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Münster (upm)

"Vergangenheitspolitisches Engagement ist wichtiger als noch vor einem Jahrzehnt"

Prof. Dr. Olaf Blaschke äußert sich über die "Resolution zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie" des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands
Prof. Dr. Olaf Blaschke<address>© WWU - Laura Grahn</address>
Prof. Dr. Olaf Blaschke
© WWU - Laura Grahn

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands hat Ende September auf seiner Mitgliederversammlung in Münster die "Resolution zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie" verabschiedet. Dr. Olaf Blaschke, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der WWU Münster, erläutert im Gespräch mit Kathrin Nolte, warum eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit in der heutigen Zeit wieder mehr Bedeutung einnimmt, wieso die Geisteswissenschaft an die Vorgeschichte zweifelhafter Begriffe erinnern sollte und warum die Verabschiedung einer solchen Resolution für den Verband nichts Neues ist.

 

 

Sollen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aktiv in aktuelle gesellschaftliche Debatten einmischen – oder halten Sie Neutralität für sinnvoller?

Jeder Bürger, ob individuell oder mit der Stimme seines Vereins, darf sich in einer Demokratie politisch einmischen und äußern, zumal wenn es um die Wahrung ihrer fundamentalen Werte geht. Sonst überlassen die Neutralen das Feld denjenigen, die sich engagieren. Mir selber ist dieser Ansatz nicht fremd, da mein Bielefelder Doktorvater, Hans-Ulrich Wehler, sich ständig öffentlich zu politischen Fragen gemeldet hat. Wichtig bleibt aber auch der Streit über die Grenzen dieses Engagements, und der ist uralt mit immer denselben Argumenten. Bereits 1895 stritten die Kollegen auf dem 3. Historikertag in Frankfurt darüber, ob sie eine Resolution gegen die "Umsturzvorlage" – ein Gesetz, das auf die Sozialisten zielte, aber auch die Wissenschaftsfreiheit hätte beschneiden können – verabschieden sollten. Die einen meinten besorgt: Wie könne man in Ruhe Akten edieren, aber nicht seine Meinung? Die anderen fanden, politische Fragen seien nicht Sache der Historikertage. Sie setzten sich durch. Aber später, besonders in den 1970er-Jahren zum Geschichtsunterricht und zur Bildungspolitik, hat es immer wieder Resolutionen gegeben. Das ist nichts Neues.

 

Begriffe wie "Volksverräter" oder "Lügenpresse" nehmen die antidemokratische Sprache der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wieder auf. Wie können Historiker auf einen sensibleren Gebrauch von Sprache in der Politik und Öffentlichkeit hinwirken?

In der Tat hatten solche Phrasen zwischen 1919 und 1945 ihre Konjunktur. Beide Begriffe entstammen aber nicht der Zwischenkriegszeit oder dem NS-Jargon, wie viele Medien glauben, deren Mangel an historischer Tiefenschärfe einen erschrecken lässt, sondern dem 19. Jahrhundert. Demokraten wehrten sich in den 1840er-Jahren gegen die "aristokratische Lügenpresse"; 1848 taucht auch schon die nationalistische Formulierung "jüdische Lügenpresse" auf. Jedem pauschalisierenden und diskriminierenden Sprachgebrauch, zumal nach der Besetzung und Kontaminierung auch älterer Begriffe durch den Nationalsozialismus, ist entschieden entgegenzutreten. In ihrer Teilöffentlichkeit, der Universität, wirken Historiker, die ich kenne, längst durch ihre Vorlesungen, Seminare und Publikationen sowie durch ihre öffentlichen Vorträge darauf hin, sensibel mit Sprache – das Hauptwerkzeug unserer Zunft – umzugehen. Ob man uns hört und liest, können wir leider nicht steuern. Wichtig bleibt aber, stets an die Vorgeschichte zweifelhafter Begriffe zu erinnern. Dafür gibt es eigene Subdisziplinen, die historische Semantik und Begriffsgeschichte. "Volk" hatte einst eine demokratische Stoßrichtung, bevor es ethnisch und exkludierend verstanden wurde. Die Begriffe wandeln sich. Man muss aufpassen, was welcher Sprecher in welchem Kontext wie verwendet.

 

Warum ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die sich gegen den politischen Missbrauch von Geschichte wendet, wichtiger denn je?

Sie ist nicht wichtiger denn je. Vielmehr wäre in den 1920er- und 1930er-Jahren eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die Verhinderung des Missbrauchs von Geschichte "wichtiger denn je" gewesen. Rechte Parteien verwerteten die von ihnen konstruierte Geschichte der Germanen, der "Herrenrasse" und die Reichsideologie für ihre Zwecke – mit wahrhaft fatalen Folgen. Auch in der Adenauer-Ära war der Kampf gegen Geschichtsverdrehungen unverzichtbar, um überhaupt eine Demokratie aufbauen zu können. Heute ist die kritische Auseinandersetzung mit Geschichte wichtiger als in den relativ unpolitischen 1990er-Jahren, als Millionen Jugendliche nichts anderes als die bekennend inhaltsleere Techno-Musik im Ohr und Kopf hatten. Die Demokratie in Deutschland und Europa schien damals ungefährdet. Es reichte, Spaß zu haben. Indes ist Selbstverständliches in den vergangenen Jahren ins Wanken geraten. Das heißt, nüchtern in den historischen Kontext eingebettet: Vergangenheitspolitisches Engagement ist nicht wichtiger denn je, aber wichtiger als noch vor einem Jahrzehnt. Dazu kann ich nur jede und jeden ermuntern.

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