|
Münster (upm/jh).
Drohnenaufnahme des GEO1-Gebäudes, auf dem an einer Seite der Messturm mehrere Meter in die Höhe ragt. Dahinter ist die Silhouette der Stadt Münster zu sehen.<address>© Uni MS - Johannes Wulf</address>
Auf dem Dach des GEO1-Gebäudes der Universität Münster befindet sich seit 2014 ein Langzeitmessturm, der alle zehn Minuten sogenannte Klimavariablen erfasst.
© Uni MS - Johannes Wulf

„Morgens kann man den Regenschirm in der Regel zu Hause lassen“

An der Universität werden seit 2014 Klimavariablen erfasst – Interview mit dem Meteorologen Toprak Aslan über das Wetter in Münster

In Münster regnet es, oder es läuten die Glocken, heißt es im Volksmund. Manche munkeln, Münster sei gar eine der regenreichsten Städte Deutschlands. Wieviel Wahrheit steckt dahinter? Seit 2014 steht auf dem Dach des GEO1-Gebäudes der Universität Münster ein Langzeitmessturm, der alle zehn Minuten sogenannte Klimavariablen erfasst. Die Statistiken, die auf den Messungen basieren, liefern wertvolle Erkenntnisse über die Wetterbedingungen in unserer Stadt. Im Interview mit Julia Harth erklärt der Mikrometeorologe Dr. Toprak Aslan aus der Forschungsgruppe „Biosphere-Atmosphere Interaction“ das typische Wetter in Münster, und weshalb man den Regenschirm eher am Abend benötigt.

Wir haben die erste Hitzewelle des Sommers hinter uns. Wie hat sich die Sommerhitze seit Beginn Ihrer Aufzeichnungen im Jahr 2014 entwickelt?

Die Messungen deuten nicht auf einen einfachen jährlichen Anstieg der Sommerhitze im Zeitraum von 2014 bis 2025 hin. Stattdessen treten warme Sommer und Hitzewellen episodisch und mit erheblichen Schwankungen zwischen den einzelnen Jahren auf. Dies unterstreicht die Komplexität der städtischen Klimabedingungen im Sommer und die Bedeutung kontinuierlicher Langzeitbeobachtungen. Die meisten heißen Tage, an denen die Temperaturen oberhalb von 30 Grad lagen, gab es 2019 mit 14 Tagen. Weltweit trägt der Klimawandel zu steigenden Temperaturen und häufigeren Hitzeextremen bei, auch in den Städten. Gleichzeitig sind Städte heterogene und sich ständig weiterentwickelnde Umgebungen. Lokale Faktoren wie etwa die Bebauungsdichte, Vegetationsbedeckung, Oberflächenmaterialien, Luftzirkulationswege und die fortlaufende Stadtentwicklung können die an einem bestimmten Ort gemessenen thermischen Bedingungen stark beeinflussen.

Foto von Dr. Toprak Aslan bei Arbeiten an der Messstation<address>© Uni MS - Johannes Wulf</address>
Mikrometeorologe Dr. Toprak Aslan ist Alexander-von-Humboldt-Fellow in der Forschungsgruppe „Biosphere-Atmosphere Interaction“ am Institut für Landschaftsökologie und betreut die Messstation auf dem GEO1-Gebäude.
© Uni MS - Johannes Wulf
Wie heiß war denn der heißeste Sommertag, den Sie gemessen haben?

Am 25. Juli 2019 war es in Münster um 16 Uhr 37,6 Grad warm. In diesem Sommer sind wir vor Kurzem schon sehr nah an diesen Rekord herangekommen: Am 26. und 27. Juni haben wir 37,3 Grad um 17 Uhr gemessen. Die niedrigste Temperatur, die wir in den vergangenen zwölf Jahren in den Sommermonaten Juni bis August erfasst haben, lag übrigens bei 7,1 Grad um 5 Uhr am 9. Juni 2015.

Und wie sieht es mit den Temperaturen in der Nacht aus?

Während 30 Grad oft als psychologische Schwelle für Hitzebelästigung am Tag angesehen werden, werden tropische Nächte üblicherweise zur Charakterisierung von nächtlichem Hitzestress herangezogen. Eine tropische Nacht ist definiert als eine Nacht, in der die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Ähnlich wie bei den heißen Tagen steigt von 2014 bis 2025 auch die Zahl der tropischen Nächte keineswegs kontinuierlich – es gibt stattdessen erhebliche Schwankungen von Jahr zu Jahr. In den Jahren 2019, 2020 und 2022 gab es relativ häufig derartig warme Nächte.

Gibt es im Vergleich zu anderen Ballungsräumen in Deutschland besondere Merkmale hinsichtlich des Wetters in Münster?

Anders als viele Menschen meinen oder behaupten, gehört Münster nicht zu den regenreichsten Gebieten Deutschlands. Diese Wahrnehmung wird wahrscheinlich durch das relativ häufige Auftreten von bewölktem und unbeständigem Wetter beeinflusst, das mit dem maritimen Einfluss Westeuropas zusammenhängt.

Aber dass es in Münster relativ oft am Nachmittag regnet, stimmt doch, oder?

Die Beobachtungen zeigen, dass zwischen 12 Uhr und Mitternacht 32 Prozent mehr Regen fällt als in der ersten Tageshälfte. Insbesondere in den späteren Nachmittagsstunden zwischen 16 und 19 Uhr fällt durchschnittlich etwa ein Viertel der täglichen Niederschlagsmenge. Dieser ‚Nachmittagspeak‘ ist jedoch kein direktes Merkmal des maritimen Klimas, sondern ein typisch kontinentales Phänomen, das im Zusammenspiel mit der Meeresfeuchtigkeit entsteht. Da Münster relativ nahe an der Nordsee und dem Atlantik liegt, strömen häufig feuchte Meeresluftmassen über die Region. Wenn diese feuchte Luft über den Kontinent zieht, wirkt die tägliche Sonneneinstrahlung als Auslöser.

Was bedeutet das konkret?

Am Morgen erwärmt die Sonneneinstrahlung den Boden und erzeugt thermische Instabilität, da die warme Oberfläche die unterste Luftschicht erwärmt, wodurch diese weniger dicht wird als die kühlere Luft darüber. Diese aufsteigende Luft steigt in Aufwinden, sogenannten Thermiken. Dabei kühlt sie ab, und die große Meeresfeuchtigkeit kondensiert zu Cumuluswolken. Den ganzen Tag über speist die kontinuierliche Erwärmung vom Boden diese Aufwinde und lässt die Wolken zu großen Cumulonimbus-Wolken (Gewitterwolken) anwachsen. Am späten Nachmittag erreicht diese Instabilität ihren Höhepunkt; die Aufwinde können das Gewicht der angesammelten Wassertropfen nicht mehr tragen, was dazu führt, dass die Wolken von innen zusammenbrechen und heftige Regengüsse freisetzen.

Lässt sich daraus auch eine praktische Erkenntnis ableiten?

Die Daten bieten eine hervorragende Orientierungshilfe für den täglichen Weg zur Arbeit. Wenn man erst um 9 Uhr morgens etwas zu erledigen hat, kann man den Regenschirm in der Regel zu Hause lassen. Für Unternehmungen am späten Nachmittag und Abend ist es jedoch empfehlenswert, einen Regenschirm einzupacken.

Wie trocken beziehungsweise nass waren die Sommer in den vergangenen zwölf Jahren in Münster?

Über diesen Zeitraum betrug die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge 715,7 Millimeter. Es gibt jedoch große Unterschiede von Jahr zu Jahr. Das niederschlagsreichste Jahr war 2017, als viele Regenfälle außerhalb des Sommers die Gesamtmenge auf über 1100 Millimeter steigen ließen. Im Gegensatz dazu war 2018 ein trockenes Jahr mit weniger als 500 Millimeter Niederschlag. Betrachtet man nur die Sommermonate Juni, Juli und August, sind die Unterschiede ebenfalls deutlich. Der regenreichste Sommer war 2014, als über 400 Millimeter und damit etwas mehr als die Hälfte des Jahres-Niederschlags fielen. Der trockenste Sommer war 2022 mit weniger als 100 Millimeter. Man sieht: Die jährlichen Niederschlagsmengen unterscheiden sich in Münster erheblich.

Wie geht es in Zukunft weiter mit der Wetterstation auf dem GEO1? Kann man die Daten auch als Bürgerin oder Bürger einsehen?

Ja, das ist möglich. Unsere Messdaten werden alle zehn Minuten automatisch aktualisiert und stehen auf unserer Webseiten frei zur Verfügung – dort kann man auch die Grafiken der letzten 24 Stunden, fünf oder 20 Tage einsehen. Die Daten werden bereits intensiv von Forscherinnen und Forschern, Studierenden und lokalen Behörden wie beispielsweise der Polizei genutzt. Unser Hauptziel ist es, diese Messungen auch in Zukunft ohne Unterbrechung fortzuführen. Da die Finanzierung für den Turm jedoch ausläuft, hoffen wir sehr, dass wir möglichst schnell finanzielle Unterstützung erfahren, um diese wichtige Klimainfrastruktur für die Stadt langfristig zu erhalten.

Links zu dieser Meldung