© Monika Springberg

Zwei Blätter eines mamlukischen Korans

mit grammatischen Anmerkungen und Rezitationszeichen

Inventarnr.:                  Hs. 25 a und Hs. 25 b
Datierung:                    7.-8 Jh. H. / 14.-15. Jh. n. Chr.
Geogr. Bezug:              Ägypten, Syrien
Material:                       Papier
Umfang:                        Zwei Folios
Maße:                            42 cm x 34 cm
Duktus:                         muḥaqqaq
Illumination:               Ornamente am Rand des Texts zur Markierung von Textabschnitten, Verstrenner in
                                        Form goldener Blüten
Provenienz:                 1999 von Dr. Norbert Heinrich Holl im Kunsthandel erworben
                                        2023 Schenkung durch Dr. Norbert Heinrich Holl an das Institut für
                                        Arabistik und Islamwissenschaft

Hs. 25 a
Recto:  Sure al-Qamar / Der Mond 54:21-41
Verso:  Sure al-Qamar / Der Mond 54:41-55; Sure ar-Raḥmān / Der Erbarmer 55:1-9

Hs. 25 b
Recto:  Sure an-Naḥl / Die Bienen 16:55-63
Verso:  Sure an-Naḥl / Die Bienen 16:63-71

Hs. 25a Recto 54.20-54.41
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Format

Die beiden Blätter stammen aus einem repräsentativen großformatigen mamlukischen Koran -  vermutlich nicht aus einem einbändigen Koranexemplar (Muṣḥaf), sondern möglicherweise aus einer der vier oder sieben Bände umfassenden Koranhandschriften, die in der Mamlukenzeit (1250-1517) verbreitet waren. Auch das Blattformat ist typisch für diese Epoche: Offensichtlich ist der Koran auf halben Bögen sogenannten Baġdādī-Papiers geschrieben. Ein in der Mitte gefalteter Baġdādī-Bogen von ca. 55 x 73 cm ergibt eine Blattgröße von 55 x 36,5 cm. Das dürfte die ursprüngliche Größe der Seiten sein, auf denen Hss 25a und b geschrieben wurden.

 

 

 

 

Material und Herstellungsprozess

Das relativ grobe Papier stammt höchstwahrscheinlich aus ägyptischer Produktion, denn es weist kein Wasserzeichen auf, wie es seit dem 14. Jahrhundert europäische Importpapiere kennzeichnete. Nur die Wasserlinien des bei der Herstellung benutzten Schöpfrahmens sind zu sehen. An einigen Stellen erkennt man kleine Einschlüsse, so z.B. 25b recto im rechten Rand zwischen den Zeilen 9 und 10 ein Pflanzenteil oder einen Faden.

Der Kalligraph verwendete schwarze Rußtinte für den koranischen Text. Deutlich ist zu erkennen, dass er dabei zwei unterschiedlich breite Rohrfedern ( قلم qalam) für die Buchstaben und die Vokalisation benutzt hat. 25a recto ist in Zeile 10 mit brauner Tinte eine Korrektur vorgenommen worden: Der Schreiber hat hier im Wort   ذُوقُوا (kostet) die zwei Buchstaben قُو vergessen, die in etwas kleinerer Schrift über der Zeile nachgetragen worden sind.

Nach dem Kopieren des Textes wurden mit roter Tinte zwischen den Zeilen Rezitationszeichen sowie Hinweise zur Grammatik und zu alternativen Lesarten (قراءات  qirāᵓāt) eingefügt. Ebenso wurden die Versenden provisorisch mit über der Schriftzeile schwebenden roten Kreisen markiert. Auf diese Kreise legte der Illuminator ( مذهّب muḏahhib eigentlich: Vergolder) später Blattgoldplättchen, fixierte sie mit dem Finger und zeichnete filigrane schwarze Konturen geöffneter Blütenkelche darauf. Auf den Goldplättchen der Rosetten 25b verso sind noch Fingerabdrücke zu erkennen. Die roten Kreise schimmern an vielen Stellen durch die dünne Goldschicht hindurch. 25 b recto beginnen die Plättchen nach den Versen 16:55, 56, 60 und 61 sich abzulösen.

Schließlich umrahmte der Muḏahhib den Text mit einem sogenannten جدول ǧadwal: eine dickere goldene Linie zwischen zwei filigranen schwarzen Linien. Unter dem Gold ist zu erkennen, dass sich darunter eine rote Linie befindet, die möglicherweise erst zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Gold überstrichen wurde.

Seitenaufbau

Beide Blätter weisen recto und verso jeweils elf Textzeilen in einem klaren eleganten Muḥaqqaq-Duktus auf, der seit etwa 1330 das vorher übliche Nasḫ in mamlukischen Koranhandschriften ablöste und zur meist verwendeten Schriftart in mamlukischen Koranen wurde. Der Ǧadwal hebt den heiligen Text aus der Papierfläche hervor. Erst seit der Mitte des 14. Jahrhunderts finden sich in mamlukischen Koranen solche umrahmten Textfelder – somit sind die beiden Blätter frühestens in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts zu datieren.

Hs 25a verso beginnt die Sure 55 ar-Raḥmān / Der Erbarmer. Der rechteckige Kasten mit dem Namen der Sure, der die gesamte Breite von Zeile 8 einnimmt, ist in der Art einer liegenden Tabula ansata (Schreibtafel mit Griff) gestaltet, der tropfenförmige „Griff“ ist mit einer Blüte gefüllt. Möglicherweise verweist das “Griffornament“ auf den Beginn des 54. Ḥizb, einer Untereinheit des Korans, die mit dem Beginn der Sure zusammenfällt. Die Tafel ist in drei Teile gegliedert:

 

 

Hs. 25a Verso 54.41-55.9
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  • Im rechten kleinen Quadrat steht das Wort   سورة  sūra = Sure,
  • Das große zentralen Rechteck in der Mitte ist für den Namen der Sure vorgesehen. Hier hat sich ein Fehler eingeschlichen: ein fehlerhaft hinzugefügter diakritischer Punkt macht aus dem ح in raḥmān ein ج , so dass man hier eigentlich  raǧmān lesen müsste. Daneben steht die Zahl 77 für die Anzahl der Verse. Moderne Ausgaben des Korans geben für diese Sure 78 Verse an.
  • Im linken Quadrat befindet sich das Wort ايات  ayāt = Verse.

Alle Worte im Kasten, die ja nicht Teil der koranischen Offenbarung sind, wurden zur Unterscheidung von dieser in einem anderen Duktus geschrieben, nämlich in schwarz konturierter goldener TawqīꜤ-Schrift und heben sich dadurch deutlich vom heiligen Text ab.

Alle Teilkästen verfügen über einen äußeren goldenen Rahmen, diesem eingeschrieben ist jeweils ein schwarz konturierter Rahmen mit einem filigranen Muster winziger schwarzer Striche, das wie ein stark vereinfachtes Flechtband wirkt. Dieses Muster begegnet in zahlreichen mamlukischen, ilkhanischen und osmanischen Koranen.

Außerhalb der Schriftfelder markieren am Außenrand der Blätter runde und tropfenförmige Ornamente Untereinheiten des Korans.

Hs. 25b Recto 16.55-16.63
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Hs. 25b Verso 16.63-16.71
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Hs .25b verso: Ornament, das nach jeweils fünf Versen eingefügt wird
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Randornamente

Randornamente sind ein typisches Merkmal mamlukischer Korane, begegnen aber schon in dem  von dem berühmten Kalligraphen Ibn al-Bawwāb kopierten und illuminierten Koran, in ghaznawidischen Koranen aus dem 11. Jahrhundert und in ilkhanischen Koranen des 13. Jahrhunderts.  Ein Ornament in der Form eines Tropfens, die der des Buchstabens  ه = h mit dem Zahlwert 5 ähnelt, und das daher als Ḫamsa bezeichnet wird, markiert jeden vollendeten fünften Vers. Diesen Tropfen sind goldgrundige Kreise mit ca. 2 cm Durchmesser eingeschrieben, die einen konzentrisch oder exzentrisch angeordneten zweiten, ebenfalls goldenen Kreis aufweisen. Ob die filigranen schwarzen Linien in diesen inneren Kreisen Worte oder florales Dekor bildeten, ist nicht mehr zu erkennen.  

 

Hs. 25b verso: Ornament, das nach jeweils zehn Versen eingefügt wird
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Runde Medaillons mit 4,3 cm Durchmesser mit strahlenförmig angeordneten dünnen schwarzen Strichen stehen neben jedem zehnten Vers – sie werden daher als ᶜAšara bezeichnet. An der Basis der Strahlen befinden sich blaue und rote Punkte: einzeln oder in pyramidenförmig angeordneten Dreiergruppen. Jedes Medaillon ist im Innern durch konzentrische Kreise gegliedert, die mit unterschiedlichen Mustern und teilweise in Gold, Mittel- und Hellblau ausgemalt sind. Die goldgrundigen Felder mit schwarzen Linien im Zentrum der Medaillons sind leider stark verwischt. Ob sich dort Text - z.B. die Angabe der Zehnerverse wie im Koran von Ibn al Bawwāb, ggf. abgekürzt durch Buchstaben mit dem entsprechenden Zahlwert - oder florale Elemente befanden, lässt sich nicht mehr ausmachen. 

 

 

 

 

Wörter und Buchstaben in roter Tinte zwischen den Textzeilen (Rubrizierungen)

Die interlinearen Verweise, die man üblicherweise mit roter Tinte schrieb, sind von dreierlei Art:

  1. Verweise auf den Begründer einer Lesart (qirāᵓa): 25 b recto auf Nāfiᶜ - gemeint ist Nāfiᶜ b. ᶜAbd ar-Raḥmān (st. 169/785), auf den die erste der kanonischen vierzehn Lesarten zurückgeht, und Yaᶜqūb  - Abū Muḥammad Yaᶜqūb b. Isḥāq al-Ḥaḍramī (st. 205 7 821) auf 25b
  2. Rezitationszeichen - das sind Abkürzungen für Ausspracheregeln, die den Rezitator instruieren, gemäß den Regeln einer bestimmten Lesart vorzutragen: So sollte der Rezitator an bestimmten Stellen eine Pause machen, an anderen Stellen Wörter durch Assimilation von Konsonanten  verbinden oder einen Buchstaben anders aussprechen, z.B. nūn vor bā oder mīm als mīm .
  3. Grammatische Hinweise (für den Rezitator?): a. istifhām – Hinweis, dass mā oder man als Fragepartikel fungieren, b. mubālaġa – Hinweis auf einen Elativ, z.B. dass ḫayr an der designierten Stelle im Sinne von besser zu verstehen ist , c. muḍāf – Hinweis auf den ersten Teil einer Genitivverbindung.

Zur Mamlukenzeit existierten bereits zahlreiche Fachbücher, die sich mit den Lesarten und den Feinheiten des schönen Koranvortrags, des sogenannten taǧwīd, beschäftigten – an diesen orientierten sich die Kopisten.

 

Vermutungen zur Datierung, Herkunft und ursprünglichen Verwendung der Blätter

Anhaltspunkte zur Datierung ins späte 14. Jahrhundert liefern die Schriftart und das Vorhandensein eines Rahmens. Die roten interlinearen Verweise geben Hinweise zum Kontext, in dem der Koran verwendet wurde:

In der Mamlukenzeit entstanden in Kairo zahlreiche Madrasas und Khānqāhs als fromme Stiftzungen, sogenannte awqāf sg. waqf. Sultane und Emire stifteten den Sufigemeinschaften Gebäudekomplexe zur Ausbildung von Studenten und als Versammlungsstätte für Rituale. Ein Waqf beinhaltete nicht nur das Gebäude und dessen Unterhalt, sondern umfasste sämtliche Kosten für das Personal und die Ausstattung: Dazu konnten z.B. die Bibliothek, Lampen, Lampenöl, Reinigungspersonal, teils auch der Unterhalt der Studenten und vieles mehr gehören.

Das großformatige Papier, die Qualität der Schrift und die relativ aufwändige Illumination der Blätter deuten darauf hin, dass die Handschrift nicht für den privaten Gebrauch vorgesehen war, sondern im Rahmen eines Waqf gestiftet wurde - vielleicht also aus einem Khānqāh stammt, das ein Emir oder ein anderes Mitglied der mamlukischen Militär- oder Zivilhierarchie finanzierte. In vielen komplett erhaltenen Maṣāḥif der Mamlukenzeit findet sich oben auf einzelnen Seiten über dem Text in relativ großer Schrift und prominenter Position das Wort  وقف  waqf, oft in Gold und schwarz konturiert. Die roten Verweise auf die Vertreter bestimmter Lesarten, die Rezitationszeichen und vor allem die grammatischen Begriffe deuten darauf hin, dass der Koran offensichtlich bei der Ausbildung von Theologiestudenten, die die Kunst der Koranrezitation erlernten und in der arabischen Grammatik, sowie den Lesarten noch nicht perfekt waren, zum Einsatz kam. Viele der Lehrer, Sufis und Studenten in den Khānqāhs des 14. Jahrhunderts stammten aus dem persischen oder türkischen Sprachraum, hatten das Arabische also erst im Rahmen ihrer theologischen Ausbildung erlernt und benötigten beim Rezitieren vielleicht derartige Hinweise.

Aus solchen Koranen wurde wahrscheinlich auch am Grab des Stifters, das oft Teil des Khānqāh-Komplexes war, für das Seelenheil des Verstorbenen rezitiert. Erhaltene Waqf-Verfügungen enthalten oft detaillierte Bestimmungen wie oft und wie lange – oft rund um die Uhr - eigens dafür angestellte Rezitatoren den Koran vortragen sollten.

1893 wurden die Bestände der Bibliotheken der Kairiner Moscheen und frommen Stiftungen in die Khedivial Library, heute als Dār al-kutub bekannt, überführt. Viele der heute im Dār al-kutub aufbewahrten Korane, die oft aus zahlreichen Bänden, z.B. für die 30 Aǧzāᵓ (Teile des Korans) bestanden, sind heute nicht mehr vollständig erhalten. Vielleicht gelangten damals einzelne Maṣāḥif und einzelne Blätter aus Moscheen und Madrasas in den Kunsthandel oder in Privatbesitz.

 

Literatur:

Abou-Khatwa, Noha: Calligraphers, Illuminators and Patrons: Mamluk Qur’an Manuscripts from 1341-1412 AD in light of the collection of the National Library of Egypt, University of Toronto Diss. 2017 https://utoronto.scholaris.ca/items/c09bb614-83eb-4c70-aca6-9583742f3b13

Bloom, Jonathan: Paper Before Print. The History and Impact of Paper in the Islamic World, New Haven und London 2001.

Fernandes, Leonor: The Foundation of Baybars al-Jashankir, Muqarnas 4 (1987) 21-42.

Ibrahim, Yasir S.: Continuity and Change in Qurᵓānic Readings: A Study of the Qurᵓānic Ms. Garrett 38, Journal of Islamic Studies 19 (2008) 369-390.

Leemhuis, Frederik: Readings of the Qurᵓān, in: McAuliffe, Jane D. (Hg.): Encyclopaedia of the Qurᵓān, Bd. 4, Leiden und Boston 2004, S. 353-363.

Nelson, Kristina: The Art of Reciting the Qur’an, Austin 1985.

Ohta, Alison Aplin: Mamluk Qur’ans: Splendour and Opulence of the Islamic Book, in: Rettig, Simon / Mirza, Sana (Hgg.): The Word Illuminated. Form and Function of Qur’anic Manuscripts from the Seventh to Seventeenth Centuries, Open Access 2023, S. 123-147.

Rettig, Simon: Shaping the Word of God. Visual Codifications of the Qur’an Between 1100 and 1700, in: M. Farhad / S. Rettig (Hgg.): The Art of the Qur’an: Treasures from the Museum of Turkish and Islamic Arts, Washington 2016. S. 77-97 und S. 248-265

Simpson, Marianna Sh.: Illumination (art), EI THREE Online Hg. von: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, und Devin J. Stewart, 2021

Tanındı, Zeren: Illumination and Decorative Designs in Qur’anic Manuscripts, in: M. Farhad / S. Rettig (Hgg.): The Art of the Qur’an: Treasures from the Museum of Turkish and Islamic Arts, Washington 2016.

 

- Dr. Monika Springberg