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Münster (upm)

Alternative Karrierewege: Mit dem Doktortitel in die freie Wirtschaft

"Ich kann über den Tellerrand schauen und meine Perspektive, beruflich und kulturell, erweitern"
Dr. Oliver Sendscheid<address>© privat</address>
Dr. Oliver Sendscheid
© privat

Bereits während meines Biologiestudiums wurde mir klar, dass ich eine Karriere in der freien Wirtschaft der Universitätslaufbahn vorziehe. Dennoch habe ich mich bewusst für eine Promotion entscheiden. Warum? Nach dem Abschluss meines Diplomstudiengangs an der Universität Bonn hatte ich zwar das Gefühl, das wesentliche Handwerkszeug gelernt zu haben, aber selbst in der Diplomarbeit blieb kaum Zeit, tiefer in komplexe wissenschaftlichen Themen einzutauchen. Obwohl mich die Forschungstätigkeit nie komplett erfüllt hat, wollte ich mich dieser Herausforderung stellen. Darüber hinaus war mir bereits damals bewusst, dass ein Doktortitel auch außerhalb der Universität Türen öffnen kann. Auch dann, wenn er keine offizielle Voraussetzung ist. Mein persönlicher Werdegang wurde in der Tat erst durch die Promotion möglich: sowohl für meinen ersten Job im wissenschaftlichen Produktmanagement bei dem Diagnostiklabor-Unternehmen Euroimmun als auch für meine jetzige Stelle als Scientific Affairs Director, auf Deutsch: Direktor für wissenschaftliche Angelegenheiten, in der US-Niederlassung des Unternehmens in New Jersey.

Im zweiten Jahr meiner Promotion begann ich über den akademischen Tellerrand hinaus zu schauen. Die WWU und die Graduiertenschule (heute CiM-IMPRS) machten mir dies durch die Vielzahl an Weiterbildungsangeboten sehr einfach. Beispiele sind etwa die Doktorandenseminare des Instituts für betriebswirtschaftliches Management oder der Career Service der WWU. Ich rate jedem Promovierende, diese Angebote schon früh zu nutzen, um gezielt Arbeitsbereiche zu identifizieren, die mit den eigenen Stärken übereinstimmen. Auch das intensive Studieren von Stellenanzeigen in der zweiten Hälfte der Promotion hat mir sehr geholfen, die Sprache der Industrie zu verstehen, Anforderungsprofile zu erkennen sowie neue Jobs und Unternehmen kennenzulernen. Diese Phase der Selbstfindung hat, obwohl ich mich selbst als einen Menschen mit hoher Selbstreflektion bezeichnen würde, einige Zeit in Anspruch genommen. Letztendlich haben mir jedoch die aktive Teilnahme an Kursen und Workshops, intensives Reflektieren und der Austausch mit Alumni geholfen, genau zu identifizieren wo, wie und was ich in Zukunft arbeiten möchte.

Ich durfte den Eintritt in die Industrie in mehreren Schritten und unter sehr unterschiedlichen Bedingungen erleben: Zwischen der Abgabe meiner Doktorarbeit und der Verteidigung absolvierte ich ein Praktikum im In-House Consulting beim Pharma- und Technologieunternehmen Merck in Darmstadt. Der Geist vom Schreiben der Promotion noch auf absolute Analyse und Perfektionismus eingestellt, war es nicht einfach, die ersten Schritte in der Industrie zu gehen. Ich wollte stets sichergehen, dass ich einen Prozess komplett verstanden hatte, bevor ich mich überhaupt zu Wort meldete. Ein Verhalten, dass ich bei vielen promovierten Wissenschaftlern zu Beginn ihrer industriellen Karriere beobachte. Ich persönlich konnte erst dann erfolgreich und begeistert im industriellen Umfeld agieren, nachdem ich meinen wissenschaftlichen Perfektionismus zumindest teilweise abgelegt hatte.

Meine zweite Station – als erfolgreich promovierter Produktmanager bei Euroimmun in Lübeck – hatte einen sanfteren Übergang. Teilte ich mir bei Merck noch mit ehemaligen Unternehmensberatungsmitarbeitern Büros, war ich in Lübeck plötzlich wieder von promovierten Biologen umgeben. Ein Umfeld, das mich ein bisschen zurück in meine Komfortzone versetzte, mir aber gleichzeitig die Möglichkeit gab, Erfahrungen zu sammeln und mich weiterzuentwickeln.

Nach weniger als zwei Jahren bekam ich das Angebot, eine neue Stelle als Scientific Affairs Director in der US-Niederlassung in New Jersey anzutreten. Eine große Chance, die ich bereitwillig ergriff, weil sie mir erneut erlaubte, über den Tellerrand zu schauen und meine Perspektive, beruflich und kulturell, zu erweitern.

In den Vereinigten Staaten erwartete mich beim Antritt meiner aktuellen Stelle somit der vorerst letzte, im wahrsten Sinne, Kulturschock. Trotz meiner wissenschaftlichen Repräsentationsrolle spielen in meinem Job betriebsökonomische Aspekte und Zahlen die größte Rolle. Es dauerte gut ein Jahr, bis ich mich an diesen neuen Fokus gewöhnt hatte und mich sicher im kulturellen und wirtschaftlichen Umfeld bewegen konnte.

 

Dr. Oliver Sendscheid promovierte am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster im Rahmen des Graduiertenprogramms in Kooperation mit der WWU. Seit September 2016 ist er als Scientific Affairs Director in der US-Niederlassung von Euroimmun, dem Weltmarktführer in der Autoimmun-Diagnostik, tätig.

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