Neue Freiheiten, neue Schwierigkeiten
Digitalisierung, alternative Arbeitsmodelle und künstliche Intelligenz – Forschung und Zivilgesellschaft stehen aktuell vor neuen Chancen und Herausforderungen. Das Wissenschaftsjahr 2018 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Intitiative „Wissenschaft im Dialog“ widmet sich daher dem Thema „Arbeitswelten der Zukunft“. In drei Gastbeiträgen geben Wissenschaftler der WWU einen Einblick in aktuelle Forschungsbereiche.
Arbeitszeitrecht im Wandel
Allerdings ist nicht zu vernachlässigen, dass gerade die mit der Digitalisierung verbundene Schnelllebigkeit des Arbeitslebens wiederum gesundheitliche Gefahren für Arbeitnehmer auch auf körperlich weniger anspruchsvollen Arbeitsplätzen mit sich bringt („Burnout“ u.a.), denen häufig nur durch klar definierte Erholungszeiten entgegengewirkt werden kann.
Ein Weg aus diesem Spannungsfeld liegt in der Stärkung des Selbstbestimmungsrechts des Arbeitnehmers. Der Gesetzgeber sollte es den Sozialpartnern ermöglichen, durch Tarifvertrag wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeiten, erweiterte Ausgleichsmöglichkeiten und ruhezeitunschädliche Ausnahmen für Bagatelltätigkeiten zu vereinbaren. Der Arbeitnehmer kann dann zwischen einer strikten Trennung von Arbeitszeit und Freizeit oder einem flexiblen Kombinationsmodell wählen. Erste Anregungen hierzu wurden bereits in der letzten Legislaturperiode vorgelegt. Es würde sich lohnen, diese aufzugreifen und fortzuentwickeln.
Clemens Höpfner ist Professor am Institut für Arbeits-, Sozial- und Wirtschaftsrecht.
Berufliche Belastungen bewältigen
Dieser Frage gehen wir in einer Kooperation mit IBM nach, bei der wir mit etwa 70 Leistungsträgern zusammenarbeiten. Wir befragten sie nach ihren Arbeitspraktiken, ihrem beruflichen Umfeld, Arbeitsstil und ihren Strategien, mit denen sie ihre beruflichen Belastungen bewältigen, ohne das eigene Wohlergehen zu kompromittieren. Zudem erklären sich die Teilnehmer bereit, ihre Herzraten-Variabilität aufzuzeichnen, um Rückschlüsse auf Stressreaktionen zu erlauben.
In unserer Analyse haben wir drei Schlüsselfaktoren identifiziert:
(1) Eine grundlegende Sinnorientierung: die Fähigkeit, die eigene Lebens- und Arbeitssituation als sinnhaft zu begreifen.
(2) Die bewusste Gestaltung des Arbeitstags: Die Digitalisierung schafft erweiterte Gestaltungsspielräume wie, wann und wo Arbeit stattfindet, die von Unternehmen, Teams und letztlich jedem Einzelnen genutzt werden können. Bewusste Gestaltung bedeutet: Jeder sollte dafür die Verantwortung und Kontrolle übernehmen.
(3) Bewusstes Abschalten (technisch, mental, physisch): Im Sport ist jedem die Bedeutung der Wechsel von Be- und Entlastung geläufig. Im Alltag erliegen wir oft der Versuchung, „am Ball bleiben“ zu wollen. Ohne ein bewusstes Abschalten gibt es keine notwendige Regeneration.
Dabei reicht es nicht, die Bedeutung dieser Faktoren zu kennen – man muss sie in der täglichen Routine immer wieder neu und kreativ umsetzen.
Dr. Stefan Schellhammer forscht gemeinsam mit Prof. Dr. Stefan Klein am Institut für Wirtschaftsinformatik.
Digitalisierung im Taxigewerbe
Ein Forschungsartikel des Instituts für Verkehrswissenschaft befasst sich mit den Auswirkungen des Zutritts von digitalen Plattformen auf den Taximarkt und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Gesamtanzahl der Fahrzeuge im Vergleich zur jetzigen Situation erhöhen und die Preise fallen könnten. Dies würde bedeuten, dass weitere Arbeitsplätze und neue Beförderungskonzepte entstehen. Die Nutzung der Plattformen ermöglicht den Taxifahrern einerseits eine höhere Flexibilität und erweiterte Entscheidungsspielräume bei ihrer Arbeitsgestaltung, könnte aber andererseits geringere Einnahmen durch die gestiegene Konkurrenz zur Folge haben. Die großen Vorbehalte gegen die Plattformen sind daher unbegründet, wenn diese neuen Geschäftsmodelle einer adäquaten Regulierung, insbesondere im Hinblick auf die Qualitätssicherung, unterworfen werden.
Thorsten Heilker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrswissenschaft.
Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 3, Mai / Juni 2018.