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Münster (upm)

"Wir können den Mond als Geschichtsbuch nutzen"

Dr. Carolyn van der Bogert und Dr. Mark Robinson berichten, was man von einem der am besten erforschten Himmelskörper noch lernen kann
Dr. Mark Robinson und Dr. Carolyn van der Bogert in der ULB Münster mit einer Erstausgabe des &quot;Sidereus Nuncius&quot; von Galileo Galilei. Die Besichtigung des wertvollen Originals war ein Highlight für die Tagungsteilnehmer.<address>© WWU</address>
Dr. Mark Robinson und Dr. Carolyn van der Bogert in der ULB Münster mit einer Erstausgabe des "Sidereus Nuncius" von Galileo Galilei. Die Besichtigung des wertvollen Originals war ein Highlight für die Tagungsteilnehmer.
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Prof. Dr. Harald Hiesinger und Dr. Carolyn van der Bogert vom Institut für Planetologie der WWU gehören dem Wissenschaftlerteam der "Lunar Reconnaissance Orbiter Camera" (LROC) an. LROC ist eine Kamera an Bord der Raumsonde LRO der NASA, die seit 2009 über der Mondoberfläche kreist und den Mond hochauflösend fotografiert. Das Team – darunter vor allem US-amerikanische Wissenschaftler – traf sich nun zu einem wissenschaftlichen Austausch an der WWU. Aus diesem Anlass befragte Christina Heimken die münstersche Planetologin Carolyn van der Bogert sowie Dr. Mark Robinson von der Arizona State University (USA), federführender Wissenschaftler im LROC-Projekt, über die aktuelle Mondforschung.

 

Der Mond scheint einer der am besten erforschten Himmelskörper zu sein. Kann man überhaupt noch viel von ihm lernen?

Carolyn van der Bogert: Wir haben viele Daten vom Mond. Darunter sind Gesteinsproben, die von amerikanischen und russischen Missionen stammen, Mondmeteorite, und Fernerkundungsdaten. Wissenschaftler haben dieses Material genau analysiert. Inzwischen haben wir aber auch viele neue, spezifischere Fragen, für die wir Daten mit höherer Auflösung und neue Proben benötigen. Denn stellen Sie sich mal vor, alles, was wir über unseren eigenen Planeten wissen, würde auf Proben basieren, die wir an neun Orten auf der Erde gesammelt hätten. Dieses Bild wäre sicher nicht vollständig.

Der Mond gibt uns durch die Spuren alter Meteoriteneinschläge auch Einblicke in die frühe Geschichte des Sonnensystems. Auf der Erde sind diese Spuren durch die Plattentektonik und das vorhandene Wasser längst verwischt und erodiert. Wir können den Mond quasi als Geschichtsbuch nutzen, um mehr darüber zu erfahren, wie das Sonnensystem aussah, kurz nachdem sich die Erde bildete. Dies sind grundlegende Forschungsbereiche, in denen noch viele Fragen offen sind.

Mark Robinson: Außerdem ist der Mond ein perfekter Ort, um bemannte Expeditionen zum Mars und darüber hinaus vorzubereiten. Denn natürlich möchte man die Explorationstechniken, die auf dem Mars eingesetzt werden könnten, zuvor genau erforschen. Wenn jemand auf dem Mond in Schwierigkeiten gerät, ist er nur drei Tagesreisen von der Erde entfernt, auf dem Mars wären es Monate, bis man wieder hier wäre. Die Marsforschung wird mit Sicherheit von der Mondforschung profitieren.

 

Welche Rolle spielt das LROC-Projekt dabei?

Mark Robinson: LROC ist die coolste Kamera aller Zeiten! Wir können mit ihr von der gesamten Mondoberfläche Aufnahmen mit einer extrem hohen Auflösung machen: So gut, dass man die Fußspuren der Apollo-Astronauten erkennt. Die Bilder ermöglichen es, zahlreiche geologische Fragen zu untersuchen und Karten zu erstellen, um zukünftige Missionen zur Erforschung der Mondoberfläche zu planen. Und das ist nicht alles: LROC liefert auch Farbbilder mit geringerer Auflösung (100 Meter pro Bildpunkt), die eine Kartierung der Mondoberfläche im Hinblick auf ihre Zusammensetzung, Struktur und das Alter ermöglichen. Wir haben ein hervorragendes Team internationaler Wissenschaftler, das uns hilft, die riesige Menge an Daten, die wir sammeln, auszuwerten. Carolyn van der Bogert und Harald Hiesinger sind führende Experten auf dem Gebiet der Mondgeologie und haben uns maßgeblich bei den Bemühungen unterstützt, die Geschichte des Mondes zu entschlüsseln.

 

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft noch von dem Projekt?

Mark Robinson: Ein großer Vorteil einer solch langfristigen Mission, die derzeit bis Ende September 2019 läuft, ist die Möglichkeit, Entwicklungen zu beobachten. Wir vergleichen neue LROC-Bilder mit jenen, die wir in der Vergangenheit aufgenommen haben. Seit 2009 haben wir mehr als 500 neue Mondkrater gefunden, die in dieser Zeit entstanden sind – das ist unglaublich. Dank dieser Vergleiche verstehen wir inzwischen, mit welcher Häufigkeit der Mond von Asteroiden bombardiert wird. Das ist sehr wichtig für die Planung zukünftiger Mondmissionen.

 

 

Hintergrund:

Prof. Dr. Harald Hiesinger und Dr. Carolyn van der Bogert sind verantwortlich für das Projektmanagement und die wissenschaftlichen Aufgaben von LROC. Sie wählen beispielsweise die Orte auf dem Mond aus, die die Kamera fotografiert. Diese Ziele hängen oft mit den Forschungsschwerpunkten der münsterschen Forscher zusammen. Dazu gehören sogenannte Mare-Basalte, also dunkle vulkanische Gesteine, die die großen Einschlagbecken des Mondes verfüllen, und Einschlagskrater. Die Planetologen verwenden die Bilder, die von der LRO-Kamera aufgenommen wurden, um die Morphologie, die Stratigraphie – also die zeitliche Abfolge von geologischen Ereignissen – und das Alter solcher Orte auf dem Mond zu untersuchen.

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