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Münster (upm/kn)

Abschluss der "flurgespräche": Universität Münster erinnert mit Buchveröffentlichung an NS-Opfer

"Jeder fünfte der damals 200 Dozenten wurde verfolgt"
Dr. Sabine Happ, David Rüschenschmidt, Dr. Veronika Jüttemann und Otto Gertzen (v.l.) zeigen ein paar Archivalien, die für die Recherche der Biografien eine wichtige Quelle waren.<address>© WWU/Peter Leßmann</address>
Dr. Sabine Happ, David Rüschenschmidt, Dr. Veronika Jüttemann und Otto Gertzen (v.l.) zeigen ein paar Archivalien, die für die Recherche der Biografien eine wichtige Quelle waren.
© WWU/Peter Leßmann

"Es ist mit einem Schlag alles so restlos vernichtet", schrieb die jüdische Medizinstudentin Luise Charlotte Brandenstein am 12. Februar 1935 an ihre Freundin, nachdem sie erfahren hatte, dass Juden nicht mehr zum Staatsexamen zugelassen wurden. Damit war ihre berufliche Zukunft zerstört. Luise Charlotte Brandenstein ist eine von 81 ehemaligen Dozenten, nicht-wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studierenden, denen die seinerzeit Verantwortlichen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) im Nationalsozialismus Unrecht angetan haben. Diese und 29 weitere Lebensgeschichten sind jetzt in der Schriftenreihe des Universitätsarchivs erschienen.

Das 1052 Seiten starke Buch mit dem Titel "'Es ist mit einem Schlag alles so restlos vernichtet'. Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Münster“ ist der Abschluss des Projektes "flurgespräche". Ziel der im Jahr 2014 gestarteten Arbeit war es, Biografien von Personen zu erforschen, die während der NS-Zeit vonseiten der WWU behindert, drangsaliert, ausgeschlossen und verfolgt wurden. "Wir haben die Perspektive der Betroffenen eingenommen und damit die bisherigen Forschungen ergänzt. Es stellt die Individuen in den Mittelpunkt – nicht die Institution", erklärt Dr. Sabine Happ, Leiterin des Universitätsarchivs. Zusammen mit Dr. Veronika Jüttemann, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kontaktstelle Studium im Alter der WWU, ist Sabine Happ für die "flurgespräche" verantwortlich. "Fast jeder fünfte der damals 200 Dozenten wurde verfolgt", erläutert Veronika Jüttemann eines der Ergebnisse. "Die Universität trägt Verantwortung, weil sie einen gewissen Handlungsspielraum hatte." Die Betroffenen wurden aufgrund ihrer politischen Ansichten, ihrer sexuellen Orientierung oder weil sie mit Juden verheiratet oder selbst jüdisch waren, von der Universität entlassen, vorzeitig in den Ruhestand versetzt, vom Studium ausgeschlossen – in manchen Fällen entzog die Universität den Betroffenen ihre akademischen Titel. Einige von ihnen konnten durch Emigration, Abtauchen in den Untergrund oder Rückzug aus der Öffentlichkeit ihr Leben retten, andere wurden von den Nationalsozialisten umgebracht.

Gedenken an NS-Opfer: Die Ergebnisse des Projektes flurgespräche wurden jetzt veröffentlicht.<address>© WWU/Universitätsarchiv</address>
Gedenken an NS-Opfer: Die Ergebnisse des Projektes flurgespräche wurden jetzt veröffentlicht.
© WWU/Universitätsarchiv
34 jüngere und 15 ältere Studierende der WWU – die an einem der über vier Semester angebotenen Seminare "Opfer des Nationalsozialismus an der Universität – Forschen und Gedenken" teilnahmen – recherchierten die Lebensgeschichten im Archiv und brachten sie zu Papier. "Dass man als Student ins Archiv geht und unbearbeitete Themen erforscht, kommt normalerweise nicht vor. Häufig war es Detektivarbeit", betont der ehemalige Geschichtsstudent und heutige Doktorand David Rüschenschmidt. Nicht nur Archivunterlagen führten zu neuen Erkenntnissen. "Ich hatte auch Kontakt mit Hinterbliebenen", schildert Otto Gertzen. Der pensionierte Geschichtslehrer absolviert das Studium im Alter und erhielt während seiner Recherchen über Ernst Friedlich eine E-Mail aus Australien. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung musste Ernst Friedlich 1933 sein Zahnmedizinstudium aufgeben. Nach seiner Inhaftierung in verschiedenen Konzentrationslagern emigrierte er nach Australien und nahm einen neuen Namen an. Sein Sohn David Fry lebt noch heute auf dem fünften Kontinent und meldete sich bei Otto Gertzen. Die so gewonnenen Informationen ergänzten vielfach die Universitätsakten.

 

Das Buch

Sabine Happ und Veronika Jüttemann (Hg.)
"Es ist mit einem Schlag alles so restlos vernichtet". Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Münster
Aschendorff Verlag (Veröffentlichungen des Universitätsarchivs Münster 12), Münster 2018, 1052 Seiten, gebundene Ausgabe
ISBN 978-3-402-15890-6, Preis: 39 Euro

 

Buchpräsentation

Vorgestellt wird die Publikation am Donnerstag, 12. April, um 18 Uhr im Hörsaal S1 (Schlossplatz 2, 48149 Münster). Der Eintritt ist frei.

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