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Münster (upm/bhe)
Sylvia Löhrmann (Mitte), Antisemitismus-Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, legte gemeinsam mit Ludger Hiepel, Mouhanad Khorchide, Boaz Munz und Amina Kišić (v. l.) Lilien am Gedenkstein des Srebrenica-Friedhofs nieder.<address>© Uni MS - Brigitte Heeke</address>
Sylvia Löhrmann (Mitte), Antisemitismus-Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, legte gemeinsam mit Ludger Hiepel, Mouhanad Khorchide, Boaz Munz und Amina Kišić (v. l.) Lilien am Gedenkstein des Srebrenica-Friedhofs nieder.
© Uni MS - Brigitte Heeke

Sarajevo-Exkursion: Nachbarschaft der Religionen

Gruppe aus Münster erkundet das interreligiöse Miteinander in Bosnien und Herzegowina

An der Universität Sarajevo prangt kein Schild „Campus der Religionen“. „Aber die theologischen Fakultäten und Religionsgemeinschaften arbeiten eng zusammen“, berichtet Ludger Hiepel von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. „Als wir vor einigen Monaten unsere Exkursion hierher vorbereitet haben, durften wir beispielsweise für das Gespräch mit einer Vertreterin der muslimischen Gemeinschaft das Büro der Präsidentin der jüdischen Gemeinde in der Synagoge nutzen. Das war für sie selbstverständlich, weil Vertrauen und Freundschaft bestehen. Und dafür war es bezeichnend, dass sie uns einen Teller Lebkuchen angeboten hat, weil es um die christliche Weihnachtszeit war.“

Das passt gut zu dieser Stadt, in der Moscheen, Kirchen und Synagogen seit Jahrhunderten eng beieinanderstehen. Das Miteinander in Sarajevo sei ein Beleg dafür, „dass religiöse Vielfalt nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine große Chance ist“, betont Prof. Dr. Mouhanad Khorchide. „Wo Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenkommen, voneinander lernen und Verantwortung übernehmen, wird aus religiöser Vielfalt ein gesellschaftlicher Reichtum“, ergänzt der Gründungsdekan der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Um diese Form der Nachbarschaft kennenzulernen, hat sich eine Gruppe aus Münster in die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina aufgemacht. 23 Studierende und Promovierende der christlichen, islamischen und jüdischen Theologien, Angehörige der Universität sowie Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Münster Mitte erkunden Moscheen, Synagogen und Gedenkstätten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion nutzten den Besuch im Büro für Außenbeziehungen und Diaspora der islamischen Gemeinschaft, um ein Gruppenfoto auf der Dachterrasse zu machen.<address>© Uni MS - Brigitte Heeke</address>
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion nutzten den Besuch im Büro für Außenbeziehungen und Diaspora der islamischen Gemeinschaft, um ein Gruppenfoto auf der Dachterrasse zu machen.
© Uni MS - Brigitte Heeke
Schon beim ersten Spaziergang durch die Gassen der Altstadt fällt die große religiöse Vielfalt auf. Ein Minarett ragt hinter dem Rathaus über die Dächer hinaus, eine Ecke weiter steht die nächste Moschee. Von dort aus sind es nur wenige Schritte bis zur Kathedrale, vor deren Hauptportal eine Statue von Papst Johannes Paul II. steht. Am Fluss, etwa fünf Minuten Fußweg weiter, befindet sich die historische Synagoge, die anders als in vielen deutschen Städten ohne regelmäßigen Polizeischutz auskommt. In der knapp 300.000 Einwohner zählenden Metropole stehen die Gotteshäuser nahezu Tür an Tür. Dazu passt, dass das Viertel im Reiseführer auch „Klein-Jerusalem“ genannt wird. Bis in die Familien hinein reicht das religiöse Spektrum. Manche Geschwisterkinder folgen in solchen Fällen entweder dem Glauben der Mutter oder des Vaters. Wie funktioniert das alltägliche Zusammenleben? Was können wir daraus lernen? Wie arbeiten die theologischen Fakultäten zusammen? Das möchte die Reisegruppe kennenlernen und einige Erkenntnisse mit zurücknehmen.

Die spätsommerliche Atmosphäre der Altstadt mit ihren vielen Cafés und kleinen Geschäften lädt zum sorglosen Touristendasein ein. Gleichzeitig erinnern Gedenktafeln, Museen und Kunstwerke an eine dunkle Zeit, den Krieg im ehemaligen Jugoslawien in den 1990ern. Heute scheint es kaum vorstellbar, dass Sarajevo fast vier Jahre lang belagert und von den umliegenden Hügeln aus schwer beschossen wurde. Auf einige Einschlagstellen von damals im Boden macht eine Füllung aus rotem Harz – die Bewohner bezeichnen sie als die „Rosen von Sarajevo“ – aufmerksam.

Die Gruppe aus Münster fährt auch in das etwa 140 Kilometer entfernte Srebrenica, wo bosnisch-serbische Streitkräfte 1995 mehrere tausend muslimische Männer ermordeten. Ein Besuch im Genozid-Museum in der Innenstadt bereitet auf die Gedenkstätte vor. Auf der Busfahrt dorthin sieht man rechts und links der Landstraße Wälder, kleinere Städte, Obstwiesen, Heugarben und Gemüsegärten. Die Idylle trügt: Erholt hat sich das Land, dessen mitunter komplizierte Politik im sogenannten Dayton-Abkommen geregelt ist, noch nicht – der Kummer über die Verluste vieler Menschen ist in den Familien noch immer präsent, die wirtschaftliche Lage schwierig.

„Obwohl es oft so dargestellt wurde, war der Krieg kein Konflikt zwischen den Religionen“, meint Stefan Terzić vom interreligiösen Rat Bosnien-Herzegowina. Das Forum der höchsten geistlichen Würdenträger der islamischen, serbisch-orthodoxen und römisch-katholischen Kirche sowie der jüdischen Gemeinde des Landes bietet Workshops an, fördert Friedensinitiativen und gibt einen religionsübergreifenden Kalender heraus.

Das Programm geht vom frühen Morgen bis in die späten Abendstunden hinein. Aber zwischendurch findet sich immer wieder Zeit für Gespräche und einen bosnischen Kaffee. Doktorand Abdulkerim Şenel empfiehlt folgende Reihenfolge: einen Löffel von der Crema aus der Kupferkanne in die kleine Tasse schöpfen, diese mit dem Kaffee auffüllen, erst einen Schluck Wasser nehmen, dann von dem Geleewürfel „Rahat Lokum“ abbeißen, schließlich den heißen Kaffee genießen.

Im Büro für Außenbeziehungen und Diaspora der Islamischen Gemeinschaft erhalten die Exkursions-Teilnehmer einen Überblick über die muslimische Gemeinschaft. Kurz darauf berichtet der Präsident der jüdischen Kultur- und Bildungsgesellschaft „La Benevolencija“, Vladimir Andrle, in der Synagoge über deren Geschichte. In den Gesprächen ermutigt Sylvia Löhrmann immer wieder dazu, einander über die Grenzen der Religionen hinweg zu unterstützen, zusammenzurücken und gegen Hetze und gesellschaftliche Spaltung vorzugehen. Dabei lässt sich die nordrhein-westfälische Antisemitismus-Beauftragte vor allem von einem Zitat des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber lenken: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ In Sarajevo werde dieser Anspruch vom „Du“ zum „Ich“ auf besondere Weise tagtäglich gelebt: Begegnung schaffe Verbindung, und aus dem gegenseitigen Anerkennen und Stützen sei ein gemeinsames „Wir“ geworden. „Dies hier zu erleben ist für alle Mitreisenden Ermutigung für ihr Wirken auch in Nordrhein-Westfalen.“

 Wir wollen die islamische Theologie in Münster als eine Theologie etablieren, die sich ihrer Verantwortung für Europa bewusst ist.
 Prof. Dr. Mouhanad Khorchide

Viele solche Begegnungen verspricht sich die Universität Münster von ihrem kommenden Campus der Theologien und religionsbezogenen Studien, der gerade an der Robert-Koch-Straße entsteht. „Von dem Miteinander in Sarajevo können wir viel lernen“, betont Ludger Hiepel. Ihm gefällt vor allem die Selbstverständlichkeit. „Am besten ist es, wenn es ohne viele Beschreibungen und Erläuterungen einfach gelebt wird.“ Die Initiatoren möchten die Exkursion verstetigen. Und wer weiß: Vielleicht ließe sich perspektivisch sogar ein gemeinsamer Studiengang mit den theologischen Fakultäten der Universität Sarajevo auf den Weg bringen?

Für Mouhanad Khorchide hat die Exkursion auch eine institutionelle Bedeutung. Bereits im Vorfeld wurden Gespräche über mögliche Kooperationen mit muslimischen, christlichen und jüdischen akademischen und religiösen Institutionen in Sarajevo geführt. „Wir wollen die islamische Theologie in Münster als eine Theologie etablieren, die sich ihrer Verantwortung für Europa bewusst ist. Dazu gehört, dass wir nicht isoliert arbeiten, sondern uns im Austausch mit der christlichen und jüdischen Theologie sowie mit religiösen und gesellschaftlichen Institutionen weiterentwickeln.“ Die Treffen in Sarajevo seien deshalb weit mehr als ein Austausch. „Sie sind ein wichtiger Schritt, um langfristige wissenschaftliche Kooperationen aufzubauen und gemeinsam Verantwortung für das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu übernehmen.“

Autorin: Brigitte Heeke