Filme schaffen Bewusstsein
Die Hintergründe sind weitgehend bekannt: Am 20. Januar 1942 kamen 15 hochrangige Vertreter der nationalsozialistischen Regierung und der „Schutzstaffel“ (SS) zusammen, um in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin unter dem Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich den Holocaust an den Juden im Detail zu organisieren und die Zusammenarbeit der beteiligten Instanzen zu koordinieren.
Die zehn in meiner Dissertation „The Wannsee Conference and Television Docudrama: Holocaust Education and Public History, 1960 – 2022“ untersuchten Film- und Fernsehproduktionen, die die Wannseekonferenz darstellen, stammen vor allem aus den USA, Großbritannien oder Westdeutschland beziehungsweise aus dem wiedervereinigten Deutschland. Bei den Produktionen handelt es sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, um Fernsehfilme oder Fernsehepisoden. 82 Jahre nach der Wannseekonferenz ist es von großer Relevanz, die filmische Darstellung der Besprechung zu analysieren, weil es sich dabei sowohl um einen Aspekt der Fernsehgeschichte als auch der Aufarbeitung des Holocausts handelt, der bislang nur wenig akademische Aufmerksamkeit erhielt.
Durch eine Analyse der Produktionsgeschichte eines Historienfilms kann man viel über die Intentionen von Filmemachern oder Sendern erfahren sowie die Fernsehlandschaft in verschiedenen Ländern im Wandel der Zeit beobachten. Zum Beispiel: Der Autor Loring Mandel, der das Drehbuch für den Fernsehfilm „Conspiracy“ (2001) verfasste, war Mitglied einer jüdischen Familie aus Chicago. Er verlor Verwandte während des Holocausts, weil sein Vater sich geweigert hatte, Verpflichtungserklärungen auszustellen, die eine Einwanderung seiner Familie in die USA ermöglicht hätte. Diese Erfahrung war ein wichtiger Antrieb für Mandel, die nicht realisierte Fortsetzung von „Conspiracy“, „Complicity“, zu schreiben – sie sollte die restriktive und antisemitische Einwanderungspolitik der USA in den 1940ern thematisieren. Ohne „Oral History“-Interviews und einen Besuch im Film- und Theater-Archiv wären solche Erkenntnisse unmöglich.
Für Historiker ist neben der Dramaturgie von Interesse, inwieweit jeder Film ein Spiegelbild der damaligen Kenntnisse über den Holocaust ist. Die drei zuvor genannten Dokudramen unterscheiden sich vor allem darin, wie sie den jeweiligen Wissensstand zur Zeit der Produktion darstellen. Im ersten Dokudrama aus dem Jahr 1984 konzentrierten sich die Verantwortlichen darauf, die Täter als Teil der nationalsozialistischen Elite zu zeigen. Dieser Fokus schwindet, als die historische Forschung nach der Öffnung sowjetischer Archive in den 1990er-Jahren neue Erkenntnisse gewann: Die zwei jüngeren Dokudramen fokussieren sich daher mehr auf die „normalen Männer“ und eine „kämpfende Verwaltung“ der NS-Täter. Bei „Conspiracy“ gibt es mehr Kontext, zum Beispiel mit Blick darauf, was mit den Teilnehmern nach dem Krieg geschah. Die geschichtswissenschaftliche Entwicklung ist ein Beweggrund dafür, warum Filmemacher sich immer wieder mit dem Thema auseinandersetzen. Ein anderes Motiv war und ist die politische Situation zur Zeit der jeweiligen Entstehung – in den 1980ern war es die fehlende Aufarbeitung des Holocausts in Westdeutschland, 2022 war es der globale Aufstieg von rechten Parteien.
Wir leben in einer Zeit, in der rechte politische Bewegungen erstarken. Das Treffen in Potsdam vom November 2023, bei der Vertreter der „Alternative für Deutschland“ Medienberichten zufolge über die Massendeportationen von Migranten, Menschen mit „Migrationshintergrund“ und Andersdenkenden gesprochen haben, beweist die gefährliche Ideologie solcher Bewegungen. Aber das Thema ist auch global relevant. Egal, ob in den Vereinigten Staaten, Deutschland oder in Italien: In vielen Ländern befassen sich Künstler und Schriftsteller erneut mit dem Faschismus und der Gefahr von Rechtspopulisten – also nicht nur mit dem Holocaust an sich. Alle Produktionen, die die Wannseekonferenz darstellen, behandeln auch die Frage, wie nationalsozialistische oder faschistische Menschen reden, wenn sie unter sich sind.
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 6, 2. Oktober 2024.