„Unterrichten ist Beziehungsarbeit“
Seit 1997 unterrichtet Dr. Christiane Bohn an der Universität Münster und gehört damit zu den festen Größen am Institut für Sportwissenschaft. Für viele Studierende ist die Dozentin und Fachstudienberaterin weit mehr als das – sie ist Vertraute und Mentorin. Nun wurde sie mit dem „Ars legendi-Fakultätenpreis Sportwissenschaft 2025“ ausgezeichnet. Im Gespräch mit Christiane Bohn wird schnell klar, wie viel ihr diese Ehrung für ihre innovative und herausragende Lehre bedeutet. Noch wichtiger ist ihr jedoch, was ihre Studierenden über ihren Unterricht denken. Der Vorschlag für die Ehrung kam vom Institut für Sportwissenschaft, und auch die Fachschaft lieferte der Jury ein Plädoyer. Die Studierenden fanden darin besonders emotionale Worte. Sie machen deutlich: Es geht der Dozentin um junge Menschen, um Bewegung und vor allem um die Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden. Hanna Dieckmann sprach mit Christiane Bohn über ihre Philosophie, die Bedeutung eines angstfreien Studiums und die Entwicklung einer eigenen Lehrpersönlichkeit.
Einer von vielen emotionalen Sätzen der Fachschaft lautete: ,Ihre Arbeit ist geprägt von Leidenschaft, Empathie und einem tiefen Verständnis für die Verbindung von Wissenschaft und Menschlichkeit.‘ Was bedeutet es Ihnen, dass Ihre Studierenden Sie so sehen?
Als ich hörte, dass ich die Auszeichnung bekomme, habe ich mich riesig gefreut. Aber der Moment, der mich am meisten überwältigt hat, war, als ich die Stellungnahme der Studierenden gelesen habe. Ich war zu Tränen gerührt. Für mich ist jede Art von pädagogischer Arbeit im Kern Beziehungsarbeit. Ohne diese Beziehung könnte ich nicht unterrichten. Wenn ich in ein Seminar komme, ist mein erstes Ziel, dass aus einer Gruppe von Einzelpersonen eine echte Gemeinschaft wird. Ich möchte, dass jede einzelne Person das Gefühl bekommt: Ich werde gesehen. Ich bin nicht nur eine Nummer unter vielen.
Wie setzen sie diese Philosophie praktisch in Ihren Kursen um?
Ich schaffe zum Beispiel Rituale. Der Kreis am Anfang und Ende einer jeden Stunde ist mir extrem wichtig. Er schafft eine Rhythmisierung und gibt den Studierenden Sicherheit. Denn hier können sie teilen, was sie bewegt oder welche Schwierigkeiten sie im Kurs hatten. Besonders die angehenden Grundschullehrerinnen und -lehrer müssen lernen, wie man eine Gruppe sammelt und führt. Indem ich dieses Ritual vorlebe, fungiere ich als Rollenvorbild. Wir kommen gemeinsam an, wir klären, wie es uns geht, und wir beenden die Stunde gemeinsam. Das schafft eine Struktur, in der man sich fallen lassen kann.
In einer akademischen Welt, die oft von Leistungsdruck und Prüfungsangst geprägt ist, klingt das fast märchenhaft. Wie können Sie als Dozentin einen solchen Raum schaffen?
Ich bin fest davon überzeugt: In dem Moment, in dem Angst oder massiver Druck entsteht, kann man nicht mehr gut lernen. Der Leistungsdruck durch die Prüfungen ist ohnehin da, den können wir nicht wegzaubern. Aber innerhalb meiner Seminare möchte ich einen geschützten Raum schaffen. Die Studierenden sollen stets wissen: Hier darf ich mich ausprobieren, hier darf ich auch Fehler machen. Nur wer sich sicher fühlt, ist wirklich motiviert und entwickelt ein aufrichtiges Interesse an der Sache. Und darum geht es doch am Ende.
Sie betonen, wie wichtig Ihnen Körperarbeit ist. Worauf legen Sie besonderen Wert?
Mir ist es wichtig, nicht gleich mit der perfekten Ausführung von Bewegungen zu starten. Ich fange zum Beispiel in den Tanz- oder Gymnastikkursen ganz niederschwellig an. Wir machen Alltagsbewegungen zur Musik – zum Beispiel schieben wir einen imaginären Einkaufswagen.
Warum das?
Wenn wir mit der perfekten Ausführung starten, entsteht eine normierte Vorstellung im Kopf der Studierenden und danach bewerten sie sich. Ich möchte aber, dass sie erst einmal spüren, was ihr eigener Körper ihnen ermöglicht. Wir gehen ganz langsam von der Intuition zur Technik. So nehmen wir die Scham und die Angst, zu scheitern, aus dem Prozess.
Sie begleiten die Studierenden nicht nur fachlich, sondern auch in ihrer Entwicklung als Menschen. Die körperliche Präsenz spielt eine viel größere Rolle als in anderen Fächern …
In der Theorie kennen wir das auch, denn im Hörsaal stehen Tische wie eine Art Barriere zwischen Studierenden und Lehrenden. In der Praxis hingegen stehe ich mit meiner ganzen körperlichen Präsenz mittendrin. Ich helfe beim Sichern, ich bewege mich mit ihnen. Das erfordert ein tiefes Vertrauensverhältnis. Gerade heute merke ich, dass viele junge Menschen eine große Verunsicherung mitbringen, oft verstärkt durch die Bilderwelten von Social Media. Da ist es wichtig, ihnen zu vermitteln: Du bist völlig in Ordnung, so wie du bist. Wir nutzen den Körper als Zugang, um auch psychische Blockaden zu lösen und Sicherheit zu gewinnen.
Oft schließen Ihre Studierenden die Kurse mit Prüfungschoreografien ab. Was ist das Besondere daran?
Das ist für mich der schönste Moment. Wenn ich sehe, wie die Studierenden ihren Freiraum nutzen, um Geschichten zu transportieren, die ihnen wichtig sind. Mir geht es dabei nicht darum, dass zum Beispiel eine Pirouette perfekt ausgeführt wird. Sondern darum, dass die Studierenden in den 14 Wochen, die das Seminar dauert, eine eigene Lehrerpersönlichkeit entwickeln. Ich möchte sehen, dass sie authentisch bleiben. Ob jemand eher demokratisch oder eher strukturiert unterrichtet, ist zweitrangig – wichtig ist, dass sie ihren eigenen Stil finden und darin sicher werden.
Erinnern Sie sich an eine bestimmte Performance besonders?
Es gab viele tolle Choreografien, aber zuletzt hat mich besonders berührt, wie Studierende das Thema Gewalt gegen Frauen beziehungsweise die Auflehnung dagegen in der Bewegung und im Tanz aufgegriffen haben. Das hatte auch eine thematische Tiefe und Stärke.
Woran merken Sie, dass ein Seminar wirklich gelungen ist?
Das spüre ich an der Atmosphäre. Ich achte darauf, wie die Studierenden den Raum verlassen. Wenn sie lachend rausgehen, untereinander im Gespräch sind oder sogar noch die Musik der Stunde mitsummen – dann weiß ich: Das war gut. Dann haben sie nicht nur Wissen mitgenommen, sondern auch Freude. Das ist für mich das eigentliche Qualitätsmerkmal meiner Lehre.
Sie unterrichten nun schon seit 1997 an der Universität Münster. Wie blicken Sie auf die Zeit und, was treibt Sie auch weiterhin an?
Ich empfinde es immer noch als ein riesiges Privileg, dass ich hier unterrichten darf. Es macht mir heute noch genauso viel Freude wie am ersten Tag. Diese Begeisterung für die Bewegung und die Arbeit mit den Menschen ist das, was mich antreibt. Wenn ich sehe, dass die Studierenden diese Freude mit in die Schulen nehmen, dann weiß ich, dass es sich lohnt.