|
Münster (upm/hd)

Was zählt ein Menschenleben?

Neues Bioethik-Forscherkolleg an der WWU eröffnet
Die Kolleg-Forschergruppe: Ganz rechts der wissenschaftliche Koordinator des Projekts, Dr. Johann S. Ach, links daneben (1. Reihe) Prof. Dr. Thomas Gutmann, Sprecher der Forschergruppe. Prorektorin Dr. Marianne Ravenstein hielt das Grußwort (2.v.r.).<address>© WWU - Peter Grewer</address>
Die Kolleg-Forschergruppe: Ganz rechts der wissenschaftliche Koordinator des Projekts, Dr. Johann S. Ach, links daneben (1. Reihe) Prof. Dr. Thomas Gutmann, Sprecher der Forschergruppe. Prorektorin Dr. Marianne Ravenstein hielt das Grußwort (2.v.r.).
© WWU - Peter Grewer

Was zählt ein Menschenleben? Wem wird geholfen, wenn man nicht allen helfen kann? Darf man Menschen um ihres Besten willen "vor sich selbst" schützen? Welche Begründungen gibt es dafür? Können menschliches "Glück" und "Wohlergehen" oder "Natürlichkeit" als Basis für moralische Normen dienen? Diese und ähnliche Fragen untersucht die neue achtköpfige DFG-Kollegforschergruppe "Theoretische Grundfragen der Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik", die am Dienstagabend in der Aula des Schlosses feierlich eröffnet wurde.

Im Zentrum der Veranstaltung stand der Vortrag "Wertpluralismus und ethische Neutralität des Staates - am Beispiel der Bioethik" von Rechtsphilosoph Prof. Dr. Horst Dreier (Universität Würzburg). Darin referierte er über  verfassungsrechtliche Ausgangspunkte der Debatte. Eine Einführung in das Themenspektrum der Forschergruppe gab Prof. Dr. Thomas Gutmann, Sprecher des Kollegs. Unter anderem hob er die enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen hervor. Auf den hohen Stellenwert der Synergieeffekte wies auch Dr. Marianne Ravenstein, Prorektorin für Lehre, Studienreform und studentische Angelegenheiten, in ihrem Grußwort hin: "Die Interdisziplinarität wird an der WWU nicht nur groß geschrieben, sondern auch gelebt." Das Forscherkolleg setzt sich aus den vier Philosophieprofessoren Kurt Bayertz, Michael Quante, Reinold Schmücker und Ludwig Siep sowie dem Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Gutmann, der Medizinethikerin Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert, dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems und dem Geschäftsführer des Centrums für Bioethik, Dr. Johann S. Ach, zusammen.

Die theoretische Diskussion über ethische Fragen und die Suche nach der Normenbegründung stehen im Mittelpunkt der Arbeit des Kollegs. Im konkreten Fall legt beispielsweise die konsequentialistische Theorie nahe, dass ein Zugunglück eine größere Tragödie ist, wenn fünf Menschen und nicht "nur" zwei ums Leben kommen. Der gegensätzliche Ansatz fragt dagegen: "Do numbers count?" Zählt ein Menschenleben wirklich weniger als fünf? Kann man hier einfach addieren?

Um es auf die Arbeit des gesamten Kollegs zu übertragen: Durch den rasanten Fortschritt der modernen Lebenswissenschaften und der medizinischen Forschung wachsen die Zahl und das "Gewicht" der Handlungsoptionen ständig weiter an. Wir können und müssen deshalb auch immer mehr entscheiden. Für den begründeten Umgang etwa mit den knapper werdenden medizinischen Ressourcen, für die Forschung am Menschen, die Humangenetik und die Intensivmedizin stellt der herkömmliche Kanon moralischer Normen und Werte aber oft keine hinreichenden Bewertungskriterien bereit. "Die Forschergruppe will durch die Grundlagenforschung einen Beitrag zur Bewältigung solcher Orientierungsdefizite leisten", erklärt Dr. Johann S. Ach. "Dass die DFG dieses Projekt bewilligt hat, ist ein ganz großer Erfolg für die WWU. In Deutschland gibt es in diesem Jahr nur ein weiteres Projekt mit dieser Tragweite", freut sich der wissenschaftliche Koordinator. Über acht Millionen Euro Förderung über eine Laufzeit von acht Jahren sind für ein geisteswissenschaftliches Projekt eine mehr als respektable Summe.

Links zu dieser Meldung