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Münster (upm/bhe).
Zu sehen sind Regale mit Archivalien.<address>© Uni MS - Brigitte Heeke</address>
Aus dem Magazin heraus können Nutzer die überlieferten und erschlossenen Materialien bestellen.
© Uni MS - Brigitte Heeke

Mit Sorgfalt und Routine

Die Universitäts- und Landesbibliothek hütet bedeutende Nachlässe

Ist das Wissenschaft oder kann das weg? Dieser Frage müssen sich alle stellen, die Bücher, Akten oder andere Materialien aufheben, um sie zu sichern und für die Forschung zur Verfügung zu stellen – mit Blick auf die Ressourcen, die es dafür braucht. „In die Erfassung von Nachlässen fließen viele Arbeitsstunden“, berichtet Dr. Henning Dreyling. „Darüber hinaus ist der Platz in den Magazinen begrenzt.“ Der Dezernent ist für die historischen Bestände der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) zuständig. Über 180 Nachlässe und Dokumentensammlungen besitzt die ULB, darunter sind beispielsweise Familiendokumente, Beiträge zur Geschichtsforschung oder auch Fotografien. Die Urheber haben eine historische Bedeutung, wie der Militärwissenschaftler und -ethiker Carl von Clausewitz (1780–1831), dessen Teilnachlass in Münster liegt, oder sie zeichnen sich durch einen Bezug zum Sammlungsschwerpunkt Westfalen beziehungsweise zur Universität Münster und ihren Vorgängerinstitutionen aus.

Einen Bezug zur Universität haben zum Beispiel die zehn Kartons und acht Aktenordner, die einen Archivwagen in Henning Dreylings Büro am Krummen Timpen füllen. Es handelt sich um den Vorlass eines Journalisten, der in den 1980er-Jahren in Münster studierte und politisch aktiv war. Flugblätter, Infobroschüren, Sitzungsprotokolle: Der Rentner bewahrte alles auf und heftete es sorgfältig ab. „Eine umfangreiche Sammlung für jemanden, der sich aus heutiger Sicht mit dieser Zeit beschäftigt“, bilanziert Henning Dreyling zufrieden, „zumal alles in einem guten Zustand und hervorragend geordnet ist.“ Das sei nicht immer der Fall. „Manchmal erhalten wir Kartons mit losen Blättern“, berichtet der Bibliothekar. Mitunter finden sich darin auch Überraschungen, die nicht katalogisiert werden. Er könne sich noch gut an eine eingetrocknete Tube Kosmetik erinnern ...

Die zum Teil jahrzehntelange Lagerung auf staubigen Dachböden oder in muffigen Kellern geht auch an den papiernen Hinterlassenschaften nicht spurlos vorüber. „Als erstes kommt alles vorsichtshalber in Quarantäne“, sagt Henning Dreyling. Das bedeutet konkret: in luftdicht schließende Plastikbehälter, damit mögliche Schädlinge wie Bücherfischchen gar nicht erst in die Bestände gelangen. Was kaputt ankommt, etwa in brüchigen Einbänden, von Zimmerbränden angesengt oder verschimmelt, wird zunächst in der hauseigenen Werkstatt gereinigt, repariert und für den sicheren Gebrauch in der Bibliothek hergerichtet. Anschließend sortiert, erfasst und beschreibt das Team der ULB die einzelnen Bestandteile und packt sie in Folien.

Um das Nachlassmaterial nutzbar zu machen, werden die Dokumente in Listen oder über Datenportale erschlossen. Aus dem Magazin heraus können sie in den Handschriftenlesesaal bestellt und dort benutzt werden. Das gilt nicht nur für Universitätsangehörige. „Regelmäßig arbeiten auch Privatleute damit, die vor allem nach den westfälischen Beständen fragen“, unterstreicht Henning Dreyling. Kein Wunder, denn es gibt vieles zu entdecken, von archäologischen Fundberichten bis hin zu historischen Fotos. Nachlässe von Dozentinnen und Dozenten, die in Münster gelehrt haben, zum Beispiel der 2007 erworbene des Soziologen Helmut Schelsky, runden die Sammlung ab.

An manchen Nachlässen wäre Henning Dreyling durchaus „sehr interessiert“, beispielsweise wenn sie einen hohen regionalen Wert oder besonderen Universitätsbezug haben. Andere wiederum müsse er aus Sachgründen freundlich ablehnen. Konkrete Beispiele mag er aus Rücksicht auf die Beteiligten nicht nennen, aber er formuliert klare Kriterien: „Wenn jemand eigene Bedingungen an den Nachlass knüpft und beispielsweise vor jeder Verwendung um Erlaubnis gebeten werden möchte – das können wir nicht leisten.“

Ohnehin legten rechtliche Standards fest, was die Benutzer sehen dürfen. „Vor allem in Briefen finden sich persönliche Informationen“, erläutert der Dezernent. „Wenn jemand schreibt“, führt er ein fiktives Beispiel an, „die Frau von Prof. Soundso sei beim Ladendiebstahl erwischt worden, das darf natürlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen.“ Ähnliches gelte für Krankheiten. Dokumente, die solche „schützenswerte Belange Dritter“ enthalten, stehen nicht für die Einsicht zur Verfügung. „Bei Neuzugängen behalten wir uns zudem vertraglich vor, beispielsweise Doubletten auszusortieren.“ Alte Nachlässe bleiben, wie sie sind. Wertvolle Einblicke in andere Zeiten und wie die Menschen sie erlebt haben, bietet die über 288.000 Einzeldokumente umfassende Sammlung in jedem Fall.

Autorin: Brigitte Heeke

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.

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