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Die unterschiedlichen Phasen der translationalen Forschung greifen wie ein Puzzle ineinander: von experimentellen Ansätzen im Labor über präklinische Modelle bis hin zur Anwendung am Patienten.
Auf diese Weise entsteht aus
wissenschaftlicher Erkenntnis
medizinischer
Fortschritt.<address>© Uni MS – Michael Kuhlmann (Bilder oben), UKM (unten)</address>
Die unterschiedlichen Phasen der translationalen Forschung greifen wie ein Puzzle ineinander: von experimentellen Ansätzen im Labor über präklinische Modelle bis hin zur Anwendung am Patienten. Auf diese Weise entsteht aus wissenschaftlicher Erkenntnis medizinischer Fortschritt.
© Uni MS – Michael Kuhlmann (Bilder oben), UKM (unten)

Vom Labor ans Krankenbett – und zurück

Wie der Medizinstandort Münster Wissen schneller in die Versorgung bringt / Gastbeitrag von Jan Rossaint

Warum dauert es oft so lange, bis aus einer Entdeckung im Labor eine Verbesserung für die Patientinnen und Patienten wird? Genau an dieser Frage, an dieser Schnittstelle setzt translationale Forschung an. Der Begriff „translational research“ tauchte erstmals in den 1990er-Jahren in der biomedizinischen Forschung auf und wurde in den 2000ern zu einem Leitmotiv in Förderprogrammen. Gemeint ist die „Übersetzung“ von Erkenntnissen: aus der Grundlagenforschung in konkrete Anwendungen und zugleich zurück in die Forschung, wenn Beobachtungen aus den Kliniken, in der Versorgung oder der Bevölkerung neue Fragen aufwerfen.

Man kann sich translationale Forschung als Brücke vorstellen, die mehrere Etappen verbindet. Am Anfang steht oft eine Idee: ein neuer Signalweg, ein Biomarker, ein Wirkstoffkandidat oder ein technisches Verfahren. Dann folgen präklinische Untersuchungen, etwa in Zellkulturen oder Modellen, um die Mechanismen, Wirksamkeit und Sicherheit zu verstehen. Erst danach beginnen klinische Studien – zunächst klein (Phase I, Sicherheit), dann größer (Phase II/III, Wirksamkeit und Vergleich mit Standardtherapien). Anschließend folgen die Zulassung, Erstattung, Leitlinien und die Umsetzung im Versorgungsalltag. Von der Idee bis zur breiten Anwendung vergehen nicht selten zehn bis 15 Jahre.

Ein konkretes Beispiel aus Münster ist die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Klinische Forschungsgruppe mit dem Titel „Organdysfunktion im Rahmen systemischer Inflammationssyndrome“. In diesem Verbund untersuchen Forscher aus mehreren Kliniken und Instituten, warum bei schweren systemischen Entzündungsreaktionen, etwa bei einer Sepsis, lebenswichtige Organe versagen. Ziel ist es, relevante molekulare und zelluläre Signalwege zu identifizieren, potenzielle Therapieansätze in präklinischen Modellen zu prüfen und klinische Beobachtungs- sowie Interventionsstudien am Universitätsklinikum Münster so zu gestalten, dass aus Mechanismen konkrete, überprüfbare Strategien werden.

Prof. Dr. Jan Rossaint<address>© UKM</address>
Prof. Dr. Jan Rossaint
© UKM
Die klinische Gruppe vereint dabei Projekte von der Inflammation und Zellbiologie über die Bildgebung und Mikrobiologie bis zum klinischen Management von Sepsis und Organversagen. Solche Verbünde zeigen, wie aus komplexer Krankheitsbiologie Schritt für Schritt klinisch relevante Entscheidungen werden – vom Biomarker bis zur personalisierten Therapie. Damit wird auch klar, was translationale Forschung nicht ist: Sie meint nicht nur „Laborarbeit“, sondern den gesamten Weg in klinische Studien, in die Versorgung und – im besten Fall – in die Gesellschaft. Der Nutzen kann enorm sein: bessere Heilungschancen, weniger Nebenwirkungen, frühere Diagnosen, gezielte Prävention und damit mehr Lebensqualität und Entlastung des Gesundheitssystems.

Translationale Forschung ist deshalb Teamarbeit. Neben Biologie und Medizin braucht es Pharmazie, Chemie, Ingenieur- und Materialwissenschaften, Pflege- und Gesundheitswissenschaften, Ethik, Recht und Gesundheitsökonomie – und zunehmend Datenwissenschaft: von Bildgebung über riesige Datensätze biologischer Moleküle, den sogenannten Omics-Daten, bis zu elektronischen Patientendaten und „Real-World-Evidenz“. Dabei handelt es sich um medizinische Daten, die als Teil der routinemäßigen Patientenversorgung erhoben werden. Ebenso wichtig sind Kooperationen mit Kliniken, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Industriepartnern und Start-ups, aber auch mit Patientenorganisationen und der Öffentlichkeit. Denn Akzeptanz und Mitgestaltung, etwa durch Patientenbeteiligung, entscheiden mit darüber, ob Innovationen ihren Weg in den Alltag finden.

An dieser Stelle spielt der Medizinstandort Münster seine Stärke aus. Die enge Verzahnung von Universität, medizinischer Fakultät und Universitätsklinikum Münster schafft kurze Wege zwischen Labor, Klinik und Studieninfrastruktur. Interdisziplinäre Verbünde, gemeinsame Plattformen und erfahrene Studienzentren helfen, Ideen zügig zu prüfen, Patientinnen und Patienten sicher einzubinden und die Ergebnisse wieder in die Versorgung zurückzuspielen. Diese Nähe macht Translation schneller, sicherer und patientennäher.

Die Zukunft der translationalen Forschung liegt in Präzisionsmedizin, biologischen und digitalen Biomarkern, personalisierten Therapien, neuen Impf- und Zelltechnologien sowie in einer Versorgung, die aus Daten lernt. Wenn es gelingt, Forschung, klinische Praxis und Gesellschaft noch enger zu verzahnen, wird aus Wissen Leben: Translationale Forschung macht wissenschaftliche Neugier zu konkretem Nutzen und die Universität Münster zu einem Ort, an dem Gesundheit und Lebensqualität nachhaltig verbessert werden können.

Autor Prof. Dr. Jan Rossaint arbeitet an der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Münster.

 

Dieser Beitrag ist Teil einer Themenseite zu translationaler Forschung und stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.

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