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Münster (upm)

Ein Star mit Power, aber ohne Allüren

Flötist Prof. Eyal Ein-Habar lehrt an der Musikhochschule / Ein Porträt
Als Kind kam Geige für ihn nicht in Frage, deshalb spielte Eyal Ein-Habar zunächst Block- und dann Querflöte.<address>© WWU/Peter Leßmann</address>
Als Kind kam Geige für ihn nicht in Frage, deshalb spielte Eyal Ein-Habar zunächst Block- und dann Querflöte.
© WWU/Peter Leßmann

Er ist ein Star der internationalen Musik-Szene, ein renommierter Solist, Dirigent und Lehrer, doch jegliches Star-Getue ist ihm völlig fremd. Eyal Ein-Habar wirkt offen, herzlich, kommunikativ und umgänglich und lässt alle Allüren vermissen. Seit Beginn des vergangenen Wintersemesters unterrichtet er an der Musikhochschule Münster.

Geboren wurde Eyal Ein-Habar 1971 in der kleinen Stadt Hadera, ziemlich genau in der Mitte zwischen Tel Aviv und Haifa gelegen. Auf alten Fotos ist zu sehen, wie er bereits im zarten Alter von zwei Jahren mit seinem Vater und seinen Brüdern musizierte. Er besuchte die Grundschule seiner Heimatstadt, und als er fünf Jahre alt war, stufte sein Musiklehrer ihn als musikalisch begabt ein. Geige kam für ihn nicht in Frage; also spielte der kleine Eyal zunächst Block- und dann Querflöte. Mit zehn Jahren besuchte er Kurse für Kammermusik und Orchester, zu denen sich Kinder aus allen Regionen Israels trafen und zusammen spielten.

Mit 14 wechselte er an die "High School of Arts", wo er ausschließlich mit Musikern in eine Klasse ging. "Die Jugendlichen waren alle mit vollem Ernst und Leidenschaft bei der Sache und übten jeden Tag viereinhalb Stunden", erinnert er sich. Kurz darauf gab er sein erstes "richtiges" Solokonzert mit Johann Sebastian Bachs h-Moll-Suite. Nach dem Abitur stand zunächst die dreijährige Militärzeit einer weiteren Karriere im Wege. Doch Eyal Ein-Habar musste nur den einmonatigen Grundwehrdienst ablegen und wurde danach im Rahmen des "Projekts für Musik" bei der israelischen Armee zum "Musiker in Uniform" ohne Dienst an der Waffe.

Rund ein Jahr später kam der Tag, der sein Leben verändern sollte: Eine Musikagentin kam zu ihm und teilte ihm mit, dass der weltberühmte französische Flötist Jean-Pierre Rampal nach Israel kommen werde. Ob er Lust habe, mit ihm zusammen das Konzert für zwei Flöten von Domenico Cimarosa zu spielen? "Ob ich Lust hatte? Ich war überglücklich. Es war ein Traum für mich", schildert Eyal Ein-Habar seine Gefühle auch im Rückblick noch voller Enthusiasmus. So kam es dazu, dass er sieben Konzerte mit einem der berühmtesten Instrumentalisten des 20. Jahrhunderts gab, unter anderem in Tel Aviv, Jerusalem, Haifa und Beersheba. "Rampals Aura war einmalig, und ich habe eine Menge von ihm gelernt", gerät er ins Schwärmen. "Als er mir auf dem Papier des Hotels Hilton in Tel Aviv eine Empfehlung ausstellte, in der er mir eine große Karriere vorhersagte, war ich überwältigt."

Nach dem Konzert schloss die Musikagentin, die er zuvor schon kennengelernt hatte, mit ihm mehrere Verträge ab; zahlreiche Solokonzerte in den Jahren 1990 bis 1995 schlossen sich an. Als Moshe Epstein, Musikpädagoge in Hannover, ihn auf den Wettbewerb im niederländischen Scheveningen aufmerksam machte ("Ich bin nicht überrascht, wenn du dort gewinnst"), folgte der junge Eyal dem Ratschlag und gewann tatsächlich – mit 21 Jahren. Sobald seine Zeit beim Militär zu Ende war, ging er zum Studium nach Deutschland – allerdings ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Doch sein Aufenthalt in Köln sollte nicht lange dauern, denn bereits nach einem Jahr suchten die Verantwortlichen des berühmten Israel Philharmonic Orchestras einen Flötisten. Eyal Ein-Habar bewarb sich auf die Stelle, "denn ich hatte Heimweh".

Mit nur 24 Jahren war er Teil eines der bedeutendsten Orchester der Welt und reiste im Laufe der Jahre rund um den Globus: Australien, Ostasien, Indien, Russland, mehrere Länder Ost- und Westeuropas, darunter Deutschland und Österreich, sowie Nord- und Südamerika. Parallel begann er, in Tel Aviv zu unterrichten und spielte unter anderem mit dem "New Israel Woodwind Quintet" und dem "Israel Flute Ensemble" Kammermusik. Mit 32 Jahren startete Eyal Ein-Habar zusätzlich eine Dirigenten-Karriere und machte so seinem Namen "Eyal", der so viel bedeutet wie "Mut, Energie, Power", alle Ehre. "Ich wollte immer alles machen", betont er. "Und ich hatte das Gefühl, dass ich etwas zu sagen und zur Musik beizutragen habe, was die anderen Dirigenten nicht haben."

Heute sieht er seine Rolle anders: Er habe gelernt, dass beim gemeinsamen Musizieren alle gleich wichtig seien, aber verschiedene Blickwinkel hätten. Beim Dirigieren sei "nur" der Horizont anders als beim Orchestermusiker. Endlos. Man müsse dabei viele Informationen unter einen Hut bringen. "Es ist viel interessanter, Partituren zu studieren als Flöte zu üben", räumt er ein. "Dirigieren ist eine intellektuelle, Flöte üben eine sportliche Herausforderung." Auch bedauert er, dass es für Querflöte bei weitem nicht so viele Solokonzerte gibt wie für Klavier oder Geige: Hatten in der Barockzeit noch Antonio Vivaldi, Domenico Cimarosa, Johann Sebastian und Carl Philipp Emmanuel Bach, Wolfgang Amadeus Mozart oder Carl Stamitz Flötenkonzerte komponiert, so kam diese Tradition Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts völlig zum Erliegen. Dafür spiele die Flöte in den Orchesterwerken des 20. Jahrhunderts, vor allem in der französischen Musik, eine viel größere Rolle als früher.

Apropos Orchester: Mit der Zeit, so Eyal Ein-Habars Eindruck, wurde die Belastung beim Israel Philharmonic Orchestra mit 120 Konzerten im Jahr zu groß. "Ich hatte das Gefühl, dass es genug war, denn ich wollte noch vieles andere machen", erzählt der Musiker. "Als ich im Gespräch mit Chefdirigent Zubin Mehta angeboten habe, zu reduzieren, lehnte er ab." Die anderen Orchestermusiker waren schockiert, als Eyal Ein-Habar das Orchester 2014 verließ. Er hatte das große Ziel vor Augen, zurück nach Europa zu gehen, "denn die Musik von Bach, Mozart, Brahms und Beethoven gehört hierher".

Zudem sei das Musikleben in Europa reger und in der Gesellschaft fester verwurzelt als in Israel, wo sich nur noch wenige Leute für klassische Musik interessierten. Als Eyal Ein-Habar von der Ausschreibung an der Musikhochschule Münster las und zum ersten Mal nach Münster kam, fing er direkt Feuer. "Ich habe mich hier sofort zu Hause gefühlt, denn in größeren Städten wie Paris, London oder New York fühle ich mich verloren", berichtet er. Momentan unterrichtet er vier Koreaner, einen Japaner, einen Chinesen, zwei Russen und zwei Deutsche, "darunter mindestens zwei große Talente". Der Star-Musiker wirkt im vergleichsweise beschaulichen Münster zufrieden und hat seinen Entschluss nicht bereut: "Die Atmosphäre hier ist wunderbar."

Autor: Gerd Felder

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 3, 24. Mai 2017.

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