Spiritueller Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften erfolgte über Druck und Willkür
Der sexuelle Missbrauch durch Priester, Ordensleute und Erzieher hat die katholische Kirche in den vergangenen Jahrzehnten weltweit erschüttert. Eine weitere Form des Missbrauchs fand und findet dagegen bisher weit weniger Beachtung – der geistliche beziehungsweise spirituelle Missbrauch. In einer Pilotstudie haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Münster in den vergangenen dreieinhalb Jahren diese Form des Machtmissbrauchs, seine Formen und Charakteristika sowie die theologischen Bedingungen für seine Entstehung am Beispiel von zwei Geistlichen Gemeinschaften aus den Bistümern Osnabrück und Münster erforscht. Prof. Dr. Judith Könemann und Dr. Bernhard Frings von der Katholisch-Theologischen Fakultät haben die Ergebnisse ihrer Studie in einer Monographie zusammengefasst – das Buch „Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“ ist auch online verfügbar (siehe Link am Ende dieses Beitrags).
Die Analyse zeigte ferner, dass die Theologie selbst in Form von Argumentationsmustern, Begriffen und Inhalten eine Legitimationsfolie für den spirituellen Missbrauch darstellt. Gehalte wie Gehorsam, Demut, Freiheit, Nachfolge, Hingabe oder die Erbsündenlehre, aber auch bestimmte theologische Denkformen werden instrumentalisiert.
Definition
Geistlicher beziehungsweise spiritueller Missbrauch ist den Studien-Autoren zufolge der unzulässige und stets von Macht-Interessen gesteuerte Eingriff in das geistliche Leben, in die Spiritualität eines Gegenübers. In seinem innersten Kern besteht der Missbrauch darin, durch den Einsatz und im Horizont einer geistlichen Doktrin Macht über das Gewissen und das (spirituelle) Innerste zu erlangen. Unter Verwendung des Vokabulars der „Öffnung“ wird die Selbstaufgabe, Selbstauslieferung und Unterwerfung des Anderen gefordert und durchgesetzt.
Die Machtausübung erfolgte in den untersuchten Fällen über ein Zusammenspiel verschiedener Strategien und unterschiedlicher Praktiken wie beispielsweise Indoktrinieren, Kontrollieren, Erwählen, Überfordern. Durchgesetzt wurden sie häufig durch Beschämung, Druck, ‚Liebesentzug‘ oder Willkür. In beiden Gemeinschaften wurden zudem Normierungspraktiken massiv dazu eingesetzt, die Vorstellungen der jeweiligen Leitungen durchzusetzen. Besonders intensiv erfolgte dies über die Frauen.
Die Studie
Zum ersten Mal steht das Phänomen des geistlichen Missbrauchs in Geistlichen Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum auf der Basis einer breit angelegten qualitativ-empirischen Studie, kombiniert mit einem breiten Aktenstudium, im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Studie. Neben der Erforschung des missbräuchlichen Geschehens nehmen die Wissenschaftler auch das Handeln der Bistümer gegenüber den Gemeinschaften in den Blick. Konkreter Gegenstand der aktuellen Untersuchung sind die ‚Christusgemeinschaft‘ im Bistum Osnabrück mit ihrer Verbindung zur Ordensgemeinschaft der Thuiner Franziskanerinnen und die 2021 aufgelöste Gemeinschaft ‚Totus Tuus Neuevangelisierung‘ im Bistum Münster.
Datengrundlage der Studie sind 117 Interviews. Das Team interviewte Personen, die sich auf einen Aufruf hin als „Betroffene oder ehemaliges Mitglied“ meldeten (81 Interviews), und Personen, die sich selbst nicht als betroffen bezeichnen, aber beispielsweise über ihre Tätigkeit oder Funktion im Bistum Kenntnisse über die Gemeinschaften verfügen. Darüber hinaus stellten die Bistümer umfangreiches Aktenmaterial zur Verfügung; die Forscher ergänzten all dies durch eigene Recherchen in den Bistumsarchiven.
Geistlicher Missbrauch müsse neben dem sexuellen Missbrauch als „eine eigenständige Form von Missbrauch ernst genommen und anerkannt werden“, unterstreicht Judith Könemann. Die Ergebnisse der Studie sollen dazu beitragen, ihn künftig durch geeignete Strukturen und Haltungen zu verhindern. Erklärungsmuster, die systemische Gründe ausklammern, Missstände bagatellisieren, aber kein Handeln nach sich ziehen, seien obsolet.
Die Studie wurde von den beiden Bistümern Osnabrück und Münster, der Kongregation der Thuiner Franziskanerinnen vom Hl. Martyrer Georg zu Thuine und der Deutschen Bischofskonferenz, vertreten durch den Verband der Deutschen Diözesen, in Auftrag gegeben und gefördert. Ungeachtet der Finanzierung durch die genannten kirchlichen Träger arbeitete das Forschungsprojekt unabhängig von den Auftraggebern.
Zitate aus Interviews mit Betroffenen, die an der Studie teilgenommen haben:
„Sie war eine Person, die etwas ausstrahlte, sie hatte Charisma.“
„[S]ie hat Menschen gefangen, ja, weil sie begeistert hat, weil sie Charisma hatte.“
„[Sie] war intelligent, sie hatte was, um einen zu begeistern.“
Originalveröffentlichung: Könemann, Judith und Bernhard Frings: Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften. Münster 2026. DOI: https://doi.org/10.17438/25270