„Antibiotika sind eine wertvolle Ressource“
Antibiotika sind in der Krise, etwa aufgrund des drastischen Verlusts der Wirksamkeit durch Resistenzen und massiver Lieferengpässe in der globalen Versorgung. Warum das nicht nur ein medizinisches und ökonomisches Risiko ist, sondern auch ethische Fragen aufwirft, erläutert Philosophin und Medizinethikerin Prof. Dr. Claudia Bozzaro vom Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin im Interview mit Brigitte Heeke.
Warum sind Antibiotika überhaupt ein Thema für die Medizinethik?
Bakterien entwickeln Resistenzen gegenüber Antibiotika, die mit steigendem Einsatz zunehmen. In diesem Sinne sind Antibiotika eine begrenzte und zugleich enorm wertvolle Ressource. Sie schützen vor bakteriellen Erkrankungen und können damit Leben retten. Ohne sie wären viele Operationen wegen des Infektionsrisikos nicht durchführbar. Auch in der Tierhaltung spielen sie eine große Rolle. Die Weltgesundheitsorganisation stuft die antimikrobiellen Resistenzen als eine der größten globalen Gesundheitsbedrohungen ein. Es ist gar die Rede von einem ,Post-antibiotischen Zeitalter‘, indem uns wirksame Mittel gegen ,Superkeime‘ gänzlich fehlen könnten. Der nachhaltige Umgang mit der knappen Ressource wirft mitunter Gerechtigkeitsfragen auf – hier kommt also die Ethik ins Spiel. Denn es muss abgewogen werden, wo der Einsatz von Antibiotika unumgänglich ist und wo eventuell der Zugang beschränkt werden sollte.
Meine Arbeitsgruppe hat beispielsweise gerade eine relativ neue Richtlinie zum präventiven Gebrauch von bestimmten Antibiotika zur Verhinderung von sexuell übertragbaren Erkrankungen angeschaut. Das Beispiel zeigt, wie schwer die Entscheidung in der Praxis ist: Einerseits sollen die Krankheiten eingedämmt werden, andererseits drohen zusätzliche Resistenzen. Zwar wären in diesem Fall Kondome eine relativ sichere und unbedenkliche Alternative. Doch es spielen eben auch andere Faktoren in solche Entscheidungen mit hinein, etwa Lifestyle, Aufklärung und der Zugang zur medizinischen Versorgung sowie die individuelle und gesellschaftliche Risiko-Wahrnehmung. Das macht das Ganze zu einem sehr komplexen, aber auch spannenden Thema.
Was können wir als Gesellschaft tun, um die Krise abzumildern?
Wir müssen Antibiotika rationaler und effizienter verwenden, um zu vermeiden, dass wir eines Tages womöglich dazu genötigt werden, sie zu rationieren, also vorzuenthalten. Es gibt bereits gut etablierte sogenannte Antibiotic-Stewardship-Programme, die vor allem der Ärzteschaft Orientierung geben. Vergangenes Jahr veröffentlichte das ,Deutsche Ärzteblatt‘ eine Studie, aus der hervorgeht, dass eine Online-Kommunikationsschulung das Verordnungsverhalten verändern kann. Vielleicht sind sich viele Ärztinnen und Ärzte auch nicht bewusst, dass sie mehr Antibiotika verordnen als vergleichbare Kolleginnen und Kollegen. Die Awareness für das Thema zu erhöhen, ist ein guter Ansatz, auch in der Bevölkerung.
Und was kann ich als einzelner Mensch ohne medizinisches Wissen dazu beitragen?
Mein Eindruck ist, dass viele mit großer Selbstverständlichkeit Antibiotika einnehmen und auch einfordern, ohne sich der Risiken bewusst zu sein. Ob ein bakterieller Befund vorliegt, lässt sich mit einer Diagnostik klären, die mehr Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt. Als Patientin oder Patient kann man diesen Aspekt ansprechen, gerade bei nicht akuten Krankheitsverläufen.
Terminhinweis:
„Verantwortung in der Antibiotikakrise“ lautet der Titel der Jahrestagung des Centrums für Bioethik am 3. Juli (Freitag) von 15 bis 18 Uhr im Alexander von Humboldt-Haus, Hüfferstraße 61. Referentinnen sind Jasmin Behrends (Ärzte ohne Grenzen) und Prof. Dr. Claudia Bozzaro vom Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Universität Münster. Alle Interessierten sind willkommen.
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.