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Münster (upm)
Bergmassive prägen die Landschaft in Nordostgriechenland. Hier ist der Durchbruch des Flusses Nestos durch das Lekanigebirge mit Talmäandern (Windungen) zu sehen. Für die Eisenbahntrasse sind zahlreiche Tunnel erforderlich.<address>© Hermann Mattes</address>
Bergmassive prägen die Landschaft in Nordostgriechenland. Hier ist der Durchbruch des Flusses Nestos durch das Lekanigebirge mit Talmäandern (Windungen) zu sehen. Für die Eisenbahntrasse sind zahlreiche Tunnel erforderlich.
© Hermann Mattes

Ein Sehnsuchtsort am Rande Europas

WWU-Forscher studieren seit Jahrzehnten die Natur und Kultur Nordostgriechenlands

41° 54' Nord, 40° 22' Nord, 23° 00' Ost, 26° 37,5' Ost: Wo die meisten Menschen dürre Koordinaten sehen, versteckt sich für Prof. Dr. Hermann Mattes vom Institut für Landschaftsökologie und Prof. Dr. Cay Lienau vom Institut für Geographie der WWU ein Sehnsuchtsort. Und zwar schon ein halbes Leben lang: Nordostgriechenland ist der nüchterne Name der Region, die abseits der großen Tourismusgebiete nicht unbedingt das gängige Klischee von Sommer, Sonne und Strandvergnügen erfüllt, aber trotzdem viel zu bieten hat.

„Es ist anders als das Griechenland der Werbeprospekte“, schreiben die beiden mittlerweile emeritierten Wissenschaftlicher in ihrer kürzlich erschienenen Landeskunde. Es fehlten viele der typischen Elemente aus dem Süden wie die mediterrane Landschaft und die bedeutenden Ruinenstätten. Verstecken muss sich Nordostgriechenland vor dem glamourösen Süden dennoch nicht: Es ist eine Region der tiefen kulturellen Schichten und ökologischen Vielfalt, die Cay Lienau und Hermann Mattes so intensiv wie kaum sonst jemand untersucht haben.

War das nicht irgendwann langweilig? „Geografen haben meist einen regionalen Schwerpunkt“, berichtet Cay Lienau. „Ich kam ursprünglich aus der klassischen Philologie mit Latein sowie Altgriechisch und habe nach meinem Wechsel zur Geografie Griechenland als regionalen Schwerpunkt behalten. Die regionale Affinität war also früh da.“ Ungewöhnlich sei eher gewesen, dass er mit Hermann Mattes einen Ökologen für eine kultur- und naturwissenschaftliche Kooperation gewinnen konnte, die zudem mehr als dreißig Jahre Bestand hatte.

Entscheidend sei unter anderem gewesen, dass sich jeder auch für das Fach des anderen begeistern konnte, betont Hermann Mattes. „Cay Lienau beispielsweise interessiert sich für Trümmer“, sagt er und lacht. Ein Fokus, dem nicht nur die Professoren spannende Einblicke in die Geschichte Nordostgriechenlands verdanken. So konnten die Studierenden während der jährlichen Exkursionen in die wissenschaftlich wenig abgegraste Region manchmal auch selbst Hand anlegen.

„Die haben mit Begeisterung kartiert – und dann vielleicht auch mal alte Klos in den Ruinenfeldern gefunden“, berichtet Cay Lienau. Ein Artefakt unter vielen in dieser Region der kulturellen Vielfalt, zu der unter anderem römische, byzantinische, osmanische, makedonische, thrakische und natürlich auch griechische Einflüsse beitrugen. Toleranz statt ethnischer oder religiöser Animositäten: Noch heute leben Christen und Muslime hier friedlich miteinander. „Auch als Fremder fühlt man sich willkommen“, so Hermann Mattes.

Nordostgriechenland stand nie im Zentrum großer Reiche. Es ist eine Region der Peripherie – kulturell wie ökologisch. „Land und Meer sind nicht so eng wie im Süden verzahnt, Bergmassive prägen die Landschaft“, sagt Hermann Mattes. „Das bedeutet auch, dass viele nördlich verbreitete Tier- und Pflanzenarten hier die südliche Grenze ihrer Ausbreitung finden, wobei wir manche Spezies auch erstmals in der Region nachgewiesen haben. Für uns Ökologen sind die Übergänge und zum Teil scharfen Kontraste in der Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften spannend.“

Viele wissenschaftliche Arbeiten gingen aus der langen Beschäftigung mit der Region hervor. Sie flossen ein in die Landeskunde – und trugen wohl zur Einrichtung einiger Schutzgebiete vor Ort bei. Exkursionen mit Studierenden wird es künftig nicht mehr geben, ihrer „zweiten Heimat“ Nordostgriechenland wollen die beiden Professoren trotzdem treu bleiben. „Wir werden auf jeden Fall weiter in die Region reisen. Die Frage ist eher, unter welchem Aspekt das stattfinden wird“, sagt Hermann Mattes. Keine Frage: Es gibt noch viel zu erkunden zwischen 41° 54' Nord, 40° 22' Nord, 23° 00' Ost und 26° 37,5' Ost.

Autorin: Susanne Wedlich

Griechenlands Nordosten. Eine geographisch-ökologische Landeskunde, 360 Seiten, 29,90 Euro. Von Cay Lienau und Hermann Mattes. ISBN: 978-3-643-14083-8.

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben, Nr. 8, 12. Dezember 2018.

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