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Münster (upm/ja)

Philipp Erdmann erhält Förderpreis für junge Historiker

Stadt Münster ehrt WWU-Nachwuchswissenschaftler für Arbeit zur lokalen Entnazifizierung
Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe empfing den ersten Träger des Förderpreises für junge Historiker, Philipp Erdmann (l.), und den achten Preisträger des Historikerpreises der Stadt Münster, Prof. Dr. David Nirenberg (r.), im historischen Friedensaal des Rathauses, wo sie sich vor der offiziellen Preisvergabe in das Goldene Buch der Stadt eintrugen.<address>© Presseamt Münster</address>
Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe empfing den ersten Träger des Förderpreises für junge Historiker, Philipp Erdmann (l.), und den achten Preisträger des Historikerpreises der Stadt Münster, Prof. Dr. David Nirenberg (r.), im historischen Friedensaal des Rathauses, wo sie sich vor der offiziellen Preisvergabe in das Goldene Buch der Stadt eintrugen.
© Presseamt Münster

Die Lokalgeschichte hatte es Philipp Erdmann schon früh im Studium angetan. Eine Exkursion zum sogenannten Lengericher Tunnel, den die Nationalsozialisten zur Rüstungsproduktion mit KZ-Häftlingen nutzten, war in einem Universitäts-Seminar eine Art Initialzündung für den jungen Forscher, der jetzt mit dem erstmals ausgelobten Nachwuchs-Historikerpreis der Stadt Münster ausgezeichnet wurde. "Im Studium habe ich gemerkt: Lokalgeschichtliche Aspekte sind spannend, weil man mit vielen Quellen direkt vor Ort arbeiten kann. Und das Geschehen fand quasi direkt um die Ecke statt", erzählt der 30-Jährige.

Die Villa ten Hompel am Kaiser-Wilhelm-Ring, einst Sitz der NS-Ordnungspolizei und heute Gedenkstätte mit Ausstellungen, war Philipp Erdmanns erster Einsatzort, an dem er seine wissenschaftliche und praktische Arbeit miteinander verband – dort wurde das Thema Nationalsozialismus und Diktatur zu seinen zentralen Interessen- und Forschungsschwerpunkten. "Dabei fiel mir auf, dass es zur Entnazifizierung in Münster, abgesehen von Auszügen einzelner berufsspezifischer Studien, noch keine Untersuchung gab. Für den Raum Münster wurde dieser Prozess mit seiner gesellschaftlichen Resonanz bisher noch nicht untersucht."

In seiner Masterarbeit ("Entnazifizierung in Münster: Konstellationen – Akteure – Dynamiken") gelang es Philipp Erdmann, "noch nicht beschriebene Prozesse und Konflikte in und um die Entnazifizierung zu beschreiben und so die fragilen Versuche einer frühen Verarbeitung der NS-Zeit aufzuzeigen". Die Historikerpreis-Jury kam zu einem einstimmigen Urteil über Philipp Erdmanns Arbeit. Die dabei bislang "unbeachteten" Quellen, deren Verwendung die Jury ebenfalls lobt, entdeckte der Historiker in Archiven in Koblenz, Düsseldorf und vor allem in Münster. "So entstand allmählich ein Gesamtbild einzelner Verfahren", erklärt er.

Dass er dabei mehr Einzelschicksale im Blick hatte als die Entnazifizierung in Gänze, war mehr als förderlich für die Arbeit: "Es ging mir um den Prozess vom Zutagetreten von NS-Verbindungen über die Wahrnehmung und Bewertung in der Öffentlichkeit, also etwa in der Presse, bis hin zum Abschluss der Verfahren", sagt Philipp Erdmann. "Wechselwirkungen zwischen den Betroffenen, den Behören und der Öffentlichkeit sind anhand von Einzelfällen besser darstellbar." Münster lag in der Nachkriegszeit und nach der Aufteilung Deutschlands in vier Sektoren in der britischen Besatzungszone. Hier war die Entnazifizierung bis auf Anstellungen im öffentlichen Dienst oder in leitender Position keine Pflicht.

In Münster fiel vor allem auf, dass die Stadt als "klassisches Behördenquartier" mit vielen Stellen im öffentlichen Dienst eine vergleichsweise hohe Quote bei der Entnazifizierung hatte. "Dabei gab es regelrechte Entnazifizierungskarrieren, um für die weitere Karriere oder den Erhalt der Pension als entlastet eingestuft zu werden", sagt der Doktorand am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte bei Prof. Thomas Großbölting. "Dafür wurde einiges getan: Mal führten Fürsprecher eine angeblich frühe Abwendung vom Nationalsozialismus ins Feld, in anderen Fällen eine besondere geistige Nähe zur Kirche. Außerdem gab es gezielte Verzögerungstaktiken."

Der Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit bleiben im Blick von Philipp Erdmann. Auch seine Doktorarbeit über die "Geschichte der Stadtverwaltung Münster im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit 1939 bis 1960" ist wieder im "lokalen Nahfeld", wie er es formuliert, verortet.

Autorin: Juliane Albrecht

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 3, 24. Mai 2017.

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