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Münster (upm)

Die schwarzbunte Macht

Warum Katholikentage immer mehr waren als Gebetstreffen – ein Gastbeitrag von Dr. Holger Arning
Abschlussgottesdienst des 69. Deutschen Katholikentages (1930)<address>© Stadt Münster</address>
Abschlussgottesdienst des 69. Deutschen Katholikentages (1930)
© Stadt Münster

Was sind das für Leute, die sich – 2018 zum vierten Mal in Münster – zum Katholikentag treffen? Weltfremde Frömmler, der Zeit hinterher, ohne Einfluss auf Politik und Gesellschaft? Wer diesen Klischees anhängt, dem dürfte ein Blick in die Geschichte der Veranstaltung einige Überraschungen bieten.

So liegt der Ursprung der Katholikentage in der Revolution von 1848. Und es waren die Laien, nicht die Bischöfe, die damals die Zeichen der Zeit erkannten. Sie nutzten ausgerechnet die von den Päpsten verurteilten revolutionären Freiheitsrechte, um überall in Deutschland Vereine nach bürgerlichem Recht zu gründen. 83 Delegierte kamen in Mainz zur „Versammlung des katholischen Vereines Deutschlands“ zusammen: Das war der erste Katholikentag.

Die Teilnehmer forderten vor allem die Freiheit der Kirche. Denn viele Fürsten versuchten, Bischöfe zu Staatsbeamten zu degradieren und vermeintlich abergläubische Frömmigkeitsformen wie Reliquienverehrungen zu unterdrücken. Das ließ fromme Katholiken aufsässig werden. Selbstbewusst wollten sie die ganze Gesellschaft umgestalten. Wenn die Menschen zum rechten Glauben zurückkehrten, so die Hoffnung, würden auch die Probleme in Staat und Gesellschaft verschwinden.

Antimodernismus mit modernen Mitteln

Ihre Ideale fanden diese Katholiken oft in einem romantisch verklärten Mittelalter, doch ihre Methoden waren zukunftsweisend. Mit Vorträgen erreichten sie ein breites Publikum, mit verbindlichen Beschlüssen förderten sie unzählige Vereinsgründungen: für Caritas, Mission, Presse, Kunst, Bildung und Wissenschaft. „Antimodernismus mit modernen Mitteln“ hat die Forschung das genannt. Doch auch die Ansichten und Ziele der Papstanhänger sind mit Begriffen wie „antimodern“ oft nicht zu fassen, etwa ihre Skepsis gegenüber Militarismus, Nationalismus und später Sozialdarwinismus.

Als sich die Katholiken 1852 erstmals in Münster trafen, forderten sie vor allem, dass die Schulen konfessionell gebunden blieben – die Lehrer seien schließlich nichts anderes als „Gehilfen der Pfarrer“. Und aus der katholischen Akademie, dem Überbleibsel der 1803 aufgehobenen Universität, sollte wieder eine richtige Universität werden, also eine katholische, in der alle Fächer den Vorgaben des Glaubens folgten.

Zwanzig Jahre später eskalierte der Konflikt zwischen Kirche und Staat zum sogenannten Kulturkampf. Otto von Bismarck sah in den Papstanhängern aus der Zeit gefallene Reichsfeinde. Die 1870 gegründete Zentrumspartei vereinte jetzt Katholiken aller Schichten hinter sich und nutzte die Katholikentage als Parteitagsersatz. 1885, beim zweiten Treffen in Münster, demonstrierten die „schwarzen“ Westfalen den Protestanten in Berlin ihre Geschlossenheit. Sie schmückten ihre Stadt bis in die Vororte und mieteten ein hölzernes Zirkuszelt auf dem Schlossplatz, das mit 5000 Sitzplätzen immer noch viel zu klein war.

In den folgenden Jahrzehnten wurden die Katholikentage endgültig zum Ereignis für die Massen, zigtausende Arbeiter und Jugendliche nahmen allein an den Umzügen teil. Die Katholiken arrangierten sich mit dem Kaiserreich und gewannen an politischer Macht. Lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil freundeten sie sich mit dem pluralistischen Rechtsstaat an. Die katholische Soziallehre, caritative Vereine und Frauenorden prägten den Sozialstaat. Als die Katholikentage über das Wahlrecht für Frauen und die Interessen weiblicher Dienstboten diskutierten, warnte der SPD-Vorsitzende August Bebel 1907 seine Genossen, sich von den Katholiken „nicht überraschen und übertrumpfen zu lassen“.

Ein weiterer in Münster geplanter Katholikentag wurde 1914 wegen des Kriegsausbruchs abgesagt. Nach 1918 entwickelten sich die SPD und das Zentrum, das sozial- und außenpolitisch eher links stand, zu tragenden Säulen der Weimarer Republik. Doch als sich die Katholiken 1930 zum dritten Mal in Münster trafen, war die „Große Koalition“ zerbrochen, der aus Münster stammende Reichskanzler Heinrich Brüning stand einer Minderheitsregierung vor. Die Vereinsvertreter, die in Räumen der 1903 neu gegründeten Universität tagten, wandten sich gegen „Völker- und Rassenhass“, aber auch gegen eine „äußere formale Demokratie“ – ein Zugeständnis an Katholiken rechts des Zentrums. Drei Jahre später waren die Nationalsozialisten an der Macht, 1933 bis 1947 fanden keine Katholikentage statt.

Die Laientreffen haben die Gesellschaft stärker geprägt, als viele glauben

Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierten bald die Unionsparteien die Treffen. Die Ideen der sozialen Marktwirtschaft und eines vereinten Europas wiesen in die Zukunft, aber letztlich prägte eine konservative Kultur- und Familienpolitik das Image der Veranstaltung, von der etwa freizügige Künstler, Schwule und Lesben oder uneheliche Kinder wenig zu erwarten hatten. Erst 1967 wurde ein SPD-Politiker ins Zentralkomitee der deutschen Katholiken gewählt, das die Treffen veranstaltet. Auf dem Katholikentag 1968 in Essen gab es erstmals lautstarken Protest, und zwar gegen die „Pillenenzyklika“ des Papstes. An den Rand gedrängte Gruppen organisierten ab 1980 den „Katholikentag von unten“.

Inzwischen ist auch der „offizielle“ Katholikentag bunter geworden, und Kritik an der kirchlichen Hierarchie stellt kein Tabu mehr dar. Das Frauendiakonat, der Umgang mit Schwulen und Lesben oder wiederverheirateten Geschiedenen, neue Wege zum Priestertum: Über solche Themen diskutierten katholische Laien früher und offener als ihre Bischöfe. Und inzwischen wählen fast so viele Katholikentagsteilnehmer grün wie schwarz.

Alles in allem haben die Laientreffen nicht nur die Kirche, sondern auch die deutsche Gesellschaft stärker geprägt, als viele glauben. Aber wie geht es weiter? Nach wie vor organisieren die Vereine, trotz sinkender Mitgliederzahlen, einen Großteil des Programms. Das sorgt für Vielfalt, erschwert es aber, Schwerpunkte zu setzen und deutliche Botschaften zu vermitteln. Außerdem ist zunehmend umstritten, ob die Veranstaltung überhaupt einen Wert für die gesamte Gesellschaft hat, wie die Diskussionen über öffentliche Zuschüsse zeigen.

Schließlich sorgte die Einladung des kirchenpolitischen Sprechers der AfD für Kritik. Aber ist Ausgrenzen erfolgversprechender als eine Diskussion auf Basis eines klaren eigenen Standpunkts? Wie können die Katholikentage politisch Stellung beziehen und zugleich überparteilich sein? Kurz: Was bedeutet es heute, die Zeichen der Zeit zu erkennen, ohne das Fähnchen nach dem Wind zu hängen? Wenn die Katholikentage auf solche Fragen keine überzeugenden Antworten finden, könnten sie tatsächlich zu dem harmlos-frommen Event mit nostalgischem Flair werden, das sie bisher nie waren.

Dr. Holger Arning<address>© Marcel D'Avis</address>
Dr. Holger Arning
© Marcel D'Avis
Dr. Holger Arning ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Mittlere und Neue Kirchengeschichte der WWU. Promoviert hat er – nach einem journalistischen Volontariat – in Kommunikationswissenschaft mit dem Nebenfach Geschichte. Als freier Publizist verfasste er mit dem Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf das Buch „Hundert Kirchentage. Von März 1848 bis Leipzig 2016“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2016, ISBN 978-3-534-26772-9).

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 2, April / Mai 2018.

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