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Münster (upm/jh).
Es piekst und kitzelt an den Füßen: Helena und Mattis erkunden den Barfußpfad im Botanischen Garten.<address>© WWU - Michael C. Möller</address>
Es piekst und kitzelt an den Füßen: Helena und Mattis erkunden den Barfußpfad im Botanischen Garten.
© WWU - Michael C. Möller

Mit den Füßen fühlen lernen

Teil 4 der Serie „Sinn-voll“: Der Barfußpfad im Botanischen Garten fördert ein besonderes Sinneserlebnis

Wenn es um das Tasten oder Fühlen geht, denken viele Menschen wohl zuerst an ihre Hände. Tagtäglich berühren wir unzählige Dinge mit unseren Fingerspitzen. Ist die Oberfläche rau oder glatt, heiß oder kalt, spitz oder stumpf? Unsere Haut ist von einem feinen Netz aus Rezeptoren durchzogen, die unermüdlich Reize aufnehmen. Die Körperregionen sind jedoch nicht gleichermaßen damit ausgestattet. Die höchste Rezeptordichte haben wir an den Fingerkuppen, den Lippen und der Zunge. Dass wir auch mit den Füßen tasten können, wird gerne vergessen. Den größten Teil des Tages verstecken wir sie in Socken und Schuhen. Barfußgehen gilt, je nach Situation, sogar als unsittlich.

An der Universität Münster gibt es allerdings einen Ort, an dem das Fühlen mit den Füßen im Mittelpunkt steht. Nur wenige Meter entfernt vom Haupteingang des Botanischen Gartens motiviert ein zwölf Meter langer Barfußpfad die Besucherinnen und Besucher dazu, ihre Füße zu entkleiden. Raue Kalksandsteinplatten, piksender Kalksplitt und weicher Rheinsand liegen bereit für nackte Zehen und Sohlen. Der Weg besteht aus sieben Segmenten, die um ein Beet herumführen, das die Auszubildenden gestaltet haben. „Meistens sind es Kinder, die barfuß den Weg erkunden“, berichtet Dr. Dennise Bauer, Kustos und technischer Leiter des Botanischen Gartens.

Dabei ist das Barfußgehen in jedem Lebensalter eine Wohltat für die Füße. „Die Propriozeption, also besonders die taktile Wahrnehmung und das Gleichgewicht, wird mehr angesprochen. Fuß- und Unterschenkelmuskulatur müssen mehr arbeiten, die Zehen ‚greifen‘ mehr“, erklärt Dr. Christiane Bohn vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster, die sich in ihrer Forschung unter anderem mit Psychomotorik und (früh-)kindlicher Entwicklung beschäftigt. „Schuhe lassen die Füße träge werden.“ Wer ihnen etwas Gutes tun und die Fußgewölbe stabilisieren möchte, sollte möglichst viel barfuß gehen, empfiehlt die Expertin, „und zwar auf unterschiedlichen Untergründen wie Rasen oder Sand“. Die gesamte Körperhaltung hänge auch von den Füßen ab. Besonders für Kinder sei das Barfußgehen wichtig, weil es die taktile Wahrnehmung schule. „Wenn wir viel üben würden, könnten wir mit unseren Füßen die gleichen feinmotorischen Fähigkeiten entwickeln wie mit unseren Händen“, unterstreicht sie.

Die Nervenfaserdichte und die unterschiedliche Verarbeitung im Gehirn tragen dazu bei, dass wir Berührung und andere sensible Reize mit den Füßen und Händen anders wahrnehmen.
Christine Dambietz

Doch was passiert in unserem Körper, wenn wir zum Beispiel auf einen spitzen Stein oder heißen Asphalt treten? Mit bis zu zwei Quadratmetern Oberfläche und bis zu zehn Kilogramm Gewicht ist die Haut unser größtes Sinnesorgan – der Tastsinn entwickelt sich als erster Sinn ab dem zweiten Schwangerschaftsmonat der Embryonalentwicklung im Mutterleib. „Das ‚Fühlen‘ als sensible Wahrnehmung auf der Haut wird durch Mechanorezeptoren vermittelt, wobei man den aktiven Tastsinn vom passiven Berührungssinn unterscheidet“, erklärt Christine Dambietz, Assistenzärztin in der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Münster. „In den Schichten der Haut befinden sich unterschiedliche Rezeptortypen, die es uns unter anderem ermöglichen, zwischen Temperatur, Vibration, Druck oder Schmerz zu unterscheiden.“ Ein feines Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt diese Informationen als elektrische Impulse zunächst ans Rückenmark und dann ans Gehirn. Berühren wir etwas Spitzes oder Heißes, erfolgt die Reaktion prompt: Reflexartig versuchen wir, Hände oder Füße aus der „Gefahrenzone“ zu ziehen.

„Vergleichen wir das Fühlen der Füße und der Hände, sind die physiologischen Mechanismen im peripheren Nervensystem zum ‚Ertasten‘ sehr ähnlich. Die Variabilität der Mechanorezeptoren, die Nervenfaserdichte und die unterschiedliche Verarbeitung im Gehirn tragen jedoch dazu bei, dass wir Berührung und andere sensible Reize mit den Füßen und Händen anders wahrnehmen und in verschiedenem Maße differenzieren können“, erläutert Christine Dambietz. Zum Fühlen und Ertasten gehöre jedoch nicht nur die Anlage der richtigen Rezeptoren, sondern auch die langjährige Erfahrung mit dem Ertasten, ergänzt ihre Kollegin Dr. Louisa Müller-Miny, die ebenfalls als Assistenzärztin in der Klinik für Neurologie arbeitet. „Durch (neuro-)degenerative Prozesse im Alter verschlechtert sich die Sensibilität. Dies kann auch ein Anzeichen für neurologische Erkrankungen sein. Der Verzicht auf Nikotin, das Normalgewicht zu halten und regelmäßige sportliche Betätigung sind die besten präventiven Basismaßnahmen“, betont sie. Zudem würden Wechselduschen und das Barfußgehen die Durchblutung anregen und die Versorgung des Nerven- und Muskelgewebes an Füßen und Beinen fördern.

Zurück in den Botanischen Garten rückseits des münsterschen Schlosses. Wer beim Barfußpfad über den Flusskies, die Holzhäcksel, den Kalkschotter und die Eichenbohlen spaziert ist und weitere Sinneserlebnisse sucht, kann die Vielfalt der Pflanzen auch mit den Händen entdecken. Zwischen den Gewächshäusern und dem großen Teich befindet sich der „Tast- und Riechgarten“. In diesem 350 Quadratmeter großen Areal heißt es ausdrücklich: Anfassen erlaubt. Auffällige, leicht ertastbare Strukturen sind beispielsweise die weich behaarten Blätter des Woll-Ziest oder die gummiartigen Blätter der Kleinen Kapuzinerkresse. „Jede Pflanze versucht auf ihre Weise, sich vor Austrocknung zu schützen“, erklärt Dennise Bauer. Das erfahren die Besucher nicht nur durch die Informationen auf den Hinweistafeln, sondern buchstäblich mit allen Sinnen.

Autorin: Julia Harth

 

Die Serie „Sinn-voll“:

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© WWU - Designservice
Sehen, hören, tasten, schmecken und riechen: Die fünf Sinne sind im Alltag wichtig, aber sie spielen auch in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Zum einen dienen sie als Mittel zur Erkenntnis, andererseits sind sie mitunter Gegenstand der Forschung. Wir stellen Ihnen in dieser Serie einige Orte an der Universität vor, an denen Sinneseindrücke im Mittelpunkt stehen.

 

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 12. Juli 2023.

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