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Münster (upm)

Neue Freiheiten, neue Schwierigkeiten

Wissenschaft und Forschung können bei der Gestaltung neuer Arbeitswelten helfen – drei WWU-Experten geben einen Einblick
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© fotolia.de/halfpoint

Digitalisierung, alternative Arbeitsmodelle und künstliche Intelligenz – Forschung und Zivilgesellschaft stehen aktuell vor neuen Chancen und Herausforderungen. Das Wissenschaftsjahr 2018 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Intitiative „Wissenschaft im Dialog“ widmet sich daher dem Thema „Arbeitswelten der Zukunft“. In drei Gastbeiträgen geben Wissenschaftler der WWU einen Einblick in aktuelle Forschungsbereiche.

 

 

Arbeitszeitrecht im Wandel

Clemens Höpfner<address>© Laura Schenk</address>
Clemens Höpfner
© Laura Schenk
Das Arbeitszeitgesetz ist nicht mehr zeitgemäß. Seine wesentlichen Vorgaben (Acht-Stunden-Tag, elfstündige Ruhezeit) galten bereits 1938. Der Gesetzgeber hatte seinerzeit den körperlich schwer arbeitenden Industriearbeiter vor Augen, der seine tägliche Arbeit am Stück im Betrieb des Arbeitgebers erbringt. Dieses Leitbild ist längst überholt. In der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft hat die Arbeitsleistung ihre Orts- und Zeitgebundenheit verloren. Die digitale Entwicklung hat diesen Prozess dramatisch beschleunigt. Nicht selten liegt es im Interesse des Arbeitnehmers, eine dienstliche E-Mail von zu Hause aus zu beantworten, wenn damit eine längere Konferenz am Folgetag entbehrlich wird. Nach geltendem Recht löst dies eine erneute Ruhezeit von elf Stunden aus. Es liegt daher nahe, die starren Regelungen zur Höchstarbeitszeit und zu den Ruhezeiten zu flexibilisieren, soweit die Vorgaben des EU-Rechts dies zulassen.
Allerdings ist nicht zu vernachlässigen, dass gerade die mit der Digitalisierung verbundene Schnelllebigkeit des Arbeitslebens wiederum gesundheitliche Gefahren für Arbeitnehmer auch auf körperlich weniger anspruchsvollen Arbeitsplätzen mit sich bringt („Burnout“ u.a.), denen häufig nur durch klar definierte Erholungszeiten entgegengewirkt werden kann.
Ein Weg aus diesem Spannungsfeld liegt in der Stärkung des Selbstbestimmungsrechts des Arbeitnehmers. Der Gesetzgeber sollte es den Sozialpartnern ermöglichen, durch Tarifvertrag wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeiten, erweiterte Ausgleichsmöglichkeiten und ruhezeitunschädliche Ausnahmen für Bagatelltätigkeiten zu vereinbaren. Der Arbeitnehmer kann dann zwischen einer strikten Trennung von Arbeitszeit und Freizeit oder einem flexiblen Kombinationsmodell wählen. Erste Anregungen hierzu wurden bereits in der letzten Legislaturperiode vorgelegt. Es würde sich lohnen, diese aufzugreifen und fortzuentwickeln.

Clemens Höpfner ist Professor am Institut für Arbeits-, Sozial- und Wirtschaftsrecht.

 

Berufliche Belastungen bewältigen

Stefan Schellhammer<address>© Christian Remfert</address>
Stefan Schellhammer
© Christian Remfert
Die Transformation der Arbeitswelt ist geprägt von einer Dynamisierung, die sich aus neuen Technologien und flexiblen Formen der Zusammenarbeit speist. Beschleunigung, Verdichtung, Fragmentierung und Entgrenzung erscheinen als unausweichliche und unerwünschte Folgen eines leistungsorientierten Arbeitsalltags. Die IT-Branche ist ein Vorreiter in der Digitalisierung der Arbeit. Wie kann es in diesem Umfeld gelingen, gesundheitlich nachhaltig und erfolgreich zu arbeiten?
Dieser Frage gehen wir in einer Kooperation mit IBM nach, bei der wir mit etwa 70 Leistungsträgern zusammenarbeiten. Wir befragten sie nach ihren Arbeitspraktiken, ihrem beruflichen Umfeld, Arbeitsstil und ihren Strategien, mit denen sie ihre beruflichen Belastungen bewältigen, ohne das eigene Wohlergehen zu kompromittieren. Zudem erklären sich die Teilnehmer bereit, ihre Herzraten-Variabilität aufzuzeichnen, um Rückschlüsse auf Stressreaktionen zu erlauben.
In unserer Analyse haben wir drei Schlüsselfaktoren identifiziert:
(1) Eine grundlegende Sinnorientierung: die Fähigkeit, die eigene Lebens- und Arbeitssituation als sinnhaft zu begreifen.
(2) Die bewusste Gestaltung des Arbeitstags: Die Digitalisierung schafft erweiterte Gestaltungsspielräume wie, wann und wo Arbeit stattfindet, die von Unternehmen, Teams und letztlich jedem Einzelnen genutzt werden können. Bewusste Gestaltung bedeutet: Jeder sollte dafür die Verantwortung und Kontrolle übernehmen.
(3) Bewusstes Abschalten (technisch, mental, physisch): Im Sport ist jedem die Bedeutung der Wechsel von Be- und Entlastung geläufig. Im Alltag erliegen wir oft der Versuchung, „am Ball bleiben“ zu wollen. Ohne ein bewusstes Abschalten gibt es keine notwendige Regeneration.
Dabei reicht es nicht, die Bedeutung dieser Faktoren zu kennen – man muss sie in der täglichen Routine immer wieder neu und kreativ umsetzen.

Dr. Stefan Schellhammer forscht gemeinsam mit Prof. Dr. Stefan Klein am Institut für Wirtschaftsinformatik.

 

Digitalisierung im Taxigewerbe

Thorsten Heilker<address>© Fotostudio Effing</address>
Thorsten Heilker
© Fotostudio Effing
Ein Beispiel für Innovationen in der Arbeitswelt ist die Digitalisierung auf dem Taximarkt. Zum großen Teil sind Taxifahrer in Deutschland entweder als Einzelunternehmer einer lokalen Taxizentrale angeschlossen oder in einem größeren Taxiunternehmen tätig. Das Arbeitsumfeld der Taxiunternehmer verändert sich im Zuge der Digitalisierung grundlegend. Bargeldloses Bezahlen wird immer bedeutsamer und durch die Einführung von Fiskaltaxametern sehen sich Taxifahrer einer größeren Kontrolle durch Arbeitgeber und Behörden ausgesetzt. Außerdem stehen die klassischen Taxizentralen und -unternehmen in starker Konkurrenz zu in den Markt drängenden Plattform-Anbietern wie Uber oder Lyft. Derzeit wird ein Markteintritt dieser App-Anbieter noch durch die geltenden Vorschriften in Deutschland verhindert. Es gibt jedoch Bestrebungen im Verkehrsministerium, das Personenbeförderungsgesetz zu überarbeiten und an die neuen Gegebenheiten des digitalen Zeitalters anzupassen.
Ein Forschungsartikel des Instituts für Verkehrswissenschaft befasst sich mit den Auswirkungen des Zutritts von digitalen Plattformen auf den Taximarkt und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Gesamtanzahl der Fahrzeuge im Vergleich zur jetzigen Situation erhöhen und die Preise fallen könnten. Dies würde bedeuten, dass weitere Arbeitsplätze und neue Beförderungskonzepte entstehen. Die Nutzung der Plattformen ermöglicht den Taxifahrern einerseits eine höhere Flexibilität und erweiterte Entscheidungsspielräume bei ihrer Arbeitsgestaltung, könnte aber andererseits geringere Einnahmen durch die gestiegene Konkurrenz zur Folge haben. Die großen Vorbehalte gegen die Plattformen sind daher unbegründet, wenn diese neuen Geschäftsmodelle einer adäquaten Regulierung, insbesondere im Hinblick auf die Qualitätssicherung, unterworfen werden.

Thorsten Heilker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrswissenschaft.

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 3, Mai / Juni 2018.

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