Marsforschung im Nordpolarmeer – Planetologen der WWU berichten von unterwegs

Wissenschaftler um Prof. Dr. Harald Hiesinger und Dr. Dennis Reiss vom Institut für Planetologie der WWU gehen regelmäßig im norwegischen Spitzbergen auf Exkursion. Sie erhoffen sich neue Erkenntnisse über den Planeten Mars: Durch vergleichende geologische Untersuchungen ziehen sie Rückschlüsse auf die Oberflächenbeschaffenheit des Roten Planeten. Auch in diesem Jahr sind die Forscher unterwegs. In einem Expeditionsblog berichtet Harald Hiesinger von Mitte bis Ende Juli von ihrer Reise. Gestern hatte das Team den letzten Arbeitstag im Gelände an der Corbel-Station und entdeckte einen spektakulären Kanal im Eis. Anschließend hieß es Abschied nehmen vom Untersuchungsgebiet – für dieses Jahr.

Fotos

Das Forschungsschiff „Lance“ vor dem Kronebreen-Gletscher
© KOP 132 SPLAM
  • Wand des Eiskanals mit vielen Gesteinsbrocken
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  • Der Eiskanal. Man sieht die steilen Wände aus Eis, das schlammige Material am Boden und dass das Wasser unter dem Eis weiter fließt.
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  • Der mehrere Meter tiefe Eiskanal mit ca. 1,5 bis 2 m Schuttmaterial auf der Eisoberfläche
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  • Am Eiskanal standen wir unter ständiger Beobachtung und waren wüsten Beschimpfungen ausgesetzt.
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  • Auf der Fahrt Richtung Corbel bei der Vorbeifahrt an einem besonders schönen Eisberg
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  • Der besonders schöne Eisberg – tiefblau und ca. 5-6 m hoch. Kaum vorstellbar, dass so ein großer Brocken von einem Gletscher abbrechen kann.
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  • Blaues Gletschereis eines Eisbergs
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Dienstag, 25.7.2017

Heute ist unser letzter voller „Arbeitstag“ im Gelände. Das Aufstehen fällt uns heute etwas schwer, da wir gestern bis 3:00 Uhr nachts gearbeitet haben. Unter anderem musste ja auch der Blog geschrieben werden. Aber um 9:00 Uhr kann die positive Gravitationsanomalie unter meinem Bett überwunden werden, und ich finde den Weg in meine Hose und meine Schuhe. Heute esse ich mal zur Abwechslung eine Nudelsuppe mit Rindsgeschmack. Und auch die anderen können sich anscheinend nicht an den Nudelsuppen satt essen. Wir sind gerade mit Frühstück fertig und machen uns für den Tag fertig, als Piotr vorbeischaut, um zwei Kraxen aus der Corbel-Werkstatt zu holen. Ein kurzer Plausch, und schon beginnt wieder der täglich Kampf, in die Überlebensanzüge zu kommen.

Der Fjord ist heute deutlich eisfreier und die See ist flach wie ein Brett. Wir kommen gut voran und sind nach ein paar kleineren Slalomrunden um ein paar Eisberge herum schnell am Ankerplatz des Untersuchungsgebietes. Mittlerweile haben wir eine super Routine beim An- und Ablegen drauf. Es klappt wie am Schnürchen und ist kein Vergleich zu vor ein paar Jahren. Practice makes perfect! Auch heute beobachten wir wieder zahlreiche gravierenden Veränderungen an unserer Abbruchkante. Ich denke, der gestrige Regen hat sehr zur beobachtbaren Erosion der Abbruchkante beigetragen. Ganze Blöcke sind abgebrochen und einige Passpunkte gleich mit. Nur gut, dass wir sie gestern nochmal vermessen hatten. Interessanterweise sehen wir sogar in den DGPS-Messungen, wie sich ein bestimmter Passpunkt zwischen den zwei Messungen verschoben hat. Das hat nichts mit einer Messungenauigkeit zu tun, sondern tatsächlich mit dem Bodenfließen, das wir auch anhand von neuen Spalten und dem völligen Weichwerden des Bodens beobachten können. Solche Spalten beobachten wir überall in unserem Untersuchungsgebiet, und wir denken, dass der ganze Hang praktisch am Kriechen und sich Bewegen ist. Das wollen wir nächstes Jahr nochmal genauer untersuchen.

Ernst und ich gehen nochmal zu den Untersuchungsgebieten der letzten Jahre und machen dort noch einmal Fotos und GPS-Messungen. Das machen wir nun schon seit ca. 2012, und anhand solcher Fotos können wir nachvollziehen, wie sich die Landschaft verändert hat. Auf dem Rückweg kommt uns Andreas entgegen, und wir vergraben noch einen Data Logger, der bis zu unserer Wiederkehr im nächsten Jahr die Bodenfeuchte und Temperatur aufzeichnen wird. Ähnlich wie beim Geo-Caching müssen wir den Logger natürlich nächstes Jahr erst wiederfinden. Eine kleine gelbe 5x5x5 cm3 große vergrabene Box in dieser sehr dynamischen Umgebung nach einem Jahr wiederzufinden wird keine einfache Aufgabe werden. Wir markieren die Stelle so gut es geht und hoffen auf das Beste.

Über uns kreist heute in einiger Entfernung ein Helikopter, der irgendwelche Ausrüstungsgegenstände für eine größere Expedition liefert. Und das Forschungsschiff „Lance“ ist sehr fotogen vor dem Gletscher „geparkt“, nur um uns schöne Fotomotive zu liefern. Da hält sich unser logistischer Aufwand schon in deutlich kleineren Grenzen.

Eines habe ich bisher noch nicht erwähnt – ein kalbender Gletscher klingt wie Donner! Es ist also keineswegs still und friedlich in der Nähe eines solchen Gletschers zu arbeiten. Vielmehr hört man Grollen und Donnern, wenn große Eisbrocken an der Gletscherkante abbrechen und mit lautem Getöse spritzend ins Meer stürzen. Nach ein paar Minuten erreicht uns dann jedes Mal eine „Tsunamiwelle“, die rauschend an den Strand klatscht. Kein Wunder, dass sich Eisbären im Regelfall nicht sonderlich von Warnschüssen beeindrucken lassen – ich denke, sie sind das Krachen von den Gletschern einfach gewöhnt.

In ein paar hundert Metern Entfernung von unserem Untersuchungsgebiet entdecken wir einen Bach, der sich mehrere Meter tief in das Eis der Seitenmoräne geschnitten hat. So ist ein sehr enger Kanal entstanden, über den das ca. 1,5 m mächtige Lockermaterial der Moräne erodiert, in den Kanal stürzt und vom Wasser wegtransportiert wird. Überall fallen Steine und Schlamm- und Geröllmassen in den Kanal, und es wird einem sehr bewusst, dass wir ja die ganze Zeit auf Gletschereis umher laufen, das nur von einer relativ dünnen Schuttschicht bedeckt ist. Rein theoretisch könnte dieses Schuttmaterial in Hohlräume im Eis einstürzen. Tatsächlich gibt es eine ca. 30 m durchmessende kreisrunde Struktur, einen sog. Einsturztrichter, der mehrere Meter tief ist.

Der Kanal ist das absolute Highlight des heutigen Tages und wir verbringen fast eine Stunde damit, uns das Ding von allen Seiten anzuschauen. Absolut fantastisch, und wir können uns fast nicht davon losreißen! Es ist einfach zu gut! Natürlich will man möglichst nahe an die Kante rangehen, aber der Kanal vermittelt genügend Respekt, einen Sicherheitsabstand zu wahren. Keiner will schließlich im Schlamm am Boden des Kanals enden oder Schlimmeres. Zwei Vögel, die vermutlich in der Nähe des Kanals nisten, ist unser längerer Besuch natürlich ein Dorn im Auge, und so werden wir Ziel ihrer Sturzflugattacken. Außerdem werden wir sehr genau beobachtet und beschimpft. Um die Tierwelt nicht über die Maßen zu stressen, gehen wir schließlich weiter den Kanal entlang. Wir alle bedauern, dass wir den Kanal erst heute gesehen haben – hier wäre eine Kamera, die das Geschehen für mehrere Tage aufgezeichnet hätte, sehr interessant gewesen.

Apropos Langzeitaufzeichnung mit Kameras. Leider hat meine Wildkamera aus irgendeinem Grund nicht funktioniert und lediglich ein Bild gemacht. Ich bin sehr enttäuscht und ärgerlich. Gott sei Dank hat aber Ernsts Kamera super Aufnahmen gemacht und es ist extrem beeindruckend, die ganzen Veränderungen und deren ungeheures Ausmaß im Film sehen zu können. Einfach genial! Und wir haben ja auch noch die Filme, die wir aus den GoPro-Bildern generieren können. Wir sind uns also ziemlich sicher, trotz des Ausfalls einer Kamera den Rückgang der Abbruchkante genügend genau dokumentiert zu haben.

Wir bauen heute bereits alle Geräte und Kameras ab, da wir morgen nicht mehr hierher kommen werden. Wir nehmen Abschied von „unserer“ Moräne und schmieden schon Pläne, was wir nächstes Jahr alles untersuchen und anschauen wollen. Die Rückfahrt zur Corbel-Station ist heute besonders schön und spektakulär, da das Wasser immer noch sehr ruhig ist und viele tiefblaue große Eisberge im Fjord schwimmen. Da ist es natürlich selbstverständlich, dass wir den einen oder anderen Umweg fahren, um die bestmöglichen Bilder davon zu bekommen. Ein kleineres Exemplar nehmen wir mit – schließlich muss der Whiskey ja die richtige Temperatur haben.

Am Abend gibt es mal wieder Spaghetti mit Soße, bevor wir uns ans Packen machen. Für „Aufregung“ sorgen vier Leute, die nahe der Hütte vorbeimarschieren und von uns genau mit dem Fernglas beobachtet werden. Diese Feldsaison ist sehr schnell vergangen und wir haben jede Menge exzellente Daten und Probenmaterial, die für mindestens eine, vermutlich aber auch für zwei Masterarbeiten reichen sollten. Sobald wir zuhause sind, müssen Dennis und ich jetzt nur mehr interessierte Studierende finden, die an diesem Thema Freude haben und uns bei der Interpretation der gewonnenen Daten helfen wollen.

Von ein paar Schwierigkeiten, die sowieso zu erwarten waren, abgesehen, hat das meiste sehr gut funktioniert, und wir hatten alle Spaß und sahen viele interessante Dinge. Morgen soll es gegen 10:00 Uhr nach Ny Alesund zurückgehen, um alle unsere Kisten und Rucksäcke zu packen bzw. für die Verschiffung fertig zu machen. Ende Oktober oder Anfang November können wir dann unser Material und die Proben beim AWI im Bremerhaven abholen. Bis dahin wird uns die Auswertung von mehreren tausend Bildern vor Langeweile schützen.

Fotos

Die Eissituation am Morgen. An eine Fahrt mit dem Schlauchboot ist nicht zu denken.
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  • Ein großes Kreuzfahrtschiff verlässt den Fjord, auf dem zahlreiche Eisberge schwimmen.
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  • Dennis bei der Durchquerung des Schmelzwasserflusses
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  • Hübsche Wolken
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  • Absolute Windstille. So ruhig haben wir den Fjord noch nie gesehen. Es ergeben sich völlig neue Einblicke!
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  • Harry bei der Probennahme
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Montag, 24.7.2017

Strahlender Sonnenschein die ganze „Nacht“. Wir sind gestern noch lange draußen gesessen und haben einen windstillen, warmen Abend verbracht. Und auch heute Morgen empfängt uns bestes Wetter. Der innere Wecker schmeißt mich um 8:00 Uhr aus dem Bett. Ich mache erst einmal Frühstück und wecke dann die anderen. Uns juckt es unter den Nägeln und wir wollen möglichst schnell los. Das klappt auch wunderbar bis zu dem Punkt, wo wir mit unserem Schlauchboot nicht weiter kommen, weil uns eine dichte „Wand“ aus Eisbergen den Weg abschneidet. Aus der niedrigen Perspektive aus dem Schlauchboot schaut natürlich alles immer viel schlimmer als es ist. Aber wenn man dazurechnet, dass die Wettervorhersage nördlichen Wind mit bis zu Stärke 3 Beaufort angesagt hat und zusätzlich die Flut kommt, ist es keine gute Idee, sich durch die Eisberge zu kämpfen und dann am Untersuchungsgebiet vom Eis eingeschlossen zu werden. Durch das schöne und ruhige Wetter ist der ganze Fjord voll mit Eis, und wenn der Wind dies in eine Bucht treibt, stoßen die Eisberge praktisch aneinander und es ist an ein Durchkommen mit einem Schlauchboot nicht mehr zu denken.

Wir sind natürlich auch gebrannte Kinder, denn 2013 sind wir tatsächlich vom Eis eingeschlossen worden, weil wir zu spät aus dem Untersuchungsgebiet abgefahren sind. Das Ergebnis war, dass wir in unseren Überlebensanzügen das Boot für zwei oder drei Stunden im knie- bis hüfthohen Wasser am Strand entlang gezogen haben. Und schließlich mussten wir das Boot zurücklassen und nach Hause marschieren. Kein unbedingtes Vergnügen, das wir wenn möglich gerne vermeiden wollen. So etwas wollen wir heute nicht nochmal erleben. Daher fällt die Diskussion auch relative kurz aus und wir kehren um zum Ankerplatz vor der Corbel-Station.

Nachdem das Boot sicher auf den Strand gezogen ist und wir noch eine Tasse Tee getrunken haben, wandern wir mal wieder los ins Untersuchungsgebiet. Das war eigentlich nicht geplant und kostet uns 2,5 Stunden für jeden Weg. Wer täglich pendeln muss weiß, dass fünf Stunden pendeln nicht unbedingt die beste Option ist. Uns bleibt aber nichts anderes übrig, und so machen wir uns gezwungenermaßen auf den Weg. Es ist schon eigenartig, dass man bei der Weite der Landschaft trotzdem fast genau den gleichen Weg wählt wie vor zwei Tagen. Manchmal macht man sogar den gleichen Schritt und steigt auf exakt den gleichen Stein. Auf dem Weg dorthin läuft man auch viel über trockene Flusstäler mit vielen großen Geröllen, auf denen man sehr schwer gehen kann. Wir suchen uns deshalb die „Autobahnen“ mit feinkörnigem Material, das wesentlich besser zum Laufen ist. Wir folgen also diesen Autobahnen und müssen eigentlich nur aufpassen, die richtige Ausfahrt zu nehmen.

Als wir am Fluss ankommen, wo wir noch vor zwei Tagen von einem Eisvorsprung über den Fluss springen konnten, werden wir enttäuscht. Der Eisvorsprung ist mittlerweile abgebrochen, und so müssen wir den Fluss durchwaten. Angesichts der knappen Zeit heute keine gute Nachricht. Im Untersuchungsgebiet wartet heute jede Menge Arbeit auf uns. Neben den obligatorischen Bildern aus unterschiedlichen Blickwinkeln und den Pole-Bildern wollen wir heute das DGPS erneut zum Einsatz bringen und auch Proben nehmen. Für die Probennahme brauche ich Steigeisen, da ich dazu auf das Eis unterhalb der Abbruchkante klettern muss. Ohne Steigeisen könnte man sich auf der schmierigen geneigten Eisfläche nicht halten. Mit den Steigeisen ist es kein Problem, insgesamt sechs Proben aus unterschiedlichen Höhen oberhalb der Eisoberfläche zu nehmen. Bereits bei der Probennahme fällt auf, dass das Material nach oben hin immer trockener wird. Direkt auf der Eisoberfläche ist das Material völlig wassergesättigt, die oberste Probe ist fast staubtrocken oder fühlt sich zumindest so an.

Gegen Nachmittag ziehen erste Wolken auf – Vorboten für das schlechte Wetter, das uns laut Wettervorhersage heute Nacht treffen soll. Nachdem auch noch die SD-Karten und Batterien der GoPro-Kameras gewechselt sind, diskutieren wir kurz das weitere Vorgehen bezüglich dem Rücktransport unserer Ausrüstung. Da morgen der letzte Tag im Gelände ist, könnten wir ein Problem bekommen, wenn das Eis wieder zu dicht ist, um mit dem Motorboot zu fahren. Um auf der sicheren Seite zu sein, wollen wir deshalb noch heute Nacht eine Schlauchbootfahrt versuchen. Kurz vor 19:00 Uhr bringen wir deshalb noch alles abkömmliche Material zum Strand und treten dann zu Fuß den Heimweg an. Mit der üblichen Teepause an der Tyske Hytta erreichen wir um ca. 21:00 Uhr die Corbel-Station. Wir gehen sofort zum Schlauchboot, und Ernst und ich machen uns wieder auf den Weg zum Untersuchungsgebiet, um die Alukiste und die zwei DGPS-Koffer zu holen. Dennis und Andreas werden uns inzwischen was Leckeres zu Essen kochen. Das Eis ist immer noch sehr dicht, aber wir kommen gut durch – kein Vergleich zu heute Morgen. Irgendwie ganz spannend, durch die Eisberge Slalom zu fahren. Nachdem wir nur zu zweit sind und auch kein schweres Gepäck dabei haben, fährt das Boot deutlich agiler und schneller. Der Slalom ist bei aller Vorsicht also durchaus ein Genuss.

Um kurz nach 22:00 Uhr sind wir wieder am Ankerplatz an der Corbel-Station, und beim Betreten der Hütte empfängt uns köstlicher Essensduft. Die zwei haben Reis und – laut Andreas – „indian-inspired“ Truthahn-Sauce gekocht. Perfekt nach so einem langen Tag und extrem lecker. Der Abend klingt aus mit dem Betrachten von tollen Bildern von Ernsts Antarktisreise. Da fährt man in die Arktis und schaut sich Bilder der Antarktis an! Verrückte Welt. Klar, dass wir dazu ein Arktis-Bier brauchen. Und zum Schluss gibt es noch einen kleinen Whiskey mit Gletschereis. Habe ich schon erwähnt, dass es jetzt regnet … Es ist jetzt 1:30 Uhr, und ich muss nur noch schnell die Bilder von der Kamera herunterladen und ein paar schöne Bilder für den Blog heraussuchen, bevor ich mich in den Schlafsack verziehen werde.

Fotos

Ein Rentier, das vor unserer Hütte frühstückt
© KOP 132 SPLAM
  • Walwirbel an der Corbelhütte
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  • Dennis und ich beim Einmessen von Passpunkten mit dem DGPS
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  • Dennis auf der Schlauchbootfahrt vom Untersuchungsgebiet (im Hintergrund) nach Corbel
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  • Kein original Henry-Moore-Kunstwerk, aber mindestens genauso schön ...
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Sonntag, 23.7.2017

Wir sitzen in der Sonne vor der Corbel-Station, und es ist kurz nach 20:00 Uhr. Vor uns steht jeweils ein Glas Whiskey mit Eis, das wir von einem Eisberg abgehackt haben und das vielleicht mehrere hundert Jahre, vielleicht sogar tausend Jahre alt ist. Geht runter wie Öl und ist ein Genuss nach einem langen Tag! Aber der Reihe nach: Gestern Abend haben wir noch Besuch von zwei Leuten und ihren drei Husky-Hunden bekommen, die das Wochenende in der Gasebu-Hütte verbringen. Es ist der Koch aus Ny-Ålesund und seine Freundin. Wir sahen sie kommen, als sie den Fluss überquerten, der die zwei Hütten trennt, und laden sie auf einen Tee und später ein Bier ein. Die beiden nehmen die Einladung gerne an, denn es beginnt sehr stark zu regnen und der Wind heult um die Hütte. Kein Wetter um draußen zu sein! Den Hunden macht das Wetter aber nichts und sie warten geduldig, bis der Besuch um kurz vor Mitternacht beendet wird.

Das gestrige Wandern hat uns alle recht müde gemacht und wir schlafen alle tief und fest bis 9:00 Uhr. Ich bin der erste auf den Beinen und mache schon mal Frühstück, während Dennis die anderen aufweckt. Nach dem Frühstück bitte ich Dennis noch um zwei Kabelbinder, um die bayerische Flagge aufhängen zu können, was ich ihm aber natürlich nicht sage. Ich muss insgeheim schmunzeln, als er mir zuerst einen weißen und einen schwarzen Kabelbinder gibt, dann aber den weißen gegen einen zweiten schwarzen austauscht mit dem Kommentar „Es muss ja auch schön werden!“. Als er sieht, für was ich sie gebraucht habe, schüttelt er nur den Kopf und sagt, dass er sie mir nie für etwas Derartiges gegeben hätte. Das war mir schon klar!

Das Wetter ist heute Morgen bedeckt und fast windstill – ideale Bedingungen für eine schnelle und trockene Schlauchbootfahrt. Und so ist es dann auch! Wir kommen am Strand bei unserem Untersuchungsgebiet an und schleppen erst einmal weitere Ausrüstung hoch. Wir wollen nämlich heute das DGPS anwenden, um unsere Passpunkte hochgenau einzumessen. Dies wird uns später bei der Mosaikbildung und der Georeferenzierung der vielen Einzelbilder enorm helfen. Allerdings mit einigen Hindernissen, denn das Rover-GPS will sich erst nicht mit der Basisstation verbinden. Wir probieren zu viert, Knöpfe zu drücken, Pull-down-Menüs auszuprobieren und die 500- bis 600-seitige Gebrauchsanleitung nochmals zu studieren. Schließlich bekommen wir es hin und können unsere Messungen machen. Dennis war hocherfreut, Messungen mit einer Genauigkeit von 13 mm hinzubekommen und wollte keine Messungen mit 14 mm Genauigkeit akzeptieren. Eine gute Übung im Gelände, um die Methodik den Studenten zu vermitteln.

Wir machen auch jede Menge Fotos, denn seit gestern hat es enorme Veränderungen gegeben. Der gestrige Regen hat vermutlich dazu geführt, dass der Boden sehr aufgeweicht ist und deshalb verstärkt an der Abbruchkante kollabiert ist. Sehr schön zu sehen ist heute auch die geneigte Eisoberfläche, auf der das durchfeuchtete Material abrutscht. Mehrere Quadratmeter blanken Gletschereises sind zu erkennen, auf dem die Schlammschicht problemlos abrutscht bzw. fast schon abperlt. Wir hoffen natürlich, dass unsere Kameras all dies festgehalten haben. Dennis macht seine üblichen Polebilder, die uns das genaue Ausmaß der Aktivitäten zwischen gestern und heute zeigen.

Die Abbruchkante ist mittlerweile sehr nahe an mein Steinmännchen mit der Kamera heran gewandert, und es tun sich bedrohliche Spalten vor und unter dem Steinmännchen auf. Da hilft es nichts, wir müssen einen neuen etwa 2 m weiter weg von der Abbruchkante bauen. Schade, es wäre mir lieber gewesen, die Kamera für den gesamten Zeitraum an einer Stelle lassen zu können. Andererseits ist es natürlich super, dass wir all diese Aktivität überhaupt beobachten können. Seit dem Beginn unserer Aufzeichnungen ist die Abbruchkante um ca. 2 m hangaufwärts gewandert. Das zeigt, wie schnell sich die Seitenmoräne verändert bzw. wegtaut. Das Wetter bleibt heute bis zum Nachmittag bewölkt, aber dann kommt die Sonne raus. Speziell am Morgen empfinden wir es als relativ kalt, was vermutlich am kühlen Wind liegt, der direkt vom Gletscher herüber weht. Selbst am Nachmittag bleibt es kalt, da die Sonne von einem Berg blockiert wird und wir die ganze Zeit im Schatten sind, während überall sonst die Sonne scheint. In den letzten Tagen ist viel Eis vom Gletscher abgebrochen, das nun im Fjord schwimmt. In der Sonne funkelt es weiß und tief hellblau, und wir machen ein Foto nach dem anderen, weil wir uns nicht daran satt sehen können. Sonne, blauer Himmel, Gletscher, Meer und die sehr klare Luft – eine einmalige Kombination, die einfach nur schön ist und mich jedes Mal wieder begeistert. Die Rückfahrt mit dem Motorboot geht genau in Richtung Sonne, und im gleißenden Licht ist es schwer, die kleinen Eisberge zu sehen. Andreas und Dennis dösen, Ernst macht Fotos, und ich versuche, die Mannschaft nach Hause zu bringen. Das Meer ist sehr ruhig, und so erreichen wir nach einer schönen Fahrt gegen 18:30 Uhr unseren „Heimathafen“. Ich betanke noch das Schlauchboot und vertäue es an einem Holzständer am Strand.

Der erste 25-l-Benzinkanister ist nun leer, aber wir haben ja noch vier weitere, die uns locker für die nächsten zwei Tage reichen werden. Und schon sind wir wieder am Anfang der Geschichte: Wir sitzen auf der Terrasse und trinken Whiskey mit Gletschereis! Anschließend macht uns Andreas Spaghetti mit einer ausgezeichneten Thunfisch-Sauce. Ein kulinarisches Highlight! Es ist also heute Andreas‘ Tag – erst spendiert er uns den Whiskey, und dann macht er uns ein schönes Abendessen. Danke, Andreas! Weiter so! Womit haben wir das eigentlich verdient? Ach ja, es ist Sonntag!

Ohne das Schreiben des Blogs könnte man sehr schnell vergessen, was für ein Wochentag gerade ist. Ist ja auch fast belanglos! Außer man lebt in Ny-Ålesund, dann muss man natürlich wissen, ob es Donnerstag und Samstag ist. An diesen Tagen hat nämlich die Bar geöffnet. An Samstagen gibt es auch ein „formaleres“ Abendessen mit Servietten und Tischdecken, bei dem man nicht in seiner Arbeitskleidung erscheinen sollte und zu dem man seine eigenen alkoholischen Getränke mitbringen darf. Wir hatten in den vergangenen Jahren immer mal wieder die Gelegenheit, an diesem Abendessen teilzunehmen und anschließend in die Bar zu gehen. Extrem gut! Nachdem ich mit meiner Frau telefoniert habe und erfahren habe, dass mein Sohn und sein Freund mit unserem Telefon zuhause gespielt und beliebige Nummern angerufen haben – inklusive der Nummer unseres Satellitentelefons hier – geht es ans Sichern aller Daten, das Aufladen aller Batterien, das Komplettieren der Feldbücher und an sonstige Arbeiten. Über die Telefonrechnung, die mein Sohn verursacht hat, mache ich mir später Gedanken.

Fotos

Dennis auf dem Weg zur Tyska Hytta
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  • Auf Spitzbergen gibt es eine spezielle Art von Rentieren. Ab und an findet man deren abgeworfenen Geweihe.
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  • Die Tyska Hytta
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  • Detail der Abbruchkante in unserem Untersuchungsgebiet
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  • Blick über den Fjord auf den Kronebreen-Gletscher
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  • Fährte eines Eisbären – der Skistock rechts ist 1,25 cm lang.
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  • Andreas beim Durchqueren eines Schmelzwasserflusses
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  • Gletscherschliff, der die Bewegungsrichtung des Gletschers anzeigt. Diese Rillen entstehen, wenn Gesteinsbrocken an der Basis eines Gletschers mit der Bewegung des Eises den felsigen Untergrund zerkratzen.
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  • Roter Steinbrech. An der Ausrichtung der Blüten soll man angeblich erkennen können wo Süden ist. Hier stimmt es sogar, aber es gib Hunderte andere Büschel, wo es nicht funktioniert …
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  • Wolkenstimmung und Meer bei der Corbel-Station
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  • Ein Besucher – der Polarfuchs
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Samstag, 22.7.2017

Der Wetterbericht für heute sagt ab 12:00 Uhr „gale-force“-Winde voraus – definitiv zu viel für unser Motorboot. Zwar soll es trocken bleiben, aber für den Abend ist erneut Regen angesagt. Um das Beste aus dem Tag zu machen, stehen wir schon um 6:00 Uhr auf. Wir wollen möglichst früh aufbrechen und rechtzeitig vor dem Einsetzen des starken Windes wieder zurück sein. Ein phantastischer, wohldurchdachter Plan, der allerdings schon bei der Ankunft am Strand revidiert werden muss. Bereits um 7:30 Uhr ist nämlich der Wind so stark und die Wellen sind so hoch, dass nicht an eine Motorbootfahrt zu denken ist. Wir ziehen deshalb das Schlauchboot weit auf den Strand hinauf, sodass es auch bei Flut sicher liegt. Nachdem wir unsere Rucksäcke für eine längere Tour gepackt haben, laufen wir ca. drei Stunden zu Fuß zu unserem Untersuchungsgebiet. Keiner ist wirklich traurig darüber, denn es ist herrlichstes Sonnenwetter und die Gletscher strahlen mit ihrem Weiß um die Wette mit dem blauen Himmel. Das Meer ist heue sehr vielfarbig. Einerseits das „normale“ Tiefblau und Grün, andererseits haben die Gletscher viel rote Sedimente eingebracht, die den Fjord über weite Gebiete rot-bräunlich erscheinen lassen. Obendrauf gibt es zahlreiche weiße Schaumkronen. Ein Bild für Götter!

Wir laufen oben auf einem Plateau immer den Moränen entlang und genießen die atemberaubende Ausblicke auf den Fjord und die gegenüberliegenden Berge und Gletscher. Es geht nicht besser! Auf dem Weg entdecken wir zahlreiche interessante geologische Strukturen, so z. B. tolle Gletscherschliffe, die von Ernst und mir in allen Variationen fotografiert werden. Wir denken zwei Schliffrichtungen zu sehen. Auch das „Plucking“ ist sehr schön zu erkennen. Dabei kommt es im Lee eines Hindernisses zu einer Druckentlastung, wodurch das Eis an den Fels friert und Stücke davon herausreißt. Einem Geologen geht dabei einfach das Herz auf, solche Dinge „live“ sehen zu können.

Nach gut einer Stunde erreichen wir die Tyske Hytta. Diese Hütte wurde Mitte der 50er Jahre durch eine geodätische Expedition der DDR aufgestellt. Sie besteht aus vorgefertigten Holzplatten, die mittels Winkel vor Ort zusammengeschraubt werden konnten. Also ein Plattenbau mitten in der Arktis. Allerdings mit mehr Charme als die sonst üblichen Plattenbauten! Interessanterweise nahmen an dieser Expedition auch westdeutsche und österreichische Forscher teil. Es waren ja damals noch Zeiten vor dem Mauerbau. Und die Forscher hat es damals wahrscheinlich am wenigsten interessiert, wo die anderen Forscherkollegen gerade herkamen. Die Hütte ist immer ein willkommener Platz zum Pause machen. Wir trinken Tee und essen Schokolade, um für den Rest der Wanderung gestärkt zu sein. Ab jetzt wird das Gelände unwegsamer, denn wir müssen über die Moränen laufen. Das heißt Buckel rauf, Buckel runter, Fluss überqueren, Buckel rauf, Buckel runter.

Das Moränenmaterial ist extrem schlecht sortiert, d. h., man findet große Blöcke und sehr feinkörniges Material in unmittelbarer Nachbarschaft. Zusätzlich sind manche Bereiche mit Wasser gesättigt, sodass man manchmal knöcheltief einsinkt. Zum Gehen ist das ganze wenig erbaulich. Ein dickes Eisbrett, das einen Großteil des Flusses hinter der Tyske Hytta überdeckt, macht es uns relativ leicht, den Fluss zu überqueren. Wir müssen lediglich ca. zwei Meter springen. Allerdings überlegt man sich diesen Sprung von der Eiskante, die über das rauschende Wasser ragt, schon zweimal. Bricht sie ab oder springt man zu kurz, landet man im Wasser und der Tag ist gelaufen. Die Alternative wäre, nach einer anderen Stelle zu suchen und eventuell den Fluss barfuß zu durchwaten. Das wollen wir aber nicht, und so wagt einer nach dem anderen den Sprung über das kalte Wasser. Es ist aber schon jetzt klar, dass der gewählte Weg eine Einbahnstraße ist und dass wir auf dem Rückweg wohl oder übel durch das Wasser laufen müssen. Am Untersuchungsgebiet angekommen, versucht Dennis erst einmal die Polebilder zu machen. Das klingt heute leichter als getan. Mittlerweile ist der Wind nämlich so stark geworden, dass selbst das Stehen auf dem exponierten Hügel schwerfällt. Beim Tee eingießen bläst mir der Wind erst einmal mindestens eine halbe Tasse weg! Also, Rücken zum Wind ausrichten und ganz vorsichtig einschenken.

Dennis verzweifelt mittlerweile an der Handhabung der Stange mit der Kamera. Er schimpft und flucht wie ein Rohrspatz, schafft es aber schließlich, das gesamte Gebiet abzudecken. Einer unserer Passpunkte ist von der Abbruchkante „verschluckt“ worden und muss neu positioniert und mit dem GPS eingemessen werden. Das ist eine Aufgabe, die ich erledigen kann, während ich gleichzeitig Bilder des Untersuchungsgebietes aus unterschiedlichen Blickwinkeln und von unterschiedlichen Standorten mache. Ernst und Andreas sind auch mit Fotografieren beschäftigt. Schließlich müssen noch die SD-Karten und die Batterien der GoPro-Kameras gewechselt werde. Bei dem starken Wind keine leichte Aufgabe, speziell da die Finger relativ schnell kalt werden. Wind-Chill und so!

Ich mache auch noch ein paar Infrarot-Kamera-Aufnahmen, die uns die Temperatur der Abbruchkante zeigen. Mehr ist heute nicht drin. Also machen wir uns auf den Rückweg. Eigentlich ist es ein sehr angenehmes Wandern, da wir jetzt den Wind von hinten haben. Also wieder Buckel rauf, Buckel runter, etc. Wir sind noch keine 15 Minuten unterwegs, als wir eine sehr schöne Eisbärenfährte im feinen Sediment entdecken. Die Spur ist vermutlich schon ein paar Tage alt, also kein Grund zur Panik. Wir sind alle von der schieren Größe der Abdrücke beeindruckt und lachen, dass der Eisbär offensichtlich die gleichen Probleme mit der nassen und weichen Oberfläche hatte wie wir. Jedenfalls sind einige Spure recht tief und deuten darauf hin, dass er ausgerutscht ist. Die Fährte verdeutlicht uns aber erneut, dass wir hier im Garten der Eisbären spielen und nicht umgekehrt! Und mit Knuts Verwandten ist nicht zu spaßen – es sind und bleiben nun mal die größten Landraubtiere. Der Rückweg verläuft auf ähnlicher Route wie der Hinweg, und gegen 17:00 Uhr erreichen wir wieder die Corbel-Station. Gerade noch rechtzeitig, um ein Bier in den letzen Sonnenstrahlen vor der Hütte zu genießen. Ich mache nochmal einen Kontrollgang zum Schlauchboot, aber dort ist alles in Ordnung. Am Abend sortiert jeder seine Bilder, liest Daten aus oder schreibt den Blog. Der heutige Tag war sicher ein Highlight der bisherigen Feldkampagne und hat alle begeistert. Solche Tage – allerdings mit weniger Wind – könnten wir öfter gebrauchen. Es macht einfach einen riesigen Unterschied für die Laune, ob man im Regen bei 200 m Sichtweite durch die Gegend läuft oder bei strahlendem Sonnenschein! Der Tag wird gekrönt von Bockwürsten mit Kartoffelbrei und gelbe Rüben, wie Karotten auf Bayerisch heißen.

Fotos

Eisberg im Kongsfjord
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  • Küche und Aufenthaltsraum der Corbelhütte
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  • Labor und Badezimmer der Corbelhütte
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  • Die Haupthütte der Corbel-Station. Diese Hütte beinhaltet Küche, Aufenthaltsraum, Labor und Badezimmer.
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  • Angeschwemmte Eisberge an einer sandigen Landzunge
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  • Unser Untersuchungsgebiet auf der Seitenmoräne des Kronebreen-/Kongsvegen-Gletschers. Das Gletschereis ist von einer ca. 1 m mächtigen Schuttschicht überlagert. Durch das Tauen des Eises kollabiert die Schuttschicht, formt eine scharfe Abbruchkante und verwandelt sich schließlich in einen Schlammstrom. Mit der Zeit wandert die Abbruchkante hangaufwärts.
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  • Blick über den Kongsfjord auf den Kongsbreen-Gletscher
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  • Aufbau der GoPro-Kamera
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Freitag, 21.7.2017

Spiegeleier und Speck zum Frühstück! Die Kantine verwöhnt uns am letzten Tag vor unserer nächsten Hüttenzeit. Um 10:30 Uhr machen wir uns auf dem Weg zum Hafen. Dennis muss zwei Fuhren mit dem Elektroauto machen, um alles Gepäck und die Überlebensanzüge zum Boot zu bringen. Rodolphe und Madeleine fahren mit dem Aluboot unser Gepäck zur „Corbel“-Hütte, und wir tuckern mit dem Schlauchboot hinterher. Wir kommen bei schönstem Wetter nach ca. 30-45 Minuten am Strand an. Von dort sind es 200-300 Meter über einen kleinen Schwemmfächer bis zur Hütte. Gott sei Dank gibt es große Schubkarren, die uns die Arbeit erleichtern. Und einiges Gepäck bleibt sowieso am Strand, da wir es in unserem Untersuchungsgebiet brauchen. Und die vier 25-Liter-Benzinkanister bleiben natürlich auch dort. Eigentlich ist „Corbel“ mehr als eine Hütte. Es sind vielmehr vier große Hütten und eine sehr kleine Hütte. In der größten Hütte befinden sich eine Küche mit Aufenthaltsraum, ein Labor und eine Dusche. Leider gibt es kein warmes Wasser, weil der Tank ein Leck hat. Dennis ist sehr enttäuscht! In den anderen Hütten gibt es weitere Labors, mehrere Schlafräume, eine Werkstatt und ein Lager. Auch Strom gibt es hier, der über Solarzellen gewonnen wird. Ein zusätzliches Windrad ist momentan außer Betrieb.

Namensgeber für die Forschungsstation ist übrigens Jean Corbel, ein aus Lyon stammender Forscher, der sich unter anderem einen Ruf als erstklassiger Speleologe, also als Höhlenforscher, erworben hat. Auch hat er mehrere Expeditionen nach Spitzbergen durchgeführt und dabei Anfang der 1960er Jahre die erste Hütte mit 9 m2 gebaut, die über die Jahre immer weiter ausgebaut wurde. Heute genießen wir eine schöne, helle, geräumige Hütte mit allem „Luxus“. Im Winter gibt es sogar eine Innentoilette! Die Sommerversion besteht aus einer alten, bodenlosen Toilettenschüssel über einem Bach. Klingt zwar primitiv, aber das kleine Holzhaus macht einen Riesenunterschied zu den „sanitären Einrichtungen“ von Geopol. Und die Hütte ist natürlich ebenfalls nicht vergleichbar. Sogar Internet haben wir hier, das mittels Laser von Ny Alesund hierhergebracht wird. Ein Wunder der Technik! Trotzdem muss ich sagen, dass mir die Geopolhütte lieber ist. Irgendwie vermittelt sie noch eine extra Portion Abenteuer, während die Corbel-Station schon fast zu zivilisiert ist. Die Corbel-Station liegt am Fuß zweier Gletscher, dem Austere Lovenbreen und dem Midtre Lovenbreen. In den letzten Jahren haben wir uns die Hütte immer mit einer französisch-österreichischen Forschergruppe geteilt, die diese zwei Gletscher hochpräzise vermessen und deren Rückgang dokumentiert hat. Wir haben so manchen schönen Abend mit unseren Kollegen verbracht und dabei Gedanken, Wein und Essen geteilt. Heuer sind wir leider alleine. Dadurch haben wir natürlich den Luxus, dass jeder sein eigenes Zimmer bekommt. Genial!

Nach der obligatorischen Nudelsuppe mit Tee zum Mittagessen brechen wir mit unserem Schlauchboot zu unserem Untersuchungsgebiet nahe den Kronebreen- und Kongsvegen-Gletschern auf. Die Überlebensanzüge halten uns auf der Fahrt mehr oder weniger trocken. Wir müssen nämlich gegen den Wind und die Wellen ankämpfen, und mit unserer nicht gerade leichten Ausrüstung und vier gut genährten Mitteleuropäern an Bord kommt unser Gefährt an seine Grenzen. Wir bleiben möglichst nahe dem Ufer, wo die Wellen etwas kleiner sind, und erreichen schließlich unser Ziel. Die Sonne scheint, und der Ausblick auf die blauen Gletscher und die Landschaft ist schier überwältigend. Natürlich muss jeder erst einmal ausgiebig fotografieren, um die Schönheit irgendwie festzuhalten.

Am Untersuchungsgebiet angekommen gibt es einen Tiefschlag. Einer unserer Datenlogger fiel der rückschreitenden Erosion zum Opfer, und wir finden ihn inmitten eines Schlammstroms. Wir brauchen längere Zeit, um ihn zu bergen, und vermutlich ist er bei seinem Schlammbad beschädigt worden. Das nervt. Vor allem Dennis, der diese Logger in mühsamer Kleinarbeit selbst gelötet hat. Aber Jammern hilft ja nichts. Wir müssen unsere Zeit vor Ort möglichst gut nutzen, und so beginne ich, die erste GoPro-Kamera aufzubauen. Damit werden wir alle 30 Sekunden ein Bild machen. Später kommt noch die GoPro von Dennis dazu, die alle 10 Sekunden ein Bild machen wird. Somit haben wir jetzt insgesamt vier Kameras im Einsatz, die den Rückgang der Abbruchkante aus verschiedenen Blickwinkeln beobachten. Dennis macht neue Polebilder, um die Veränderungen zu dokumentieren.

Die Veränderungen seit gestern sind enorm, und die Abbruchkante hat fast mein Steinmännchen mit der Kamera erreicht. Wir haben uns trotzdem dazu entschlossen, die Kamera nicht woanders zu installieren. Allerdings habe ich sie mit einer Leine gesichert – nur für den Fall, dass meine Kamera im Schlamm landen sollte. So kann ich sie zumindest wiederfinden und herausziehen. Ernst und ich wandern noch zu den Untersuchungsgebieten der letzten Jahre, die mittlerweile völlig inaktiv sind, weil die Eisfläche so weit abgetaut ist und sich so viel Material angesammelt hat, dass keine weitere rückschreitende Erosion mehr möglich ist. Dennis und Andreas sehen auch einige frische Eisbärspuren im Schlamm. Das ist eigentlich nichts Neues – bisher haben wir solche Spuren fast jedes Jahr gesehen. Sie verdeutlichen aber, dass wir auf der Hut sein müssen. Ausgerechnet beim Anziehen meines Überlebensanzugs schneide ich mir an einem Metallsplitter an einem Karabiner einen Finger auf, sodass zum ersten Mal überhaupt mein Erste-Hilfe Paket zum Einsatz kommen muss. An Dennis ist eine Krankenschwester verloren gegangen, so gut und schnell hat er mich verbunden.

Die Rückfahrt zur Corbelhütte verläuft ohne Probleme, da wir jetzt weniger Wellen und Wind haben und diese auch von hinten kommen. Eine schöne, ruhige und trockene Fahrt, vorbei an einigen großen Eisbergen. Das Ankern haben wir mittlerweile auch ganz gut drauf und jeder weiß, wo er mit anpacken muss. So ist das Boot schnell am Strand vertäut und wir können uns den wichtigen Dingen des Lebens widmen – dem Abendessen! Heute gibt es Spaghetti mit Fleischsoße, abgeschmeckt mit Basilikum. Andreas hat gekocht, und es schmeckt ausgezeichnet.

Fotos

„Abendstimmung“ in Ny Alesund
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  • Der Hafen von Ny Alesund mit den Booten des AWIPEV am vorderen Dock rechts
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  • Die Galerie der Überlebensanzüge
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  • Der Lager- und Werkstattraum des AWIPEV im Rabot-Gebäude in Ny Alesund
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Donnerstag, 20.7.2017

Nachdem wir gestern bis um 2:30 Uhr am Arbeiten waren, haben wir es heute Morgen mit Ach und Krach noch rechtzeitig zum Frühstück geschafft. Das Wetter ist wie gestern angekündigt. Es regnet, und gegen Mittag frischt der Wind deutlich auf. Allerdings bleibt er in der Stärke hinter der Vorhersage zurück. Der Fjord ist aber dennoch mit Schaumkronen bedeckt, sodass wir mit dem kleinen Schlauchboot heute sicher nicht hätten fahren können. Wir haben also die richtige Entscheidung getroffen, in Ny Alesund zu bleiben. Hier haben wir auch mehr Platz, um das Regenwetter auszusitzen. Unser Plan, zu Fuß zu einem Gletscher zu laufen, fällt buchstäblich ins Wasser. Wir verbringen also einen Großteil des Tages damit, unsere Ausrüstung zu überprüfen, Batterien zu laden, Bilder von den Kameras zu sichern, Kaffee zu trinken, Feldbücher zu ergänzen, Wäsche aus dem Trockenraum abzuholen, Mittag zu essen, auf besseres Wetter zu hoffen, noch mehr Kaffee zu trinken, den Blog zu schreiben und Bilder dafür rauszusuchen, E-Mails zu checken und uns seelisch-moralisch auf das Abendessen vorzubereiten. Ernst geht sogar so weit, sich zu rasieren. Ein Sakrileg! Ihr seht schon: Heute gibt es nicht wirklich spannende Dinge zu berichten. Alles in allem ein sehr ruhiger Tag, der aber nach den vergangenen Anstrengungen und der Hektik auch einmal ganz guttut. Das Problem dabei ist nur, dass man immer schlapper und schlapper wird und am Ende zu überhaupt nichts mehr Lust hat. Wie muss das wohl bei den „richtigen“ Polarforschern gewesen sein, die wie z. B. die Shackleton-Expedition zwei Jahre unter einem umgedrehten Rettungsboot überwintert haben? Unvorstellbar!

Also, außer jetzt über völlig banale Dinge zu schreiben, ist es vielleicht interessanter, etwas über jene Leute zu schreiben, die uns unsere Arbeit hier erst ermöglichen. Zu nennen ist da in erster Linie natürlich das AWIPEV-Team. Piotr und Verena leiten die Station, Rodolphe kümmert sich um die Technik, Benoit ist für das Observatorium verantwortlich. Alles junge Leute um die 30, die schon eine gehörige Verantwortung für Mensch und Material tragen. Die Teams bleiben im Regelfall für ein gesamtes Jahr in Ny Alesund und überwintern auch hier. Wenige „Station Leaders“ bleiben für ein zweites Jahr. Es ist schlichtweg fantastisch, was diese Teams leisten. In all den Jahren haben wir viele verschiedene Teams erlebt, aber alle kennzeichnen ein paar fundamental wichtige Eigenschaften: Motivation, Hilfsbereitschaft, Flexibilität, Sachwissen und Freundlichkeit. Wir Wissenschaftler sind ja nur für ein paar Wochen hier und wollen natürlich möglichst viel in möglichst kurzer Zeit schaffen. Das geht natürlich nur, wenn das AWIPEV-Team flexibel auf unsere Wünsche reagiert. Das kollidiert in einigen Fällen notgedrungen mit den „normalen“ Arbeitsabläufen und Arbeitszeiten der Mitarbeiter, die sowieso schon im Schichtdienst arbeiten. Ein gutes Beispiel ist ja unsere sehr späte Rückkehr mit dem Motorboot vor ein paar Tagen. Ohne den guten Willen wären wir in Ny Alesund gestrandet gewesen und hätten unsere Experimente nicht aufbauen können.

Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, wie schwierig es sein muss, all die Wünsche von mehr oder weniger wahnsinnigen Wissenschaftlern erfüllen zu sollen. Und manche Wünsche müssen zum Ärger der Wissenschaftler – auch aus Sicherheitsgründen – einfach abgelehnt werden. Keine einfache Sache, die aber vom AWIPEV Team sehr gut und professionell gemeistert wird. Und nächste Woche kommen ja schon wieder neue Wissenschaftler mit völlig anderen Bedürfnissen und Wünschen, auf die sich das Team einstellen muss! Wir als „Laien“ kommen hierher und machen sicher nicht immer alles richtig, weil man im Regelfall nicht an so eine Umgebung gewöhnt ist. Vielleicht machen wir sogar fast nichts richtig! Trotzdem habe ich nie ein böses Wort gehört. Man wird ruhig und freundlich darauf hingewiesen, gewisse Dinge in Zukunft anders zu machen, und dann geht es weiter. Move on! Auch im Vorfeld unserer Feldarbeit war uns das Team schon sehr behilflich bei der Reservierung der Flüge, dem Buchen der Unterkunft in Ny Alesund und der Organisation des Schießtrainings. Dass wir überhaupt die AWIPEV-Logistik nutzen können, um unsere Ausrüstung per Schiff nach Ny Alesund bringen zu lassen, Kleidung ausleihen zu können, das Seminar und den Schießkurs in Bremerhaven machen zu können, ist eine enorme Erleichterung für uns. Das ist eigentlich untertrieben! Ohne diese Unterstützung würde unsere Feldarbeit in der jetzigen Form schlichtweg nicht funktionieren.

So, es ist jetzt 17:45 Uhr, und langsam aber sicher geht es ans Abendessen. Es gibt Fisch!

Fotos

Eisberge im Fjord
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  • Dennis beim Aufnehmen der „Pole-Bilder“ mit einer ca. 3 m langen Stange, an der eine Kamera montiert ist
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Mittwoch, 19.7.2017

Um 6:30 Uhr ist die Nacht vorbei. Wir müssen noch unsere sieben Sachen packen und in Geopol Klarschiff machen, bevor wir um 10:00 Uhr mit dem Motorboot abgeholt werden. Nachdem wir fertig sind, blitzt die Küche und der Rest der Hütte. Wir hängen noch die Holzfensterläden ein, dann heißt es Abschied nehmen. Servus Geopol bis zum nächsten Jahr! Das Wetter macht uns leider einen Strich durch die Rechnung, über das Hochplateau nach Ny Alesund zurückzulaufen. Seit wir in Geopol forschen, haben wir das immer gemacht, da es auf dem Weg interessante Moränen mit Eiskernen zu sehen gibt. Vergleicht man die Fotos dieser Moränen der letzten Jahre, sieht man deutliche Unterschiede und versteht erst, wie schnell sich die Landschaft tatsächlich verändert. Aber wie gesagt: Heute wird daraus nichts, weil die Wolkendecke gefühlt in Nasenhöhe hängt und es unangenehm nieselt. Wir funken das Blaue Haus an und fragen an, ob es möglich wäre, zu viert samt Gepäck abgeholt zu werden. Da das Meer heute recht ruhig ist und praktisch kein Wind weht, können Rodolphe und Madeleine uns alle mit nach Ny Alesund zurücknehmen. Wir steigen in unsere Überlebensanzüge, beladen das Boot und sind froh, nicht bei diesem Schmuddelwetter die 3,5 Std. laufen zu müssen. Vor Ny Alesund liegt ein großes Kreuzfahrtschiff, und am Kai liegt ein weiteres. So werden wir mit unserem ganzen wasserdicht verpackten Rucksäcken, Kisten und Gewehren ein beliebtes Fotomotiv.

Und dann kommt das absolute Highlight des Tages: Eine heiße Dusche! Nach ein paar Tagen mit minimalster Körperpflege tut das richtig gut. 20 Minuten warmes Wasser und dann frische Klamotten – so schön kann das Leben sein! Wir schaffen es auch noch rechtzeitig in die Kantine! Hinsetzen und Essen! Aufstehen, Nachfassen, Hinsetzen, Essen! Aufstehen, Kaffee und Kekse holen, Hinsetzen, Essen! Das Leben ist herrlich. Ein Wermutstropfen ist jedoch, dass für morgen ein Sturm angesagt ist, sodass wir höchstwahrscheinlich nicht in Corbel, unserer nächsten Forschungsstation, abgesetzt werden können.

Der Plan, heute noch nach Corbel zu gehen, wird schnell verworfen, da ich das Schlauchboot bei Sturm ungern am Strand ankern möchte. Stattdessen beschließen wir, schnell Wäsche zu waschen und dann mit dem Schlauchboot zu „unserer“ Seitenmoräne des Kongsbreen-Gletschers zu fahren. Gesagt, getan! Wir kommen an unserem Untersuchungsgebiet an und müssen feststellen, dass beide Steinmännchen mit unseren Kameras vom starken Wind der letzten Tage zerstört wurden. Ich finde meine Kamera unter einem Steinhaufen mit kaputt gegangenem Display. Die Kamera hat wohl die letzten zwei Tage im Dreck gelegen und davon Makro-Aufnahmen gemacht. Ernsts Kamera hat vermutlich in den letzten Tagen auf den Fjord und in den Himmel geschaut. Da die Kameras aber noch zu funktionieren scheinen, bauen wir neue, deutlich stabilere Steinmännchen und installieren die Kameras neu. Die Enttäuschung ist groß und wir ärgern uns, dass wir am Freitag so in Eile waren und keine besseren Steinmännchen haben bauen können. Aber zumindest die Datenlogger von Dennis haben einwandfrei funktioniert und sehr gute Temperaturmessungen in 0, 10, 20, 30, 40 und 50 cm Tiefe gemessen. Also insgesamt eine fünfzigprozentige Erfolgsstory. Man kann sich die Dinge auch schön reden!

Heute bringen wir unter anderem bunte Passpunkte aus, die in den Drachenbildern gut zu sehen sind, die wir heute aufgenommen haben. Diese Passpunkte ermöglichen es uns später, die Bildmosaike geometrisch zu entzerren und zu georeferenzieren, um sie in ArcGIS einbinden zu können. Alle Passpunkte werden schon mal mit dem GPS eingemessen, und natürlich machen wir je jede Menge Fotos von unserem „Objekt der Begierde“. Zum Abschluss kommt noch Dennis‘ Kamera an der Stange zum Einsatz, die uns Bilder der Abbruchkante mit hoher räumlicher Auflösung liefert. Diese Kante entsteht, wenn Geröll, das die Seitenmoräne bedeckt, auf der geneigten Eisfläche abrutscht. Mit der Zeit wandert diese Abbruchkante immer weiter hangaufwärts, und ein Ziel unserer Untersuchungen ist es, durch wiederholte Messungen die Raten dieses Rückgangs zu bestimmen.

Dennis wird gerade rechtzeitig mit seinen Aufnahmen fertig, bevor das Eis des kalbenden Kronebreen-Gletschers zu dicht wird und uns den Heimweg abschneidet. Wir fahren ganz am Ufer entlang und kommen dadurch recht gut durch die dicht nebeneinander treibenden Eisbrocken. Es ist immer wieder ein komisches Gefühl, mit einem Schlauchboot durch die scharfen Eisberge zu fahren. Aber acht Augen helfen auch, die kleinen Eisberge zu erkennen, so dass wir sicher durchkommen. Weiter in Richtung Ny Alesund ist das Wasser deutlich rauer, und der Gegenwind verlangsamt uns zusätzlich. Eine Geduldsprobe, gegen Wind und Wellen mit dem kleinen Schlauchboot anzufahren. Aber irgendwann ist es geschafft und wir können dem Blauen Haus Bescheid geben, dass wir im Hafen angekommen sind. Over and out! Eine zweite Ladung Wäsche waschen, und schon sitzen wir beim „Late Dinner“, das uns Ernst bei der Kantine bestellt hat. Die erste Wäsche ist schon trocken, da es einen speziellen Trockenraum gibt, der gefühlt 30 Grad warm ist bei 20 % Luftfeuchtigkeit. Da trocknet alles Ratzfatz! So einige Dinge der Zivilisation sind gar nicht soooo schlecht!

Fotos

Messgerät zur Bestimmung der Hangneigung
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  • Dennis beim Aufnehmen von Luftbildern mit Hilfe einer Kamera, die unterhalb eines Drachens befestigt ist
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  • Auf dem Weg zu Trongskaret
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  • Kegel bei Trongskaret ...
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  • ...
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  • Eis im Tal der Kvadehukelva
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  • Konkretionen mit knapp einem Meter Durchmesser
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Dienstag, 18.7.2017

Heute ist unser letzter voller Tag in Geopol. Der Wind hat sich über Nacht gelegt, und es hat auch aufgehört zu regnen. Also, raus aus den Federn und ran an die Arbeit. Für Dennis und Andreas steht heute vor allem Fliegen an. Fliegen, fliegen und nochmals fliegen. Es fehlen uns nämlich noch immer ein paar Gebiete, die wir seit Jahren beobachten. Und natürlich müssen die zwei Gebiete mit den Profilen von gestern noch beflogen werden und auch Aufnahmen mit der Stange gemacht werden. Für Ernst und mich heißt es heute Hangneigungen zu messen, wozu wir ein Lasergerät benutzen. Funktioniert prima. So messen wir alle ca. 50 m die Hangneigung. Zwar haben wir ein gutes Höhenmodell aus HRSC-AX-Daten, aber selbst dieses Höhenmodell kommt bei den sehr flachen Neigungen an seine Grenzen. HRSC steht für High Resolution Stereo Camera. Die gleiche Kamera umkreist auch auf der europäischen MarsExpress-Mission den Mars. Und das seit Januar 2004. Ein Nachbau dieser Kamera wurde für die Anwendung auf Flugzeugen adaptiert, und mit dieser Kamera fand 2008 eine Befliegung in Spitzbergen statt, die auch Kvadehuksletta abdeckte.

Gegen 14:00 Uhr sind wir mit unseren Messungen fertig. Mittlerweile herrscht schönstes Rückseitenwetter mit strahlend blauem Himmel und kleinen Wölkchen. Wir machen kurz an der Hütte Rast, treffen auf Dennis und Andreas und machen uns dann auf den Weg Richtung Trongskaret. Dort gibt es spitze Kegel aus Moränenmaterial zu sehen, die wir uns vor ein paar Jahren schon einmal angeschaut hatten. Es ist eine herrliche Wanderung mit vielen fantastischen Ausblicken, die wir sehr genießen. Die Panoramen, die sich auftun, sind schlichtweg atemberaubend, und die Lichtspiele in der klaren Luft sind wunderbar. Natürlich versuchen wir, alles auf Fotos festzuhalten. Aber ich denke, die Bilder geben nur die halbe Schönheit wieder. So was muss man einfach selber sehen und fühlen!

Die Kegel selbst bestehen aus großen Gesteinsbrocken, zeigen teilweise Spalten und eigenartige Wälle an der Basis. Ein Kegel kollabiert auf einer Seite, aber Ernst und ich sind uns nicht sicher, ob diese Kegel Eis enthalten. Da gibt es noch was für die nächsten Jahre zu tun. Auf dem Rückweg folgen wir dem Fluss Kvadehukelva über einige Firnfelder, bis er in einer steilen Schlucht fließt und wir wieder steil bergauf aus dem Einschnitt steigen müssen. Dabei sehen wir die mit knapp 1 m Durchmesser größten Konkretionen, die ich jemals gesehen habe. Einfach fantastisch. Um 18:00 Uhr sind wir an der Hütte zurück und fangen an zu packen. Wir wollen heute noch die gesamte technische Ausrüstung zum Bootsanlegeplatz bringen, damit wir morgen schneller sind. So gehen bereits zwei Alukisten und zwei große Säcke zum Strand, während Andreas uns Abendessen kocht.

Das sonnige Wetter ist dichtem Nebel gewichen, und wir sind froh, dass es einen Weg zu Geopol gibt, dem wir folgen können. Schade, dass es morgen schon wieder vorbei ist! Ich mag diese Hütte sehr gern und könnte definitiv noch länger bleiben. Gerade wegen ihrer einsamen und exponierten Lage und weil alles aufs Wesentliche reduziert ist. Und sie ist sehr gemütlich. Vorausgesetzt, man kann es mit drei anderen Leuten auf so engem Raum aushalten. Alles ist voll, aber jeder hat seinen eigenen kleinen Raum, in dem er sein privates Chaos anrichten kann. Richtig unangenehm wird es eigentlich nur, wenn alle Klamotten nass sind und man dann eine Luftfeuchtigkeit in der Hütte hat, die einem tropischen Regenwald vermutlich in nichts nachsteht. Und dann erst am nächsten Tag wieder in die feuchten Klamotten! Ein Traum! Die Küche reinigen wir übrigens täglich. Auf dem Gebiet hat sich Ernst locker einen Nobelpreis verdient! Oder zumindest die goldene Abspül-Anstecknadel. Der Geruch nach mehreren Tagen ohne Dusche hält sich noch in Grenzen. Seit wir uns alle mit Produkten einer bestimmten Firma eingekleidet haben, die Kleidung aus Merinowolle herstellt, hat das zum allgemeinen Wohlbefinden sehr beigetragen. Das Zeug ist teuer, aber jeden Cent wert!

Fotos

Die Geopolhütte
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  • Die Hütte von innen
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  • Regenbogen über Kvadehuksletta
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  • Eisenstangen im Boden sollen uns im nächsten Jahr Bodenbewegungen anzeigen
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  • Utensilien für den Toilettenbesuch. Zu sehen ist auch der Rippenknochen eines Wals.
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Montag, 17.7.2017

7:00 Uhr. Dennis schmeißt uns alle aus den Federn, weil er mit dem Drachen fliegen will, um Bilder zu machen. Eher widerwillig schälen wir uns aus unseren Schlafsäcken, da der Wind um die Hütte heult und jeder – bis auf Dennis – der Meinung ist, dass der Wind viel zu stark sei, um den Drachen fliegen zu können. Als ich die Hüttentüre aufmache, schlägt mir der Wind erst einmal den Regen ins Gesicht. Toller Tagesanfang! Jedenfalls ist das Frühstück hergerichtet. Ratet mal, was es gibt? Natürlich! Nudelsuppe und Tee. Diese Mal kriege ich die Gemüsesuppe ab. Der Tag wird immer besser!

Mittlerweile sind der Wind und Regen so stark, dass beim besten Willen nicht mehr an Arbeiten zu denken ist. Wir besprechen die Lage und verziehen uns dann erst einmal wieder in unsere Schlafsäcke, um den Schlaf nachzuholen, den uns Dennis heute Morgen geraubt hat. Das Wetter ändert sich hier extrem schnell. Innerhalb von Minuten kann man von sonnigem Wetter in einem Regenschauer enden. Auch der Wind macht was er will und ist nicht sonderlich planbar. Das macht speziell Dennis‘ und Andreas‘ Leben nicht leichter. Ernst und ich beschließen, eine Regenunterbrechung zu nutzen, um unseren Graben zuzuschütten und unsere Ausrüstung zurückzubringen. Insgesamt würde ich schätzen, dass wir gut 3 m3 lehmig-tonigen Boden mit vielen Steinen wieder in den Graben schaufeln mussten. Der Boden ist sehr schwer und wassergesättigt, und wir kommen beide gut ins Schwitzen. Während wir so vor uns hin schaufeln, bildet sich ein wunderbarer Regenbogen, der gefühlt keine 500 m vor uns den Boden berührt. Zeit für eine Fotopause!

Irgendwann nach zwei Stunden ist es dann geschafft. Wir machen noch „Beweisfotos“ von unserem zugeschütteten Graben und gehen dann zur Hütte zurück, weil dicke Regenwolken im Anzug sind. Warum machen wir uns die Arbeit, in dieser gottverlassenen Gegend einen Graben zuzuschaufeln? Im Winter fahren hier Leute mit ihren Skimobilen, und wir wollen sicherstellen, dass sie nicht mit mehr als 50 km/h in ein 1 m tiefes Loch fahren. Außerdem gilt wie überall, dass man die Landschaft möglichst so hinterlassen soll, wie man sie vorgefunden hat. Somit ist es Ehrensache, den Graben wieder zuzuschütten.

Mittags gibt es Nudelsuppe und Tee – an dieser Front nichts Neues! Das Wetter ist eine Spur besser geworden, und Ernst und ich beschließen, mit den ca. 1 m langen Stangen aus Armiereisen Profile über zwei Steinkreise zu legen. Wir wollen die Stangen in regelmäßigen Abständen einschlagen. Sollte sich der Boden unterschiedlich stark beim Gefrieren und Auftauen bewegen, sollten sich die Abstände zwischen den Stangen verändern. Vorausgesetzt, die Veränderungen sind größer als unser Messfehler, sollten wir sie nächste Jahr beobachten können. Oder vielleicht erst in 5 Jahren – ähnlich wie bei unseren Farbmarkierungen. Die Dokumentation unserer Arbeit, das Einschlagen und Einmessen der Stangen sowie das Absichern unserer Messgebiete beschäftigen uns den ganzen Nachmittag. Gott sei Dank bleibt es bis auf ein paar Schauer trocken. Pünktlich zum Abendessen kommt aber wieder sehr starker Wind auf, und es fängt an zu regnen. So schlechtes Wetter haben wir in all den Jahren hier noch nicht erlebt. Selbst die Hütte wackelt! Wie müssen unsere ganze Ausrüstung vor dem Wegfliegen schützen, und ich denke, es wird eine unruhige Nacht.

Dennis und Andreas konnten heute nicht den Drachen fliegen lassen, da der Wind den ganzen Tag über zu stark war. Ein Versuch endete mit dem Reißen der Drachenschnur. Nur Glück, dass kein Material kaputt ging und der Drachen geborgen werden konnte. Dafür hat Dennis heute Rouladen, Blaukraut und Semmelknödel gekocht – alles aus der Büchse bzw. dem Kochbeutel. Trotzdem war es eine schöne Abwechslung zu Nudeln und Reis mit Sauce. Geopol ist mittlerweile Heimat geworden, und wir alle genießen das „einfache Leben“ in unserer Bauwagen-ähnlichen Hütte. Jeweils ein Stockbett auf einer Seite, ein kleiner Holzofen, den wir allerdings noch nie angemacht haben, ein Tisch mit einem Zweisitzer-Sofa und zwei Stühlen sowie eine Luxusküche bestehend aus zweiflammigem Gaskocher, kleinem Vorratsschrank und Spüle. Alles, was man braucht und kein Stück mehr. Ideal für vier Leute, vorausgesetzt, man versteht sich. Aber wir sind ja ein eingespieltes Team und wissen, wie wir alle ticken.

Im Inneren der Geopolhütte ist es normalerweise recht gemütlich, denn vier mal 100 W Körperwärme plus die Wärme vom Gaskocher machen es ausreichend warm. Berühmt-berüchtigt sind auch die Magazine, die man in Geopol findet. „Jakt & Fiske“ aus dem Jahr 2008 ist immer sehr beliebt, und wir haben es alle seit unserem ersten Besuch im Jahr 2011 jährlich mindestens einmal gelesen. Bzw. haben wir die Bilder von Fischen und Rehen angeschaut – keiner von uns kann ja Norwegisch. Da muss Andreas manchmal übersetzen. Die Hütte hat natürlich kein fließendes Wasser. Alles was man braucht muss man aus einem nahen See holen. Eine Toilette gibt es natürlich auch nicht. Da darf sich jeder mit dem Spaten auf dem Weg machen. Drei Dinge braucht der Mann: Spaten, Klopapier und Gewehr. Ein völlig neues Gefühl. Spannend wird es bei starkem Wind und Regen – da entwickelt jeder seine eigene Strategie und Technik.
Gerade haben die anderen drei Kerzen angezündet – ein absolutes Novum. Wir haben noch nie hier Kerzen angezündet. Ich frage mich, ob ich mir Sorgen machen muss? Unsere Gespräche kreisen um Geologie, schwedische Kultur, Arktis-Expeditionen und alles, was uns sonst noch in den Kopf kommt. Das Fernsehen und Internet vermissen wir jedenfalls nicht. Obgleich ein guter Wetterbericht durchaus seine Vorteile hätte. So, das war es für heute: das Mack-Bier wartet! Wenn man jede Büchse zur Hütte hat schleppen müssen, schmeckt es besonders gut!

Fotos

1 Abb. 311 Verpflegung für unseren Aufenthalt: Nudelsuppen
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  • Probennahme aus dem Grabenprofil
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  • Ernst beim Graben
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  • Die maximale Tiefe des Grabens ist bei ca. 90 cm erreicht
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Sonntag, 16.7.2017

Yum-Yum-Nudelsuppe und Tee zum Frühstück – same procedure as everyday! Wir haben übrigens jede Menge Geschmacksrichtungen: Rind, Hühnchen, Shrimp, Ente, Gemüse, Curry, Kimchi! Da ist für jeden Feinschmecker was dabei! Wir fragen uns seit Langem, wie man eine Kuh so fein pulverisieren und in ein Geschmacks-Tütchen verpacken kann? Vielleicht sollte ich die Nudelsuppen etwas mehr im Detail beschreiben. Man öffnet also die knallbunte Tüte mit tollen Aufdrucken von leckerem Essen, und zum Vorschein kommt ein 8x8x3 cm3 großer Block von Nudeln, ein Päckchen ölige Paste und das besagte Geschmacks-Tütchen. Jetzt könnte man ja meinen, dass es relativ simpel ist, sich daraus eine Nudelsuppe zu machen. Weit gefehlt! Der erste Unterschied beginnt bereits vor dem Aufreißen. Ich z.B. breche die Nudeln bereits im Paket, dann brauche ich sie nur mehr in den Teller zu schütten und habe hinterher keine „endlos“ langen Nudeln. Ernst wiederum reibt die Paste zuerst zwischen den Händen, damit durch die Reibungswärme ein flüssiges Öl entsteht. So bekommt er mehr Öl aus der Tüte. Andere Leute wiederum verfeinern ihre Suppe mit was immer gerade zur Verfügung steht – mit mehr oder weniger guten Erfolgen.

Die Frühstücksdiskussion kreist um unsere gesunde Ernährung. Wir sind alle tief beeindruckt von der Vielzahl an „E-Vitaminen“, die so eine kleine Packung enthält. Nicht weniger als 14-15 E-Inhaltsstoffe sind in mancher Packung. Die Rinderversion enthält z.B. E319, E320, E621, E631, E627, E330, E150c, E500, E452, E451, E296, E466. Guten Appetit! Aber praktisch sind sie: wenig Gewicht zu schleppen, schnell zu machen, und eine warme Suppe bei den niedrigen Temperaturen weckt definitiv die Lebensgeister. Ernst vermutet, dass uns jede gegessene Suppe 15 Minuten unseres Lebens kosten könnte – da kommt bei der Zahl der Suppen, die wir in den letzten Jahren gegessen haben, schon einiges zusammen.

Nach dem Frühstück widmen sich Ernst und ich wieder unserem Graben. Es ist zwar anstrengend, aber wir kommen gut voran und der Graben wird breiter und tiefer. Alles wird von einer festen Kamera dokumentiert, die Bilder im Abstand von 30 Sekunden aufnimmt. Daraus werden wir zuhause einen Film basteln, der für Vorträge und ähnliches genutzt werden kann und auch unsere Arbeit und Probennahme dokumentiert. Wir nehmen Proben entlang unseres Profils quer über den Steinkreis von der Oberfläche, von 15 cm Tiefe und von 40 cm Tiefe und beobachten interessante Details in unserem Profil. Gegen 14:00 Uhr beginnt es stark zu regnen und wir müssen vorläufig abbrechen. Zeit zur Hütte zu gehen und eine Nudelsuppe zu Essen. Dennis und Andreas kommen wenig später ebenfalls zur Hütte, da auch sie keine Polebilder mehr machen können. Es regnet einfach zu stark!

Während die drei anderen die Regenzeit für ein Nickerchen nutzen, schreibe ich am Blog. Nachdem der Regen nachgelassen hat, gehen Ernst und ich zurück zu unserem Graben. Leider ist er teilweise mit Wasser vollgelaufen und ein Teil ist eingestürzt. Sehr ärgerlich, aber es hilft ja nichts. Wir erweitern den Graben und vertiefen ihn. Bei ca. 90 cm Tiefe erreichen wir eine Kiesschicht, die wasserführend ist und jede Menge Wasser in den Graben eindringen lässt. Unsere Hoffnung, bis zum Permafrost graben zu können, ist damit hinfällig. Nichtsdestotrotz sind wir froh, dass wir so tief gekommen sind. So einen langen und tiefen Graben haben wir in all den vorherigen Jahren nicht zustande gebracht. Insgesamt haben wir 30 Proben aus unterschiedlichen Tiefen und von unterschiedlichen Teilen des Steinkreises nehmen können, die für eine sehr schöne Masterarbeit genügend Material und spannende Ergebnisse liefern sollten. Als uns Dennis zum Essen abholt, sind wir gerade dabei, systematische Temperaturmessungen von den 30 Probensammelstellen zu machen. Es ist sehr schön zu sehen, wie die Temperatur mit der Tiefe und der Position im Steinkreis variiert. Somit konnten wir die Ergebnisse aus dem letzten Jahr bestätigen. Bei Spaghetti mit Thunfischsoße und dem obligatorischen Bier klingt der Abend aus.

Fotos

Markierungen aus dem Jahr 2012 auf einem Steinkreis
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  • Steinkreis, durch den wir ein Profil graben wollen
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  • Wolkenstimmung mit Resten von Schnee
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Samstag, 15.7.2017

Endlich! Der erste Tag im Gelände! Nach der üblichen Nudelsuppe mit Tee zum Frühstück machen wir uns fertig. Alles Wichtige kommt in den Rucksack, wird nochmals überprüft. Als erstes wollen wir jene Steinkreise besuchen, die wir 2012 mit Farbe markiert haben. Sollten sich die Gesteinswälle der Steinkreise in den letzten Jahren verändert haben, so sollten wir dies sehen können. Bei unseren letzten Besuchen waren zwar zunehmen Veränderungen zu beobachten, aber wir waren uns nie ganz sicher, ob das nicht auch durch Wind oder Rentiere verursacht sein könnte. Allerdings hatten wir schon in den letzten Jahren bestimmte Bewegungsmuster bei den zwölf markierten Steinkreisen beobachtet, die einen Zusammenhang mit der Bildung der Gesteinswälle nahelegen. Das Wiederfinden der markierten Steinkreise ist selbst mit GPS nicht leicht, aber glücklicherweise hatten wir 2012 Steinmännchen gebaut, die wie eine rote Blinklaterne in der eintönigen Landschaft auffallen. Auch hier gibt es eine strikte Arbeitstrennung: Dennis und Andreas kümmern sich um die „Pole-Bilder“. Dabei handelt es sich um Bilder einer Kamera, die an einer ca. 3 m langen Stange befestigt ist. So bekommt man einen sehr guten Blick von oben. Diese Bilder können später zu einem großflächigen Mosaik zusammengesetzt werden, die dann in ArcGIS (Geoinformationssystem-Software) eingebunden werden können. Ernst und ich machen Detailaufnahmen von allen möglichen Blickwinkeln und beschreiben die Veränderungen in unseren Feldbüchern. Zuhause angekommen, werden alle Bilder von allen Teilnehmern und alle Feldbücher digital auf einem Server abgelegt. So hat jeder jederzeit Zugriff auf alle gewonnen Daten. Das hat sich in den letzten Jahren sehr gut bewährt.

Heuer sehen wir zum ersten Mal deutliche und eindeutige Veränderungen an den markierten Steinkreisen. So wurden in vielen Fällen unsere Farblinien in der Mitte des Steinwalls unterbrochen und markierte Gesteinsbrocken an den Wallrändern begraben. Andere Gesteinsbrocken wurden rotiert oder freigelegt. Da wir an allen Steinkreisen das gleiche Muster beobachten, können wir davon ausgehen, dass die Bewegungen mit der Bildung der Gesteinswälle zu tun haben. Gleichzeitig bedeutet es auch, dass der Bildungsprozess relativ schnell ablaufen muss – schließlich beobachten wir die Steinkreise erst seit fünf Jahren. Andererseits zeigt das Beispiel aber auch sehr schön, dass man in der Wissenschaft oft Geduld aufbringen muss, um gute Ergebnisse zu bekommen. Wir sind jedenfalls glücklich, dass sich unsere Strategie bezahlt gemacht hat. Gegen Abend suchen Ernst und ich uns einen schönen Steinkreis, durch den wir in den nächsten Tagen ein Profil graben wollen und Proben nehmen wollen. Ein erster Kandidat ist schnell gefunden. Mit einem Erdbohrer testen wir, wie trocken der Steinkreis ist. Ist er zu nass, wird das Graben unmöglich, da das tonig-schluffige Material in den Graben „fließen“ würde.

Nach ca. 30 cm steckt der Erdbohrer bereits im Wasser. Unser erster Steinkreis ist also unbrauchbar für unsere Zwecke. Weiter geht die Suche! Da die Steinkreise auch nicht zu groß sein sollten, um den Grabungsaufwand zu minimieren, ist es gar nicht so leicht sich festzulegen. Aber Ernst und ich finden letztlich doch noch einen, der uns gefällt. Habt ihr schon mal einen Weihnachtsbaum im Wald ausgesucht? So ähnlich müsst ihr euch das vorstellen. Man sieht den Steinkreis vor lauter Steinkreisen nicht mehr. Oder so ähnlich! Wir beginnen mit einer detaillierten Beschreibung des Steinkreises und machen jede Menge Fotos. Ernst hat sich auf Stereofotos spezialisiert. Dabei nimmt er systematisch Hunderte von Bildern aus unterschiedlichen Höhen und Blickwinkeln auf. Aus diesen Bildern lässt sich dann zuhause ein dreidimensionales Höhenmodell des Steinkreises errechnen.

Nachdem diese erste Aufnahme erledigt ist, legen wir das Grabungsprofil fest. Per Zufall verläuft unser gewähltes Profil genau in Nord-Süd-Richtung. Dann schlagen wir unsere Eisenstangen in den Boden, die das Material beim Graben stabilisieren und ein Fließen verhindern sollen. Wir beginnen mit einem ersten Graben ca. 1 m von den Stangen entfernt und wollen uns dann langsam an die Stangen heran graben. So hoffen wir, die Struktur des Steinkreises gut beobachten und erfassen zu können. Nach 10 Minuten sind wir nass geschwitzt. Das Material ist extrem schwer zu graben und durch den hohen Wasseranteil auch sehr kohäsiv. Ein wahres Vergnügen! Trotzdem schaffen wir einen ca. 50 cm breiten Graben auszuheben. Dennis und Andreas fliegen mittlerweile mit dem Drachen. Wir haben eine Kamera darunter hängen, mit der wir große Gebiete abdecken können. Der Wind ist heute extrem stabil und bietet ideale Aufnahmeverhältnisse, d.h., dass der Drachen sehr ruhig und in einer konstanten Höhe in der Luft steht. Bei böigem Wind steigt und sinkt der Drachen, und die Kamera wir mehr umhergeschleudert. Das macht natürlich bei der Nachbearbeitung der Bilder, z.B. bei der Mosaikgenerierung, Probleme. Aber heute herrschen wie gesagt perfekte Bedingungen, und Dennis fliegt solange bis der Wind einschläft.

Mittlerweile ist es 20:30 Uhr, und bei jedem von uns stellt sich der Hunger ein. Andreas macht uns Reis mit Fleischsoße. Der besondere Clou sind die Kokosscheibchen in der Soße, die dem ganzen Essen einen südländischen Touch geben. Da fährt man nun bis auf 79 Grad nördlicher Breite und isst Kokosnuss! Am Abend kommt nach einem kurzen Nebelintermezzo mit 200 m Sichtweite noch die Sonne raus und es ist relativ mild. Wir genießen unser tägliches Bier im Sonnenschein vor der Hütte! Das Panorama ist schlichtweg atemberaubend, und jeder macht natürlich Fotos. Jetzt kommen wir seit Jahren hierher, aber jeder von uns ist noch immer begeistert von der Landschaft. Es gibt immer noch die Ahhh- und Ohhh-Momente!

Fotos

Beim Schießtraining (Ernst Hauber in orange, Harald Hiesinger in schwarz)
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  • Abfahrt mit dem Motorboot
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  • Harald Hiesinger auf der Fahrt zum Kongsbreen-Gletscher
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  • Anlandung. Die Überlebensanzüge bleiben am Strand und werden mit Steinen beschwert.
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  • Steinmännchen mit Kamera
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  • Ernst Hauber (r.) und Dennis Reiss beim Installieren der Datenlogger
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  • Überblick über das Untersuchungsgebiet mit den zwei Steinmännchen, auf denen die Kameras montiert sind. Es ist der Abbruch des Schuttmaterials zu sehen, das nach links abfließt.
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  • Robbe am Absetzpunkt des Motorbootes
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  • Die Geopolhütte von außen
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  • Bayerische Flagge an der Geopolhütte
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Freitag, 14.7.2017

Wir haben gestern bzw. heute Morgen tatsächlich noch fast alles geschafft. Das Schießtraining haben wir zusammen mit koreanischen Kollegen absolviert. Dabei hat sich herausgestellt, dass einer ebenfalls Planetologe ist und wie wir in Spitzbergen Analogstudien betreiben will. Die Welt ist klein. Auch haben wir gestern zufällig eine ehemalige Studentin aus Münster getroffen, die nun in Köln promoviert. Eventuell ergibt sich daraus ja eine schöne Zusammenarbeit, da wir organisches Material, das von einem Schuttstrom, einem sog. Debris Flow, überdeckt wurde, dort datieren lassen könnten. Diese Material hatten wir bei einer früheren Grabung entnommen. Es würde uns erlauben, das Alter des Debris Flows zu bestimmen. Basierend auf der Auswertung von Luft- und Satellitenbildern sowie dem Messen der Durchmesser einer bestimmten Flechtenart konnten wir feststellen, dass solche Debris Flows in Spitzbergen viel häufiger und in kürzeren Abständen auftreten, als dies in der Literatur beschrieben ist. Die spannende Frage, die es zu klären gilt, ist, ob dies ein Indiz auf einen Klimawandel ist oder anders erklärt werden kann. Eine entsprechende Publikation zu diesem Thema haben wir eingereicht und warten noch auf die Begutachtungsergebnisse. Erstautor ist Hannes Bernhardt, der letztes Jahr als Münsteraner Doktorand mit nach Spitzbergen kommen konnte.

Doch zurück zum Schießtraining! Um 19:15 Uhr werden wir zum Schießstand gefahren. Nachdem die rote Flagge gehisst ist, wird zunächst der Gebrauch der Signalpistole geübt. Da die Munition begrenzt ist, lassen wir den Koreanern den Vortritt – wir haben ja schon in Bremerhaven beim AWI-Schießtraining damit geschossen. Ziel ist es, den Knallkörper zwischen dem Bär in ca. 100 m Entfernung und der eigenen Position zur Explosion zu bringen. Danach machen wir zunächst Trockenübungen ohne Munition. Unser Trainer lobt uns für die sichere Handhabung. Da macht sich die gute AWI-Ausbildung sehr bezahlt und auch die jahrelange Erfahrung, die wir mittlerweile haben. Auch beim Schießen klappt alles, und wir treffen die Zielscheibe aus 25 m dort, wo wir sie treffen sollen. Im Ernstfall einem Eisbären auf diesem Abstand gegenüber zu stehen, ist sicher wenig lustig. Bei einem Angriff wäre der Bär in ein paar Sekunden hier - da bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen, Schießen und Nachladen. Bei den Gewehren handelt es sich nämlich um Repetiergewehre, die aufgrund ihrer enormen Robustheit verwendet werden, aber eben nur eine gewisse Schussfolge haben, die auch von der Geschicklichkeit des Schützen abhängt. Die Dinger funktionieren aber einfach immer. Das AWI verwendet eine größere Munition, das sog. Kaliber 030-06 mit einer gelochten Spitze. Dadurch splittert die Kugel sehr stark auf und verursacht maximalen Schaden. Wenn man schießen muss, dann nur um zu töten. Warnschüssen werden nicht gemacht da man nur vier Patronen im Gewehr hat. Wir hoffen also immer, dass wir KEINEN Eisbären begegnen. Allerdings kann man das manchmal nicht verhindern, da wir in sehr unübersichtlichem Gelände unterwegs sind. Einer von uns passt also immer auf – so ist zumindest der Plan. Zweimal schon haben wir in den letzten Jahren Kontakt mit Eisbären gehabt. Glücklicherweise aber war der Abstand (300-400 m) jedes Mal so groß, dass keine Gefahr bestand.

Das Schießen läuft nach einem festen Plan ab: Zuerst werden 4 Schuss kniend geschossen, dann 4 Schuss stehend und zuletzt 4 Schuss stehend auf Zeit. Alle vier Schüsse müssen dann in 10 Sekunden sitzen. Dennis wird heuer unser Schützenkönig, aber auch Ernst und ich schießen gut und bestehen den Kurs. Das ist sehr wichtig, da wir nun offiziell Waffen tragen dürfen und somit überhaupt ins Gelände dürfen. Nur so ist unsere Arbeit möglich. Um ca. 22:00 Uhr sind wir mit dem Schießen fertig. Wir machen uns bereit für die Motorbootfahrt zum Kongsbreen-Gletscher, auf dessen Seitenmoräne wir seit Jahren arbeiten. Dazu müssen wir in Überlebensanzüge schlupfen, die im Ernstfall vor Unterkühlung schützen sollen. Damit schauen wir buchstäblich wie Marsianer aus. Dennis hat unser Material mit dem Elektroauto zum Hafen gebracht und mir versichert, dass Elektroautos die Zukunft sind. Wie sagt man in Bayern: Schau mer mal!

Normalerweise können wir uns für unsere Arbeit ein kleines Schlauchboot mit 25 PS vom AWI ausleihen. Das ist zwar nicht sonderlich schnell, aber immer noch schneller als zu Fuß durch das unwegsame Gelände zu laufen. Dieses Mal haben wir aber Glück und bekommen das mit 100 PS motorisierte PE-Hartschalenboot. Damit fährt es sich wesentlich schneller und entspannter. Und wenn wir durch die Eisberge fahren, fühlt man sich deutlich sicherer. Nicht die großen Eisberge sind übrigens das Problem, sondern die 25-50 cm großen, die kaum auf einer welligen See zu sehen sind. Da muss man sehr genau aufpassen. Nach anfänglichen Problemen mit der Austrimmung des Boots kommen wir aber sicher und schnell an unserem Arbeitsplatz an. Ist nicht ganz so wie Busfahren in Münster, aber ähnlich.

Die Zeit ist heute etwas kritisch, da wir von der Wachhabenden der AWI-Station die Anweisung erhalten haben, bis 1:00 Uhr morgens wieder zurück zu sein, da sie erst dann ins Bett gehen kann, wenn alle Teilnehmer sicher zurück sind. Danke Verena, dass Du für uns so lange wach geblieben bist! Das Boot wird an der Landestelle über zwei Anker vertäut, die Waffen unterladen, und schon geht es los. Da wir für die Motorbootfahrt ca. 1 Stunde gebraucht haben, bleiben uns nur ca. 30-45 Minuten, um alle Messgeräte aufzustellen und in den Hafen rechtzeitig zurückzukommen. Darum geht es fast im Dauerlauf die ca. 50-70 Höhenmeter hinauf zu unserem Untersuchungsgebiet. Eine interessante Stelle ist schnell gefunden, und die Arbeitsteilung beginnt. Andreas macht Fotos des Gebiets, Dennis macht Löcher mit unterschiedlicher Tiefe, um darin seine Datenlogger zu vergraben, Ernst und ich bauen Steinmännchen, um darin unsere Kameras zu befestigen. Diese Logger und Kameras werden in den nächsten zwei Wochen kontinuierlich Daten gewinnen – wenn alles gut geht und funktioniert. Die Kameras werden alle paar Minuten Bilder aufnehmen, die wir dann zu einem Video kombinieren können, und die Logger geben uns Aufschluss über Boden- und Lufttemperatur sowie Bodenfeuchte. Andreas hat noch Logger mitgebracht, die wir schon 2008 eingesetzt hatten. Der Vorteil dieser Logger ist, dass sie kontinuierlich bis nächstes Jahr bei unserer Rückkehr Messungen machen können.

Nachdem wir alles aufgebaut haben, wird es auch schon höchste Zeit für unsere Rückfahrt. Mittlerweile ist Wind aufgekommen, und so gestaltet sich die Fahrt als sehr unruhig. Gott sei Dank haben wir das größere Boot. Mit dem Schlauchboot wäre es deutlich weniger angenehm und deutlich nasser. Und langsamer. Um 1:20 Uhr machen wir im Hafen fest und melden uns per Funk bei Verena zurück. Fast pünktlich! Jetzt muss noch klar Schiff gemacht werden und das Boot betankt werden. Im Notfall kann so jeder das Boot nehmen, um Hilfe zu leisten. Nachdem wir auch unsere Waffen zurückgegeben haben und uns aus unseren Überlebensanzügen geschält haben, ist es Zeit für einen kleinen Snack in der Kantine. Diese hat rund um die Uhr geöffnet, und man kann sich dort einfach selbst bedienen. Unsere Wahl fällt auf Tee, Kekse und Ölsardinen. Eine zugegebenermaßen eigenartige Mischung, aber irgendwie jetzt genau das Richtige.

Als wir in der Kantine sitzen, fängt es an zu regnen. Laut Wettervorhersage soll es auch bis ca. 15:00 regnen. Darum war es uns auch so wichtig, die Geräte noch in der Nacht aufzustellen. Bei Regenwetter macht es deutlich weniger Spaß, und außerdem erhalten wir so Daten, wie sich der Regen auf unser Untersuchungsgebiet auswirkt. Wir vermuten nämlich, dass Regen durch die ca. 1 m dicke Schuttschicht der Seitenmoräne sickert, sich auf deren geneigter Eisoberfläche sammelt und dort das feinkörnige Material zu einem glitschigen Brei verwandelt, auf dem dann größere Brocken Schuttmaterial abrutschen können. Dadurch wird das Gletschereis exponiert und taut dann umso schneller ab. Die thermische Welle, die z. B. durch intensive Sonnenbestrahlung zu einem Tauen des Eises führen kann, halten wir für weniger effektiv beim Abtauen des Gletschereises. Nun müssen wir unsere Theorie nur noch untermauern können. Aber dazu sind wir ja schließlich hierhergekommen.

Nach einem „Absackerbier“ in unserer Unterkunft fallen wir um ca. 3:30 Uhr ins Bett. Ach ja, das Bier – fast hätte ich es vergessen. Man braucht seine Bordkarte aus dem Flugzeug, um Bier und Spirituosen kaufen zu können. Eine Palette mit 24 Büchsen ist pro Monat erlaubt. Wein unterliegt keiner Einschränkung. Als wir heute Morgen wach wurden, regnet es noch immer heftig! Unsere Entscheidung, eine Nachtschicht einzulegen, hat sich also voll bezahlt gemacht. Generell ist es hier sehr wichtig, schnell und flexibel seine Pläne an die Gegebenheiten anzupassen. Mal sehen, wie, wann und ob wir heute zu unserer zweiten Forschungsstation, der „Geopolhütte“ auf Kvadehuksletta, kommen werden. Es bleibt spannend!

Update: Wir sind an der Hütte angekommen!

Für die Tour zu Geopol müssen wir uns aufteilen, weil das Boot nicht unser Gepäck und vier Leute transportieren kann. Ernst und Dennis wollen laufen, Andreas und ich fahren mit dem Boot. Bei der Ankunft an unserer üblichen Landestelle Kongsfjordneset steht der Wind so ungünstig, dass wir in einer kleinen Bucht mit großen Steinen landen müssen. Rodolphe, unserem Bootsführer, bleibt nicht viel Platz aber, er bringt uns sicher an Land. Das Ausladen muss wegen der Wellen sehr schnell gehen. Nachdem wir aus unseren Überlebensanzügen geklettert sind und sie aufs Motorboot geschmissen haben, ist das Boot auch schon wieder weg. Jetzt sind wir alleine und auf uns gestellt.

Andreas und ich müssen erst einmal alles Gepäck über das 2-2,5 m hohe Kliff bringen – ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Wir laden alles auf einen kleinen Wagen und machen uns auf den Weg. Wir ziehen mit aller Kraft und müssen mehrmals Pause machen. Der Wagen ist schwer, jeder von uns hat einen großen Rucksack auf dem Buckel, und das Gewehr muss auch noch geschleppt werden. Ziemlich fertig kommen wir schließlich bei der Geopolhütte an. Ein winziger Punkt in der Weite von Kvadehuksletta. Erste Aufgabe ist es, die Fensterabdeckungen abzunehmen und Wasser aus dem 100 m entfernten See zu holen. Wir brauchen jetzt erst einmal einen Tee und eine Nudelsuppe. Gut, dass wir die Essenskiste als erstes mitgeschleppt haben. Dann geht es zurück zum Strand, um die zweite Ladung zu holen. Wir müssen uns beeilen, da wir über Satellitentelefon Kontakt mit dem Blauen Haus aufnehmen müssen. Dies ist üblich, um die Sicherheit der Leute außerhalb der Ortschaft zu garantieren. Dann wieder Wagen aufladen und wieder ziehen wie die Ochsen. Was machen wir hier eigentlich? Aber auch diese Tortur geht vorbei, und auf den letzten 200 m kommen uns Ernst und Dennis entgegen und helfen uns. Sie berichten, dass der Weg von Ny Alesund viel schwieriger war als sonst, da aufgrund des Regens der letzten Tage die Bäche ungewöhnlich viel Wasser führten. Als letze offizielle Amtshandlung wird noch die bayerische Flagge gehisst. Dennis‘ Kommentare darüber werden großflächig ignoriert! Extra bavariam nulla vita et si est vita non est ita! Aber woher soll er das wissen? Wir sind alle recht müde, und nach einer weiteren Nudelsuppe und einem Bier geht es in den Schlafsack.

Fotos

Landeanflug auf Spitzbergen
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  • Mary-Ann's Polar Rigg
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  • Das Polar Rigg von innen
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  • Ein Haufen Gepäck
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  • In einer kleinen Propellermaschine geht es nach Ny Ålesund.
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  • Blick ins Cockpit
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Donnerstag, 13.7.2017

Wir sind in Spitzbergen! Nachdem wir uns gestern Abend in Oslo mit Ernst Hauber vom DLR in Berlin und Dr. Andreas Johnsson von der Universität in Göteborg getroffen haben, haben wir auch das letzte Stück Weg mit einer Boeing 737-600 hinter uns gebracht und sind in Longyearbyen um 0:15 Uhr gelandet. Oslo haben wir bei Sonnenschein und dicken schwarzen Regenwolken verlassen, die zusammen ein sehr stimmungsvolles Licht auf die Landschaft zauberten. Spitzbergen empfängt uns mit trüben, regenverhangenem Wetter mit mehreren Wolkenschichten. Fotografieren war bis auf ein paar wenige Bilder unmöglich. Abbildung 1 zeigt, was man bei besserem Wetter hätte sehen können. In der Tat regnet es ungewöhnlich stark, und wir hoffen, dass bei diesem Wetter unser Flug nach Ny Ålesund morgen überhaupt stattfinden kann. Temperatur um 1:00 Uhr nachts: +7 Grad Celsius. Zeit, den Faserpelz und den Windbreaker aus dem Handgepäck zu holen. Mit dem Taxi bringen wir unsere Ausrüstung zu Mary-Ann's Polar Rigg (Abb. 2), und nachdem alles ausgeladen ist, teilen sich Dennis und ich sowie Ernst und Andreas jeweils ein Zimmer. Es stellt sich heraus, dass Dennis und ich ein Doppelbett teilen dürfen. Gaaanz großes Kino!

Insgesamt waren wir seit dem Aufstehen gestern gut 22 Stunden unterwegs, wobei wir allerdings aufgrund des eigenartigen SAS-Flugplans die meiste Zeit auf den zugegebenermaßen architektonisch interessanten Flughäfen in Kopenhagen und Oslo verbracht haben. Nach ein paar Stunden Schlaf regnet es noch immer in Strömen. So viel für unser trockenes Eiswüstenanalog zum Mars. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Blick auf einen ausgestopften Eisbären gehen wir noch kurz letzte Besorgungen in den "Svalbardbutikken", dem örtlichen Supermarkt, machen. Selbst der Supermarkt ist für Leute mit Gewehr ausgerichtet und bietet die Möglichkeit, Gewehre am Eingang abgeben zu können. Eine Mitnahme in den Supermarkt ist verboten, ebenso in die Post und die Bank. Es gibt sicher einen Grund dafür ... Innerhalb der Ortsgrenze muss das Gewehr immer entladen und der Verschluss geöffnet sein. So kann jeder sofort sehen, dass von der Waffe keine Gefahr ausgeht. Eine simple, aber überaus effektive Regelung. Das Verlassen der Ortsgrenze ohne Waffe ist nicht gestattet.

Jetzt warten wir auf unseren Flug nach Ny Ålesund, der für 12:00 Uhr angesetzt ist und mit einer zweimotorigen Propellermaschine vom Typ Do28 stattfindet. Diese Maschinen sind unglaublich robust und wahre Arbeitstiere. Allerdings auch recht laute, so dass sich Ohrstöpsel während des Flugs empfehlen. Ladung und Passagiere teilen sich den Raum, nur Gewehre werden extra verladen; das Cockpit ist zum Passagierraum offen und ermöglicht den Blick auf die Arbeit der Piloten. Alles supercoole Jungs Marke "Top Gun". Allerdings gibt mir das Schild zu denken, nach dem akrobatische Flugkunststücke verboten sind. Vor dem Beladen der Maschine wird alles genau gewogen. Nicht nur, dass sich der Flugpreis zum erheblichen Teil aus der Gepäckmenge berechnet, die Maschine muss auch austariert beladen werden. Wird die Maschine zu schwer, könnte sie auf der Landepiste in Ny Ålesund zu weit in den weichen Boden einsinken und dabei Schaden nehmen. Deshalb kommt es öfter vor, dass Gepäck zurückgelassen werden muss und dann erst am nächsten Tag ankommt – wenn alles gut geht. Generell gibt es nämlich keine Sicherheit, dass die Flüge auch pünktlich fliegen. Bei schlechtem Wetter – wie derzeit – kann es durchaus passieren, dass man mehrere Stunden bzw. Tage festsitzt. Wir haben es selbst schon erlebt, dass sich der Rückflug nach Deutschland aufgrund von dichtem Nebel um fast zwei Tage verzögert hat.

Schlechtes Wetter war 1996 auch der Grund für den Absturz einer sowjetischen Passagiermaschine im Anflug auf Longyearbyen. Damals kamen alle Passagiere und Besatzungsmitglieder ums Leben – einige Trümmerteile haben wir vor ein paar Jahren selbst gefunden. Bei den Passagieren handelte es sich ausschließlich um Bergleute, die in der Ortschaft Pyramiden gearbeitet haben. Pyramiden und Barentsburg sind die zwei russischen Ortschaften auf Spitzbergen und waren zu Spitzenzeiten des Kohleabbaus bevölkerungsreicher als Longyearbyen. Heute ist zumindest Pyramiden eine Geisterstadt, allerdings mit großer Prachtstraße und Leninbüste. Ein Besuch in dieser skurrilen Stadt ist unbedingt empfehlenswert.

Im gleichen Hangar, in dem wir auf unseren Flug warten, steht auch der Sea-King-Hubschrauber des norwegische Gouverneurs. Der "Sysselmannen" ist die oberste Autorität in Spitzbergen und benutzt den Hubschrauber zu Kontrollflügen in die abgelegenen Teile des Archipels. Und natürlich dient er zu Rettungszwecken.

In Ny Ålesund angekommen, werden wir von einem Kleinbus abgeholt. Noch bevor der Bus abfährt, werden wir darauf hingewiesen, dass die Benutzung von Mobiltelefonen und WiFi in Ny Ålesund verboten ist, da sie die Beobachtungen des örtlichen Radioteleskops stören würden. Ein Ort ohne Mobiltelefone! Auch das gibt es im 21. Jahrhundert noch, und die Leute schauen tatsächlich dorthin, wo sie hinlaufen, und nicht auf ihr Handy. Und wild über Smartphones und Tablets wischende Finger sucht man hier auch vergeblich! Der absolute Albtraum für jeden WhatsApp-, Twitter-, und Facebook-Junkie, aber ganz angenehm für den Rest der Menschheit.

Nach dem Bezug unserer Unterkünfte findet traditionell die Einweisung in die Regeln Ny Ålesunds statt. So sind z. B. bestimmte Gebiete aus Gründen des Schutzes brütender Vögel komplett für Menschen gesperrt. Auch wird jeder an das richtige Verhalten im Umgang mit Eisbären und den Touristen der Kreuzfahrtschiffe erinnert. Bei beiden ist das Füttern verboten, und bei beiden soll nach Möglichkeit Schutz in den Häusern gesucht werden. Aber vielleicht habe ich da ja auch was falsch verstanden! Und ganz wichtig: die offiziellen Essenszeiten in der Kantine werden bekannt gegeben! So essen die "Stammbesatzung" und die Forscher zu unterschiedlichen Zeiten, um zu starken Andrang zu vermeiden. Generell wird viel Wert darauf gelegt, möglichst viele potenzielle Konflikte von vornherein auszuschließen. Alle Häuser sind in Ny Ålesund übrigens immer unverschlossen, sodass jeder bei einer Begegnung mit einem Eisbären Schutz suchen und den "Watchman" telefonisch über eine Notfallnummer informieren kann. Dieser warnt den Rest der Ortschaft und kümmert sich um das Vertreiben des Eisbären. Ein wichtiger Punkt nach der Ankunft ist auch die Organisation und Durchführung des Schießtrainings. Obwohl wir bereits ein solches Training beim Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhafen durchgeführt haben besteht Kings Bay AS auf ihr eigenes Schießtraining, bevor Waffen offiziell an uns ausgeliehen werden dürfen. Sicher ist sicher!

Ein Update - wir sind in Ny Ålesund angekommen

Heute Morgen sind wir mehr oder minder pünktlich von Longyearbyen nach Ny Ålesund gestartet. Was normalerweise ein spektakulär schöner Flug über die Gletscherwelt Spitzbergens ist, endete heute nach ca. einer Minute Flugzeit in dicken grauen Wolken. Sicht gleich null. Irgendwann sind wir dann aus den Wolken gesunken und zielgenau auf der Landepiste aufgesetzt. Erste Amtshandlung war die Registrierung bei Kings Bay, dann wurden wir zum Essen geschickt. Leckerer geräucherter Lachs macht das Regenwetter erträglich. Anschließend haben wir die AWIPEV-Stationsbesatzung kennengelernt (das Alfred-Wegener-Institut (AWI) betreibt die AWIPEV-Station gemeinsam mit dem französischen Polarforschungs-Institut "Paul Emile Victor" (IPEV)). Alles super Leute, die uns extrem behilflich sind und viele Dinge für uns organisieren und möglich machen. Weltklasse! Unser für 15:00 Uhr angesetzter Schießkurs musste leider aufgrund eines Notfalls auf 19:15 Uhr verschoben werden. Der Waffeninstruktor musste die Flugleitung für den Helikopter übernehmen, der die Person ausgeflogen hat. So ist das hier, fast jeder hat mehrere Aufgaben, inklusive dem Leiter der Forschungsstation, der heute den Bus vom Flughafen gefahren hat. Wir haben die Zeit mit Aus-, Um- und Einpacken verbracht und uns in das Motorboot einweisen lassen. Wie sich aber gerade herausgestellt hat, kriegen wir nun doch wieder ein anderes Motorboot und brauchen deshalb nochmals eine Einweisung. Auch haben wir noch die Datenlogger programmiert, die wir noch heute vergraben wollen. Und schließlich haben wir noch die Kameras programmiert, die wir heute aufstellen wollen und die dann für die nächsten zwei Wochen jede Minute ein Bild machen sollen. Wir planen nämlich, nach unserem Schießtraining noch unsere Messgeräte auf der Seitenmoräne des Koongsbreen-Gletschers aufzustellen, eine Befliegung mit einer an einem Drachen befestigten Kamera zu machen und auch Bilder mit einer in ca. 3 m Höhe befindlichen Kamera aufzunehmen. Es wird also ein langer Tag. Morgen soll es zumindest bis Mittag noch stärker regnen, aber dann scheint sich das Wetter zu beruhigen. Der Plan ist, morgen gegen Mittag zu unserer ersten Forschungsstation, der „Geopolhütte“, aufzubrechen. Dazu werden wir per Motorboot abgesetzt werden und müssen dann 100-200 Kilo Gepäck über ca. 1,5 Kilometer zur Hütte tragen. Da wir mehrere Tage auf dieser Hütte verbringen werden und dort weder Strom noch Internet haben, muss der Blog dann leider für ein paar Tage ruhen.

Fotos

Abb. 1: Der letztjährige Landeanflug auf Longyearbyen
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  • Am Flughafen Longyearbyen
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  • Abb. 2: Wegweiser am Flughafen von Longyearbyen
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  • Abb. 3: Die Uhr
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Mittwoch, 12.7.2017

Beep – Beep – Beep

Endlich, der Wecker ist aus! 5:00 Uhr. Goooood mooooorning Münster! Aufstehen, duschen, waschen, anziehen, los geht‘s! Ich hole Dennis Reiss ab, und schon sind wir auf der Autobahn in Richtung Düsseldorf-Flughafen unterwegs. Und im Stau ab Oberhausen ... Gott sei Dank haben wir reichlich Zeit eingeplant. Um kurz vor 8:00 Uhr kommen wir an. Unsere erste Aufgabe ist, beim Zoll vorbeizuschauen, um das Formular für die Ausfuhrgenehmigung einiger Ausrüstungsteile abzugeben. Nach 10 Minuten ist alles erledigt. Das Einchecken ist kurz danach auch erledigt – ohne für Übergepäck zahlen zu müssen! Ging schneller und besser als erwartet und ist rekordverdächtig. 8:20 Uhr – der erste Kaffee in der Lounge. Na also, geht doch! Nach dem zweiten Espresso steigen wir ein. Der Flug nach Kopenhagen verläuft völlig problemlos, und so sitzen wir bereits um kurz vor 12:00 Uhr in der SAS-Lounge. Dennis und ich werden die nächsten 5 Stunden damit verbringen, Manuskripte zu bearbeiten und MSc/BSc-Arbeiten zu lesen. Und dann sind da noch die üblichen 638494625174959 E-Mails, die beantwortet sein wollen. Das "richtige" Leben lässt uns noch nicht los ...

Um 17:05 Uhr werden wir weiter nach Oslo fliegen und dann um 21:35 Uhr weiter nach Longyearbyen (Abb. 1,2). Wenn alles gut geht, werden wir dort um 0:30 Uhr ankommen. SAS fliegt mehrmals täglich nach Longyearbyen, was uns die Sache erleichtert und die Kosten im erträglichen Rahmen hält. Für die Nacht haben wir uns ein Zimmer im "Mary-Ann's Polar Rigg" gebucht. Es handelt sich dabei um eine ehemalige Bergarbeiterunterkunft, die zum Hotel umfunktioniert wurde. Das Hotel befindet sich inmitten von Lagerhallen, Hafenanlagen und sonstigen Einrichtungen, die man sich für eine hübsche Unterkunft so wünscht. Dafür liegt es zentral und ist nur ein paar Minuten zu Fuß vom University Centre in Svalbard (UNIS; http://www.unis.no) entfernt, das auch ein sehr sehenswertes Museum und das North Polar Institute beherbergt. Interessierte Studierende können am UNIS Kurse zur Geologie, Geophysik, Biologie und Technologie belegen. UNIS ist die nördlichste höhere Bildungsanstalt der Welt und in einem Gebäude mit sehr interessanter und moderner Architektur untergebracht. Wie in den meisten Gebäuden gilt auch hier: Schuhe aus am Eingang. Alle laufen entweder in Socken oder Hausschuhen durch die Uni – ein Tribut an die Bergbautradition mit dem Ziel, möglichst wenig Kohlenstaub mit ins Gebäude zu tragen. Der Kohlenstaub ist aus Longyearbyen fast verschwunden – es ist nur noch eine Mine, Gruve 7, in Betrieb – aber die schöne Tradition bleibt. Kohlebergbau in Spitzbergen ist ein eigenes, umwelt- und sicherheitspolitisch heikles Thema, das den Rahmen hier sprengen würde, deshalb zurück zu unserer Unterkunft. Mary-Ann's Polar Rigg bietet eine einfache Unterkunft – Zimmer gerade groß genug für zwei Betten.

Wichtiger ist aber die Verdunklung des Fensters – auf Spitzbergen geht die Sonne im Sommer niemals unter. Da muss man sich erst wieder daran gewöhnen, strikt nach der Uhr zu leben. Ansonsten verfällt man sehr schnell in einen total verrückten Tagesablauf, inklusive Geländearbeit um 3:00 Uhr morgens. Den Fehler werden wir nicht noch mal machen. Apropos Uhr. Pünktlich zur Abfahrt ist das Armband meiner Uhr gerissen, und so musste ich heute Morgen die knallgelbe Nemo-Kinderuhr meiner Tochter "ausleihen" (Abb. 3). Ein Fashion Statement ohnegleichen, das sehr zur Erheiterung von Dennis beiträgt.

Fotos

Abb. 1: Die Forschungsstation Ny Ålesund
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  • Abb. 2: Das „Zentrum“ von Ny Ålesund mit der Büste von Roald Amundsen
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  • Abb. 3: Das „Blaue Haus“, die AWIPEV Basis und unser logistischer „Umschlagsplatz“
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  • Abb. 4: Ny Ålesund – ehemalige Bergbaustadt und Ausgangspunkt für die Luftschiffexpeditionen „Norge“ und „Italia“. Hinter dem Kohlenzug ist noch immer der Befestigungsmast der Luftschiffe zu sehen. Der dazugehörige Hangar ist im Laufe der Jahre zusammengebrochen.
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Dienstag, 11.7.2017

Die letzten Vorbereitungen laufen. Einen Großteil unserer Ausrüstung haben wir bereits im Januar per Schiff nach Ny Ålesund (Abb. 1,2) verschifft, und am Mittwoch werden Dr. Dennis Reiss und ich uns auf den Weg dorthin machen. Das Alfred-Wegener-Institut (AWI) betreibt dort zusammen mit dem französischen Polarinstitut Paul-Emile Victor (IPEV) die permanent besetzte Koldewey- Forschungsstation, besser bekannt als das „Blaue Haus“ (Abb. 3). Diese Forschungsstation ist Teil einer internationalen Forschungsbasis, die der norwegischen Firma Kings Bay AS gehört. Diese Firma begann 1916 als Bergbauunternehmen und baute bis 1963 Kohle in Ny Ålesund ab. Nach einem verheerenden Grubenbrand, bei dem 21 Bergleute starben, wurde der Bergbau eingestellt und die Bergbausiedlung ab 1964 Arktisforschern zur Verfügung gestellt. 1926 war Ny Ålesund Ausgangspunkt für Roald Amundsen, Lincoln Ellsworth und Umberto Nobile für eine Luftschiff-Expedition zum Nordpol (Abb. 4). Die Expedition überquerte im Luftschiff „Norge“ den Nordpol und landete sicher in Teller, Alaska. 1928 kam Umberto Nobile zurück, um erneut zum Nordpol aufzubrechen. Leider endete die Fahrt der „Italia“ in einer Katastrophe. An der anschließenden Suchaktion beteiligte sich auch Amundsen und kam dabei bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Weder Flugzeug noch die Leiche von Amundsen wurden jemals gefunden. Wir hoffen auf besseres Glück!

Ny Ålesund ist heutzutage bequem per kleiner Propellermaschine in ca. 30-45 Minuten von Longyearbyen, der Hauptstadt Spitzbergens, erreichbar – allerdings nur für Forscher, die zuvor einen Projektantrag beim AWI eingereicht haben und ausgewählt wurden. In Longyearbyen werden wir uns mit Ernst Hauber vom DLR in Berlin und Dr. Andreas Johnsson von der Universität Göteborg treffen, die seit 2008 zur Kernmannschaft unserer mehr oder weniger jährlichen Arktisaktivitäten gehören. Unsere Forschung wird sich, wie in den vergangenen Jahren, hauptsächlich mit sogenannten Steinkreisen und den morphologischen Strukturen befassen, die beim Abtauen der Seitenmoräne des Kongsbreen-Gletschers entstehen. Nun kann man sich natürlich fragen, was haben Planetologen auf Spitzbergen und mit glazialen/periglazialen Strukturen zu tun? Nun, Spitzbergen liegt auf ca. 74-81° nördlicher Breite und ist eine Eiswüste mit niedrigen Temperaturen und einer relativ geringen Niederschlagsmenge. Somit ist der Spitzbergen-Archipel ein gutes Analog zum Mars, der im Jahresdurchschnitt -60°C kalt ist und ebenfalls sehr arm an Niederschlägen ist. Auf dem Mars gibt es Oberflächen, die den glazial/periglazial gebildeten Oberflächen auf der Erde zum Verwechseln ähnlich sind. Um diese Marsoberflächen richtig verstehen und interpretieren zu können, gehen wir nach Spitzbergen, um dort etwas über die Prozesse, Bildungsraten, und Strukturen dieser Morphologien zu lernen.

Nun geht es also morgen von Düsseldorf über Kopenhagen und Oslo nach Longyearbyen. Den heutigen Tag habe ich mit einem Mitarbeitertreffen, Zwischenberichten zu meinen Raumfahrtprojekten und einer Vorlesung verbracht. Heute Abend steht dann das „große Packen“ an! Alles was wir heute zu packen vergessen, wird uns in den nächsten 14 Tagen fehlen. Ein vergessenes Netzteil oder eine vergessene Mütze können dann zum größeren Problem werden. Andererseits muss alles in einen Rucksack passen, der dann auch im Gelände über mehrere Kilometer getragen werden kann. Da wird zwangsläufig nur die nötigste Kleidung und Ausrüstung gepackt. Hinzu kommen noch zwei große Alukisten mit Ausrüstungsgegenständen, sodass wir jede Menge zu schleppen haben. Mal sehen, wie viel wir morgen beim Einchecken für Übergepäck zahlen müssen ...