangekommen ist: Der Reifenhersteller Continental hat im mecklenburg-vorpommerschen Anklam nach vier Jahren der Planung und Vorbereitung mit einer Feierstunde das Forschungs- und Versuchslabor „Taraxagum Lab Anklam“ eröffnet. 20 Agrarwissenschaftler, Chemiker und Produktionstechniker sollen dort in Zusammenarbeit mit Dirk Prüfer den Anbau der Pflanzen vor Ort und den Betrieb für Versuche zur Weiterverarbeitung von Russischem Löwenzahn vorantreiben – die ersten Autoreifen aus Pusteblumen könnten in fünf Jahren im Handel sein.

35 Millionen Euro investierte Continental nach eigenen Angaben in das neue Labor vor den Toren der 10.000-Einwohner-Stadt, eine rund 20 Meter hohe und 200 Meter lange Halle. Das Schweriner Wirtschaftsministerium steuerte rund 11,6 Millionen Euro bei. „Wir sind froh darüber, dieses Leuchtturmprojekt eröffnen zu können“, betonte Continental-Vorstandsmitglied Nikolai Setzer. „Wir sehen Russischen Löwenzahn als wichtige Alternative und Ergänzung zu konventionellem Naturkautschuk aus den Tropen, um den global steigenden Bedarf auf umweltverträgliche und verlässliche Weise zu decken.“ Derzeit bauen fünf Landwirte aus der Region den Russischen Löwenzahn auf einer Fläche von 30 Hektar an, langfristig soll diese Anbaufläche auf 20.000 Hektar gesteigert werden.

Das Taraxagum-Projekt ist ein herausragendes Beispiel dafür, dass die WWU für Spitzenforschung steht. Wir alle sind stolz auf die Arbeit von Dirk Prüfer und seinem Team."
Prof. Dr. Johannes Wessels, Rektor der WWU

Für Dirk Prüfer war der Rundgang durch das wuchtige Anklamer Gebäude am Lilienthalring alles andere als ein gewöhnlicher Ortstermin. „Ein Traum ist wahr geworden. Ich bin sehr beeindruckt.“ Er war für zahlreiche Medien ein gefragter Gesprächspartner, viele Gäste baten den Experten um eine Einschätzung der künftigen Entwicklung. „Wir arbeiten seit vielen Jahren daran, die molekularen Grundlagen der Kautschuk-Biosynthese in der Löwenzahn-Pflanze zu verstehen. Dieses biologische Verständnis hat die industrielle Nutzung jetzt in greifbare Nähe gerückt. Continental hat mit dem neuen Labor ein Zeichen gesetzt, das diesen Transfergedanken deutlich sichtbar macht“, unterstrich er. Auch WWU-Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels nahm an der Eröffnung mit rund 150 Gästen teil, darunter der mecklenburg-vorpommersche Wirtschaftsminister Harry Glawe. „Das Taraxagum-Projekt ist ein herausragendes Beispiel dafür, dass die WWU für Spitzenforschung steht. Wir alle sind stolz auf die Arbeit von Dirk Prüfer und seinem Team“, unterstrich Johannes Wessels.

Prof. Dr. Dirk Prüfer<address>© WWU - Norbert Robers</address>
Prof. Dr. Dirk Prüfer
© WWU - Norbert Robers
Zum Hintergrund: Der Milchsaft des Russischen Löwenzahns (Taraxacum koksaghyz) enthält lange Ketten aus Kautschuk-Molekülen, die für viele Gummiprodukte ein wichtiger Rohstoff sind. Dass dieser Löwenzahn-Kautschuk jetzt durch Continental nutzbar gemacht wird, beruht auf Forschungsarbeiten von Dirk Prüfer und seinem Team. Das biologische Verständnis ist die Voraussetzung für eine industrielle Nutzung. Russischer Löwenzahn enthält zwar mehr Kautschuk als andere Löwenzahn-Arten. Dennoch reicht die Menge in der Wildpflanze für eine Produktion im Industriemaßstab nicht aus. Außerdem liefern wilde Pflanzen keine stabilen Erträge. Daher laufen derzeit umfangreiche Zuchtprogramme beim Pflanzenzuchtunternehmen ESKUSA, um einen ertragreichen „Acker-Löwenzahn“ zu züchten.

Für diese Zucht ist die Entwicklung sogenannter DNA-Marker durch die münsterschen Wissenschaftler wichtig. Diese Marker sind Stellen im Erbgut, die dort von Natur aus vorkommen. Sie sind im Labor nachweisbar und treten jeweils in Kombination mit demjenigen Abschnitt im Erbgut auf, der eine bestimmte gewünschte Eigenschaft der Pflanze erzeugt. Ein Beispiel ist ein höherer Kautschukgehalt. Die Forscher können dank der Marker die Pflanzen-Keimlinge daraufhin untersuchen, ob sie die gewünschten Eigenschaften besitzen und einschätzen, ob es sich lohnt, mit diesen Pflanzen weiterzuzüchten.

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