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Münster (upm/ch)

Rektorat zeichnet zwei Projekte mit dem Transferpreis aus

Auszeichnung für Wirtschaftsinformatiker und Biotechnologen / Dotierung von jeweils 10.000 Euro
Das Rektorat mit Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels (4.v.r.) und Kanzler Matthias Schwarte (4.v.l.) zeichnete Prof. Dr. Jörg Becker (3.v.l.) und Prof. Dr. Dirk Prüfer (3.v.r.) und die jeweiligen Firmenvertreter mit dem Transferpreis aus.<address>© WWU - Heiner Witte</address>
Das Rektorat mit Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels (4.v.r.) und Kanzler Matthias Schwarte (4.v.l.) zeichnete Prof. Dr. Jörg Becker (3.v.l.) und Prof. Dr. Dirk Prüfer (3.v.r.) und die jeweiligen Firmenvertreter mit dem Transferpreis aus.
© WWU - Heiner Witte

Auszeichnung im Doppelpack: Wie bereits 2016 hat das Rektorat der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) auch in diesem Jahr zwei Transferpreise vergeben. Eine der Auszeichnungen ging an den Biotechnologen Prof. Dr. Dirk Prüfer und den Reifenhersteller Continental für das gemeinsame Projekt „Taraxagum™: Innovationen mit Russischem Löwenzahn“. Den zweiten Transferpreis nahmen der Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Jörg Becker und die Vertreter der münsterschen Firma WEICON entgegen, ein Hersteller für Industrieprodukte. Der Titel ihres Projekts lautet: „ISO 9001:2015 mit icebricks“. Beide Preise sind mit jeweils 10.000 Euro dotiert.

Rund 100 Gäste nahmen an der Feierstunde im Batterieforschungszentrum MEET der WWU teil. Mit dem Transferpreis würdigt die WWU alle zwei Jahre besondere Leistungen von Universitätsmitgliedern beim Forschungstransfer und bei der wissenschaftlichen Kooperation mit Partnern der außeruniversitären Praxis. "Beide Projekte zeichnen sich durch eine hohe Relevanz für die Gesellschaft aus", betonte Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels. "Es sind zudem inspirierende Ideen, die perfekt zur Transferstrategie der WWU passen."

 

Zu den Projekten:

Wirtschaftsinformatiker bereiten Qualitätszertifizierung vor

Als vor etwa eineinhalb Jahren das münstersche Unternehmen WEICON mit seinem Anliegen auf Prof. Dr. Jörg Becker zukam, empfing dieser es mit offenen Armen. Denn auf solch einen Praxisfall hatte der WWU-Wirtschaftsinformatiker gewartet: Das international tätige Handelsunternehmen, das unter anderem Kleb- und Dichtstoffe für die Industrie herstellt, suchte Unterstützung, um eine international anerkannte Zertifizierung für das Qualitätsmanagement („ISO 9001:2015“) zu erhalten. Damit bot sich für Jörg Becker die Chance, eine bereits seit 2010 an seinem Lehrstuhl entwickelte und im Geschäftsprozessmanagement bewährte Methode zur Prozessmodellierung erstmalig zur Qualitätsmanagement-Zertifizierung einzusetzen.

Die „icebricks“-Methode ist mit einer Software umgesetzt, die Unternehmen hilft, ihre Geschäftsprozesse zu modellieren, zu analysieren und deren Effizienz zu verbessern. Den TÜV Rheinland, der die Zertifizierung nach der Qualitätsmanagement-Norm ISO 9001 vornimmt, interessiert allerdings vor allem die Zuverlässigkeit eines Unternehmens. Die Kunden sollen beispielsweise darauf vertrauen können, dass sie einen guten Service erhalten und die Waren verlässlich geliefert bekommen. „Damit der TÜV das Siegel vergibt, müssen die Prozesse in dem Unternehmen gut dokumentiert sein. Alle Mitarbeiter sollten klare Aufgaben haben. Die Firma muss belegen können, dass sie mögliche Risiken im Griff hat“, erklärt Jörg Becker. Im Alltag hapere es daran häufig. Zum Beispiel seien Informationen zu Prozessen wie Wareneingang, Lagerung und Verkauf in diversen Aktenordnern abgeheftet oder mit unterschiedlicher Software dokumentiert und könnten nur mit Mühe zusammengeführt oder den zuständigen Personen zugeordnet werden.

Die münsterschen Wirtschaftsinformatiker und die Firma WEICON haben gezeigt: Um diese Qualitätszertifizierung zu erhalten, ist „icebricks“ hervorragend geeignet. „Als der TÜV zwei Tage lang für die Auditierung bei WEICON war, waren die Prüfer sehr zufrieden damit, wie klar und schlüssig alle Prozesse und Zuständigkeiten digital dokumentiert waren. Sie erteilten das Siegel ohne Auflagen – das kommt nicht häufig vor“, unterstreicht Jörg Becker, der den Transferpreis bereits zum zweiten Mal erhält. Für die ISO-Zertifizierung hatte er mit seinem Team eigens Anpassungen an der Software vorgenommen.

Jörg Becker bezeichnet „icebricks“ als einfache Lösung, wie sie im Zeitalter der Digitalisierung naheliegt, aber noch lange nicht selbstverständlich eingesetzt wird. Dabei ist ihm jedoch ein Punkt wichtig: „Digitalisieren und Automatisieren an sich ist nicht unbedingt ein Mehrwert. Man muss die Prozesse und Aufgaben erst vereinfachen. Wenn man beim Einfachen angelangt ist, hat man das Problem durchschaut. Und dann kann die Digitalisierung folgen.“

Gummireifen aus Löwenzahn: Biotechnologen ebnen Weg

Der Russische Löwenzahn hat eine spannende Eigenschaft: Sein Milchsaft enthält hochmolekularen Kautschuk, also lange Ketten aus Kautschuk-Molekülen, die für viele Gummiprodukte ein wichtiger Rohstoff sind. Versuche, diesen Rohstoff zu nutzen, waren in der Vergangenheit jedoch wenig erfolgreich. Das ist seit Kurzem anders: Der Reifenhersteller Continental stellte Prototypen von LKW- und PKW-Reifen aus Löwenzahn-Kautschuk her. Tests zeigten: Die Reifen sind in jeder Hinsicht straßentauglich. Derzeit investiert Continental 35 Millionen Euro in ein Forschungs- und Versuchslabor für Löwenzahn-Kautschuk in Mecklenburg-Vorpommern, unterstützt vom dortigen Wirtschaftsministerium.

Dass der Löwenzahn-Kautschuk jetzt nutzbar gemacht wird, ist dem Forscherteam um Prof. Dr. Dirk Prüfer zu verdanken. Der Biotechnologe ist Professor für Biotechnologie der Pflanzen an der WWU und Leiter der Abteilung „Pflanzliche Biopolymere“ am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie, Außenstelle Münster. Die Wissenschaftler hatten ursprünglich allerdings nicht an die Anwendung gedacht. „Unser Mandat ist es nicht, Reifen zu bauen. Wir wollen die molekularen Grundlagen der Kautschuk-Biosynthese in der Pflanze verstehen“, sagt Dirk Prüfer. Genau dieses biologische Verständnis rückt nun die industrielle Nutzung in greifbare Nähe. Zwar enthält Russischer Löwenzahn (Taraxacum koksaghyz) mehr Kautschuk als andere Löwenzahn-Arten. Dennoch reicht die Menge für eine Produktion im Industriemaßstab noch nicht aus. Und so robust und anspruchslos Löwenzahn auch ist – er ist keine Ackerpflanze, die stabile Erträge liefert und damit rentabel ist. Bis jetzt jedenfalls. Durch gezielte Zuchtprogramme ändert sich das derzeit.

Ein zentraler Aspekt dabei ist die Entwicklung sogenannter DNA-Marker durch die Münsteraner. Diese Marker sind natürlicherweise vorkommende Stellen im Erbgut, die im Labor nachweisbar sind und jeweils in Kombination mit derjenigen „Regieanweisung“ im Erbgut auftreten, die eine bestimmte gewünschte Eigenschaft der Pflanze erzeugt. Ein Beispiel ist ein höherer Kautschukgehalt. Durch eine DNA-Analyse stellen die Wissenschaftler bereits beim Keimling fest, ob er die angestrebte Eigenschaft besitzt. Sie können dem Züchter sofort sagen, ob es sich lohnt, mit dieser Pflanze weiterzuzüchten. Der Züchtungsprozess, der bei alten Kulturpflanzen intuitiv und teils über Jahrtausende erfolgte, ist damit zielgerichtet möglich und zeigt bereits nach wenigen Pflanzengenerationen vielversprechende Ergebnisse.

Parallel zur laufenden Zucht soll das Continental-Versuchslabor in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern Ende 2018 in Betrieb gehen. Die ersten Löwenzahnreifen, so die Prognosen, sind in etwa fünf Jahren im Handel erhältlich.

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