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Münster (upm/ja)

Ein "leistungsfreier Raum" im Studium

Zwei Studierendengemeinden, drei neue Leiter – ein Gespräch über Aufgaben und Herausforderungen
Annika Klappert (links) ist ab 15. Juli neue Pfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde, Studierendenpfarrer Michael Berentzen und Pastoralreferentin Hanna Liffers bilden seit Mitte 2017 die Doppelspitze der Katholischen Studierenden- und Hochschulgemeinde.<address>© WWU - Heiner Witte (MünsterView)</address>
Annika Klappert (links) ist ab 15. Juli neue Pfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde, Studierendenpfarrer Michael Berentzen und Pastoralreferentin Hanna Liffers bilden seit Mitte 2017 die Doppelspitze der Katholischen Studierenden- und Hochschulgemeinde.
© WWU - Heiner Witte (MünsterView)

Alle drei sind Anfang bis Mitte dreißig, fühlen sich in oder nah bei der Generation Y der – je nach Auslegung – zwischen 1980 und 1999 Geborenen. „Das ist für die Arbeit mit unserer Klientel äußerst hilfreich“, sind sie sich einig. In der Definition der Generationen-Begriffe steckt vieles, womit Annika Klappert von der Evangelischen Studierendengemeinde Münster (ESG) sowie Hanna Liffers und Michael Berentzen von der Katholischen Studierenden- und Hochschulgemeinde Münster (KSHG) in ihrem theologischen Job beschäftigt sind: mit Flexibilität und mit Work-Life-Balance der als „Digital Natives“ beschriebenen jungen Leute. Denn für den derzeitigen akademischen Nachwuchs steht die digitale Welt gleichberechtigt neben dem Wunsch nach Sinnhaftigkeit im Leben – nicht selten wollen sie beides miteinander verbinden. Ein spannendes Wirkungsfeld für die drei Gemeindeleiter der Studierenden an Universität und Fachhochschule Münster.

Während die KSHG seit jeher mit einer Doppelspitze – früher immer zwei Priester, heute Priester und Pastoralreferentin – operiert, ist die Protestantin alleinige Leiterin eines Team aus studentischen, haupt- und ehrenamtlichen Gemeindereferenten, von denen es auch in der KSHG einige gibt.

ESG-Pfarrerin Annika Klappert, 33 Jahre alt, geboren im Siegerland, kehrt gerade – offiziell zum 15. Juli – an ihre Alma Mater zurück. Zuvor hatte sie erste Erfahrungen im Vikariat und im „Probedienst“ in verschiedenen Gemeinden in Hamm gesammelt. Die beiden Kollegen der anderen christlichen Kirche sind seit Mitte 2017 im Amt. Hanna Liffers (31) kommt gebürtig aus Mönchengladbach, war zuvor als Pastoralassistentin im Bistum Aachen tätig und verbrachte ihr Theologie-Studium in Münster und Rom. Michael Berentzen (35), der aus dem emsländischen Haselünne stammt, fand schon früh zum Glauben und während des Studiums zu seiner priesterlichen Berufung, studierte in Münster und war später unter anderem am Niederrhein als Kaplan aktiv.

Frischer Wind also in beiden Studierendengemeinden der münsterschen Hochschulen. Ist es schwierig, die kleinen Kirchen der Universität zu füllen? Denn angeblich ist der heutigen Generation Verbindlichkeit nicht mehr wichtig. „Der Sonntag auf der Kanzel ist nur ein Teil der Arbeit“, sagt Annika Klappert. „Ich möchte mich als Pfarrerin dafür einsetzen, dass die ESG ein Ort ist, an dem Studierende ihre eigene Beziehung zu Gott ergründen. Sie sollen sich aktiv in die Welt einbringen können, auch beim ‚Krimi Dinner‘ und bei Gottesdiensten mit aktuellen Popsongs.“ Die evangelische Theologin sieht Studierendenpfarrer als Multiplikatoren für die Kirchen, in deren Auftrag sie arbeiten, aber auch für die Universität. „Wir wollen leistungsfreie Räume im leistungsorientierten Studium schaffen, denn der Druck ist dort größer geworden“, fügt Michael Berentzen hinzu. „Mit Blick auf die Fülle der Möglichkeiten ist es heuzutage für viele Menschen oft schwer, Entscheidungen zu treffen.“

Dass der Bedarf an besonderen Ruhe-Räumen – fernab von Seminaren, Vorlesungen und auch Partys – groß ist, spüren Hanna Liffers und Michael Berentzen häufig. „Die Kapelle in der KSHG ist selbst während des frühen Gottesdienstes am Freitag um 7.15 Uhr oft sehr voll. Auch unsere Exerzitien sind gut besucht. Solche Auszeiten bieten Raum zum Runterkommen“, unterstreicht die Pastoralreferentin. Neu im Angebot sind die Exerzitien „Ich und du to go“ am Aasee. Auch die Beichte als eine der sieben römisch-katholischen Sakramente und als Weg, mit Verfehlungen im Leben umzugehen, ist ein Thema. „Sie ist ein wichtiges Element des Glaubens“, sagt Priester Michael Berentzen. „Ich bin schon darauf angesprochen worden, ob es die Möglichkeit dazu auch bei uns in der Studierendengemeinde gibt.“ Noch ist das nicht der Fall.

Einen weiteren wichtigen Teil der Arbeit sehen die drei studentischen Gemeindeleiter in der Seelsorge und der Sozialberatung. Die geistliche Begleitung in der Seelsorge, die „Nähe unmittelbar“ (Michael Berentzen), geschieht nebenbei im Alltag. „Es beginnt oft zwischen Tür und Angel, bahnt sich ohne Termin an“, schildert Annika Klappert. „Manchmal fehlt auch Studierenden der Mut, selbst im Freundeskreis über Prüfungsängste zu reden.“ Für solche Situationen, Krisen, Lebensfragen speziell im Studium bieten die Universitätsgemeinden Ansprechpartner und Räume, „wo nur die Seele eine Rolle spielt“, bringt es der Priester auf den Punkt.

Die Studierenden in ihren Gemeinden, die Kommunion oder Konfirmation hinter sich haben und bei denen (kirchlich geschlossene) Ehe und Familien meist noch weit weg sind, nehmen die Angebote in Münster gern an. „Wenn die Studierenden hier bei uns sehen“, meint Annika Klappert, „dass die Kirche sie ernst nimmt und einen Ort bietet, an dem sie mit ihrer Weltanschauung willkommen sind, dann zieht das Kreise.“

Autorin: Juliane Albrecht

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 4, 20. Juni 2018

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