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Münster (upm)

"Wir leben in einer nervösen Zeit"

Kommunikationswissenschaftler Prof. Bernd Blöbaum über die Vertrauenskrise der Medien
Schlagworte wie &quot;Lügenpresse&quot; und &quot;Fake News&quot; sind ein Indiz für aktuelle Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der Medien.<address>© WWU/Julia Nüllen</address>
Schlagworte wie "Lügenpresse" und "Fake News" sind ein Indiz für aktuelle Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der Medien.
© WWU/Julia Nüllen

Im DFG-Graduiertenkolleg "Vertrauen und Kommunikation in einer digitalisierten Welt" erforschen Wissenschaftler, was Vertrauen in der modernen Gesellschaft beeinflusst. In Zeiten, in denen Medien mit Begriffen wie "Lügenpresse" und "Fake News" diskreditiert werden, beschäftigen sich die Forscher auch mit der Vertrauensbeziehung zwischen Medien und ihrem Publikum. Julia Nüllen sprach mit Kollegsprecher und Kommunikationswissenschaftler Prof. Bernd Blöbaum über den Status quo des Medienvertrauens und sinnvolle Medienkritik.

Medien sind zurzeit einer verstärkten Kritik ausgesetzt. Warum?

Wir leben in einer nervösen Zeit und Gesellschaft, in der in hoher Frequenz Empörungen öffentlich artikuliert werden. Kritik an politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Institutionen sowie an Medien hat Konjunktur. Viele Menschen fühlen sich mit ihren Anliegen nicht ernst genommen. Die Kritik an Medien ist eingebettet in eine oft enthemmte Kritik, die sich im Kern gegen die wirtschaftlich und politisch Mächtigen richtet.

Sie erforschen im Graduiertenkolleg, welche Faktoren Vertrauen erzeugen und stören. Was bedeutet Medienvertrauen?

Medien sind darauf angewiesen, dass sie das Vertrauen des Publikums genießen. Vertrauen zu geben, bedeutet jedoch auch ein Risiko einzugehen, da das Publikum nicht weiß, ob Ereignisse, über die berichtet wird, so stattgefunden haben. Das Publikum muss vertrauen. Wenn Journalisten vielfältige Informationen liefern, wahrheitsgemäß berichten und die Fakten stimmen, dann haben sie gute Chancen, dass das Publikum ihnen vertraut.

Vertrauen die Deutschen den Medien zurzeit weniger?

Wir haben es eher mit einer gefühlten und öffentlich debattierten Vertrauenskrise zu tun. Die langfristigen Daten belegen für Deutschland eine stabile Verteilung derjenigen, die Medien eher vertrauen oder eher nicht vertrauen.

Warum werden die Vorwürfe wie "Lügenpresse" gerade jetzt laut?

Zwei Entwicklungen kommen zusammen: die Digitalisierung und der Populismus. Die sozialen Medien befördern die ungehemmte Äußerung von Empörung. Sie schaffen einen neuen Resonanzraum für Kritik und Schmähungen. Zudem findet man leicht ähnlich Gesinnte und glaubt so, mit seinen Vorstellungen nicht allein zu sein. Außerdem haben populistische Bewegungen und Parteien wie Pegida und die AfD mit griffigen Bezeichnungen wie 'Lügenpresse' und 'Systempresse' die öffentliche Debatte gezielt angeheizt.

Dann ist die Medienkritik hauptsächlich ein Phänomen extremer Gruppen?

Unsere Untersuchungen zeigen, dass es jenseits populistischer Haltungen eine weitverbreitete kritische Einstellung gegenüber Medien gibt. Medien wird vorgehalten, sie berichteten über viele Themen nicht, die für Menschen wichtig sind. Viele Menschen haben das Gefühl, dass das Thema der sozialen Gerechtigkeit in der Berichterstattung nicht hinreichend abgebildet ist. Ein weiterer Vorwurf lautet, die Medien seien Teil des Establishments, sie paktierten mit den Mächtigen in Wirtschaft und Politik.

Durch das Internet ist Berichterstattung vergleichbar wie nie zuvor. Muss sich der Journalismus an höheren Maßstäben messen lassen?

Das Internet eröffnet Zugang zu einem Universum an Informationen. Damit sind die traditionellen Medien einer neuen Konkurrenzsituation ausgesetzt. Sie müssen sich damit abfinden, dass ihre Rezipienten sich auch bei anderen Quellen informieren. Generell erwarten Menschen von Massenmedien professionelle Standards, die für Laien, die sich über die sozialen Medien oder in Blogs äußern, nicht gelten. Die Anforderungen an professionellen Journalismus sind zurecht höher als an andere Formen öffentlicher Kommunikation.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien bei der Kritik am Journalismus?

Die sozialen Medien sind ein starker Beschleuniger bei der Darstellung von Fehlern in der Berichterstattung. Damit gewinnen Fehler und vermeintliche Fehler eine Dimension, die es vorher nicht gab. Darauf können die Medien kaum noch angemessen reagieren. Die sozialen Medien tragen somit zu einer stärkeren, öffentlichen Beobachtung der traditionellen Angebote bei.

Bernd Blöbaum<address>© Institut für Kommunikationswissenschaft</address>
Bernd Blöbaum
© Institut für Kommunikationswissenschaft
Und was können Medien tun, um ihre Glaubwürdigkeit zu stärken?

Rundfunkanstalten und Zeitungen suchen verstärkt den Kontakt zum Publikum. Sie versuchen zu verstehen, was die Menschen so unzufrieden macht. Wir untersuchen auch, was Redaktionen tun, um sich gegen Fake News zu wappnen. Zum Beispiel werden vermehrt Ressourcen für die Verifizierung von Informationen eingesetzt, also zur Fehlervermeidung.

Müssen Bürger den Medien überhaupt vertrauen? Eine gewisse Skepsis kann doch sinnvoll sein ...

In einer aufgeklärten Gesellschaft ist Medienkritik wichtig, so wie Kritik an anderen gesellschaftlichen Institutionen. Kritik nötigt Medien, ihr Handeln zu reflektieren und hilft auf diese Weise, Missstände in der Berichterstattung zu minimieren. Medienkritik begleitet moderne Medien seit ihrer Entstehung. In den 1960er- und 1970er-Jahren kam Kritik eher von links, nun eher von rechts. Nur mit Kritik am Bestehenden kann man das Bestehende verbessern.

Dieses Interview stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 3, 24. Mai 2017.

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