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Münster (upm/jp)

Die Zukunft der Pflegenden

Am Institut für Christliche Sozialwissenschaften der WWU läuft ein Forschungsprojekt zur Situation von Pflegenden
Prof. Marianne Heimbach-Steins<address>© privat</address>
Prof. Marianne Heimbach-Steins
© privat

Drei von vier Pflegebedürftigen werden in Deutschland im häuslichen Umfeld versorgt – entweder von Angehörigen, professionellen Pflegediensten oder sogenannten Live-In-Pflegekräften, die auf Zeit bei den Pflegebedürftigen leben und oft aus dem osteuropäischen Ausland kommen. Meist sind es Frauen, die pflegen. Was macht diese Tätigkeit mit ihnen? Wie wirken sich fehlende Autonomie und Anerkennung auf sie aus? Gemeinsam mit Frankfurter Wissenschaftlern untersuchen Prof. Marianne Heimbach-Steins und Dr. Christina Schwer am Institut für Christliche Sozialwissenschaften (ICS) der Universität Münster diese Fragen. Juliette Polenz sprach mit den beiden Forscherinnen über die Situation von Pflegenden.

 

Warum werden so viele Menschen zuhause gepflegt?

Dr. Christina Schwer: In Deutschland ist der Fokus auf die Familie traditionell sehr stark. Ältere Menschen wollen ihr vertrautes Umfeld nicht verlassen – und die pflegenden Angehörigen ermöglichen es ihnen. Viele haben einen hohen Selbstanspruch und ein starkes moralisches Verantwortungsbewusstsein, was es ihnen schwer macht, externe Hilfe anzunehmen. Das führt dazu, dass die persönliche Autonomie in Gefahr gerät. Man setzt sich unter Druck – dadurch kommen viele Angehörige in stressige Lebenssituationen.

Prof. Marianne Heimbach-Steins: Auch die Kosten sind ein Argument für die häusliche Pflege: Pflegende Angehörige pflegen unentgeltlich. Das ist finanziell für die Allgemeinheit wesentlich günstiger als der Einsatz professioneller Pflegedienste. Die vollstationäre Pflege ist noch teurer – da geht schnell die Rente drauf.

 

Dr. Christina Schwer<address>© privat</address>
Dr. Christina Schwer
© privat
Welchen Belastungen sind Pflegende ausgesetzt?

Christina Schwer: Wir unterscheiden drei Gruppen, die häuslich pflegen: Angehörige, professionelle Dienstleister und sogenannte Live-In-Pflegekräfte. Letztere leben und arbeiten nicht selten unter prekären Bedingungen. Die Arbeitsverhältnisse kommen meist über Vermittlungsagenturen mit Sitz im Ausland zustande. Diese zahlen Gehälter auf einem niedrigen Niveau. Ob es sich um reguläre Arbeitsverhältnisse oder Schwarzarbeit handelt, ist in vielen Fällen nicht geklärt. Damit haben die Frauen in Deutschland keine Handhabe, wenn ihnen Unrecht widerfährt. Auch die Arbeitszeiten – Pausen, Freizeit oder Urlaub – sind oft nicht ausreichend rechtlich geregelt. Das ist dramatisch, weil sie direkt in den Familien leben und dort häufig 24 Stunden, sieben Tage die Woche tätig und permanent verfügbar sind.

 

Wie sieht es bei pflegenden Angehörigen aus?

Marianne Heimbach-Steins: Sie stehen in einer engen Beziehung zu den Pflegebedürftigen. Einerseits werden sie gebraucht, andererseits fühlen sie sich zur Sorge verpflichtet. Anders als bei Eltern, die ihre Kinder ins Leben begleiten, steht bei den Hochbetagten am Ende einer Pflegebeziehung nicht die Selbstständigkeit, sondern der Tod. Bei demenziell Erkrankten kommen Wesensveränderungen hinzu. Das, was die pflegenden Angehörigen an emotionalem Engagement, an Zeit, an Kraft und Verzicht auf eigenes Leben geben, findet oft keine positive Resonanz bei Pflegebedürftigen oder der Umgebung.

Christina Schwer: Hinzu kommen frühere Erfahrungen aus der Beziehung zu den Eltern oder Schwiegereltern: Wie gut oder schlecht das Verhältnis war, spiegelt sich auch oft in der Pflegebeziehung wider.

 

Und die ambulanten Pflegekräfte?

Christina Schwer: Wir wissen aus Studien, dass angehende Altenpflegerinnen und -pfleger ihren Beruf wählen, weil sie mit Menschen arbeiten wollen. Sie sind schnell desillusioniert: Starker Zeitdruck ist an der Tagesordnung, statt des Beziehungsaufbaus zu den Pflegenden stehen ökonomische Aspekte im Vordergrund – Fahrzeiten müssen eingehalten werden, jeder Handgriff darf nur wenige Minuten dauern. Von einer ganzheitlichen Hinwendung zu den Pflegebedürftigen kann in manchen Situationen keine Rede sein.

Marianne Heimbach-Steins: Die sehr anstrengende Pflegearbeit kann zudem das Privatleben belasten. Professionelle Pflege wird schlecht bezahlt und ist oft befristet – entsprechend viel müssen die Pflegekräfte arbeiten. Dadurch fehlen Ressourcen für die eigene Beziehungspflege, für den Partner, die Kinder und Freundschaften. Viele üben den Beruf deshalb nur phasenweise aus …

 

… und fehlen bei der wachsenden Anzahl Pflegebedürftiger.

Christina Schwer: Schon jetzt gibt es einen riesigen Fachkräftemangel. Wir müssen uns künftig folgenden Fragen stellen: Wie halten wir professionelle Pflegekräfte im Beruf? Was verbessert ihre Arbeitsbedingungen? Welche Maßnahmen helfen ihnen, den Beruf ein Erwerbsleben lang auszuüben?

 

Welche Aufgaben kommen auf Staat und Gesellschaft zu, um die Pflege attraktiver zu machen?

Marianne Heimbach-Steins: Genau das untersuchen wir in den kommenden Monaten in Experteninterviews. Schon jetzt ist absehbar, dass die Politik in den kommenden Jahren eine Antwort darauf finden muss, wie ein finanzierbarer Pflegemix aussehen könnte. Die Live-In-Pflege sollte beispielsweise aus der rechtlichen Grauzone geholt werden, wenn wir mittelfristig nicht darauf verzichten können. Bei den Arbeitsverhältnissen muss Transparenz hergestellt und eine Interessenvertretung geschaffen werden. Auch die Pflegearbeit der Angehörigen sollte besser abgesichert werden, beispielsweise durch eine angemessene Anrechnung in der Altersversorgung und verlässliche Entlastungsstrukturen für Berufstätige. Wir brauchen außerdem einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel – die Sorge für alte oder behinderte Menschen darf nicht mehr nur Sache der Familie sein. Spätestens wenn die geburtenstarken Jahrgänge pflegebedürftig werden ist die häusliche Pflege von den Jungen allein nicht mehr zu stemmen. Es müssen gemeinschaftliche Lösungen gefunden werden. Deshalb müssen wir jetzt umdenken.

 

Die Studie

Laut dem Pflegebericht von 2015 werden 2,08 Millionen Menschen in Deutschland zuhause gepflegt – von Angehörigen, sogenannten Live-In-Pflegekräften aus dem Ausland oder professionellen Pflegediensten. In einem Kooperationsprojekt untersuchen das Institut für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster und das Oswald-von-Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik in Frankfurt am Main bis 2019 die Situation Pflegender in Deutschland und in verschiedenen europäischen Nachbarstaaten. Welchen Anerkennungs- und Autonomiedefiziten unterliegen sie? Welche Verbesserungsmöglichkeiten gibt es? Mithilfe einer umfassenden Literaturrecherche und Experteninterviews gehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diesen Fragen auf den Grund. Die Ergebnisse der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie sollen dazu beitragen, nachhaltige und zukunftsfähige Pflegestrukturen zu erarbeiten.

 

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der "wissen.leben.familie".

 

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