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Münster (upm/kn).
Das Foto zeigt die assyrische Königliste.<address>© The British Museum and the Cuneiform Digital Library Initiative</address>
Alexander Johannes Edmonds und Eckart Frahm haben Beweise entdeckt, dass die assyrische Königliste nicht vollständig ist.
© The British Museum and the Cuneiform Digital Library Initiative

Assyriens verborgene Könige

Altorientalisten entdecken Beweise für drei bisher unbekannte Herrscher des ersten Weltreichs

Mehr als 100 Jahre lang ging man in der Forschung davon aus, dass die Herrscher im antiken Assyrischen Reich im Vorderen Orient auf einer Königsliste – einem prestigeträchtigen Text erhalten in mehreren Tontafelexemplaren – vollständig aufgelistet sind. Altorientalisten der Universitäten Münster und Yale konnten nun belegen, dass es drei weitere Könige gab. „Seit der Entdeckung der Königstafel Anfang des 20. Jahrhunderts hat keiner die Reihenfolge angezweifelt“, erläutert Dr. Alexander Johannes Edmonds vom Institut für Altorientalistik und Vorderasiatische Archäologie der Universität Münster. Zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. Eckart Frahm aus Yale hat Alexander Johannes Edmonds bei einer neuen Analyse von Keilschriften aus dem 10. und 8. Jahrhundert vor Christus Beweise für drei bisher unbekannte assyrische Könige gefunden. Bislang ging man von einer meist unumstrittenen Vater-Sohn-Nachfolge aus. Mit der unlängst im „Journal of Cuneiform Studies“ veröffentlichen Studie „Three New Kings of Assyria“ wird deutlich, dass die politische Geschichte des ersten Weltreichs, das sich über den heutigen Irak und Teile der Türkei und Syrien erstreckte, viel konfliktreicher war und mehr an den erbitterten Machtkampf in der Serie „Game of Thrones“ als an die idealisierte Regentschaft in Camelot erinnert.

Den Stein ins Rollen brachte Eckart Frahm mit seiner Buchveröffentlichung im Jahr 2023 über den Aufstieg und Fall Assyriens: In einem königlichen Erlass – einer Landschenkung – entdeckte er einen Königsnamen mit Datierung, der nicht auf der assyrischen Königsliste verzeichnet ist. Es handelt sich um Tiglath-Pileser, der um 763 bis 762 vor Christus regierte. Diese kurze Epoche war von Aufständen und dem Ausbruch einer Pestepidemie geprägt. Tiglath-Pileser ergriff nach einer Sonnenfinsternis die Macht. Die Truppen des bis dahin amtierenden Königs Aššur-dān III., der Neffe von Tiglath-Pileser, stürzten ihn jedoch wieder vom Thron. Die Geschichtsschreiber des Assyrischen Reichs verschwiegen die Existenz des Rebellenkönigs Tiglath-Pileser und idealisierten damit die königliche Thronfolge.

Das Foto zeigt Dr. Alexander Johannes Edmonds.<address>© Uni MS - Kathrin Nolte</address>
Dr. Alexander Johannes Edmonds
© Uni MS - Kathrin Nolte
„Es gab schon immer Texte und Gegenstände, die aus der Reihe tanzten und nicht mit der assyrischen Königsliste im Einklang standen“, unterstreicht Alexander Johannes Edmonds, der derzeit als PostDoc Teil des vom Europäischen Forschungsrat finanzierten Projektteams „Governance in Babylon: Negotiating the Rule of Three Empires“ ist. Während Eckart Frahm sein Standardwerk über das antike Assyrische Reich veröffentlichte, arbeitete Alexander Johannes Edmonds an der Publikation seiner Doktorarbeit, die sich ebenfalls mit der Entstehung des assyrischen Imperiums beschäftigt. „Die Entdeckung des neuen Königs hat mich dazu veranlasst, die Quellen auf weitere Unstimmigkeiten zu überprüfen“, schildert der münstersche Altorientalist.

Das ist der Startschuss einer akribischen Detektivarbeit. Von seinem Büro in der Rosenstraße aus durchforstet Alexander Johannes Edmonds die digitalisierten Quellen und wird bei seiner Spurensuche fündig. Der zweite „verlorene“ König war Salmanassar, der von 747 bis 745 vor Christus an der Macht war. Seine Regierungszeit war ebenfalls von Unruhen gekennzeichnet. Sein Onkel Tiglath-Pileser III – der Begründer des Weltreichs – beförderte ihn schließlich aus dem Amt. Ein Geschichtsschreiber entfernte den Namen „Salmanassar“ von einer Stele und ersetzte ihn durch den Namen „Tiglath-Pileser (III)“. „Es gibt jedoch eine spätere auf Griechisch verfasste Liste, die einen mysteriösen Salmanassar ebenfalls als König um 747 vor Christus aufführt“, betont Alexander Johannes Edmonds. Das sei der große Durchbruch seiner Recherche gewesen. Damit gab es nun zwei Beweise für die Existenz weiterer assyrischer Könige.

Das dritte Szenario liegt zeitlich früher und betrifft die Herrschaft von Aššur-uballiṭ. Er regierte von etwa 913 bis 912 vor Christus und fiel seinem ambitionierten Bruder Adad-narari II. – dem ersten großen Eroberer des neuassyrischen Reichs – zum Opfer. Aššur-uballiṭ wird in einem Text auf einer Tontafel erwähnt, der Herrscher auflistet, die ein Silberritualgefäß für Bier restaurierten, das dem Hauptgott Ashur geweiht war. Im Gegensatz zu allen anderen genannten Namen wird Aššur-uballiṭ als einzige Person ohne einen Königstitel aufgeführt. „Das ist sehr merkwürdig“, erklärt Alexander Johannes Edmonds. Die Inschrift der Tontafel hat Eckart Frahm im Jahr 2009 veröffentlicht und bereits damals die Besonderheit dieser Nennung angemerkt. „Aber erst mit der Entdeckung der zwei anderen verlorenen Könige bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Aššur-uballiṭ das dritte Bespiel für unsere Theorie ist“, betont Alexander Johannes Edmonds. Eine zerschlagene Königsstatue von Adad-nararis II. unmittelbarem Vorgänger, die längst von Forschern übersehen wurde, dient als weiterer Nachweis für die Existenz dieses Königs.

Jeder der drei Könige regierte weniger als zwei Jahre. Sie wurden in der Stadt Aššur gekrönt und genossen die Unterstützung eines Teils der assyrischen Bevölkerung, wenn nicht sogar der gesamten Assyrer. Die beiden Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Namen dieser drei Herrscher durch ihre Nachfolger absichtlich von ihren eigenen Monumenten und von der Königsliste entfernt wurden. Nur Spuren ihrer kurzen Regierungszeiten sind noch zu finden.

„Die neuentdeckten Könige veranschaulichen, dass der Weg zum ersten Weltreich sehr wohl von Aufständen und Intrigen geprägt war“, hebt Alexander Johannes Edmonds hervor. Die assyrische Thronfolge sei während der Entstehungsphase des Großreichs nicht weniger chaotisch gewesen als zur Zeit des Römischen Reichs oder der Großreiche im Mittelalter. Damit verändern die neugewonnenen Erkenntnisse das bislang vorherrschende Bild des antiken Assyrischen Reichs. „Unsere Quellenrecherche hat gezeigt, dass im wahrsten Sinne des Wortes nichts in Stein gemeißelt ist“, führt Alexander Johannes Edmonds aus. „Wir stehen am Anfang einer neuen historischen Jagd …“

Originalveröffentlichung

Edmonds, A. J., Frahm, E. (2026), Three New Kings of Assyria. Journal of Cuneiform Studies, Volume: 78. DOI: 10.1086/741239

 

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