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Münster (upm/kk)

"Studierende durchlaufen ihr Studium sehr viel motivierter"

Andreas Eimer über die Bedeutung des Themas "Employability" an Universitäten
Für die WWU ist Employability ein wichtiges Ziel des Universitätsstudiums<address>© WWU - Career Service</address>
Für die WWU ist Employability ein wichtiges Ziel des Universitätsstudiums
© WWU - Career Service

Der Career Service der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit der Frage, wie Studierende ihre Studienqualifikationen bestmöglich beruflich und gesellschaftlich nutzen können. Der Begriff „Employability“ spielt seit der Bologna-Erklärung von 1999 in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle, denn Universitäten sind mit den Forderungen des Gesetzgebers und der Politik konfrontiert, die "Beschäftigungs-Fähigkeit" als Studienziel zu verankern. Kathrin Kottke sprach mit Andreas Eimer, Leiter des Career Service der WWU, über die Herausforderungen und Möglichkeiten der Umsetzung sowie über die Vorteile für Studierende und Lehrende.

Employability ist als Bildungsziel für Hochschulen festgeschrieben. Trotzdem wird das Thema von vielen Hochschulen eher stiefmütterlich behandelt. Warum ist das so?

Auch wenn Employability bildungspolitisch auf verschiedenen Ebenen gesetzt ist, fehlt es bisher an klaren Definitionen, konkreten Zielen und Umsetzungsstrategien, wie die Hochschulen diese Fähigkeit stärken können. Hinzu kommt, dass die Forderung nach Employability in den Fächern häufig mit der Befürchtung vor Autonomieverlust verknüpft wird. Das Thema können Universitäten jedoch gut und sinnvoll füllen.

Was genau bedeutet Employability für Hochschulen?

Viele Universitäten tun sich nach wie vor oft schwer, sich zu positionieren. Sehr allgemein wird Employability in der wissenschaftlichen Literatur so verstanden, dass eine Person in der Lage ist, den Einstieg in den Arbeitsmarkt qualifikationsadäquat zu bewältigen und den weiteren beruflichen Verlauf gerade auch bei Veränderungswunsch oder -notwendigkeit möglichst selbstbestimmt gestalten zu können. Allerdings sind die Universitäten sehr heterogen mit ihren unterschiedlichen Fächern, ihrem individuellen Selbstverständnis und eigenen Planungsrhythmen. Da passt nicht das Prinzip: ‚one size fits all‘.

Wie steht die WWU dazu?

Schon mit der Einrichtung des Career Service vor mehr als 20 Jahren hat die WWU Stellung bezogen und dem Thema einen hohen Stellenwert beigemessen. Im aktuellen Hochschulentwicklungsplan ist Employability als ein wichtiges Ziel genannt. Und seit nun schon mehr als sieben Jahren unterstützt der Career Service die Fächer dabei, eine eigene Haltung zur Frage der Employability zu finden.

Was bedeutet das für die Studiengänge?

Andreas Eimer, Leiter des Career Service<address>© WWU - Kathrin Kottke</address>
Andreas Eimer, Leiter des Career Service
© WWU - Kathrin Kottke
Im Rahmen des Projekts ‚Employability‘ entwickeln wir bereits seit 2012 mit den Vertretern der Studiengänge jeweils spezifische Konzepte, um den Employability fördernden Effekt eines Studiums möglichst effektiv zu realisieren. Die zentrale Frage, die am Anfang des Prozesses steht, lautet: Wie definieren die Lehrenden und Studiengangsverantwortlichen das Verhältnis zwischen dem, was gelehrt wird, und der Anwendung nach dem Studium? Auf dieser Positionierung können dann alle weiteren Aktivitäten aufgebaut werden. Um diesen Prozess zu optimieren, hat der Career Service ein Modell entwickelt, mit der Studiengänge Schritt für Schritt ihr Employability-Konzept aufbauen können.

Was zeichnet diesen Ansatz aus?

Wir geben nicht vor, wie dieses Verständnis von Vermittlung und Anwendung in den einzelnen Fächern inhaltlich gefüllt wird, regen aber intensiv an, dass die Fächer und Studiengänge sich selbst eine Antwort auf diese Frage geben. Dabei stehen für uns die Stärken eines Universitätsstudiums im Zentrum – insbesondere das hohe Transferpotential und die Befähigung zum Erwerb von Wissen und Innovation. Meiner Ansicht nach sollten die Fächer und die Universitäten selbst klären, was sie unter Employability verstehen und die Deutungsmacht darüber nicht hochschul-externen Akteuren überlassen.

Das ist bestimmt mit viel Arbeit verbunden. Machen alle Fachbereiche mit?

Tatsächlich sind wir auf großes Interesse gestoßen – vor allem, da wir von Anfang an gesagt haben, dass es sich um ein freiwilliges Angebot handelt. Von den 15 Fachbereichen an der WWU machen 13 Fachbereiche mit. Natürlich ist damit auch Arbeit verbunden, aber durch die Begleitung der Projektverantwortlichen im Career Service und durch das strukturierte Vorgehen konnten wir bislang mit 56 Studiengängen das Thema Employability strategisch bearbeiten.

Können Sie einen besonders erfolgreichen Prozess beschreiben?

Die Musikhochschule der WWU hat sich sehr intensiv mit dem Thema befasst. Ausgangspunkt war, dass viele ihrer Studierenden das Ziel haben, nach dem Studium in einem Orchester eine Anstellung zu finden – idealerweise als Solisten. Gleichzeitig weiß die Musikhochschule aufgrund der Arbeitsmarktstatistiken, dass dieser Wunsch oft nicht erfüllt werden kann: Die meisten Absolventen der Musikhochschulen in Deutschland arbeiten als freiberufliche Musiker und kombinieren dabei verschiedene Erwerbsquellen. Diesen Aspekt greift die Musikhochschule in einem auf ihrer Website veröffentlichten Positionspapier auf, in dem sie die Vorbereitung der Studierenden auf das freiberufliche Musiker-Erwerbsleben als Bestandteil ihrer Studiengänge beschreibt. Dazu richtet die Musikhochschule ihre Studiengänge an den aktuellen und voraussehbaren Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt aus. Dadurch lernen die Studierenden sowohl ihr eigenes Potential als auch die beruflichen Aussichten realistisch einzuschätzen.

Und das kommt bei den Studierenden und den Lehrenden gut an?

Auf jeden Fall! Lehrende aus den verschiedenen Fächern melden uns zurück, dass sie sich sicherer in Gesprächen mit Studierenden über berufliche Perspektiven fühlen. Auf der anderen Seite bestätigen die Studierenden, dass sie sehr viel konkretere Aussagen zum Thema Employability erhalten und oft besser verstehen, warum auch sehr theoretische Inhalte im Studium sinnvoll und notwendig sind. Und wir wissen aus der Bildungsforschung, dass dieses Verständnis und die erkannte Sinnhaftigkeit dazu führen, dass Studierende motivierter das Studium durchlaufen und abschließen. Auch außerhalb der WWU erhalten wir viel positive Resonanz zu dem Projekt ‚Employability‘ und werden bundesweit zu Tagungen eingeladen, um über unsere Expertise und Erfahrungen zu berichten und um andere Hochschulen bei der Verankerung von Employability in universitären Studiengängen zu unterstützen.

 

Weitere Informationen

Das Projekt ‚Employability‘ wird bereits seit 2012 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des „Qualitätspakt Lehre“ gefördert. Die erste Förderphase lief von 2012 bis 2016, die zweite läuft von 2017 bis 2020. Die Projektergebnisse und die jahrelange Expertise der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Career Service der WWU wurden nun in dem Buch „Employability als ein Ziel des Universitätsstudiums – Grundlagen, Methoden, Wirkungsanalyse“ veröffentlicht. In der Publikation stellen sie ein flexibles Prozessmodell vor, mit dem Universitäten die bildungspolitische Forderung nach Förderung von Employability strukturiert verwirklichen können. Daneben wird unter anderem thematisiert, wie Alumni wirkungsvoll zur beruflichen Orientierung der Studierenden beitragen und wie Arbeitgeberkontakte qualitätsgesichert aufgebaut werden können. Aspekte wie Qualitätssicherung, Wirkungsanalyse und Akkreditierung hinsichtlich Employability runden des Spektrum ab. Das Buch richtet sich an alle, die sich für gute Lehre an Hochschulen einsetzen sowie Anregung und Hilfestellung für ihre Arbeit benötigen.

Neuerscheinung

Eimer, A., Knauer, J., Kremer, I., Nowak, T., Schröder, A. 2019. Employability als ein Ziel des Universitätsstudiums – Grundlagen, Methoden, Wirkungsanalyse. wbv Media GmbH&Co.KG, Bielefeld.

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