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Münster (upm)

Verwandtschaftspuzzle für Neugierige

Immer mehr Familienforscher produzieren große Mengen an digitalen Daten
Ahnenforschung für jedermann: Volker Wilmsen betreibt seit mehr als 20 Jahren Genealogie in seiner Freizeit.<address>© WWU/Kathrin Nolte</address>
Ahnenforschung für jedermann: Volker Wilmsen betreibt seit mehr als 20 Jahren Genealogie in seiner Freizeit.
© WWU/Kathrin Nolte

Dank Datenbanken und anderen online zugänglichen Quellen kann heute jeder nach seinen Vorfahren suchen. Immer mehr Genealogen betreiben zumeist in ihrer Freizeit Ahnenforschung. Dabei recherchieren sie nicht nur im Internet. Archive mit analogen Beständen sind ebenso eine wichtige Anlaufstelle. Von diesem Trend profitiert auch die Wissenschaft. "Kooperationen zwischen der populären Genealogie und den Archiven produzieren digitalisierte Personenstandsdaten in historisch völlig neuem Ausmaß", erläutert Prof. Dr. Elisabeth Timm, geschäftsführende Direktorin des Seminars für Volkskunde/Europäische Ethnologie der WWU.

Mit einem Genealogieprogramm auf Diskette fing 1996 die Leidenschaft von Volker Wilmsen für die Familienforschung an. "Mein Vater hat sich schon immer dafür interessiert. Seine recherchierten Daten habe ich mithilfe der Software eingetragen. Seitdem wollte ich mehr über unsere Vorfahren wissen", erzählt Volker Wilmsen. Seine Familie stammt aus dem Münsterland. Bis ins 16. Jahrhundert hat der 42-jährige Versicherungsmathematiker die familiären Verbindungen zurückverfolgt. Heute hält er regelmäßig Vorträge zu verschiedenen genealogischen Themen. Über die Häuser und Familien in Münster-Albachten veröffentlichte er 2013 ein Buch. Die Ergebnisse der zwölfjährigen Nachforschungen sind auf 1069 Seiten festgehalten.

"Wendepunkte in der Lebensgeschichte, der Tod von nahen Angehörigen, die Aufklärung eines Teils der Familie, über den stets geschwiegen wurde oder die Aufarbeitung einer Auseinandersetzung sind häufig der Anlass für den Beginn genealogischer Forschungen", erklärt Elisabeth Timm, die die populäre Genealogie untersucht. "Viele sind neugierig und staunen über die Möglichkeiten und die detaillierten Erträge der Recherche in Quellen." Dabei eignen sich Familienforscher selbst und im Austausch untereinander umfangreiche Kenntnisse an – nicht nur in der Archiv- sowie Quellenkunde und Quellenkritik, sondern auch in der Sozial-, Wirtschafts-, Verwaltungs- und Politikgeschichte. Interviews mit entfernten Verwandten, beispielsweise auf einem Familientreffen, bieten häufig neue Anhaltspunkte.

Auch mithilfe spezieller Mailinglisten tauschen sich die Laien über praktische Tipps etwa für die Arbeit in Archiven oder Hinweise auf online zugängliche Quellen aus. "Während die Genealogen lange als lästiges Archivpublikum abgetan wurden und in den Archiven zahlreiche Witze über ihre Irrtümer, Hoffnungen, Unkenntnis kursierten, werden sie heute als 'Kundschaft' angesprochen und mit speziellen Führungen, Kursen und Informationsangeboten bedient. Außerdem haben kommerzielle Anbieter unterschiedliche Elemente der Genealogie – Recherche, Datenbanken, Software, Ergebnispräsentation – längst zur Ware gemacht", betont Elisabeth Timm.

Auf bundesweiter Ebene treffen sich die Familienforscher einmal im Jahr. Der 70. Deutsche Genealogentag findet vom 5. bis 7. Oktober in Melle bei Osnabrück statt. Dort gibt es eine Vielzahl von Vorträgen wie "CompGen – Datenbanken von Genealogen für Genealogen", "DNA- Analysen in der Familienforschung" oder "Familienforschung für Anfänger". Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft genealogischer Verbände e.V. richtet den Genealogentag im Wechsel mit einem anderen Mitgliedsverein des Dachverbands aus.

Außerdem gibt es in der Region alle zwei Jahre den Westfälischen Genealogentag. Die nächste Veranstaltung ist im März 2019 in Altenberge. Ausgerichtet wird der Westfälische Genealogentag, zu dem im vergangenen März mehr als 1200 Teilnehmer kamen, von der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung (WGGF). Die Volkskundliche Kommission für Westfalen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe arbeitet derzeit die Geschichte der WGGF auf. Anlass ist das 100-jährige Gründungsjubiläum, das die WGGF 2020 begeht. "Wir betrachten die Vereinsgeschichte von der Gründung 1920 über die Mobilisierung in der NS-Zeit bis hin zu den Veränderungen durch die Digitalisierung. Besonders interessiert uns, wie sich Praktiken und Techniken genealogischer Recherche verändert haben", führt Projektmitarbeiter Niklas Regenbrecht aus. Die Ergebnisse sollen zum Jubiläum als Buch erscheinen.

Volker Wilmsen ist seit 1999 Mitglied der WGGF. "Ich betreibe die Genealogie zwar in meiner Freizeit, sehe mich aber nicht nur als Hobbyforscher. Meine Ergebnisse möchte ich publizieren und investiere dafür viel Zeit", schildert der 42-Jährige. "Es ist eine Berufung." Aktuell untersucht Volker Wilmsen die Häuser und Familien zwischen der Aa und der Wolbecker Straße in Münster. "Es ist ein großes Puzzle und gleicht einer Detektivarbeit. Die Digitalisierung hat einiges vereinfacht, deshalb kommen viele neue Interessierte hinzu", berichtet er. Elisabeth Timm schreibt den Ahnenforschern eine wichtige Rolle zu: "Die populäre Genealogie entfaltet sich an der Schnittstelle zwischen den staatlichen sowie kirchlichen Verwaltungen beziehungsweise deren schriftlichen Überlieferungen und dem Interesse Einzelner an der eigenen Familiengeschichte."

Autorin: Kathrin Nolte

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 5, Juli/August 2018.

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