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Münster (upm/kk).
Nachdenklicher Junge im blauen Hemd stützt den Kopf mit dem Finger ab; aus seinem Kopf strömen zahlreiche gezeichnete Fragezeichen, Ausrufezeichen, Pfeile und Zahlen als Sinnbild für Gedankenchaos und Reizüberflutung.<address>© stock.adobe.com - 1STunningART</address>
Gedankenkarussell im Kopf: Kinder mit ADHS haben oft Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu bündeln.
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„ADHS-Betroffene sind oft besonders kreativ und humorvoll“

Interview mit Psychologin Julia Kerner auch Körner zum Internationalen ADHS-Tag

Der Internationale ADHS-Tag am 13. Juli soll dabei helfen, auf die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hinzuweisen, Vorurteile abzubauen und den Betroffenen sowie Angehörigen eine Plattform zu bieten. Gerade in der Schule stehen betroffene Kinder mit ADHS und anderen neurologischen Entwicklungsstörungen vor besonderen Hürden. Warum ADHS mehr ist als eine Störung, weshalb Mädchen so lange übersehen wurden, und was Schulen konkret tun können, darüber spricht Kathrin Kottke mit Prof. Dr. Julia Kerner auch Körner vom Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung der Universität Münster.

Sie betrachten ADHS nicht aus klinischer, sondern aus pädagogisch-psychologischer Perspektive. Was ist der Unterschied?

Die klinische Psychologie konzentriert sich vor allem auf Kinder, die bereits eine Diagnose erhalten haben und unter ihrem Zustand leiden. Uns interessieren dagegen alle Kinder, die ADHS-Symptome zeigen.

...also unabhängig von einer Diagnose.

Genau. Uns treibt die Frage um, wie das Umfeld gestaltet sein muss, damit kein Leidensdruck entsteht. Natürlich ersetzt das keine klinische Behandlung. Vor allem bei stark ausgeprägten Symptomen braucht es eine Psychotherapie oder Medikamente. Bei leichteren Ausprägungen kann dagegen ein passendes Umfeld so viel auffangen, so dass im besten Fall gar keine Diagnose nötig wird. Und genau dabei spielen die Schulen eine zentrale Rolle.

ADHS gilt gemeinhin als Störung. Sie sprechen aber auch von Stärken. Warum?

Beides gehört zusammen. Die Diagnose ist wichtig, da sie den Zugang zu Therapien oder Medikamenten eröffnet. Aus der Forschung wissen wir aber auch, dass ADHS Stärken mitbringt. Die Betroffenen sind oft besonders kreativ, sozial und humorvoll.

Sie forschen selbst zu einer dieser Stärken: der Begeisterungsfähigkeit.

Ja, sie ist bei Menschen mit ADHS häufig besonders ausgeprägt. Entscheidend ist jedoch die Selbstregulation.

Was heißt das konkret?

Kann ein Kind seine Begeisterung auch dann steuern, wenn Geduld gefragt ist, beispielsweise wenn es warten muss, bis es an der Reihe ist? Wenn ja, wird daraus eine Stärke, die sich produktiv in Projekte einbringen lässt.

Prof. Dr. Julia Kerner auch Körner<address>© Uni MS - Kalle Kröger</address>
Prof. Dr. Julia Kerner auch Körner
© Uni MS - Kalle Kröger
Und wenn nicht?

Dann werden oft viele Dinge gleichzeitig angefangen, aber nichts zu Ende gebracht. Der daraus entstehende Leidensdruck kann so groß werden, dass eine Diagnose und Unterstützung notwendig werden.

ADHS wird bei Jungen deutlich häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Werden Mädchen übersehen?

Die Antwort ist ein klares Ja. Die Forschung zeigt inzwischen deutlich, dass viele Mädchen ihre Diagnose erst als junge Erwachsene erhalten.

Woran liegt das?

Weil sich die klassische Symptombeschreibung am ‚Zappelphilipp‘, also dem typischen Bild bei Jungen, orientiert. Viele bekommen ihre Diagnose erst zu Studienbeginn oder wenn ihre eigenen Kinder mit ADHS diagnostiziert werden.

Und wo setzen Sie an?

Wir entwickeln diagnostische Instrumente, die die eher unauffälligen Symptome bei Mädchen sowie die Kompensationsstrategien bei Erwachsenen besser erfassen.

Welche Folgen hat es, wenn ADHS bei Mädchen so lange unentdeckt bleibt?

Es kommt häufig zu Folgeproblemen. Viele Frauen kommen zunächst wegen einer Depression, Angst- oder Zwangsstörung in Behandlung. Erst später stellt sich heraus, dass ADHS dahintersteckt.

Sie erwähnten, dass den Schulen eine zentrale Rolle zugeschrieben wird. Was brauchen Kinder mit ADHS, um nicht nur ,mitzukommen‘, sondern aufzublühen?

Die Grundvoraussetzung ist Wissen. Zunächst ist es wichtig, zu verstehen, dass ADHS zur sogenannten Neurodivergenz zählt. Das bedeutet, dass Gehirne unterschiedlich funktionieren und Reize anders verarbeiten als bei der Mehrheit. Dies ist kein Defekt, sondern eine andere Art, wahrzunehmen und zu denken. Lehrkräfte und pädagogisches Fachpersonal müssen also verstehen, dass diese Kinder nicht faul oder unintelligent sind, sondern dass sie Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Konzentration haben.

Und wie geht es weiter?

Oft hilft es schon, sich mehr zu bewegen, zum Beispiel mit einem Sitzball oder regelmäßigen Bewegungspausen. Auch Hilfsmittel wie Kopfhörer oder ein Sichtschutz am Arbeitsplatz können die Konzentration fördern. Besonders wichtig ist es, diese Kinder in der Schule dabei zu unterstützen, ihre eigenen Stärken zu erkennen. Oft werden sie immer wieder nur auf ihre Schwächen hingewiesen. Wo tatsächlich Unterstützung nötig ist, helfen gezielte Strategien, beispielsweise Selbstinstruktionen oder Wenn-Dann-Pläne, gerade bei der Konzentration.

Was raten Sie Eltern, die vermuten, dass ihr Kind neurodivergent sein könnte, aber noch keine Diagnose haben?

Das hängt vom Motiv ab. Steht ein Leidensdruck im Vordergrund, lohnt sich zuerst ein Blick auf das Umfeld.

Was meinen Sie damit?

Ganz grundlegende Dinge: ausreichend Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung. Und die Frage, ob die Schule noch Spielraum hat, um auf das Kind einzugehen. Bleibt der Leidensdruck bestehen, sollte eine klinische Diagnostik in Betracht gezogen werden. Denn bei manchen Kindern ist die Symptomatik so stark ausgeprägt, dass eine Psychotherapie oder auch Medikamente notwendig sind. Das lässt sich durch Veränderungen im Umfeld allein nicht auffangen – und es ist auch kein Versäumnis der Eltern oder der Schule.

Und wenn es gar nicht um akuten Leidensdruck geht?

Dann stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine Diagnose oder ein Label wie ‚ADHS‘ braucht. Manchmal helfen solche Kategorien, sich zu informieren und das eigene Kind besser zu verstehen. Im Vordergrund steht aber eigentlich eine andere Frage: Was sind die individuellen Stärken meines Kindes? Und wie kann ich ihm helfen, diese Stärken auszuleben und für seine Schwächen passende Strategien zu finden? Wenn uns das gelingt – in den Familien wie in den Schulen –, dann wird aus einer vermeintlichen Störung eine Besonderheit, mit der Kinder aufblühen können.

 

 

Zur Person

Julia Kerner auch Körner ist seit Oktober 2024 Juniorprofessorin an der Universität Münster und Leiterin der Arbeitseinheit „Diagnostik und individuelle Förderung in der inklusiven Schule“ am Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung. Sie erforscht Selbstregulation und ADHS aus pädagogisch-psychologischer Perspektive – mit Fokus auf die Stärken betroffener Kinder und auf diagnostische Verfahren, die auch Mädchen und Erwachsene besser erfassen. Zuvor forschte die Psychologin unter anderem in Frankfurt am Main, Bremen und Hamburg.

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