Operieren statt trommeln
Mit fünf Jahren saß Mirco Herbort erstmals am Schlagzeug. Der kleine Junge zeigte Talent und er fing sofort Feuer. Die Begeisterung für die Musik war so groß, dass er sich nur ein Jahr später zusätzlich am Klavier versuchte – ebenfalls mit Erfolg. Seine Eltern leisteten ihre bestmögliche Unterstützung, indem sie ihrem Sohn beispielsweise einen geradezu sündhaft teuren Flügel der Wiener Klavierfabrik Bösendorfer kauften, nachdem Mirco gerade seinen neunten Geburtstag gefeiert hatte. „Mein Fokus galt einzig und allein der Musik“, erinnert sich der heute 46-Jährige.
Auch seine Mitschüler profitierten von Mirco Herborts Begabung und Leidenschaft: Sechs von ihnen nahmen bei ihm regelmäßig Unterricht an Trommeln, Tomtoms und Drums. Mit seinem ein Jahr älteren Bruder, der die Gitarre für sich entdeckt hatte, tingelte Mirco Herbort in den 90ern als die „Herbie-Brothers“ von Festival zu Festival – an einem Abend jubelten 4.500 Zuschauer dem Duo zu. Der Karriereweg führte eindeutig in eine einzige Richtung: Profi-Musiker. Was sonst? Hat es geklappt? Heute steht Mirco Herbort weniger auf Bühnen, sondern am OP-Tisch. Medizin statt Musik, Skalpell statt Schlaginstrument. Der Orthopäde und Unfallchirurg operiert vorzugsweise Kniegelenke. Rund 1.000 pro Jahr.
Irgendwann sei ihm aufgegangen, dass „Musik vielleicht doch nicht die wahre Perspektive ist“, betont der gebürtige Beckumer. Sein Schwenk sollte sich als eine gute Entscheidung erweisen: Als Mitgesellschafter der „Orthopädischen Chirurgie München“ (OCM) gilt Prof. Dr. Mirco Herbort mittlerweile als einer der deutschlandweit herausragenden Knie-Spezialisten; auch Profisportler, die auf eine schnelle und dauerhafte Genesung angewiesen sind, vertrauen dem Experten. „Während man früher als orthopädischer Generalist mehr oder weniger alles operiert hat, ist mittlerweile die Spezialisierung weit vorangeschritten“, unterstreicht er. „Aus guten Gründen, denn eine Hand, ein Fuß oder ein Knie sind hochkomplex.“
Als Mirco Herbort im Jahr 2000 sein Studium an der Universität Münster begann, hatte er allerdings noch keinen Berufsplan. Er schrieb sich für Medizin und Chemie ein. „Ich hatte auch ein Faible für Naturwissenschaften, ich wollte mich in beiden Fächern testen.“ Irgendwann gewann die Medizin die Oberhand. „Ich hatte vor allem Spaß daran, mit Menschen zu arbeiten und ihr Vertrauen zu gewinnen.“ In der Klinik für Unfallchirurgie an der Waldeyerstraße gehörte er an der Seite von seinem „wissenschaftlichen Ziehvater“ Prof. Dr. Wolf Petersen und Klinikleiter Prof. Dr. Michael Raschke „schnell zum Inventar“. In jeder freien Minute half er im biomechanischen Labor aus oder überprüfte mit einem Roboter Materialien und Verankerungen. Parallel dazu intensivierte er als Oberarzt sein Wissen über Kniegelenke.
Mirco Herborts Fähigkeiten machten schnell die Runde. Ein Abwerbungsversuch folgte auf den nächsten. Vor knapp acht Jahren ergab sich schließlich die Chance für ihn: Die privat geführte OCM im Münchener Stadtteil Sendling ernannte ihn zu einem von neun Inhabern. Nach einem halben Jahr kamen seine Ehefrau, die als Gynäkologin praktiziert, und seine Tochter nach. „Es war nicht nur, aber auch aus privater Sicht die richtige Entscheidung“, bilanziert er rückblickend. Endlich mehr oder weniger freie Wochenenden für seine mittlerweile vierköpfige Familie, endlich die Nächte zum Durchschlafen; hinzu kommt ein grundsätzlich freier Freitag, den Mirco Herbort für Vorträge, für die Teilnahme an Kongressen und für die Arbeit an wissenschaftlichen Publikationen nutzt. „Gerade letzteres macht mir viel Spaß, das hat sich zu einem schönen Hobby entwickelt.“
Mirco Herbort kommt nach wie vor gerne und regelmäßig nach Münster, um in der unfallchirurgischen Klinik mit Kollegen zu forschen und sein Wissen weiterzugeben. Überhaupt Münster! Schon beziehungsweise gerade als Student habe er die „phänomenale Lebensqualität genossen“. Als Sportart stand Basketball oben auf seiner Agenda, nach einigen Monaten im südafrikanischen Kapstadt kam das Kite-Surfen hinzu. Mirco Herbort war mit den einschlägigen Kneipen wie der „Gorilla Bar“ bestens vertraut. Sein Bruder war ebenso tief in der münsterschen Gastro- und Klub-Szene verankert. „Ich musste in keiner Schlange warten“, sagt Mirco Herbort und lacht. Er habe neben dem intensiven Studium und der Arbeit im Labor das Leben genossen. So sehr, dass seine Mutter damals mit einem Augenzwinkern meinte: „Du bist vergnügungssüchtig.“ Seiner Karriere hat es gleichwohl nicht geschadet.
Autor: Norbert Robers
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 3, 6. Mai 2026.