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Münster (upm/ch).
Eine Szene in einem Seminar: Vier Studierende sitzen um einen Tisch mit Unterrichtsmaterialien/Experimentierzubehör. Die Professorin steht hinter dem Tisch und ist im Gespräch mit den Studierenden und demonstriert etwas. Im Hintergrund auf einem Monitor steht als weißer Schriftzug auf rotem Grund: &quot;Unterrichtskonzepte zur Demokratiebildung&quot; (Annette Marohn, Anna Klose; Chemie Didaktik Münster)<address>© Annette Marohn</address>
Chemie-Didaktikerin Prof. Dr. Annette Marohn bringt ihren Studierenden bei, wie man im Schulunterricht demokratische Kompetenzen anhand chemischer Phänomene vermittelt.
© Annette Marohn

„Ich versuche Momente zu gestalten, die die Studierenden überraschen“

Interview mit Chemie-Didaktikerin Annette Marohn über den „Ars legendi-Fakultätenpreis“

In den Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Annette Marohn erleben die Studierenden, dass auch Chemieunterricht zur Demokratiebildung beitragen kann.  Zum Beispiel erfahren sie an chemischen Experimenten, wie stark die eigene Wahrnehmung durch Erwartungen beeinflusst wird. Sie lernen, Informationen aus dem Internet kriteriengeleitet zu bewerten und falsche Informationen zu entlarven. Dabei erarbeiten sie kreative Lehrmöglichkeiten für die Unterrichtspraxis: Sie spielen Escape Games, gestalten digitale Lernumgebungen und setzen KI ein, um Lernmaterialien zu entwickeln. Für ihre herausragende Hochschullehre und ihr besonderes Engagement erhält die Professorin für die Didaktik der Chemie am 1. Juli den „Ars legendi-Fakultätenpreis Mathematik und Naturwissenschaften“. Im Interview mit Christina Hoppenbrock gibt sie Einblicke in ihre Lehrmethoden.

Eine Frau (lachend) im weißen Laborkittel vor einer Tafel; in der rechten Hand hält sie eine Kaffeekanne mit blauer Flüssigkeit, die sie in ein Glas in ihrer linken Hand gießt. Die Flüssigkeit in dem Glas ist rot.<address>© Annette Marohn</address>
Prof. Dr. Annette Marohn während einer Vorlesung
© Annette Marohn
Wie schaffen Sie es, angehende Lehrkräfte für das Fach Chemie zu begeistern?

Indem wir beispielsweise Experimente machen, die sich mit sehr einfachen Mitteln im Unterricht realisieren lassen. Zum Beispiel können wir in einer Kunststoffkiste Brausetabletten in Wasser auflösen und anschließend Seifenblasen hineinpusten. Dann schweben die Blasen wie von Geisterhand auf dem entstehenden Kohlenstoffdioxid – einfach wunderschön. Außerdem versuche ich, Momente zu gestalten, die die Studierenden überraschen. Wir backen etwa Stockbrot über dem Gasbrenner, um darüber nachzudenken, inwiefern sich Alltagsphänomene zur Einführung in die chemische Reaktion eignen. Für die Studierenden kommt es auch unerwartet, wenn ich in einer Vorlesung mit 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Rollenspiel mache. Zum Beispiel simulieren wir Unterrichtseinstiege, bei denen das Auditorium als riesige ‚Schulklasse‘ agiert. Damit möchte ich Prinzipien von Lehr-Lern-Prozessen verdeutlichen.

Den Fakultätenpreis erhalten Sie auch, weil es Ihnen herausragend gut gelingt, Brücken zwischen chemischen Inhalten und Themen der Demokratiebildung schlagen. Was hat beides miteinander zu tun?

Demokratiebildung ist ein verpflichtendes Querschnittsthema für alle Unterrichtsfächer der allgemeinbildenden Schulen. Wir können chemische Phänomene und Inhalte nutzen, um demokratische Kompetenzen wie zum Beispiel Urteils- und Diskursfähigkeit zu vermitteln. Dazu haben wir in meinem Arbeitskreis Unterrichtskonzepte und Lernmaterialien entwickelt und erforscht. Diese Lernmaterialien bilden die Grundlage für mein Seminar ‚Innovative Unterrichtskonzepte zur Demokratiebildung‘.

Was ist das Besondere daran?

Eine Besonderheit liegt in den praktischen Übungen, die emotionale Momente erzeugen und Denkmuster durchbrechen können. In einer Übung stellen die Studierenden Aromastoffe her. Einige erhalten dazu eine Versuchsvorschrift mit der Überschrift ‚Apfelaroma‘, andere ‚Bananenaroma‘. Schnuppern die Studierenden am Ende an den Produkten, erkennen sie die Aromen eindeutig. Sie sagen dann häufig Sätze wie ‚Das riecht genau wie mein Apfelshampoo‘ oder ‚Es riecht nach Bananenjoghurt‘. Anschließend erfahren die Studierenden, dass beide Gruppen den gleichen Aromastoff hergestellt haben: Birnenaroma.

Wie reagieren die Studierenden darauf?

Sehr emotional, denn ihnen ist nicht bewusst, wie stark eine Erwartungshaltung die eigene Wahrnehmung beeinflussen kann. Die Auseinandersetzung mit derartigen kognitiven Verzerrungen kann im Sinne der Demokratiebildung dazu beitragen, die eigenen Bewertungen von Sachverhalten zu überprüfen. Sie hilft aber auch, fremde Einschätzungen besser zu verstehen.

Sie setzen also oft auf verblüffende Momente?

Ja, weil solche Momente wirken. In einer anderen Übung bewerten die Studierenden typische Mythen wie ‚Vitamin C aus Zitronen ist gesünder als chemisch hergestelltes Vitamin C‘. Sie sollen dabei angeben, welche Aussagen sie für wahr halten und welche sie vorher bereits einmal gehört haben. Das Ergebnis ist verblüffend: Unabhängig vom Wahrheitsgehalt halten sie bekannte Aussagen für wahr und unbekannte für falsch. Die Studierenden erleben hierdurch den ‚Wahrheits-Bias‘, den viele politische Akteure als gezielte Strategie einsetzen. Falsche Informationen, also sogenannte Fake News, werden so häufig wiederholt und gepostet, bis viele Menschen sie am Ende glauben.

Die Wissenschaft spielt in Ihrer Lehre doch sicher auch eine wichtige Rolle, oder?

Gute fachdidaktische Lehre sollte sowohl wissenschaftsbasiert als auch praxisorientiert sein – und im besten Fall persönlichkeitsbildend wirken. Wichtige Bausteine in meiner Lehre bilden die neuen Konzepte für den naturwissenschaftlichen Unterricht, die wir in unseren Forschungsprojekten entwickeln, unter vielfältigen Fragestellungen untersuchen und kontinuierlich verbessern. Diese Konzepte können die Studierenden zunächst aus Sicht von Lernenden erkunden, anschließend anhand von Unterrichtsvideos aus der Perspektive zukünftiger Lehrkräfte reflektieren und schließlich als Inspiration nutzen, um eigene Lernmaterialien zu entwickeln. Die Konzepte bilden damit eine gute Möglichkeit, um Wissenschaft und Praxis in der Lehre zu verknüpfen.

Lassen sich Ihre Konzepte auch auf andere Unterrichtsfächer übertragen?

Viele unserer Konzepte sind fächerübergreifend angelegt. So haben wir zum Beispiel Ansätze zur Unterscheidung von Fakten und Fake News, zum Wissenschaftsverständnis, zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, zum problemorientierten Lernen oder zum sachgerechten Argumentieren und Schlussfolgern entwickelt. Dies sind Kompetenzen, die in vielen Fächern eine Rolle spielen.

Sie machen häufig Videoaufnahmen im Lehr-Lern-Labor. Warum?

Ich habe im Jahr 2013 unser Lehr-Lern-Labor gegründet, damit Studierende ohne Angst vor Fehlern oder Bewertungen erste Praxiserfahrungen mit Schülerinnen und Schülern sammeln können. Die Videos bieten eine gute Gelegenheit, mögliche ‚Stolpersteine‘ im eigenen Handeln zu erkennen und daraus zu lernen. Daneben nutze ich seit vielen Jahren Videos aus unseren Forschungsprojekten. Die größere emotionale Distanz zu den Akteurinnen und Akteuren im Video erleichtert den Studierenden zu Beginn den Zugang und bereitet sie schrittweise auf die Analyse der eigenen Videos vor.

Wie groß ist die Schere zwischen dem, was die Studierenden an der Universität lernen, und dem Schulalltag?

Diese Frage haben die Lehramtsstudierenden in den vergangenen universitätsweiten Evaluationen aller Fächer deutlich beantwortet: Sie wünschen sich eine konkretere Ausrichtung des Studiums an den Inhalten und Kompetenzen, die sie als zukünftige Lehrkräfte benötigen. Dazu brauchen wir an der Universität eine noch stärkere Verzahnung von Theorie und Praxis. Lehr-Lern-Labore, Unterrichtsvideos oder das Praxissemester sind erste Schritte. Am wichtigsten ist es jedoch, dass wir den Studierenden vorleben, was wir uns auch von ihnen in ihrer späteren Rolle als Lehrkraft wünschen: dass wir unsere Lehre immer wieder auf den Prüfstand stellen, offen für neue Ideen bleiben und versuchen, alles was wir tun, stets ein bisschen besser zu machen.

Der „Ars legendi-Fakultätenpreis Mathematik und Naturwissenschaften“

Der Preis zeichnet herausragende, innovative und beispielgebende Leistungen in der Hochschullehre aus. Er wird jährlich gemeinsam vom Stifterverband, dem Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland, der Gesellschaft Deutscher Chemiker, der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in den Kategorien Biologie, Chemie, Mathematik und Physik vergeben.

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