© Monika Springberg

Einzelblatt eines Korans im Bihari-Stil

Inv. -Nr.:   Hs. 10
Maße:   ca. 52 x ca. 29 cm (Außenränder beschädigt)
Material:  Papier, Tinte, Blattgold, Pigmente 
Stil:   Bihari
Illumination:   tropfenförmiges Randornament (šamsa)
Datierung:   ca. 807-931 n. H. / 1405-1525 n. Chr.
Provenienz:   1987 von Dr. Norbert Heinrich Holl mit Hilfe von Annemarie Schimmel in Patna, Bihar erworben, 2018 Schenkung an das Institut für Arabistik und Islamwissenschaft durch Dr. Norbert Heinrich Holl

Das Blatt zeigt die Suren 77, Vers 42-50 und 78, Vers 1-7 auf der Vorderseite und Sure 77, Vers 25-41 auf der Rückseite, von einem unbekannten Kalligrafen im Bihari-Stil in schwarzer Tinte niedergeschrieben. Die Verse werden durch kleine Rosetten, die über Blattgoldquadrate gezeichnet wurden, getrennt und die Vorderseite ziert ein für die indische Illuminationskunst und insbesondere den Bihari-Stil typisches tropfenförmiges Element. Das Blatt hat den für Bihari-Korane typischen Aufbau von mehreren ineinander liegenden Rahmen. Der koranische Text befindet sich im innersten Rahmen, im mittleren stehen in roter Tinte alternative Lesarten (qirāʾāt) einzelner Wörter und im äußeren Rahmen befinden sich Kommentare zum Text auf Persisch, geschrieben im Nasḫ-Stil. Das Wort Allāh wird im Korantext durch rote Tinte hervorgehoben. Das kräftige Blau, welches insbesondere im Tropfenornament zur Geltung kommt, besteht wahrscheinlich aus afghanischem Lapislazuli, und die grüne Farbe, die im Tropfenornament für das kleine „Dach“ und in der Umrandung des Surentrenners verwendet wurde, enthält womöglich Kupfer, da sie sich leicht in das Blatt hineingefressen hat und auf der Rückseite an beiden Stellen als Schatten sichtbar ist.
Der Bihari-Stil fand ausschließlich in Nordindien ab dem späten 14. Jahrhundert bis zur Eroberung des Gebiets durch die Mogulen im Jahre 1526 Verwendung, entsprechend selten sind Korane und Koranfragmente in diesem Stil. Er zeichnet sich durch sehr kurze Aufstriche und ungewöhnlich breite Querstriche im Schriftbild aus. Zur Namensherkunft gibt es verschiedene Theorien, die wahrscheinlichste sieht ihn im Namen der Region Bihar oder der Stadt Biharsharif, die beide im heutigen Nordostindien liegen und als mögliche Ursprungsorte des Stils gelten. Biharsharif liegt etwa 60 km von Patna, dem Ort, an dem das Blatt von seinem Vorbesitzer gekauft wurde, entfernt.
Das Koranblatt ist leicht beschädigt, an einzelnen Stellen sind die Ränder eingerissen und scheinen mit Klebeband o.ä. repariert worden zu sein, am oberen Rand befindet sich zudem ein großer Wasserfleck. Dennoch sind die Farben bemerkenswert gut erhalten, einzig der Surentrenner neben dem Tropfenornament, ausgehend von Vergleichsobjekten ursprünglich wahrscheinlich goldfarben mit einem Muster aus kleinen alternierenden roten und blauen „Sternchen“ auf dem Gold, ist ein wenig lädiert, die Goldfarbe ist verwischt und hat das Muster darauf mitgerissen. Teilweise ist das Blattgold der Verstrenner nicht mehr vorhanden, an seiner Stelle kann man gut die braunen Reste des Klebstoffes, der es einst befestigte, erkennen.
Ein weiteres Blatt, welches höchstwahrscheinlich aus dem gleichen Kodex wie dasjenige aus der Institutssammlung stammt, befindet sich in der Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York. Indizien für die Zusammengehörigkeit der beiden Blätter sind die Größe und Aufteilung der Rahmen, der individuelle Duktus des Bihari-Stils des Kalligrafen, die in derselben Weise verwendeten Tintenfarben und die Gestaltung des Tropfenornaments. Als recht eindeutiger Beweis dafür, dass sich beide Blätter einst im selben Kodex befanden, kann der große Wasserfleck in der oberen linken Ecke gelten, der beiden Blättern gemein ist und der offensichtlich entstanden sein muss, als sich die Blätter noch in gebundenem Zustand befanden.
-Yasmin Tina Kalkhorani

Objekt im Metropolitan Museum of Art


Weiterführende Literatur:
Blair, Sheila S.: Islamic Calligraphy. 3. Auflage. Edinburgh 2008, S. 386-387.
Brac de la Perrière, Eloïse: Manuscripts in Bihari Calligraphy. Preliminary Remarks on a Little-Known Corpus. IN: Muqarnas 33, Heft 1 (2016), S. 63-90.