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Münster (upm)
Die "Geopol"-Hütte auf der Halbinsel Kvadehuksletta in Spitzbergen dient den Forschern als Basislager für ihre Untersuchungen an den Steinkreisen. Dr. Dennis Reiss (WWU), Prof. Jim Head (Brown University, USA), Ernst Hauber (DLR Berlin) und Andreas Johnson (Universität Göteborg, Schweden) (v. l.) bereiten sich gerade auf die Feldarbeit vor.© KOP 132 SPLAM
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Marsforschung auf Spitzbergen

Planetologen um Prof. Harald Hiesinger sind vom 12. bis 28. Juli auf Expedition im Nordpolarmeer

Auf den ersten Blick hat die Landschaft auf Spitzbergen mit dem Mars nichts gemeinsam. Für Geologen ist die Forschung auf der norwegischen Inselgruppe jedoch eine gute Gelegenheit, mehr über den Roten Planeten zu lernen. "Auf dem Mars ist es ähnlich wie auf Spitzbergen trocken und kalt, die Oberfläche ist eine Eiswüste", erklärt Harald Hiesinger, Professor für geologische Planetologie am Institut für Planetologie der WWU.

Zwar sei es trotz der unwirtlichen Temperaturen auf Spitzbergen im Vergleich zum Roten Planeten verhältnismäßig mild: Es ist nicht so kalt, und die Luft ist nicht so trocken wie die Atmosphäre auf dem Mars. Die Temperaturen auf dem Mars betragen im globalen Durchschnitt minus 60 Grad Celsius, können aber auch bis auf minus 135 Grad Celsius fallen. Die dünne Marsatmosphäre enthält nur Spuren von Wasser. Dennoch ist Spitzbergen für den münsterschen Planetologen und seine Fachkollegen ein beliebtes Ziel für wissenschaftliche Exkursionen. Seit 2008 ist das Team fast jährlich mit vier bis fünf Wissenschaftlern vor Ort auf den Inseln im Nordpolarmeer und betreibt dort "vergleichende Marsforschung". Im Juli findet die nächste Reise statt.

So findet man beispielsweise auf Spitzbergen mysteriös anmutende Steinkreise. Wie von Zauberhand bilden sie auf dem Permafrostboden perfekte runde Strukturen. Sie bestehen aus einem Wall aus Steinen, die der Größe nach sortiert sind. "Der Permafrostboden taut im Sommer etwa bis einen Meter unter der Oberfläche auf und friert dann wieder. Durch diesen regelmäßigen Wechsel zwischen den Aggregatzuständen bilden sich die Kreise", erklärt Harald Hiesinger. Wie der Prozess im Detail funktioniert, versuchen die Geologen zu ergründen. Was für die Planetologen besonders interessant ist: Ähnliche Kreise finden sich auch auf der Marsoberfläche.

Durch die Forschung auf der Erde wollen die Planetologen Hinweise darauf erhalten, wie diese Strukturen auf dem Mars entstehen. "Allerdings können wir unsere Erkenntnisse nicht eins zu eins übertragen", gibt Harald Hiesinger zu bedenken. "Die Kreise auf dem Mars sehen ähnlich aus, es könnten dort aber auch andere Prozesse eine Rolle spielen." So seien allein die Größenmaßstäbe anders – die Gesteinsbrocken der Spitzbergener Kreise seien deutlich kleiner als auf dem Mars. Außerdem taue der Boden auf dem Mars nicht auf wie auf Spitzbergen. Dennoch: Die Gemeinsamkeiten reichen, um die irdischen Steinkreise für die Marsforschung interessant zu machen. Für Geologen sind sie natürlich ohnehin ein lohnendes Forschungsobjekt.

Während der Forschungsaufenthalte leben die Wissenschafter in einer Station des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Die "AWIPEV-Basis", die das AWI gemeinsam mit dem französischen Polarforschungs-Institut "Paul Emile Victor" (IPEV) betreibt, steht in Ny-Ålesund – eine der nördlichsten Siedlungen auf der Welt. Elf Länder betreiben hier Stationen und Forschungslabore. Wie andere Wissenschaftler nutzen Harald Hiesinger und seine Kollegen die AWIPEV-Basis als Ausgangspunkt für ihre Expeditionen in das Umland. Unter anderem machen sie regelmäßig Station in einer Holzhütte ohne Strom und fließend Wasser. Diese AWIPEV-Außenstelle liegt etwa einen Tagesmarsch von der Basis-Station entfernt und ist nur über Satelliten-Telefon erreichbar.

Die Hütte ist für die Wissenschaftler trotz ihrer Schlichtheit ein Segen. Denn im Freien müssen sie auf der Hut vor Eisbären sein. Jeder Forscher, der in Spitzbergen unterwegs ist, hat ein Schießtraining absolviert und trägt stets ein Großkaliber-Gewehr für den Notfall bei sich. "Wir versuchen den Tieren aus dem Weg zu gehen, und bislang haben wir sie nur aus der Ferne gesehen. Aber man muss wirklich aufpassen – in der hügeligen Moränenlandschaft sind sie gut versteckt. Bei einem Angriff hätte ein Mensch ohne Gewehr keine Chance", betont Harald Hiesinger. Ohne die Hütte müssten die Wissenschaftler zelten – und in Wechselschichten Nachtwache stehen. Auch aus einem anderen Grund sei die Hütte ideal, ergänzt Harald Hiesinger: "Ein windgeschützter Ort mit einem zweiflammigen Kocher ist in der menschenleeren Gegend abseits von der AWIPEV-Basis echter Luxus."

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Prof. Harald Hiesinger forscht auch 2017 in Spitzbergen: Gemeinsam mit Privatdozent Dr. Dennis Reiss (ebenfalls Institut für Planetologie der WWU) sowie den Planetengeologen Ernst Hauber (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) und Dr. Andreas Johnsson (Universität Göteborg, Schweden) ist er vom 12. bis zum 28. Juli vor Ort. Die beiden Münsteraner werden auf www.uni-muenster.de von ihrer Expedition berichten.

 

Autorin: Christina Heimken

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 4, 21. Juni 2017

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