Managerin, Bibliothekarin, Gastgeberin
Man könnte meinen, dass Beate Tröger oft und gerne dem an Abenteuern überreichen Leben der belgischen Comicfiguren Tim und Struppi nachhängt. Schließlich hat sie den jungen Reporter und seinen weißen Foxterrier auf einem großen Bild immer im Blick, wenn sie an ihrem zitronengelben Schreibtisch in der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) sitzt. Sie hatte immer schon eine gewisse Sympathie für Comics, neben Tim und seinem treuen Vierbeiner beispielsweise für Asterix und Obelix. Obwohl ihr Vater, „durch und durch ein Geisteswissenschaftler“, wie sie sagt, davon nicht übermäßig begeistert war.
Mag sein, dass sich der Abenteuer-Faktor im Berufsleben der ULB-Direktorin in Grenzen hält. In jedem Fall handelt es sich um eine verantwortungsvolle und herausfordernde Aufgabe, die Archivierung und Bereitstellung von mehreren Millionen Medien für jährlich Zehntausende Nutzer mit zu organisieren, einen Millionen-Etat verwalten und rund 260 Mitarbeiter führen zu müssen. „Ich habe eine große Vielfalt an Themen und Aufgaben, wir haben ein tolles Arbeitsklima: Ich mag meinen Job sehr“, betont die 59-Jährige, die seit gut 16 Jahren an der Spitze der ULB steht. Management statt Abenteuer. „Ich würde meinen Weg immer wieder so gehen.“
Beate Trögers Weg begann im niederrheinischen Dinslaken, zur Schule ging sie in Oberhausen. Für ihre Hochschul-Ausbildung nahm sie sich einiges vor. An den Universitäten Bochum und Duisburg studierte sie Philosophie, Erziehungswissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte – gefolgt von der Promotion zur Doktorin der Philosophie im Jahr 1993, in der sie sich der Autobiographie des Schweizer Pädagogen Heinrich Pestalozzi widmete. Und irgendwann stand sie vor der Frage, die so manchem Geisteswissenschaftler bekannt vorkommen dürfte: Was macht man eigentlich als Philosophin? Welch eine glückliche Fügung, dass Beate Tröger rund sechs Wochen vor ihrem Rigosorum auf der Promotions-Feier ihrer Schwester mit einem Mann ins Gespräch kam, der sie mit einer Bibliothekarin zusammenbrachte. Beate Trögers ursprüngliche Berufsidee, als Lehrerin zu arbeiten, war schnell ad acta gelegt. „Die Gesamt-Atmosphäre in den Schulen behagte mir ohnehin nicht. Ich wusste vor allem: Die Wissenschaft liegt mir.“
Es war offenkundig die richtige Entscheidung, für Beate Tröger ging es zügig voran. Auf das zweijährige Referendariat für wissenschaftliches Bibliothekswesen folgten fünf Jahre an den Universitätsbibliotheken in Dortmund in Essen und eine Vertretungsprofessur für die „Organisation von Informationseinrichtungen“ an der Fachhochschule Köln. „Aber nur Lehre – das war mir zu wenig“, betonte sie. Wie passend, dass sie Ende der 90er Jahre eines Tages eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hatte, in der sie der Anrufer darauf hinwies, dass man sie gerne in Frankfurt als stellvertretende Direktorin im Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung sehen würde. Beate Tröger war angekommen, wo sie sich wohlfühlte.
Knapp vier Jahre lang arbeitete sie in der Metropole am Main, am 30. April 2004 nahm sie die Ernennungsurkunde für ihre neue Aufgabe als ULB-Direktorin aus den Händen des damaligen WWU-Rektors Prof. Dr. Jürgen Schmidt entgegen. Der Kern der Arbeit von Beate Tröger und ihrem Team hat sich seitdem nicht geändert – „wir müssen Literatur und Medien beschaffen, erschließen, archivieren und zur Verfügung stellen“. Bücher seien heutzutage „zwar immer noch wichtig, aber mittlerweile nur noch ein Teilaspekt“ in einer digitalisierten Bibliothekswelt, in der die Medien-Vielfalt die Arbeit massiv verändert habe.
Zudem seien die Bibliotheken für viele Studierende zu einem wichtigen Lernort geworden, der entsprechend ausgerüstet sein müsse. „Wir hören immer wieder“, berichtet Beate Tröger, „wie gut sich die Studierenden hier konzentrieren können und sich für Gruppenarbeiten treffen.“ Nicht zuletzt deswegen läuft sie dann und wann durch die ULB, schaut sich genau um und überprüft beispielsweise die Beschilderung. Als Bibliotheks-Direktorin ist man eben auch Gastgeberin.
Apropos Medien-Vielfalt und Digitalisierung: Beate Tröger sieht in der Langzeitarchivierung des ULB-Bestands, zu dem auch zahlreiche historische „Schätze“ zählen, eine der zentralen Zukunfts-Herausforderungen. Eine Aufgabe, der sich nicht nur alle Bibliotheken, sondern auch Archive und viele weitere Institutionen stellen müssen. Die Lösung könne nur in einer automatisierten Übertragung in die jeweils aktuellen Dateiformate liegen, meint die ULB-Chefin. Der Größe und Bedeutung der Aufgabe entsprechend – es geht schließlich um die „Geschäftsgrundlage“ einer Bibliothek -, gebe es dafür bereits internationale Absprachen und Kooperationen.
Wer über die ULB spricht, der wird im Normalfall den universitären Teil im Hinterkopf haben – und weniger die Stellung einer Landesbibliothek. Obwohl es um nicht weniger als um die Aufgabe geht, die gesamte westfälische Literatur in Papier- und digitaler Form für die Ewigkeit aufzubewahren. Seit 1824 besitzt die ULB das entsprechende „Pflichtexemplarrecht“ für die frühere preußische Provinz Westfalen. Oder anders formuliert: Jeder westfälische Literatur-Produzent muss seit fast 200 Jahren der ULB mindestens ein Exemplar eines jeden neuen Werks zur Verfügung stellen.
Die im Ruhrgebiet aufgewachsene Beate Tröger ist damit auch buchstäblich in Westfalen heimisch geworden. Sie fährt noch immer häufig in die alte Heimat, wo sie die bodenständige Art der Menschen mag. Vor allem aber ist sie gerne am Krummen Timpen - auch ohne Abenteuer, sofern man nicht die oder andere der zahlreichen Besprechungen dazuzählt. „Mit einer Bibliothek bringen die meisten Menschen etwas Positives in Verbindung – das genieße ich.“
Norbert Robers
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 7, 11. November 2020.