Friedliches Miteinander
Als ein Linienbus die Gruppe vom Flughafen Sarajevo bis zum Rathaus bringt, ist es bereits dunkel. Die Unterkunft liegt nur gut zehn Minuten zu Fuß entfernt. Aber der Weg dauert am ersten Abend etwas länger, nicht nur wegen der Koffer. Es gibt einfach zu viel zu sehen. Zum Beispiel die vielen kleinen Cafés und Läden in der Altstadt, die Minarette und Kirchtürme. Seit Jahrhunderten stehen diese in Sarajevo eng beieinander – ein architektonisches Sinnbild für das, was in den kommenden Tagen immer wieder eine Rolle spielen wird.
Fünf Tage lang erkunden Studierende der Universitäten Münster und Bochum die knapp 300.00 Einwohner zählende Hauptstadt Bosniens und Herzegowinas – sie interessieren sich auf ihrer Exkursion vor allem dafür, wie das freundschaftliche Miteinander der Religionen konkret funktioniert. Sarajevo ist Sitz des Großmuftis der bosnisch-herzegowinischen Muslime, des Metropoliten der serbisch-orthodoxen Kirche und des Erzbistums Vrhbosna der katholischen Kirche. Aufgrund seiner traditionell religiös-gemischten Bevölkerung wird die Stadt auch häufig als „Klein-Jerusalem“ bezeichnet; die „Frankfurter Rundschau“ sprach vor einigen Jahren von einer „Sinfonie der Religionen“.
Auch Muhamed Jugo, der im Büro für Außenbeziehungen und Diaspora der Islamischen Gemeinschaft arbeitet, unterstreicht das friedliche Zusammenleben. Boaz Munz, jüdischer Student der Universität Münster, will von ihm wissen, ob sich die jüdisch-muslimischen Beziehungen nach den Terroranschlägen der Hamas in Israel vom 7. Oktober 2023 verändert haben. „Aus Sicht der islamischen Gemeinschaft überhaupt nicht“, antwortet Muhamed Jugo.
„Wir fühlen uns sicher“, bestätigt auch Vladimir Andrle, der die Reisegesellschaft am gleichen Tag in der Synagoge empfängt. Eine jüdische Besucherin aus London habe neulich darauf hingewiesen, dass sie in Sarajevo anders als in Großbritannien keinerlei Diskriminierung erlebe. Der Präsident der jüdischen Kultur- und Wohltätigkeitsgesellschaft „La Benevolencija“ nennt einige historische und aktuelle Beispiele für die gute und gewachsene Koexistenz: So unterstützen sich die Gemeinden beispielsweise beim Gedenktag an den Massenmord an muslimischen Männern und Jungen von Srebrenica durch bosnisch-serbische Streitkräfte im Juli 1995.
Die Erinnerungskultur des Landes ist das zweite große Thema der Exkursion. Ein ganzer Tag ist dem Besuch im etwa 140 Kilometer entfernten Srebrenica gewidmet. Vor der Gedenkstätte stehen zahlreiche Reisebusse. Alle Gäste sehen zunächst einen Film mit erschütternden Aufnahmen der Gräueltaten. Das Museum zeigt viele Exponate aus dieser Zeit, etwa eine nicht enden wollende Reihe von Schuhen der auf der Flucht ermordeten Männer. Noch immer werden Opfer anhand von DNA-Spuren identifiziert. Besonders bewegend erlebt die Gruppe eine Begegnung mit den „Müttern von Srebrenica“, die Familienmitglieder in dem Massaker oder durch dessen Folgen verloren haben. Auf die Frage, wie man ein solches Leid verarbeiten könne, folgt zunächst Stille. Eine Mutter antwortet schließlich: „Eigentlich gar nicht.“ Die Mütter mahnen, die Ereignisse nicht zu vergessen. Die Gruppe legt auf dem Friedhof des Srebrenica-Potočari Memorial Center einen Strauß Lilien am Gedenkstein nieder.
Autorin: Brigitte Heeke
Wie kam das Programm an? Drei Stimmen aus der Gruppe:
Kerstin Bley, Studentin der katholischen Theologie:
Vorher wusste ich fast nichts über Bosnien-Herzegowina. Besonders die Begegnungen und die Beispiele für die interreligiöse Zusammenarbeit, die wir erlebt haben, finde ich toll. Zum interreligiösen Dialog hatte ich mich vorab bereits informiert. Ich hatte mich für die Exkursion angemeldet, um selbst zu sehen, wie das funktionieren kann. Es gibt in Sarajevo den interreligiösen Rat. Außerhalb desselben schien mir das vielzitierte religiöse Miteinander eher Toleranz und Respekt zu sein. Aber selbst das ist, verglichen mit anderen Orten, schon viel. Vorher hatte ich mich eher mit dem Judentum auseinandergesetzt. Die Exkursion hat mir Einblicke auch in den muslimischen Glauben gegeben, mit dem ich bisher wenig Kontakt hatte.
Avi Liberman, jüdischer Doktorand im Projekt „Wissen – Glauben –Behaupten“ an der Ruhr-Universität Bochum:
Ich interessiere mich schon länger für Bosnien-Herzegowina und habe in diesen Tagen viel gelernt. Wir haben viele Locals gesprochen, darüber habe ich mich gefreut. Diese Perspektive ist wertvoller als nur voneinander zu lesen. So ganz verstehe ich immer noch nicht, wie man zusammenlebt, obwohl die Konflikte so tief verwurzelt sind. Hinter dem Narrativ „Hier leben alle Religionen friedlich zusammen“ steckt vielleicht eine andere Lebensphilosophie: Dass man das Anderssein aushält und okay findet. Eine gemeinsame Erzählung kann viele Probleme lösen.
Abdulkerim Şenel, muslimischer Doktorand und Mitarbeiter an der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster:
Viermal war ich schon als Tourist in Sarajevo. Von der Exkursion habe ich mir erhofft, die Stadt auch aus einer anderen, interreligiösen Perspektive kennenzulernen. Diese Erwartung hat sich erfüllt, zumal wir darüber hinaus auch Inspiration für die Lehre an unserem Fachbereich mitnehmen. Die Reise hat mir verdeutlicht, wie vielfältig die Gesellschaft ist und wie sie ihre Traumata auch mithilfe religiöser Einrichtungen bewältigt. Beispielsweise habe ich Freunde aus Bosnien, die vor dem Krieg atheistisch sozialisiert waren und nachher den Glauben für sich entdeckt haben. Dass die Zivilgesellschaft hier so aktiv ist und vieles abfedert, hat mich besonders beeindruckt. Das ist immer ein Zeichen für demokratische Grundwerte.
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 6, 7. Oktober 2026.