Ein Sprung über soziale Grenzen
Sozioökonomisch benachteiligt: So bezeichnet Ferhat Kafali das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist. „Die Biografie meiner Familie ist eine klassische Gastarbeitergeschichte“, erzählt der 27-Jährige. Seine Großeltern kamen aus der Türkei nach Deutschland, um im Kohlebergwerk zu arbeiten. Bereits in jungen Jahren hatte er das Gefühl, Verantwortung übernehmen zu müssen. „Wir kommen aus Verhältnissen, die uns einige Möglichkeiten verwehrt haben. Ich hatte somit schon früh den Eindruck, dass ich mein Potenzial nutzen muss“, erinnert er sich.
Als Abiturient nahm ihn ein Freund mit zu einer Vorlesung von Prof. Dr. Milad Karimi vom Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster. Ein einschneidendes Erlebnis für Ferhat Kafali, der sich anschließend entschied, als erster aus seiner Familie zu studieren. Noch heute steht er gelegentlich mit dem Universitätsprofessor in Kontakt.
Während seines Zwei-Fach-Bachelors in Soziologie und islamischer Theologie wurde der gebürtige Lünener mit einem ProTalent-Stipendium unterstützt. „So hatte ich die Möglichkeit, am studentischen Leben teilzunehmen und mir das nötige Equipment für ein erfolgreiches Studium zu kaufen“, sagt er. Vor allem sind ihm aber die damit einhergehenden Vernetzungsangebote mit Förderern und Stipendiaten in guter Erinnerung geblieben. Ferhat Kafalis erste Bewerbung für das Deutschlandstipendium der Universität Münster wurde abgelehnt, was für ihn allerdings keine Niederlage bedeutete. „Von Rückschlägen darf man sich nicht unterkriegen lassen. Ich habe gelernt, damit umzugehen, und es noch einmal probiert – mit Erfolg“, berichtet er.
Diese Einstellung half ihm auch beim nächsten Schritt seiner universitären Laufbahn. Nach dem Bachelorabschluss an der Universität Münster schaffte er es, einen der begehrten Studienplätze an der britischen University of Cambridge zu ergattern. „Es gehörten viele Vorbereitungsschritte dazu“, erläutert er. „Ich brauchte bereits Kontakte zu Professoren in Cambridge und musste ein Abstract für meine Masterthesis vorlegen.“ Auch die Finanzierung des Studiums musste im Vorfeld gewährleistet sein. Mithilfe mehrerer Stipendien meisterte er auch diesen Schritt und belegte an der prestigeträchtigen britischen Universität den Masterstudiengang „Theology, Religion and Philosophy of Religion“, den er vor einigen Monaten erfolgreich abschloss.
Ferhat Kafali ist stolz auf seine bisherige Karriere. Er will denjenigen, die aus ähnlichen Verhältnissen kommen, Mut machen. „Niemand sollte sich durch die Umstände definieren lassen, in denen er aufwächst“, betont er. „Wer unter schwierigen Bedingungen groß wird, ist schnell verleitet, sich einschüchtern zu lassen. Aber wenn man einen Weg findet, für den man bereit ist, Zeit und Mühe zu investieren, warten am Ende Resultate, mit denen man mehr als zufrieden sein kann.“
Autor: Tim Zemlicka
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.