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Münster (upm/kn)

Psychologe Prof. Dr. Guido Hertel sieht im digitalen Wandel mehr Chancen als Risiken für die Gesellschaft

"Dieses Thema wird sehr emotional diskutiert"
Prof. Dr. Guido Hertel<address>© OWMs</address>
Prof. Dr. Guido Hertel
© OWMs

Die Digitalisierung und das Internet sind aus unserem Alltag und aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Vieles hat sich in den vergangenen Jahren dadurch rasant verändert. Dazu zählt beispielsweise die Kommunikation via Smartphone. Kathrin Nolte sprach mit Prof. Dr. Guido Hertel, geschäftsführender Direktor des Instituts für Psychologie an der WWU, über die Folgen des digitalen Wandels und über die damit verbundenen  Herausforderungen und Ängste in der Gesellschaft.
 

Smartphones, Online-Einkauf, intelligente Häuser – die Digitalisierung ist mittlerweile in allen Lebensbereichen angekommen. Wie verändert sie unsere Gesellschaft?

Eine Besonderheit dieser Veränderungen ist, dass sie sehr schnell geschehen. Die kommerzielle Nutzung des Internets seit 1995 legte den Grundstein für diese Entwicklung. In Wirtschaftsperioden gedacht, ist das kurz. In dieser Zeit haben das Internet und die Digitalisierung viele Bereiche, die uns vertraut waren, verändert. Dazu gehören zum Beispiel Kommunikationsformen und Geschäftsmodelle. Auch die Arbeitsplätze wandeln sich stark – im positiven und im negativen Sinne. Wir erleben also in unterschiedlichen Bereichen eine Veränderung, und nicht alles davon ist transparent und "begreifbar". Deshalb wird dieses Thema innerhalb der Gesellschaft sehr emotional diskutiert. Es treibt die Menschen um.

Was bedeutet Digitalisierung für die Arbeitswelt und Wirtschaft?

Nachdem digitale Medien – beispielsweise elektronische Kommunikation und Smartphones – aufgrund der höheren Erreichbarkeit zunächst eher als Stressoren erlebt wurden, ist mein Eindruck, dass inzwischen mehr die Chancen und Vorteile der Digitalisierung erkannt werden. Berufstätige lernen immer besser, die Digitalisierung sinnvoll und intelligent zu nutzen. Die Arbeitserleichterungen, Flexibilität, Zeitersparnis und digitale Vernetzung sowie die Einsparung von Papier oder Energie sind positive Aspekte. Die Nutzung dieser Vorteile erschließt sich aber häufig nicht von selbst, sondern muss vermittelt werden. Außerdem muss man nicht jeden neuen Trend mitmachen. Die Bedürfnisse der Beschäftigten sollten immer im Mittelpunkt stehen, und die Technik sich danach richten, was gebraucht wird. Die Digitalisierung sollte sich also nach dem Menschen richten und nicht umgekehrt.

Wie kann ich mein täglisches Leben an die veränderten Anforderungen anpassen?

Optimal wäre es, wenn jeder mündig mit digitalen Technologien und den damit verbundenen Möglichkeiten umgehen kann. Dazu gehören auch Aufklärung und Informationen über die Risiken der Digitalisierung. Es gibt kein "one size fits all"-Rezept, sondern nur jeweils individuelle Lösungen in Abhängigkeit der jeweiligen Tätigkeit, beruflicher und familiärer Rahmenbedingungen oder auch persönlicher Vorlieben. Jeder sollte sich folgende Fragen stellen: Welche Ziele verfolge ich bei meiner Arbeit? Wie können mir digitale Technologien dabei helfen? Und wo lenken sie mich ab, stören eher oder sind ein Sicherheitsrisiko?

Ist es normal und verständlich, dass man sich bei solch großen Veränderungen vor allem Sorgen macht – und weniger über die Potenziale nachdenkt?

Ja, das ist normal. Schnelle Veränderungen verunsichern die Menschen, weil sie die Konsequenzen nicht richtig einschätzen können. Zudem gehen viele lieb gewonnene Routinen verloren. Ich finde es wichtig, dass durch die neuen Entwicklungen möglichst niemand auf der Strecke bleibt. So brauchen beispielsweise Berufstätige neue und realistische Perspektiven, wenn digitale Lösungen ihre Tätigkeitsbereiche ersetzen. Das ist nicht zuletzt auch eine wichtige gesellschaftliche und politische Aufgabe, die nicht nur darüber entscheidet, wie positiv die Digitalisierung empfunden wird, sondern auch, wie sozialer Frieden und gesellschaftliche Integration langfristig gelingen.

Welche Tipps haben Sie für den Umgang mit solchen Ängsten?

Nicht verrückt machen lassen! Jeder sollte sich offen mit den Vorteilen der neuen Technik auseinandersetzen, aber sich auch kritisch fragen, was davon im Privat- und Berufsleben wirklich nützt, und was eben nicht. Dabei sollte man seine persönlichen Ziele und Werte nicht aus den Augen verlieren.

 

Dieses Interview stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 1, Januar / Februar 2018.

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