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Münster (upm)

Selbst die Wissenschaft war kein Schutzschild

Dr. Sabine Happ beschreibt die Ereignisse der Reichspogromnacht vor 80 Jahren in Münster und an der WWU
Auch in Münster brannte im November vor 80 Jahren die Synagoge: An der Reichspogromnacht 1938 waren zahlreiche Angehörige des studentischen SA-Sturms 1/13 beteiligt.<address>© Stadtarchiv Münster, Fotosammlung Nr. 5168</address>
Auch in Münster brannte im November vor 80 Jahren die Synagoge: An der Reichspogromnacht 1938 waren zahlreiche Angehörige des studentischen SA-Sturms 1/13 beteiligt.
© Stadtarchiv Münster, Fotosammlung Nr. 5168

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten die Synagogen im Deutschen Reich. Aber nicht nur das: Schlägertrupps plünderten und beschädigten Geschäfte und Wohnhäuser von Juden und sie misshandelten, verhafteten und töteten diese. Die Reichspogromnacht markiert eine Zäsur in der Ausgrenzung von Juden, die ab diesem Zeitpunkt nicht mehr nur diskriminiert, sondern nun systematisch verfolgt wurden. Diese Verfolgungen mündeten im Völkermord, der 1941 einsetzte und ab 1942 mit industriellen Methoden durchgeführt wurde.

Offizieller Anlass für die Ausschreitungen 1938 war der Tod des Diplomaten Ernst vom Rath, auf den der erst 17-jährige Herschel Grynszpan am 7. November in Paris ein Attentat verübt hatte. Zwei Tage später erlag Ernst vom Rath seinen Verletzungen. Angeblich entlud sich daraufhin der "Volkszorn"; tatsächlich waren die Angriffe geplant und vom NS-Regime organisiert. Am Abend des 9. November fand in München ein Gedenkmarsch zum Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923 statt, der in einem Kameradschaftsabend der NSDAP-Parteiführung mündete. Reichsminister Joseph Goebbels informierte die Gau- und SA-Führer vom Tod Ernst vom Raths und forderte sie indirekt auf, "spontane" antijüdische Aktionen zu arrangieren, was diese sofort in die Tat umsetzten. Per Telefonanruf instruierten sie ihre örtlichen Dienststellen. Weitere Anweisungen folgten in der Nacht.

In Münster hatte die NSDAP ebenfalls eine Kundgebung aus Anlass des Putsches von 1923 veranstaltet, bei der sich Einheiten von SS, SA und Hitlerjugend auf dem Prinzipalmarkt versammelten. Im Anschluss trafen sich zahlreiche SA-Männer in verschiedenen Kneipen der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt waren viele von ihnen nicht mehr in Uniform, sondern hatten Zivilkleidung angelegt. Nach Mitternacht erhielten sie die Aufforderung, die Synagoge in Brand zu setzen und jüdische Geschäfte zu plündern. In der Klosterstraße hinderten sie die herbeigerufene Feuerwehr daran, die Synagoge zu löschen. Erst als der Brand so stark wurde, dass die angrenzenden Gebäude bedroht waren, konnte mit den Löscharbeiten begonnen werden.

Auf den ersten Blick haben die Ausschreitungen der Reichspogromnacht nichts mit der Universität Münster zu tun. Als Institution waren diese Vorgänge außerhalb ihres Wirkungsfeldes. Auf den zweiten Blick ergeben sich jedoch einige Anknüpfungspunkte. 1938 hatte die SA zwar nicht mehr so viele Mitglieder wie 1934 oder 1935. Trotzdem gab es SA-Männer in jeder Schicht der Bevölkerung, auch unter den Universitätsangehörigen. Für die Professoren war die Mitgliedschaft in einer NSDAP-Gliederung das eine, eine aktive Beteiligung an gewaltsamen Aktionen stand auf einem anderen Blatt. Der einzige, der bei dem Pogrom mitmachte, war daher der Germanist Prof. Dr. Karl Schulte-Kemminghausen; alle anderen hielten sich heraus. Karl Schulte-Kemminghausen wurde 1945 amtsenthoben, 1950 aber wiedereingesetzt.

Von den Studierenden der Universität Münster waren zwischen 1933 und 1944 mehr als 60 Prozent Mitglied einer NSDAP-Organisation, darunter auch der SA. Zu Beginn des NS-Regimes hatte dieses dafür gesorgt, dass die SA-Mitgliedschaft für die männlichen Studierenden zum „Normalfall“ wurde. In seinen Erinnerungen schildert der spätere Lehrer Hubert Mattonet, wie am 23. November 1933 die gesamte Studentenschaft, insgesamt 2500 Studenten, gemeinsam in die SA überführt wurde. Der "Münstersche Anzeiger" wusste zu berichten, dass diese Übernahme die zweite seit der sogenannten Machtergreifung war. Spätere Vorgänge dieser Art sind zwar nicht belegt, aber 1938 waren eine Reihe von Studenten, die 1933 in die SA überführt worden waren, noch an der Universität. Hinzu kamen diejenigen, die auf eigenen Wunsch Mitglied geworden waren.

Nicht wenige Angehörige des studentischen SA-Sturms 1/13 waren daran beteiligt, die Synagoge anzuzünden. Vermutlich am folgenden Tag entstand ein Foto, das SA-Mitglieder vor der noch rauchenden Synagoge zeigt. Sie waren aufgefordert worden, für die Aufnahme in Uniform zu erscheinen. Das Foto kursierte später bei einem Schulungsabend des studentischen SA-Sturms und zeigt wohl auch eine Reihe seiner Mitglieder.

Dr. Sabine Happ<address>© WWU - Kathrin Nolte</address>
Dr. Sabine Happ
© WWU - Kathrin Nolte
Ende 1938 gab es an der Universität Münster keine jüdischen Professoren, Studierenden oder Mitarbeiter mehr. Die Arbeitsverhältnisse und Lehrbefugnisse waren schon in den ersten Jahren des Regimes aufgelöst worden. Die letzten jüdischen Studierenden verließen im Laufe des Jahres 1938 zwangsweise die Universität. Für diejenigen, die noch in Deutschland lebten, war die Reichspogromnacht ein tiefer Einschnitt. Rosa Salomon, die schon Ende März 1933 als Krankenpflegerin in der Universitätsfrauenklinik entlassen worden war, und ihre Eltern emigrierten im Dezember 1938 nach Holland. Angehörige der NSDAP drangen in das Elternhaus der früheren Medizinstudentin Gertrud Block in Westerkappeln ein und verursachten erhebliche Beschädigungen. Der amtsenthobene Professor für Altertumskunde Friedrich Münzer, trotz seiner jüdischen Herkunft weiterhin geachtetes Mitglied der Geographischen Gesellschaft Münster, wurde nun von dieser Gesellschaft ausgeschlossen. Das Protokoll des Beschlusses hält diesen als "unvermeidlich" fest und bezeichnet Friedrich Münzer als "Opfer des 9.XI.1938". Benno Strauß, früherer Abteilungsleiter bei Krupp und Honorarprofessor der Universität, wurde für einige Tage in Schutzhaft genommen. Dies sind nur einige Beispiele, und sie waren doch erst der Beginn weitaus schlimmerer Verfolgungen. Die Reichspogromnacht war ein Zivilisationsbruch, der auch dem Letzten verdeutlicht haben müsste, welche Zielrichtung die Maßnahmen gegen Juden hatten. Selbst der Elfenbeinturm der Wissenschaft dürfte gegen diese Erkenntnis kein Schutzschild mehr gewesen sein.

 

Dr. Sabine Happ leitet seit 2005 das Universitätsarchiv der WWU.

 

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 6, 10. Oktober 2018.

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