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Der junge Ninja Naruto Uzumaki ist die Hauptfigur der gleichnamigen Animeserie.<address>© riki32 - Pixabay (KI-generiert)</address>
Der junge Ninja Naruto Uzumaki ist die Hauptfigur der gleichnamigen Animeserie.
© riki32 - Pixabay (KI-generiert)

„Anime berührt die Seelen der Menschen zutiefst“

Valentina-Andrada Minea verfasste ihre Doktorarbeit über das japanische Kulturgut als Vermittler zwischen Religionen

In ihrer Heimat Rumänien konnte Dr. Valentina-Andrada Minea in orthodoxer Theologie nicht promovieren. Sie erhielt ein Stipendium in Deutschland, wo sie Prof. Dr. Hans-Peter Großhans in der systematischen Theologie aufnahm. Ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Involving Anime in Interreligious Dialogue“. Im Interview mit Hanna Dieckmann spricht sie über ihre Leidenschaft für die japanischen Zeichentrickfilme und -serien und welchen Beitrag Anime zum interreligiösen Dialog leisten kann.

Sie kombinieren in Ihrer Forschung außergewöhnliche Inhalte. Wie kamen Sie in Kontakt mit Anime?

Seit ich sehr klein war, habe ich Karate praktiziert. Das war mein erster wirklicher Kontakt mit der japanischen Sprache und gelebten Kultur. Es war nie nur ein Sport – es war eine Lebensweise, die meine Werte geprägt und mir geholfen hat, herauszufinden, wer ich bin. Ich habe mich immer wieder gefragt: Wo finde ich diese Werte wieder? Was ist diese Spiritualität, die ich spüre? Dann liefen Anime im Fernsehen, und ich begann, dort dieselben Werte wiederzuerkennen. Ich schaute Shaman King fast mit einer Art Ehrfurcht. Später wurde ich religiöser, war mit der Schule beschäftigt und hörte eine Weile auf, Anime zu schauen.

Wie fand diese persönliche Begeisterung den Weg in Ihre Forschung?

Während meines Bachelorstudiums kehrte ich zu Anime zurück, denn ich wollte mit Naruto, eine der weltweit erfolgreichsten Animeserien, mein Englisch verbessern. Ich studierte bereits Theologie, schaute also durch diese Brille. Da hat sich alles verbunden. Eine Professorin ermutigte mich, meine Bachelorarbeit darüber zu schreiben – 100 Seiten darüber, wie sich Menschen verschiedener Religionen in Anime wiederfinden. Für die Masterarbeit entwickelte ich ein interreligiöses katechetisches Modell, dann kam die Doktorarbeit über Anime im interreligiösen Dialog.

Dr. Valentina-Andrada Minea<address>© privat</address>
Dr. Valentina-Andrada Minea
© privat

Wieso eignet sich die symbolische Sprache von Anime besonders für den interreligiösen Dialog?

Anime wird von sehr vielen Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen geschaut, und alle finden sich darin auf die eine oder andere Weise wieder. Anime berührt die Seelen der Menschen zutiefst – und genau das will Religion auch: etwas in ihnen bewegen, zum Besseren. Anime schafft also diesen gemeinsamen Raum, in dem Menschen bereits etwas fühlen, noch bevor sie überhaupt anfangen, über Glaubensinhalte zu sprechen.

In Ihrer empirischen Studie befragten Sie mehr als 1.200 Anime-Fans weltweit. Welche Ergebnisse haben Sie besonders überrascht?

Dass die meisten Menschen sich Gott als Person vorstellen. Ich hätte erwartet, dass mehr Menschen über eine Art abstrakte Kraft sprechen, besonders weil Anime oft beides zeigt. Aber nein – die Menschen wollen einen Gott, der sich auf sie bezieht. Außerdem fand ich interessant, dass viele das Göttliche mit Süße und Frische assoziieren. Das ist mir sehr aufgefallen, weil genau das in christlichen Ikonen fehlt.

Welche Anime haben Sie für Ihre theologische Analyse ausgewählt und warum?

Ich habe mit vielen Anime gearbeitet, meist als Beispiele für verschiedene Themen oder Kategorien. Einige habe ich ausgewählt, weil sie sich mit sehr konkreten zeitgenössischen Themen befassen, wie Transhumanismus (Persona 3), KI (Vivy: Fluorite Eye's Song), Krieg (Die letzten Glühwürmchen), Ökologie (Nausicaä) oder Identität und Sinn (Erased, Pet Shop of Horrors). Andere halfen mir, stärker theologische Konzepte wie das Böse oder das Göttliche zu erforschen – wie jene, die direkt in meiner Umfrage vorkamen: To Your Eternity, The Promised Neverland, Sunday Without God, Madoka Magica und Code Geass. Aber wenn ich einen nennen müsste, der am besten für den interreligiösen Dialog funktioniert, wäre es immer noch Shaman King, mein Kindheits-Anime.

Wie gingen Befragte aus monotheistischen Religionen mit den spirituellen Bezugsrahmen von Shintō oder Buddhismus im Anime um?

Viele Menschen aus monotheistischen Traditionen nehmen diese Elemente nicht als buchstäbliche Glaubensinhalte wahr. Sie sehen sie eher als einen Rahmen, eine Art erzählerische Sprache. Aber dadurch verbinden sie sich dennoch zutiefst mit dem, was ausgedrückt wird. Selbst wenn die Oberfläche anders aussieht, erreicht die Bedeutung sie trotzdem.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben, wie Anime ein theologisches Gespräch unter Fans verschiedener Religionen eröffnet hat?

Ein sehr eindrückliches Beispiel ist Naruto. In Online-Communities sieht man Menschen mit muslimischen, hinduistischen und christlichen Namen. Und sie alle fühlen mit Naruto mit. Sie sprechen über ihn in Bezug auf ihre eigenen Überzeugungen. Sie erkennen Werte aus ihrer eigenen Religion in seiner Geschichte wieder. Bei Naruto geht es um Leid, Opfer und Verwandlung. Es eröffnet also ganz natürlich diese Art von Reflexion, ohne sie zu erzwingen.

Warum trifft Anime bei jungen Menschen einen Nerv, wenn es um existenzielle Fragen geht?

Weil Anime über das spricht, was die Menschen tatsächlich durchmachen. Auch wenn es fiktional ist, kann Anime extrem treffend sein, wenn es um persönliche Kämpfe, gesellschaftliche Probleme oder existenzielle Fragen geht. Religion blieb oft in Formen verankert, die in der Vergangenheit funktioniert haben, aber nicht immer in den heutigen Kontext übersetzt werden. Anime leistet diese Übersetzung. Es bringt diese Fragen in eine Sprache, die die Menschen verstehen.

Gab es kritische Stimmen, die Anime in einem theologischen Kontext infrage stellen?

Oh ja, viele. Einige religiöse Gruppen sehen Anime als negativ, nur weil darin ihre Glaubensrichtung nicht explizit erwähnt wird. In der Wissenschaft nehmen manche diese Forschung nicht ernst. Ein Professor fragte andere Studierende einmal zynisch über mich: ‚Sie ist zur Theologie gekommen, um über Naruto zu schreiben?‘ Dass ich und meine Arbeit in meinem Heimatland Rumänien kritisch betrachtet werden, schreibe ich zudem einem anderen Problem zu: Derzeit gibt es dort in der orthodoxen Theologie keine einzige Professorin. Frauen erhalten nicht die Empfehlung des Bischofs für Professuren – manche dürfen nicht einmal promovieren. Das war auch bei mir der Fall.

Wie ging es dann weiter?

Ich begann meine Promotion in Bukarest in katholischer Theologie, erhielt dann ein Stipendium in Deutschland. Mein Betreuer ging jedoch in den Ruhestand und ließ die meisten Doktorandinnen und Doktoranden nicht abschließen. Nach langer Suche nahm Professor Hans-Peter Großhans mich in der systematischen Theologie an und half mir bei der Verteidigung meiner Arbeit. Ohnehin habe ich die Uni Münster als sehr unterstützend empfunden. Mein Weg war nicht einfach, aber sehr klar.

Was wünschen Sie sich für Ihr Forschungsgebiet und Ihre berufliche Zukunft?

Ich hoffe, dass meine Erkenntnisse Einfluss in die Praxis finden, zum Beispiel in der theologischen Lehre, und dass sie zu weiterer Forschung anregen. Ich möchte gerne in der Wissenschaft bleiben. Ich liebe Forschung und möchte Anime und Videospiele in der Lehre einsetzen.

Dieser Text ist eine Langversion eines Interviews aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.

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