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Münster (upm)

Auf neuen Pfaden

Die Digitalisierung bleibt eine Herausforderung für Hochschulen – fünf Gastbeiträge über Chancen für die Forschung, Lehre und Gesellschaft
Lars Linsen<address>© WWU - Laura Schenk</address>
Lars Linsen
© WWU - Laura Schenk

Ob Lernplattformen wie Moodle, Rechercheportale wie DigiBib oder Forschungsdatenbanken wie CRIS@WWU: Die Digitalisierung verändert viele Bereiche der Universität Münster. Deshalb hat sich die Pressestelle der WWU sechs Monate lang in einem Themenschwerpunkt mit dem digitalen Wandel beschäftigt. Zum Abschluss stellen wir auf dieser Seite fünf Thesen zur Digitalisierung an der Universität Münster, innerhalb der deutschen Hochschullandschaft und in der Gesellschaft vor. Außerdem geben die Gastautoren einen Ausblick auf die zukünftigen Chancen und Vernetzungsmöglichkeiten.

These 1
"Neue Wege für die Gewinnung globaler Erkenntnisse"

Die Digitalisierung erhielt nicht nur Einzug in die Gesellschaft, sondern hat auch große Bedeutung in den meisten Forschungsgebieten erlangt. Dadurch, dass Quellen für Information vermehrt in digitaler Form vorliegen, können diese Daten auch unmittelbar digital verarbeitet und ausgewertet werden. Dies eröffnet neue Wege in der Forschung, indem für Studien nun deutlich mehr Daten in Betracht gezogen werden können, was es erlaubt, globalere Erkenntnisse zu gewinnen. In wissenschaftlichen Studien geht es oft darum, Unterschiede und Ähnlichkeiten in den Daten zu bestimmen. Hier kommen Analysemethoden der Informatik zum Tragen, die es erlauben, Muster zu erkennen oder abweichende Daten zu detektieren. Automatische Analysemethoden können dabei große Datenmengen effizient durchforsten. Noch effektiver werden diese, wenn sie in einen interaktiven visuellen Analyseprozess integriert sind, in den die Forscher ihre Expertise einbringen können.

Speziell in den Naturwissenschaften und der Medizin erlauben neue und verbesserte Mess- und Rechnertechnologien, größere und komplexere Datenmengen zu generieren. Aber auch in den Geisteswissenschaften werden Daten zunehmend digital erfasst. An der WWU haben sich Wissenschaftler aus mehreren Fachbereichen zusammengeschlossen, um die Herausforderungen der Digitalisierung im Rahmen des Centers for Digital Humanities anzugehen. Ziel ist dabei nicht nur, die digital erfassten Daten verfügbar zu machen und ein entsprechendes Datenmanagement bereitzustellen, sondern auch die weitere Verarbeitung und Analyse der Daten zu unterstützen. Das Center möchte zu einem zentralen Kompetenzzentrum innerhalb der WWU und zu einem nationalen Vorreiter werden.

Prof. Dr. Lars Linsen vom Institut für Informatik der WWU ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Centers for Digital Humanities.

 

Andreas Kosminder<address>© HGF e.V.</address>
Andreas Kosminder
© HGF e.V.
These 2
„Die Potenziale im eigenen Forschungsfeld nutzen“

Im Kern der digitalen Transformation steht die Erkenntniskette "von Daten zu Wissen zu Innovation". Sie ist die entscheidende Herausforderung in allen wissenschaftlichen Disziplinen, welche die Grundlagen für den gesellschaftlichen Fortschritt der Zukunft bereiten. Die Verbindung von Informatik, Mathematik, Statistik, Simulation und datenintensivem Rechnen mit anspruchsvollen Anwendungsfeldern aus dem breiten Spektrum der Natur- und Ingenieurswissenschaften, der Medizin sowie den Geistes- und Sozialwissenschaften wird ein dynamischer Motor des Forschungsstandortes Deutschland sein, "klassische Domänen" befruchten und Zugang zu ganz neuen Erkenntnissen eröffnen.

Die deutschen Universitäten sollten diese Entwicklungen als enorme Chance annehmen und sich weder von großen Softwarekonzernen noch (vermeintlich) weit vorangeschrittenen amerikanischen oder chinesischen Instituten einschüchtern zu lassen. Von Maschinen gefundene Korrelationen in Big-Data-Sets sind noch lange keine kausalen Zusammenhänge und bedürfen mehr denn je einer kritischen Betrachtung durch Wissenschaftler, die hierfür aber auch mit der Funktionalität der eingesetzten Methoden vertraut sein müssen. Neuartige Ansätze im Bildungs- und Wissenschaftssystem erscheinen also erforderlich. Wohl sollte überlegt werden, wie die Möglichkeiten, die sich durch neue, datenbezogene Methoden ergeben, in Lehrpläne und Studiengänge eingeflochten werden können. Nicht jeder Studiengang braucht Programmieren als Nebenfach, doch erscheint ein gewisses Grundverständnis von Datenverarbeitung und Statistik durchaus geboten, gerade um auch die Potenziale dieser neuen Technologien im eigenen Forschungsfeld zu nutzen. Bleiben wir auf Ballhöhe!

Dr. Andreas Kosmider ist Leiter des Strategieprozesses Information und Data-Science in der Helmholtz-Gemeinschaft.

 

Antje Michel<address>© FH Potsdam</address>
Antje Michel
© FH Potsdam
These 3
"Künstliche Intelligenz könnte die Hochschullehre verändern"

Zwei Trends, die nur auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, könnten die Hochschullehre mittelfristig verändern: Künstliche Intelligenz (KI) und die zunehmende Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt durch private Anbieter modularer Zertifikatskurse. Hochschullehre ist als curricular organisiertes Programm mit dem Anspruch auf gleichberechtigten Bildungszugang und der Vermittlung eines gleichartigen Wissens- und Kompetenzsets ein durch Qualifikationsrahmen und Akkreditierungsregeln normierter Prozess. Demgegenüber steht die zunehmend heterogene Studierendenschaft mit Unterschieden in Wissensstand, Selbstlernfähigkeit, kulturellem und sozialem Hintergrund. Zudem ist Lernen durch die gesellschaftliche Veränderungsdynamik zunehmend ein lebenslanger Prozess.

Hierauf reagieren private Anbieter wie die Google Zukunftswerkstatt flexibler. Bereits existente KI-gestützte Entwicklungen wie das kritisch betrachtete Feld der Learning Analytics an angelsächsischen Hochschulen zeigen das Potenzial von KI für die Organisation und Begleitung von Lernprozessen: Individuelle "Learning Assistants" könnten – didaktisch und ethisch reflektiert entwickelt – Lernenden ermöglichen, ihre Lernbedarfe zu erkennen, passende Angebote in der heterogenen Bildungslandschaft zu identifizieren und im Lernprozess Unterstützung zu erhalten. Der Einsatz von KI in der Hochschullehre zur Selbststeuerung des Lernens und die Öffnung der Hochschulcurricula zum einen für die Integration extern erworbener Zertifikate und zum anderen für die Zertifizierung einzelner Module der Curricula als Weiterbildung ist eine rechtliche, ethische und organisatorische Herausforderung. Staatliche Hochschulen sollten sich positionieren, wenn sie weiterhin den Qualitätsstandard für akademische Bildung definieren möchten.

Dr. Antje Michel ist Professorin für Informationsdidaktik und Wissenstransfer an der FH Potsdam.

 

Thomas Knaus<address>© FTzM</address>
Thomas Knaus
© FTzM
These 4
"Mündigkeit und Partizipation im digitalen Zeitalter"

Künftig wird neben der Frage, was die Medien mit uns machen – also zur Frage nach der Wirkung von Technik und Medien auf Individuum und Gesellschaft – auch die Frage relevant, was wir mit den Medien machen können. Denn die digitale, interaktive, mobile und vernetzte Technik bietet viele handlungsbezogene Potenziale, die die Relevanz digitaler Medien innerhalb von Bildungskontexten und Sozialisationsinstanzen wie Familie, Freundeskreis und Schule weiter erhöhen. Sie hält neue didaktische Möglichkeiten für Lernprozesse bereit, stellt aber das Bildungssystem auch stets vor neue Herausforderungen: Relativ neu ist beispielsweise die Entwicklung, dass die Technik auf Grundlage von Datenanalysen und Signalen von Sensoren an der Herstellung von (Medien-)Inhalten beteiligt ist, Interpretationen vornimmt und zunehmend in der Lage ist, nicht nur nach programmierten Anweisungen zu "handeln", sondern auch zu "lernen". Digitale Technik wird unsere Gesellschaften umfassend verändern – vieles davon wird unser Leben lebenswerter machen, einiges muss kritisch hinterfragt und diskutiert werden. Erforderlich sind daher weitere interdisziplinäre Betrachtungen der Schnittstellen zwischen Mensch, Gesellschaft und Maschine sowie ein kritischer Blick hinter das Medium – auf die Technik und die Algorithmen, die sie steuert. Dies ermöglicht eine Entmystifizierung der Technik sowie eine kritische Haltung gegenüber technischen und ökonomischen Entwicklungen. Beides ist unerlässlich – nicht zuletzt um öffentliche Diskurse zu verstehen und zu rationalisieren. Dies setzt neben umfassender Medienkompetenz auch ein grundlegendes Verständnis der Technik und informatischer Prozesse voraus. Damit wird die Förderung von Medienkompetenz und informatischer Bildung zur Voraussetzung für Mündigkeit und Partizipation.

Dr. Thomas Knaus ist Professor für Erziehungswissenschaft und Leiter der Abteilung Medienpädagogik an der PH Ludwigsburg, Wissenschaftlicher Direktor des Frankfurter Technologiezentrums und Honorarprofessor am Fachbereich Informatik und Ingenieurwissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences.

 

Gregor Engels<address>© privat</address>
Gregor Engels
© privat
These 5
"Digitalisierung führt zur Entgrenzung"

Aufgrund der großen Verfügbarkeit von elektronischen Geräten wie Smartphones, Tablets und Rechnern sowie der starken Vernetzung durch das Internet stehen Daten und Informationen in einer digitalen Form an jedem Ort zur Verfügung. Dadurch verschwinden herkömmliche Grenzen in vielfältiger Form – etwa zwischen Privat- und Berufsleben bei Nutzung eines Home Office, zwischen Ausbildung und Beruf durch Einsatz von eLearning-Techniken, zwischen online- und Vorort-Handel oder zwischen manueller und automatisierter Arbeit etwa beim Einsatz von Assistenzsystemen oder Servicerobotern.

Diese Entgrenzung hat auch großen Einfluss auf Aufgaben und Strukturen einer Universität: Klassische Disziplinengrenzen in Forschung und Lehre müssen durch interdiszplinäre, fakultätsübergreifende und Kompetenz-orientierte Strukturen ersetzt oder zumindest erweitert werden. Neue Disziplinengrenzen überschreitende Forschungsmethoden müssen entwickelt werden. Ebenso müssen transdisziplinäre Strukturen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft für den Wissens- und Technologietransfer geschaffen werden.

Diese Entgrenzung passiert schleichend, aber sie passiert! Es ist die Aufgabe der Gesetzgebung, aber auch eines jeden Einzelnen, die Formen der Entgrenzung zu verstehen und die Grenzen der Entgrenzung zu gestalten!

Die gilt etwa für die Gestaltung des Arbeitsplatzes von morgen, die Beachtung von Privacy- und Security-Vorschriften beziehungsweise die Gestaltung und Nutzung von Roboter- oder Assistenzsystemen. Hierbei muss eine Wertekultur gepflegt werden, die ein Hinterfragen und Verstehen wollen von Auswirkungen von digitalen Systemen erlaubt und unterstützt.

Prof. Dr. Gregor Engels ist Sprecher des Forschungsschwerpunkts "Digitale Zukunft" der Universität Paderborn.

 

Diese Gastbeiträge stammen aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 4, Juni / Juli 2018.

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