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Münster (upm/nor)

Raubverlage: Stimmen aus der Wissenschaft

"Die derzeitige Situation zeigt einmal mehr, wie wichtig Qualitätssicherung im Wissenschaftssystem ist."
"Der Nährboden, auf dem die aktuellen Auswüchse gedeihen konnten, ist der Publikationsdruck, unter dem nicht nur etablierte, sondern auch junge Forscher und Forscherinnen stehen."<address>© fotolia.com/ra2 studio</address>
"Der Nährboden, auf dem die aktuellen Auswüchse gedeihen konnten, ist der Publikationsdruck, unter dem nicht nur etablierte, sondern auch junge Forscher und Forscherinnen stehen."
© fotolia.com/ra2 studio

Die jüngsten Meldungen über Veröffentlichungen von wissenschaftlichen Inhalten auf kommerziellen Pseudo-Plattformen haben für viel Aufmerksamkeit und Unruhe gesorgt. Die Pressestelle bat WWU-Wissenschaftler um ihre Einschätzungen auf die Frage, wie man sich am besten vor Raubverlegern schützen kann…
 

Prof. Dr. Harald Fuchs, Direktor des Physikalischen Instituts:

„Die wichtigste Maßnahme gegen die wissenschaftlich äußerst zweifelhaften Geschäftsgebaren der Raubverleger und Raubjournale ist die Beschränkung auf wohl etablierte, solide Journale mit einem fundierten Peer-Reviewsystem. Ähnliches gilt für die Flut von kostenpflichtigen Pseudo-Einladungen zu Konferenzen, die klare Geschäftsmodelle, aber keinerlei wissenschaftlich wichtige Inhalte verfolgen. Besonders gefragt sind hier die Lehrenden als Berater des wissenschaftlichen Nachwuchses, der unter großem Erfolgsdruck steht.“
 

Prof. Dr. Michael Heghmanns, Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Medienstrafrecht und Strafvollzugsrecht:

„Wird über die Seriosität eines Veröffentlichungs- oder Konferenzangebotes getäuscht und ein Wissenschaftler auf diese Weise zur Zahlung von Druck- oder Konferenzkosten veranlasst, so kann dies den Betrugstatbestand (§ 263 StGB) erfüllen. Opfern solcher Praktiken ist zu empfehlen, zur Vermeidung künftiger Schädigung von Kollegen Strafanzeige zu erstatten. Präventiver Selbstschutz ist möglich, indem man vor der Annahme eines solchen Angebots die bisherigen Publikationen des Verlags sorgsam prüft.“
 

Prof. Dr. Andreas Löschel, Lehrstuhl für Mikroökonomik, insbesondere Energie- und Ressourcenökonomik:

„Raubjournale und Scheinkonferenzen treten immer aggressiver an Wissenschaftler heran. Weniger erfahrene Forscher laufen Gefahr, ihre Forschungsarbeiten dort zu verbreiten. Sie gefährden damit ihre Reputation und verschwenden wertvolle Ressourcen. Deshalb sollten sich jüngere Kollegen an einschlägigen Zeitschriftenlisten orientieren, etwa dem VHB-JOURQUAL-Rankings oder dem Handelsblatt-Ranking im Bereich der BWL oder VWL. Die wissenschaftlichen Fachvereinigungen informieren zudem über relevante Konferenzen. Im Zweifel sollten in jedem Fall erfahrene Kollegen zu Rate gezogen werden.“
 

Prof. Dr. Matthias Löwe, Institut für mathematische Stochastik:

„In meinen Augen gibt es im Wesentlichen eine Möglichkeit, diese Verleger zu bekämpfen: nicht dort zu publizieren. In der Mathematik ist es relativ einfach herauszufinden, ob ein Journal seriös ist oder nicht. Wenn ein Journal sehr neu ist, sagt es an sich noch nichts. Wenn es aber zu sehr hohen Preisen Open Access anbietet, sollte man skeptisch werden. Wenn man dann noch Reviewzeiten von zwei Wochen (statt drei Monaten) verspricht und bislang nur Unsinn publiziert wurde, heißt es: Finger weg!“
 

Prof. Dr. Sven Meuth, Klinik für Allgemeine Neurologie und Forschungsdekan der Medizinischen Fakultät:

„Für die medizinische Forschung entsteht durch Raubverleger ein besonderes Problem, da Behandlungsstrategien wesentlich auf wissenschaftlichen Studien basieren. Ein hundertprozentiger Schutz vor Betrug kann kaum hergestellt werden. Jedoch können verschiedene Maßnahmen vor Einreichen eines wissenschaftlichen Manuskripts helfen: Wissenschaftler sollten sich genau über das Begutachtungsverfahren der Zeitschrift informieren und die aktuelle Liste mit zwielichtigen Verlegern und Zeitschriften überprüfen. Nur so können wir künftig vertrauenswürdige Forschung sicherstellen.“
 

Prof. Dr. Detlef Pollack, Lehrstuhl für Religionssoziologie und Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“:

„Gegen Missbrauch wissenschaftlicher Arbeiten ist niemand geschützt. Der Missbrauch beginnt bei ihrer politischen Instrumentalisierung und endet bei ihrer Veröffentlichung in Raubverlagen. Helfen kann hier nur eines: die Etablierung und Stärkung wirksamer Mechanismen der wissenschaftlichen Selbstbeobachtung, Selbstevaluation und Selbstreinigung. Auf diese Weise wird man den Missbrauch nicht verhindern, wohl aber sein Eindringen in die wissenschaftliche Kommunikation begrenzen können.“
 

Dr. Jan Schmidt, Leiter des Graduate Centre der WWU Münster:

„Der Nährboden, auf dem die aktuellen Auswüchse gedeihen konnten, ist der Publikationsdruck, unter dem nicht nur etablierte, sondern auch junge Forscher und Forscherinnen stehen. Die Herausforderung ist daher, diesen Druck zu „managen“ und eine Strategie für die eigenen Publikationen zu entwickeln. Diese Strategie sollte nicht nur einen groben Zeitplan für das eigene Projekt/die verschiedenen Projekte und die zugehörigen Publikationen umfassen, sondern eben auch den nötigen Raum, sich einen guten Überblick über die gängigen Journals und Zeitschriften zu verschaffen. So kann es hoffentlich besser gelingen auch hinsichtlich der Publikationen, gezielt und mit Überblick zu agieren.“
 

Prof. Dr. Monika Stoll, Institut für Humangenetik, Prorektorin für Forschung:

„Die derzeitige Situation zeigt einmal mehr, wie wichtig Qualitätssicherung im Wissenschaftssystem ist. Offenbar gibt es keinen hundertprozentigen Schutz vor dubiosen Verlagen und deren Angeboten. Um sicher zu gehen, dass ihre Forschungsergebnisse ordentlich publiziert werden, sollten sich alle Forscherinnen und Forscher umfassend über die an sie herangetragenen Angebote informieren und Skepsis gegenüber Angeboten via E-Mail walten lassen. Im Zweifel rate ich dazu, sich mit etablierten Kolleginnen und Kollegen auszutauschen und sich über die Integrität eines Journals zu versichern.“

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