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Münster (upm/bhe).
Zu sehen ist Prof. Dr. Silvia Schultermandl vor einem Bücherregal in ihrem Büro.<address>© Uni MS - Brigitte Heeke</address>
Prof. Dr. Silvia Schultermandl
© Uni MS - Brigitte Heeke

„Wir untersuchen alle ,typisch amerikanischen‘ Phänomene“

Die Deutsche Gesellschaft für Amerikastudien tagt vom 28. bis 30. Mai in Münster

260 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA) treffen sich vom 28. bis 30 Mai an der Universität Münster. Das letzte Mal war die Jahrestagung der DGfA 1991 hier zu Gast, also vor 35 Jahren. Brigitte Heeke sprach mit Prof. Dr. Silvia Schultermandl darüber, worum es in den „American Studies“ und in den Beiträgen der Konferenz „Kinship in American Studies“ geht, und warum sich der kulturwissenschaftliche Blick über den Atlantik gerade jetzt lohnt.

Amerika galt lange als Taktgeber von Demokratie und Fortschritt. Seit wann gibt es ein akademisches Fach ,American Studies‘?

Die ‚American Studies‘ sind ein Produkt des Kalten Krieges. Ihre Anfänge liegen im ‚Salzburg Global Seminar‘ 1947, das den Menschen nach der Nazi-Diktatur demokratische Werte vermitteln sollte. Aus dem gleichen Aufarbeitungskontext heraus, einer Art intellektuellem Marshallplan, entstanden Kultur- und Informationszentren, sogar Amerikanistik-Institute an Universitäten. Bis in die 1980er Jahre hinein war die Forschung von der sogenannten ‚Myth-and-Symbol‘-School geprägt. Sie basierte auf der Wahrnehmung Amerikas vor allem im 19. Jahrhundert, die als ‚American Way of Life‘ Eingang in Bücher, Filme und Kunstwerke fand. Unter dem Label ‚New American Studies‘ lag der Fokus später auf den USA als globale Weltmacht. Seit den 2000ern schließlich weitet sich der Blick auf transnationale Bezüge, die Forschung befasste sich beispielsweise mit den Werken der Schriftstellerin May Ayim, einer Pionierin der afro-deutschen Bewegung.

Mittlerweile sieht es so aus, also ob die Demokratie in Amerika wackelt. Wie nehmen Sie die Lage an den Universitäten wahr?

Bestimmte Forschungsthemen werden stark eingeschränkt. Die aktuelle Administration unter Präsident Donald Trump nimmt inzwischen sogar die Naturwissenschaften ins Visier, etwa die Biologie, weil die Evolution dem Kreationismus widerspricht, oder die Physik, die Ursachen und Folgen des Klimawandels erforscht.

Das Thema der Konferenz hört sich vor diesem Hintergrund fast an wie ein Gegenentwurf: ,Kinship‘, also Zugehörigkeit. Warum lohnt sich die transatlantische Perspektive darauf gerade jetzt?

‚Familie‘ und ,Verwandtschaft‘ werden von konservativen politischen Kräften in den USA oft als Teil der vermeintlichen ‚Good old Times‘ heraufbeschworen, um die weiße Mittelklassefamilie als Standard zu legitimieren. Das ist jedoch konstruiert. Indigene passten beispielsweise ihre Familienstrukturen daran an oder wurden dazu gezwungen. Aktuell erleben wir, dass die Trump-Administration Kinderbücher verbietet, in denen ein anderes als das vermeintlich traditionelle Familienbild vorkommt. Wer Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben, dem geht es immer um Macht. Bei unserer Tagung kommen feministische, queere und rassismuskritische Stimmen zu Wort, die solche Machtstrategien beleuchten.

Das Familienleben ist also politisch?

Ja, denn entweder spiegelt es den Mainstream wider, oder es stellt sich dagegen. Über ‚verregelte‘ Verwandtschaft wie Eheschließungen hinaus umfasst ‚Kinship‘ Zusammenhänge wie Solidarität, Care-Arbeit, aber auch Verpflichtungen. Der Freundeskreis kann sich wie eine Familie verhalten, Nachbarn unterstützen sich gegenseitig, Menschen engagieren sich ehrenamtlich.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Denken Sie an die Aids-Krise in den 1980er Jahren. Als sich die Kernfamilien von den Erkrankten abwandten, erwiesen sich andere soziale Strukturen als tragfähig und lebenserhaltend. Adoptionen sind ein weiteres Beispiel. Sie bringen für die Beteiligten biographische Brüche und Verluste mit sich, aber eben auch eine Gemeinsamkeit, die oft als starke Bindung erlebt wird und viel Resonanz bietet.

Das alles lesen Sie nicht nur aus Büchern heraus …

Die Mitglieder der DGfA untersuchen Literatur und kulturelle Narrative, aber ebenso alle Phänomene, in denen Ideen von ,typisch amerikanisch‘ verwoben sind. Die Bandbreite reicht von Filmen bis zu Freizeitparks. Unser Tagungsthema ‚Kinship‘ ist eine Einladung, sich mit der Darstellung von Verwandtschaft zu beschäftigen, gerade wenn man für Dynamiken von Macht und Teilnahme sensibilisiert ist. Es erweist sich als Prisma mit kulturellen, gesellschaftlichen, künstlerischen und vielen weiteren Facetten. Wenn man es gegen das Licht hält und genauer betrachtet, entsteht ein detailliertes Gesamtbild der amerikanischen Kultur und Gesellschaft.

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