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Münster (upm/kk)

"Die Wirkung neuer Designerdrogen ist unberechenbar"

Chemikerin Dr. Sára Harkai hat für ihre Dissertation mobile Analysetechniken entwickelt
Dr. Sára Harkai<address>© Privat</address>
Dr. Sára Harkai
© Privat

Wie können „Neue psychoaktive Stoffe“ mit mobilen Analyse-Techniken außerhalb des Labors untersucht werden? Mit dieser Frage hat sich Dr. Sára Harkai in ihrer Dissertation beschäftigt, die sie am Institut für Anorganische und Analytische Chemie der Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU) verfasst hat. Derzeit befindet sie sich in der Ausbildung zur Sachverständigen für Forensische Chemie und Toxikologie. Kathrin Kottke sprach mit ihr über die Inhalte ihrer Forschung.

Was sind „Neue psychoaktive Stoffe“, und warum sind sie gefährlich?

Bei „Neuen psychoaktiven Stoffen“ (NpS) handelt es sich um sogenannte Designerdrogen, die eine psychoaktive, also „berauschende“ Wirkung haben. Angeboten werden sie als Reinstoff oder in konsumfähigen Zubereitungen: Pulver, Rauchmischung, E-Liquid oder Pillen. Produzenten und Anbieter bewerben sie als legal und harmlos, was jedoch in keinem Fall der Realität entspricht. Oftmals wissen die Käufer nicht, welche Inhaltsstoffe sich in den NpS-Produkten befinden, denn häufig enthalten die Produkte illegale und gesundheitsgefährdende Betäubungsmittel. Da viele dieser Inhaltsstoffe nicht oder kaum erforscht sind, ist ihre Wirkung unberechenbar und stellt je nach Menge des Wirkstoffs eine große Gefahr für die Gesundheit der Konsumenten dar. Oft sind Herzrasen, Kreislaufversagen, Angstzustände oder unkontrollierbare Psychosen die Folge.

Gibt es einen rechtlichen Rahmen, um diese Drogen besser zu kontrollieren?

Ein Wirkstoff kann in Deutschland nur dann im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) aufgenommen werden, wenn seine exakte chemische Struktur bekannt ist. Die Struktur vieler NpS-Wirkstoffe ist zum Zeitpunkt ihres ersten Auftretens oftmals nicht bekannt und wird daher nicht vom BtMG erfasst. Da der Markt kontinuierlich mit NpS geflutet wird, werden die neuen Drogen zunächst analysiert und danach dem BtMG unterstellt. Sobald ein Wirkstoff im BtMG gelistet ist, ändern die Produzenten oftmals minimal die chemische Struktur, um das Gesetz zu umgehen. Mit dem Inkrafttreten des Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes (NpSG) im November 2016 ist es nun möglich, ganze Gruppen ähnlicher Stoffe zu kontrollieren und einen rechtlichen Rahmen zu schaffen.

Was haben Sie in Ihrer Forschung untersucht?

Unbekannte Proben schnell und zuverlässig zu analysieren, ist für Kriminaltechniker von großer Bedeutung. Ich habe in Kooperation mit dem Kriminaltechnischen Institut des Bundeskriminalamts (BKA) mobile Analyse-Techniken untersucht, mit denen es möglich ist, Produkte mit NpS-Wirkstoffen und die NpS-Wirkstoffe selbst außerhalb des Labors zu untersuchen. Der Fachbereich Toxikologie des BKA stellte mir dazu beschlagnahmte Proben und leistungsstarke Laboranalysen-Systeme zur Verfügung. Sowohl im Labor als auch unter Realbedingungen – beispielsweise auf einem Festival – habe ich mit einigen Geräten, die mir zum Teil von den Herstellern zur Verfügung gestellt wurden, die NpS-Wirkstoffe in einem Produkt gemessen. Auch wenn mehr als ein NpS-Wirkstoff in einem Produkt vorhanden war oder die Produkte beispielsweise mit Koffein „gestreckt“ waren, konnte ich in vielen Fällen alle Inhaltsstoffe finden. Teilweise konnte ich die Wirkstoffe direkt durch die Produktverpackung messen und nachweisen.

Und wie profitieren die Behörden von Ihren Erkenntnissen?

Die Forschungserkenntnisse waren für viele Anwender interessant, daher habe ich Fachkonferenzen besucht und mich mit Polizei- und Zollbeamten ausgetauscht. Durch meine Dissertation habe ich dazu beigetragen, dass die Messung von NpS-Wirkstoffen und Produkten mit diesen Wirkstoffen anhand der von mir untersuchten Geräte stark vereinfacht werden konnte und teilweise sicherer gestaltet werden kann. Einige Analysesysteme wurden vorher zum Teil nur wenig bis gar nicht in den kriminaltechnischen Instituten für solche Designerdrogen verwendet – das hat sich mittlerweile stark gewandelt.

Wie wird sich das Thema weiterentwickeln?

Das Thema bleibt aktuell und die Notwendigkeit, NpS-Wirkstoffe zu erforschen und Analysesysteme anzupassen, wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Da NpS-Produzenten versuchen, mit neueren Stoffen das NpSG zu umgehen, muss das Gesetz stetig aktualisiert und angepasst werden. Dazu ist ein kontinuierlicher Austausch und eine Zusammenarbeit zwischen Juristen, Behörden und forensisch-toxikologischen Fachexperten nötig. Selbstverständlich ist die Aufklärung über die Gefahren von NpS ein zentraler Aspekt, der in den Medien und in den Schulen an Bedeutung gewinnt.

 

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 4, 20. Juni 2018

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