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Rosa Coco Schinagl, die Autorin der Arbeit. Sie trägt ihre bloden Haare zum Zopf, der auf ihren violetten Pullover fällt. Sie lächelt in die Kamera.<address>© privat</address>
Rosa Coco Schinagl
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Theologin Rosa Coco Schinagl untersucht das Werk von Hannah Arendt

Dissertation zeigt, warum die Theoretikerin auch 120 Jahre nach ihrer Geburt aktuell ist

Hannah Arendts erste wissenschaftliche Arbeit war keine politische, sondern eine philosophische – eine Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustinus. Rosa Coco Schinagl widmete sich der Arbeit der politischen Theoretikerin in ihrer eigenen Promotion mit dem Titel „Die Liebe und das Böse aus Sicht Arendts vor dem Hintergrund ihrer Arbeit an christlicher Theologie“. Im Interview mit Hanna Dieckmann spricht sie über eine Liebe, die sich der Welt zuwendet, und darüber, warum Hannah Arendt 120 Jahre nach ihrer Geburt noch aktuell ist.

Am Anfang Ihrer Auseinandersetzung mit Hannah Arendt stand ein Mängelexemplar. Wie wurde daraus eine Doktorarbeit?

Tatsächlich habe ich Arendts Dissertation zu Beginn meines Studiums als Mängelexemplar günstig gekauft, ohne sie damals näher zu kennen. Sie blieb erst einmal liegen – zu komplex zu lesen. Erst gegen Ende meines Studiums verstand ich den Text. Ich war so fasziniert, dass ich mich entschloss, mich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen.

Sie verbinden Theologie und politische Philosophie. Warum passt das gut zusammen?

Theologie gehört zu den ältesten Wissenschaften und hat sich seit jeher mit philosophischen Grundfragen befasst. Die Entwicklung politischer Ideen lässt sich besser verstehen, wenn theologische Konzepte bekannt sind, denn sie beeinflussen sich gegenseitig. Dass das aktive Wissen über christliche Konzepte abnimmt, bedeutet nicht, dass ihre geistigen Spuren verschwinden.

Das Bild zeigt Hannah Arendt (1906 – 1975) - eine der bedeutendsten politischen Theoretikerinnen und Publizistinnen des 20. Jahrhunderts. Sie trägt schwarz, einen Mittelscheitel im dunklen Haar, schaut und die Kamera, während sie eine Zigarette raucht.<address>© Wikimedia Commons/Unknown author</address>
Hannah Arendt (1906 – 1975) war eine der bedeutendsten politischen Theoretikerinnen und Publizistinnen des 20. Jahrhunderts. Im Oktober würde sie ihren 120. Geburtstag feiern.
© Wikimedia Commons/Unknown author

Sie beschäftigen sich mit einer Denkerin, die den christlich-augustinischen Liebesbegriff kritisch sieht. Tut das manchmal weh?

Nein. Arendts Kritik an einem Denken, das sich vor allem aufs Jenseits konzentriert und dabei die Verantwortung für die Welt verliert, halte ich für äußerst anregend. Was macht es mit einer Welt, wenn alles für einen höheren Zweck rein als Mittel betrachtet wird? Abstrahiert passt die Fragestellung gut in unsere heutige Zeit, in der vieles einem Zweck verpflichtet zu sein scheint.

Können Sie erklären, was Hannah Arendt mit der ,Banalität des Bösen‘ meinte – und was das mit Liebe zu tun hat?

Mit der ,Banalität des Bösen‘ beschreibt Arendt die Gefahr, dass Menschen unter anderem durch Gedankenlosigkeit Unrecht ermöglichen. Als Gegenentwurf versteht sie den Menschen als ein Wesen, das mit anderen zusammenlebt und Verantwortung für die gemeinsame Welt übernimmt.

Erleben wir heute eine neue Form der ,Gedankenlosigkeit‘ – etwa in sozialen Medien?

Soziale Medien können überlegte Urteile erschweren. Schnelle Reaktionen, permanente Empörung und durch Algorithmen verstärkte Aufmerksamkeit begünstigen impulsives statt nachdenkliches Handeln. Darin würde Arendt vermutlich eine Gefahr erkennen. Allerdings ist Gedankenlosigkeit nicht dasselbe wie das bewusste politische Kalkül, das wir in Teilen des Rechtspopulismus beobachten. Aus Arendts Perspektive wäre vielleicht die wichtigere Frage, wie Menschen handeln, wenn autoritäre Kräfte übernehmen: Wann folgen sie Anweisungen – und wann verweigern sie sich? Wie weit gehen wir mit?

Welche Rolle spielt Liebe – nicht romantisch, sondern politisch – in einer pluralen Gesellschaft?

Der Begriff ist bei Arendt schwierig, weil sie selten Definitionen formulierte. Liebe richtet sich auf einzelne Menschen und ist oft exklusiv. Politik lebt von Pluralität und Öffentlichkeit. Wenn man dennoch von einer politischen Dimension der Liebe sprechen möchte, dann im Sinne des amor mundi. Diesen Weltbezug fasst Arendt mit einer Formel des Augustinus: inter homines esse, ,unter Menschen weilen‘. Freiheit und Politik entstehen für sie nicht im Rückzug, sondern im Miteinander – in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und die Verschiedenheit anderer auszuhalten.

Inwiefern bleibt Hannah Arendt trotz ihrer Kritik dem christlichen Erbe zugewandt?

Arendt verstand sich zunächst als Jüdin, setzte sich aber intensiv mit christlichen Denktraditionen auseinander und studierte neben Philosophie auch Theologie. Viele ihrer Fragen entstehen im Dialog mit christlichen Autoren. Auch wo sie kritisch nachfragt, bleibt ihr Denken mit diesen Traditionen verbunden. Sie arbeitet sich an ihnen ab und ist zugleich von ihnen geprägt.

Was können Theologie und Kirche heute aus ihrem Werk lernen?

Die Theologie beschäftigt sich seit einigen Jahren verstärkt mit Arendt. Viele ihrer Fragen sind längst Teil theologischer Debatten. Kirchen können von ihr lernen, Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten und neuen Ideen Raum zu geben. Die Kirche steckt in einem tiefgreifenden Wandel; ein bloßes ,Weiter so‘ wird kaum ausreichen. Zugleich liegt darin die Chance, neue Formen kirchlichen Lebens zu entwickeln. Politikerinnen und Politiker sollten verstehen, dass Kirche auch zu politischen Fragen Stellung nimmt, sogar aus ihrem Selbstverständnis nehmen muss.

Wie hat diese Auseinandersetzung Ihr eigenes Denken verändert?

Arendt verbindet enorme philosophische Tiefe mit einem wachen Interesse an den politischen Problemen ihrer Zeit. Das hat mich darin bestärkt, wissenschaftliche Arbeit nicht als Selbstzweck zu verstehen. Das Abstrakte wird gerade dann spannend, wenn es hilft, konkrete gesellschaftliche Herausforderungen besser zu verstehen.

Hannah Arendt wäre am 14. Oktober 120 Jahre alt geworden. Halten Sie ihre Positionen auch heute noch für aktuell und relevant?

Sie wurde lange auf ihre Beziehung zu Philosoph Martin Heidegger reduziert und nicht immer als eigenständige Denkerin gewürdigt. Dabei gehört sie zu den bedeutendsten politischen Theoretikern des 20. Jahrhunderts. Ihre Analysen von Macht, Freiheit, Öffentlichkeit und Totalitarismus sind erstaunlich anschlussfähig an heutige Debatten. Meine Forschung zeigt zudem, dass ihr politisches Denken bereits in den frühen Schriften angelegt ist. Ihre Dissertation ist weit mehr als eine Arbeit über Liebe. Sie enthält bereits Denkfiguren, die ihr späteres politisches Denken vorbereiten.
 

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 22. Juli 2026.

 

 

 

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