„Meteoroiden können eine reale Gefahr für die Erde darstellen“
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Meteorit im eigenen Garten landet, ist äußerst gering. Die Himmelskörper lösen dennoch in der Bevölkerung eine große Faszination und eine breite Berichterstattung aus – wie im Falle des Koblenzer Meteoritenfalls Anfang März dieses Jahres. Derzeit treffen sich internationale Meteoritenexperten in Frankfurt zur 88. Jahrestagung der Meteoritical Society. Mit dabei ist Dr. Markus Patzek, der an der Universität Münster Meteoriten erforscht. Im Interview mit André Bednarz ordnet er den Meteoritenhype ein, schildert seine Bürgerberatung per E-Mail und die notwendige Verteidigung der Erde gegen die kosmischen Steine.
Der Fund von Meteoriten löst regelmäßig großes Interesse in der Bevölkerung und bei den Medien aus. Wie erklären Sie sich das?
Meteorite sind Bruchstücke von anderen Himmelskörpern, die mit sehr hohen Geschwindigkeiten in die Erdatmosphäre eintreten. Das führt zu Meteorerscheinungen am Himmel, die oft zahlreiche Augenzeugen beobachten. Denn Meteoroiden – so heißen Meteorite, bevor sie die Erde treffen – fangen in Höhen von rund 60 bis 90 Kilometer an, zu verglühen, sodass man das Leuchten aus hunderten Kilometern Entfernung sehen kann. Durch die sozialen Medien verbreiten sich die Nachrichten über solche Sichtungen deutlich schneller und intensiver als früher. Es gibt einen weiteren Grund für dieses große Interesse: Neben dem Spektakel am Himmel sind viele Menschen fasziniert davon, dass es sich um extraterrestrisches, also um Material aus dem Weltall handelt.
Hat dieser Hype positive oder negative Folgen?
Ich bewerte das eher positiv. Viele Aufnahmen ermöglichen eine genauere Berechnung des Streufeldes und damit unter Umständen auch ein schnelleres Auffinden des Meteoriten. Allerdings gibt es Hobbysucher, die sich rücksichtslos verhalten: Sie betreten fremden Grund und zerstören Felder, wie es beispielsweise beim Meteoritenfall von Ribbeck 2024 oder in Koblenz im März dieses Jahres der Fall war. Das führt nicht selten zu verärgerten Eigentümern und Polizeieinsätzen.
Hobbysucher, Spaziergänger, Gartenbesitzer und Touristen schicken Ihnen immer wieder Fotos von Objekten. Sie wollen wissen, ob es sich dabei um einen Meteoriten handelt. Wie gehen Sie mit solchen E-Mails um?
Ich sehe das als Teil meines Jobs. Ich bin Wissenschaftler, der vom Staat bezahlt wird, und damit haben auch die Bürger für mich ein Recht auf die Begutachtung möglicher Meteoritenfunde. Die sind allerdings in Deutschland – und überhaupt in Mitteleuropa – sehr unwahrscheinlich. Gerade nach einer großen Berichterstattung über Leuchterscheinungen gibt es viele Anfragen, deren Beantwortung oft sehr zeitaufwendig ist. In den meisten Fällen handelt es sich leider um keine echten Meteoriten.
Das klingt nach einem ernüchternden Befund. Kann die Neugier der Bevölkerung dennoch wissenschaftlich genutzt und befriedigt werden?
Neben den erwähnten hilfreichen Videoaufnahmen zur Standortbestimmung gibt es zahlreiche Citizen-Science-Projekte, in denen sich Bürgerinnen und Bürger wissenschaftlich mit Meteoriten beschäftigen. Hauptsächlich geht es bei diesen aber um sogenannte Mikrometeoriten, die kleiner als ein bis zwei Millimeter sind und ein charakteristisches Aussehen haben. Täglich fallen mehrere Dutzend Tonnen Material auf die Erde, wobei es sich in den meisten Fällen um Staub handelt. Dieser rieselt auf die Erde und kann unter anderem auf Kunststoffdächern abgefegt und eingesammelt werden. Das Material wird anschließend gesiebt und fotografiert, so wie es beispielsweise der Norweger Jon Larsen in seinem ,Project Stardust‘ macht.
Abgesehen vom medialen Trubel und der Faszination der Bevölkerung: Was bedeutet die Aufmerksamkeit für Ihr Fach insgesamt?
Als Wissenschaftler wird man oft gefragt, warum man das alles macht und was der Mehrwert für die Bevölkerung ist. Auch wenn die Antwort in manchen Wissenschaften einfacher ist, können wir in der Planetologie mit den Meteoriten etwas vorweisen, das man in die Hand nehmen und mit dem man den Ursprung und die Entwicklung unseres Sonnensystems rekonstruieren kann. Ereignisse wie der Meteoritenfall von Tscheljabinsk im Jahr 2013 verdeutlichen den Menschen, dass Meteoroiden und Asteroiden nicht nur ein schönes Leuchten am Himmel verursachen, sondern auch eine reale Gefahr für die Erde darstellen können. Darum ist es wichtig, zu verstehen, woraus ein Himmelskörper besteht.
Stichwort Gefahr: Sie haben im April an einer Veröffentlichung mitgewirkt, die zum Drehbuch eines Science-Fiction-Filmes gehören könnte. Sie beschreiben darin mit Kollegen ein Modell zur besseren Erkundung von Himmelskörpern. Es soll einen Beitrag zu „gesteigerten planetaren Verteidigungsfähigkeiten“ leisten. Sind Sie damit eine Art Verteidiger der Erde?
So weit würde ich nicht gehen (lacht). Aber wir am Institut versuchen, uns an den internationalen Diskussionen zum Thema planetare Verteidigung zu beteiligen. Das angesprochene Paper war Teil einer Missionsstudie der europäischen Weltraumorganisation ESA zum Vorbeiflug des Asteroiden Apophis im April 2029 an der Erde. Auch wenn so gut wie alle gefährlichen Objekte identifiziert sind, gibt es einige, die wir offensichtlich nicht kennen und auch nicht kommen sehen, siehe Tscheljabinsk. Apophis, der sich der Erde auf nur rund 30.000 Kilometern annähert, ist eine einmalige Chance, einen erdnahen Asteroiden im Vorbeiflug zu studieren. Dabei wollen wir unter anderem untersuchen, wie sich die Annäherung auf den Himmelskörper auswirken wird – zumindest seine Umlaufbahn wird sich durch die Erdanziehungskraft drastisch ändern.
Aber Grund zur Sorge gibt es für uns Erdbewohner nicht?
Nein. Wir können uns eher darauf freuen, denn auch in Europa wird man Apophis theoretisch mit einem etwas besseren Fernglas während des Vorbeifluges beobachten können. Zur selben Zeit wird ein europäisches Raumschiff den Asteroiden begleiten. Davon abgesehen muss sich die Menschheit gleichwohl mit dem Thema der planetaren Verteidigung beschäftigen, um grundsätzlich für den unwahrscheinlichen Fall einer Kollision gewappnet zu sein und Menschenleben zu retten.