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Münster (upm)

Der Spitzensport und seine Schattenseite

Ein WWU-Simulationsmodell könnte den Kampf gegen Doping effizienter machen
Besonders in Ausdauersportarten ist Doping ein großes Problem.<address>© Fotolia / ChiccoDodiFC</address>
Besonders in Ausdauersportarten ist Doping ein großes Problem.
© Fotolia / ChiccoDodiFC

Olympia, Fußball-Weltmeisterschaft, Leichtathletik-Europameisterschaft: Im Supersportjahr 2018 feiert sich die Welt mehrfach selbst im friedlichen Wettstreit und Milliarden Menschen fiebern zu Hause mit. Verantwortlich für das heimische Stimmungsbild sind die Athleten, die auch im Namen ihres Publikums antreten, wenn sie um einen Platz auf dem Treppchen, um Medaillen oder Preisgelder kämpfen. Ein herausragendes Talent und hartes Training allein sind aber keine Garantie für Siege, Status und viel Geld. Dann helfen manche Sportler ihrer Leistung und Ausdauer mit verbotenen Substanzen auf die Sprünge – sie dopen. Ein an der WWU entwickeltes Computermodell könnte nun helfen, das Problem effizienter zu bekämpfen.

Dr. Daniel Westmattelmann, Postdoktorand an der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre und selbst Radprofi, erarbeitete das Programm für seine Dissertation. In der Simulation können mehrere hundert Athleten in verschiedenen Sportarten gegeneinander antreten. Das Besondere: In das Modell fließen auch verschiedene Anti-Doping-Maßnahmen wie etwa Kontrollen, Sperren oder Strafen ein. So lässt sich für jedes Szenario errechnen, welcher Ansatz oder welche Kombination aus Maßnahmen besonders wirkungsvoll ist. „Im Vorfeld hatte ich Spitzensportler danach befragt, welche Anti-Doping-Maßnahmen sie selbst als effizient empfinden“, berichtet Daniel Westmattelmann. „Interessanterweise kam unser Modell zu sehr ähnlichen Ergebnissen.“

Schon jetzt ist das Interesse von Anti-Doping-Agenturen im In- und Ausland am Modell groß. Denn der Bedarf an neuartigen Ansätzen für mehr „Fair Play“ ist enorm und Doping seit langer Zeit ein Dauerthema. Ganze Sportnationen kamen so in Verruf. Komplette Teams wurden diskreditiert. Und sportliche Superstars kamen zu Fall, darunter der siebenfache Champion der Tour de France, Lance Armstrong. Die Auswirkungen waren und sind verheerend. „Gedopte Athleten können und dürfen keine Vorbilder sein“, betont Prof. Dr. Michael Krüger vom Institut für Sportwissenschaft der WWU. „Sporterziehung lässt sich kaum noch durch den Spitzensport legitimieren, dessen Image durch das Doping stark gelitten hat.“

Zwar würden sich die Menschen Sport noch gerne im Fernsehen ansehen. Sie zögerten aber, ihre Kinder dem Leistungssport anzuvertrauen. „Fast alle Sportarten haben massive Nachwuchsprobleme“, betont Michael Krüger. Vor allem der Radsport steht unter Generalverdacht. „Ich musste mir auf der Straße einiges anhören“, sagt Daniel Westmattelmann. Die Lage habe sich seit den Doping-Skandalen und den sich daran anschließenden Gegenmaßnahmen allerdings deutlich gebessert. Ihn habe der damalige Tiefpunkt motiviert, selbst einen Beitrag zur Bekämpfung von Doping zu leisten, das nach manchen Schätzungen abhängig von Sportart und Land bis zu 50 Prozent der Athleten betrifft.

Garantieren häufige Kontrollen eine hohe Aufklärungsquote? „Der Fall Lance Armstrong hat das zumindest infrage gestellt“, berichtet Dr. Marcel Reinold vom Institut für Sportwissenschaft. „Der Radprofi muss im Lauf seiner Karriere hunderte von Tests ohne positives Resultat durchlaufen haben. Letztlich kamen die Beweise erst von einem ehemaligen Teamkollegen.“ Die Kontrollen seien wenig effizient, weil „Dopingsünder“ auf andere Wirkstoffe umsteigen, sobald eine Substanz nachgewiesen werden kann. Um diese Strategie auszuhebeln, frieren Anti-Doping-Agenturen nun einen Teil der Proben bis zu zehn Jahre lang ein. „Das ist sinnvoll, kann aber Probleme verursachen, weil dann jeder sportliche Sieg nur vorläufig ist“, erklärt Marcel Reinold.

Um Doping grundsätzlich weniger attraktiv zu machen, sollte auch das System Leistungs- und Spitzensport überdacht werden. „Doping ist nicht das Resultat eines schlechten Charakters“, betont Marcel Reinold. Vielmehr werde Athleten voller Einsatz auf Kosten ihrer Gesundheit abverlangt, und dies in der Regel ohne zweites berufliches Standbein und bei geringem Einkommen. „Die Preisgelder sollten angeglichen werden“, ergänzt Daniel Westmattelmann. „Doping ist besonders attraktiv in Sportarten, in denen die Gewinner enorme Summen erhalten, alle anderen aber fast leer ausgehen, obwohl die Leistungen nicht weit auseinanderliegen. Eine gerechtere Verteilung des Geldes würde helfen.“

Autorin: Susanne Wedlich

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung „wissen|leben“ Nr. 5, 18. Juli 2018.

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