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Münster (upm/sr)

Biologielehrer zurück im Hörsaal

Eine Fortbildungsreihe des WWU-Sonderforschungsbereichs „Dynamische zelluläre Grenzflächen“ hilft Lehrern dabei, am Puls der Zeit zu bleiben.
Nicola Birkner und Gregor Poell unterrichten an ihren Schulen Biologie und kommen gerne an ihre alte Uni zurück.<address>© WWU - MünsterView</address>
Nicola Birkner und Gregor Poell unterrichten an ihren Schulen Biologie und kommen gerne an ihre alte Uni zurück.
© WWU - MünsterView

Der altehrwürdige Biologiehörsaal in der Badestraße ist an diesem Abend im Februar gut gefüllt. Skripte liegen auf dem Tisch, Fahrradtaschen stehen auf der Treppe, nach und nach füllen sich die Reihen. Auf den ersten Blick warten Studierende darauf, dass die letzte Vorlesung des Tages beginnt. Schaut man in die Gesichter der erwartungsvollen Zuhörerinnen und Zuhörer, scheinen diese jedoch nicht so recht in die typische Altersgruppe zu passen. Neurowissenschaftler Prof. Dr. Markus Missler löst das Rätsel auf: „Herzlich willkommen zur Lehrer- und Schülerfortbildung. Heute steigen wir in die Forschung der molekularen Neurobiologie ein.“

Die mehr als 100 Teilnehmer, die auf die aufleuchtende Folie mit dem Bild einer Synapse blicken, sitzen in einer speziell auf sie zugeschnittenen Vorlesungsreihe des Sonderforschungsbereichs 1348 „Dynamische zelluläre Grenzflächen“, einem Forschungsverbund der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). Das Ziel der Veranstaltung: Themen aus der aktuellen biologischen Forschung in die Klassenzimmer zu bringen.

Initiator ist Prof. Dr. Christian Klämbt, Sprecher des Forschungsverbunds, in dem sich Mediziner, Biologen, Biochemiker und Biophysiker mit dem Austausch von Signalen und Molekülen an den Kontaktstellen von Zellen beschäftigen.  „Die moderne Biologie entwickelt sich rasant und ist teilweise weit entfernt von den Inhalten aus der Studienzeit der heutigen Biologielehrer", betont er. "Wir wollen in der Universität nicht wie in einem Elfenbeinturm sitzen, sondern die Lehrer fortlaufend an den aktuellen Entwicklungen teilhaben lassen.“ Startschuss der Fortbildungsreihe war bereits im Jahr 2007. Seit der Neuauflage in diesem Wintersemester sind nun auch Oberstufenschüler aus Biologie-Leistungskursen eingeladen. Einmal im Monat sind die Wissenschaftler an der Reihe, ihr Fachgebiet und aktuelle Forschungsergebnisse auf verständliche Weise vorzutragen.

Referent Markus Missler erklärt an diesem Tag, wie Moleküle den Einstrom von Calcium in die Synapsen von Nervenzellen regulieren. Das notiert sich auch Gregor Poell, einer der Stammgäste der Vorlesung. Bereits seit 2011 nutzt der Biologielehrer vom münsterschen Freiherr-von-Stein-Gymnasium die Fortbildung, um „am Puls der Zeit zu bleiben“. „Wenn ich mein Wissen nur aus didaktischen Lehrbüchern beziehen würde, würde ich gnadenlos hinterherhinken. Es dauert zum Beispiel viel zu lange, bis eine aktuelle gentechnische Methode wie CRISPR/Cas9 im Lehrbuch angelangt ist“, erklärt er. Was Gregor Poell an neuem Wissen aufnimmt, bereitet er danach erneut speziell für den Schulunterricht auf. "Didaktische Reduktion“, wie er es im Fachjargon bezeichnet. Dennoch sei es zu kurz gedacht, die Inhalte der Vorlesung nur zu nutzen, um sie direkt im Unterricht zu verwenden: „Ich möchte meinen persönlichen Horizont erweitern. Schließlich muss ich auch die tiefer gehenden Fragen meiner Schüler beantworten.“

Mehr als 100 Lehrer und Schüler hören an der Universität Münster regelmäßig Vorträge über Themen der modernen Biologie.<address>© WWU - MünsterView</address>
Mehr als 100 Lehrer und Schüler hören an der Universität Münster regelmäßig Vorträge über Themen der modernen Biologie.
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Auch Lehrer lernen lebenslänglich

Wissenschaftlich kompetente Lehrer auszubilden, die sich zu lebenslangem Lernen verpflichtet fühlen, gehört zu den Zielen der WWU – so steht es im aktuellen Hochschulentwicklungsplan. „Auch nach dem Verlassen der Universität wollen wir die Lehrer nicht im Stich lassen. Die Lehre sollte auf allen Ebenen funktionieren“, unterstreicht Christian Klämbt. Auf diesem Weg soll eine gute fachwissenschaftliche Ausbildung letztendlich auch zu einer guten Fachdidaktik führen.

In der zweiten Hälfte der Vorlesung sitzen die Zuhörer immer noch interessiert nach vorne gelehnt in den Reihen. Einige von ihnen schreiben mit, einer der jungen Teilnehmer greift nebenbei in eine Tüte voller Schokoriegel. In regelmäßigen Abständen ist das raschelnde Geräusch des synchronen Umblätterns zu hören – dazu trägt auch Biologielehrerin Nicola Birkner mit ihrem 14-köpfigen Leistungskurs bei. Wie jeden Monat sind ihre Schüler extra aus dem gut 30 Kilometer entfernten Dülmen vom dortigen Annette-von-Droste-Hülshoff Gymnasium angereist. Sie haben sich dazu entschieden, die Vorlesung als eine Pflichtveranstaltung laufen zu lassen. „Besonders zu Beginn des Semesters waren alle regelrecht fasziniert vom Uni-Hörsaal, von der Vortragssituation, vom Tempo, in dem gesprochen wird“, erzählt Nicola Birkner. Auch wenn ihre 16- bis 17-jährigen Schüler erst am Anfang der Oberstufe sind und einige der Themen noch nicht bis ins Detail verstehen, betont die Lehrerin: „Die Kernaussagen mitzunehmen und etwas über die Funktion von Molekülen zu erfahren – das alleine hilft schon sehr. Vieles fügt sich kurz vorm Abitur zusammen, dann wird den Schülern umso klarer, was für ein Gewinn die Vorlesung war.“ Auch sie genießt es, in den Hörsaal zurückzukehren, in dem sie vor 20 Jahren als Studentin saß. „Als Lehrerin konsumiert man zur Abwechslung auch mal gerne“, bemerkt sie.

Inzwischen nähert sich die Vorlesung dem Ende. Mediziner Markus Missler erklärt, warum seine wissenschaftliche Arbeit auch für die Erforschung von neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Autismus relevant sein kann. Eine beeindruckende Bildaufnahme, die das fotografische Gedächtnis eines Autisten mit einer sogenannten Inselbegabung veranschaulicht, zieht die Zuhörer noch einmal in den Bann. Noch Fragen? Heute nicht – die Vorlesung war offenbar im besten Sinne erschöpfend. Nur ein paar unverdrossene Teilnehmer diskutieren am Rednertisch weiter. Gregor Poell macht sich mit dem Rad auf den kurzen Nachhauseweg. „Die räumliche Nähe zu den Instituten in Münster ist ein großer Luxus“, unterstreicht er. „Es sollten noch mehr Einrichtungen ihre Türen für derartige Angebote öffnen. Ich wäre dabei.“

Terminhinweis:
Die letzte Vorlesung in diesem Semester findet am Montag, 11. März in der Badestraße 9 statt. Thema: Brave new world? CRISPR, Genomeditierung, gene drive.

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