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Münster (upm).
Wie die Universität Münster ihre Forscher bei Auslandskontakten unterstützt<address>© stock.adobe.com - melita</address>
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Mit offenen Augen zusammenarbeiten

Wie die Universität Münster ihre Forscher bei Auslandskontakten unterstützt / Gastbeitrag von Katharina Steinberg

Li Wang will an der Universität Münster promovieren. Er ist exzellent ausgewiesen, hat fantastische Noten und bringt sein eigenes Geld mit. Er spricht fließend Englisch und passabel Deutsch, er macht einen engagierten, intelligenten und freundlichen Eindruck. Dieser fiktive Traumkandidat ist Volks-Chinese, sein Stipendium stammt vom chinesischen Staat, seine Heimatuni steht auf der Liste der „militärnahen“ Universitäten, sein angestrebter Abschluss ist der Dr. rer. nat. – also aus der Traum?

Wie sieht es aber aus, wenn Li Wang Dr. phil. werden möchte? Und ändert sich vielleicht etwas, wenn der Kandidat Arian Baba heißt und aus Teheran stammt, oder wenn es sich um Olga Petrowa aus dem russischen St. Petersburg handelt? Sollte ich besser meinen Laptop zuhause lassen, wenn ich auf Reisen nach China oder Russland gehe? Wie gehe ich mit dem Publikationsprinzip „Open Access“ um, wenn möglicherweise „closed shop“ geboten ist? Und bringt mich die Drohne, die ich zur Erkundung der geologischen Gegebenheiten im Sudan steigen lassen möchte, mit dem Außenwirtschaftsministerium und möglicherweise sogar mit Geheimdiensten in Konflikt?

Dr. Katharina Steinberg<address>© WWU - Peter Leßmann</address>
Dr. Katharina Steinberg
© WWU - Peter Leßmann
Es ist ein beachtlicher Berg derartiger Fragen, dem sich heute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegenübersehen – oft bereits bei der ersten Anbahnung von Kontakten mit dem Ausland. Die Universität Münster lässt ihre Forscher damit aber nicht allein. Im Finanzdezernat gibt es beispielsweise eine Beratungsstelle für die Exportkontrolle, die nicht nur berät, wenn Gegenstände und Wissen Deutschland verlassen sollen, sondern auch wenn Menschen hereinkommen sollen. Die dortigen Beschäftigten stellen den notwendigen Kontakt mit dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle her und können, demnächst auch softwaregestützt, überprüfen, ob der Traumkandidat bereits auffällig geworden ist. Oft stellt sich dabei heraus, dass nichts zu beanstanden ist. Die grundlagennahe Forschung, die Li Wang beispielsweise durchführen möchte, hat keinen offensichtlichen Dual-Use-Charakter, er steht auf keiner Terrorliste.

Dagegen werden Arian Baba und Olga Petrowa kein Visum bekommen, denn die Regeln sind für die Embargostaaten Iran und Russland deutlich strenger als für die Volksrepublik China. Möchte Arian Baba in Münster Philosophie studieren, sieht für ihn die Entscheidung vielversprechender aus. Olga Petrowa dagegen muss zuhause bleiben, wenn sie bis zu ihrer Bewerbung bei einer staatlichen russischen Einrichtung – zum Beispiel einer Universität – gearbeitet hat, etwa als Erziehungswissenschaftlerin.

Und wenn die Genehmigung für Li Wang nun vorliegt, der WWU-Gastgeber dennoch ein schlechtes Gefühl hat? Man darf den Doktoranden betreuen, aber ob das wirklich klug ist, steht damit noch lange nicht fest. Wie steht es mit dem offenen Austausch auch über andere Themen als seine „harmlose“ Forschung in einer Arbeitsgruppe, wenn er dabei ist? Oder in anderem Kontext: Sollte ich als Gastwissenschaftler an einer chinesischen Hochschule lehren, auch wenn mir das erlaubt ist? Wie ist die Annahme eines Preises zu bewerten? Wie steht es also mit der wissenschaftlichen Integrität – kann sie bedroht sein, ist eine Zusammenarbeit mit Diktaturen ethisch vertretbar?

Etliche deutsche Universitäten, vor allem die technischen Unis, haben Handreichungen ausgegeben, in denen sie den „Umgang mit schwierigen Partnern“ oder konkret den „Umgang mit China“ regulieren. Davon hat die WWU bisher abgesehen, weil die persönliche Einschätzung für jede Kooperation, ihren wissenschaftlichen und menschlichen Wert, ihre Sicherheit oder ihre Risiken von den Wissenschaftlern vor Ort oft viel besser vorgenommen werden kann, als von zentraler Stelle. Dennoch gibt es natürlich Zweifelsfälle. Für die WWU gilt daher bis auf Weiteres: Jeder Fall ist anders – lassen Sie uns darüber reden.

Die Universität will Kooperationen und vertrauensvolle, wissenschaftliche Zusammenarbeit aus Angst vor einem etwas schärferen politischen Wind nicht opfern. Aber sie will auch nicht unbedarft in jede Kooperation einsteigen. Es muss im Einzelfall entschieden werden, ob der Nutzen für die Wissenschaft die Risiken rechtfertigt und welches Risiko tatsächlich mit dieser (gemeinsamen) Forschung verbunden sein kann. Und die Risiken können sehr unterschiedlich sein.

Diktaturen gehen gemeinhin wenig sorgfältig mit den Rechten ihrer Bürger um. Die vertrauliche Information mag der Doktorand nicht weitergeben wollen, aber unter Druck vielleicht müssen. Das gleiche gilt für den heimkehrenden Gastwissenschaftler oder den langjährigen Kooperationspartner in China. Die Anwesenheit des einen Staatsstipendiaten lässt die anderen chinesischen Doktoranden im Kolloquium vielleicht verstummen, der linientreue Kollege macht es dem Kooperationspartner vielleicht unmöglich, sich offen mit Ihnen auszutauschen. Kurzum: Gehen Sie mit offenen Augen an die Zusammenarbeit heran – und möglichst ohne Illusionen.

Dr. Katharina Steinberg leitet das Dezernat für Forschungsangelegenheiten der Universität Münster.

 

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 2, 29. März 2023.

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